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25 Jahre Star Trek: Deep Space Nine - Schwarzes Schaf, dunkler Bruder

Zum 25. Geburtstag der Serie präsentiert Star-Trek-Experte Björn Sülter eine Aufarbeitung der kultisch verehrten wie auch oft missverstandenen Serie von einer abgelegenen Raumstation.

Präsentiert von: Björn Sülter


Als 1987 die erste Staffel von Star Trek: The Next Generation startete, hätte niemand einen Pfifferling darauf gegeben, dass diese neue Trek-Variante sieben Jahre lang laufen, sensationelle Einschaltquoten generieren und vier Kinofilme nach sich ziehen würde. Noch weniger jedoch hätte jemand darauf gewettet, dass nur sechs Jahre nach dem Start zum ersten Mal in der Trek-Geschichte zwei Serien mit dem Titel Star Trek parallel im US-TV zu sehen sein würden. Doch nutzte man bei Paramount die Gunst der Stunde und Brandon Tartikoff beauftragte Rick Berman und Michael Piller damit, eine neue Ecke des bekannten Universums auszuloten. Als Gegenentwurf zur wöchentlichen Reise zu fremden Planeten suchte man sich dieses Mal jedoch eine abgelegene Raumstation, schuf eine komplexe politische, religiöse und gesellschaftliche Situation und erzeugte damit die Grundlage für die bis heute ungewöhnlichste der klassischen Trek-Serien.

Sisko

Stärken an allen Ecken

Waren die Originalserie, die Next Generation, Voyager und die Abenteuer der Enterprise unter dem Kommando von Captain Archer alle durch Abenteuer der Woche und weitestgehend serielles Erzählen geprägt gewesen, stürzte man sich mit Star Trek: Deep Space Nine mitten hinein in langfristige Erzählstränge und holte somit das horizontale Erzählen zu Star Trek, lange bevor es im Bereich der TV-Serien fast schon zu einem Muss avancierte.

Dabei sollte man die Serie gar nicht auf den später so prominent beleuchteten Dominion-Krieg reduzieren. Bereits früh brachte man den Konflikt zwischen Bajor und Cardassia, die religiösen Implikationen rund um die Wurmlochwesen und Sisko als Abgesandten, die Probleme mit einer Aufnahme Bajors in die Föderation sowie die Besonderheiten einer Station, die zwar von Sternenflottenpersonal administriert wird, Starfleet jedoch nicht in Gänze unterstellt ist.

Auch machte man sich um vorher nur sporadisch ausgearbeitete Spezies wie die Ferengi verdient, die regelmäßig großen Anteil an der Handlung erhielten und somit sukzessive aufgebaut wurden.

Quark und Odo

Die größte Stärke lag letztlich allerdings in der Behandlung der Figuren. Während man bei den anderen Trek-Serien beliebig zwischen den Staffeln springen konnte, ohne zu große Verständnisprobleme aufzuwerfen, durchlebten viele Menschen und Außerirdische auf und im Dunstkreis der Station große Veränderungen, die ihnen immer wieder Opfer und Entscheidungen abverlangten. Doch nicht nur das: Am Ende des Tages waren es die Konsequenzen ihres Handelns, die die Serie zumeist treffend beleuchtete. Hier konnte sich niemand nach einer schwierigen Situation davonstehlen, den Warp-Antrieb bis zum Anschlag durchtreten und den nächsten Planeten unsicher machen. Hier kehrten Nebenfiguren wie Probleme in schöner Regelmäßigkeit zurück: Ob willkommen oder eben nicht. Hier musste man sich auseinandersetzen: Mit Verlust, Religion, Politik und aufeinanderprallenden Interessenslagen.

Doch was wären gute Drehbücher ohne die nötigen Darstellerinnen und Darsteller? An dieser Front konnte die Serie ebenfalls verlässlich punkten. An Avery Brooks als Benjamin Sisko schieden und scheiden sich zwar die Geister, für mich war sein stark vom Theater inspiriertes, hochemotionales Spiel jedoch immer mit Gänsehautgarantie verbunden. Gleiches gilt für Alexander Siddig (Bashir), den liebenswert-kauzigen Colm Meaney (O‘Brien), den grantelnden René Auberjonois (Odo), seinen kongenialen Dauerwidersacher Armin Shimerman (Quark) sowie wunderbare Gastdarsteller wie Marc Alaimo (Dukat), Jeffrey Combs (Weyoun, Brunt), Andrew J. Robinson (Garak) oder James Darren (Vic Fontaine). Doch auch im restlichen – und erstaunlich weit gefächerten – Cast fiel keiner wirklich ab. Schauspielerisch hatten die Niners mit Abstand das meiste zu bieten. Der wunderbare Sir Patrick Stewart möge mir verzeihen.

Schwächen hier und da

All das genannte Konfliktpotential führte jedoch auch zu einem der größten Kritikpunkte einiger Fans. Man hatte sich mit den streitlustigen, depressiven und oft frustrierten Figuren derart weit von Gene Roddenberrys Vision einer besseren Zukunft entfernt, dass viele Fans beim besten Willen kein Star Trek mehr in dieser Serie erkennen konnten – außer vielleicht im Serientitel.

Dennoch muss man auch anmerken, dass die meisten Konflikte eben nicht aus dem Kreis des Sternenflottenpersonals entstanden. Sisko, O‘Brien, Bashir, Dax und auch später Worf hielten sich in dieser Hinsicht meist zurück, zumindest waren sie nicht wirklich viel streitlustiger als die Kollegen der Raumschiffe (man denke hier zum Beispiel an den Disput Riker/Shelby, die Probleme der Crew mit Captain Jellico oder viele bornierte Admiräle auf der Enterprise-D). Bei DS9 waren es eher die Bajoranerin Kira, die Ferengi um Quark, die Klingonen, Cardassianer, Romulaner, Breen oder das Dominion, die von außen für Ärger sorgten. Eine Beugung der Roddenberry-Regel entstand somit ohne Frage, allerdings kein wirklicher Bruch. Die Häufung an Konflikten, Stress und Drama war aber fraglos auffällig – hatte meist aber eben auch einen guten Grund.

Feuer auf DS9

Doch auch in anderen Bereichen darf man durchaus noch Kritik äußern. Die Beschäftigung mit der Religion der Bajoraner nahm ähnlich überhand, wie die mit der Kultur der Klingonen in TNG und eben auch in DS9. Und auch von den Ferengi und aus dem Spiegeluniversum hatte man am Ende der Serie etwas mehr gesehen, als man sich vielleicht gewünscht hätte: Hier reichen die Erwähnung von Quark in Frauenkleidern ("Profit and Lace") und die letzte Episode hinter dem Spiegel ("The Emperor’s New Cloak“).

Man muss sich gar nichts vormachen: Die Serie ist nicht perfekt. Doch welche Serie ist das schon? Die Autoren haben Fehler gemacht, Widersprüche produziert, Kunstgriffe angewandt und hier und da auch einfach mal Mist gebaut. Dennoch kann man die ganz großen Fehlschläge an etwas mehr als einer Hand abzählen. Bei 176 Abenteuern in sieben Jahren ist das aller Ehren wert.

Was zählt ist auf'm Platz

So ist es in der Summe dann auch eher als Regel bestätigende Ausnahme zu sehen, wenn mal etwas danebengeht. Die Macher von Star Trek: Deep Space Nine haben etwas Neues versucht, haben mit den Jahren viele Ecken ihrer Schöpfung ausgelotet, sind Risiken eingegangen, haben hochbrisante Fragen gestellt (und teils kontrovers beantwortet) und mehr als nur einmal unserer Welt potent einen Spiegel vorgehalten. Dass dabei Emotionen, Humor und Hirn nie zu kurz kamen, dürfen Showrunner Ira Steven Behr und sein Team sich fraglos auf die Fahnen schreiben. Die Serie war irgendwie immer der sonderbare Onkel, dunkle Bruder oder das schwarze Schaf der Trek-Familie – doch trotz all dieser negativ behafteten Stigmata war die Serie für mich vor allem immer eines: Die qualitativ beste der langlebigen Reihe.

Cast

Autor, Journalist & Podcaster Björn Sülter ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, Robots & Dragons und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

Noch dieses Jahr erscheint sein Buch "Es lebe Star Trek", das von SYFY präsentiert wird - Informationen dazu gibt es zeitnah hier bei SYFY sowie auf seiner Homepage, bei Twitter oder beim Verlag in Farbe und Bunt.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie ausführlich jede Episode von Star Trek: Discovery. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er über das langlebige Franchise. Besucht gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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