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Babylon 5: Ein Kult, der kein Ende nimmt

Babylon 5 hat inzwischen ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel und in der breiten Öffentlichkeit ist die Serie eigentlich gar kein Thema mehr. Dennoch hält sich der Kult um die Abenteuer von der Raumstation auch hierzulande hartnäckig. Woran liegt das? Unser Experte Björn Sülter forscht nach.

Babylon 5

Präsentiert von: Björn Sülter


Der JMS-Zwischenfall

Genaugenommen wollte ein gewisser J. Michael Straczynski im Jahr 1989 nur seine clevere Idee an einen großen Fernsehsender verkaufen. Er hatte eine Serienbibel erstellt, 22 Episoden und die Figuren skizziert sowie den Piloten geschrieben und präsentierte die Idee für eine neue Science-Fiction-Serie den Bossen von Paramount und somit den Verantwortlichen hinter Star Trek. Der Ort seiner Handlung: Die Raumstation Babylon 5.

Es gehört zur Geschichte, dass Paramount den Vorschlag dankend ablehnte. Dort lief gerade Star Trek: The Next Generation zunehmend erfolgreicher und man war noch nicht bereit, eine zweite SF-Show hinterherzuschieben. Auf diese Weise konnte sich einige Jahre später Warner an diesem Umstand erfreuen und nach der erfolgreichen Ausstrahlung des Pilotfilms The Gathering schickte man die Serie in Produktion. Genauso gehört es auch zum Wissen der meisten Fans, das kurz nach Bekanntgabe von Babylon 5 die Marketingabteilung von Paramount mit der Pressemeldung zu Star Trek: Deep Space Nine um die Ecke kam. Zufall? An diesem Punkt scheiden sich bis heute die Geister.

Viele Fans werfen Paramount vor, Straczynskis Idee gestohlen und verwurstet zu haben. Andere gehen für die Gegenseite auf die Barrikaden. Dabei ist beides gar nicht nötig. Der vermeintlich Geschädigte nämlich behandelte das Thema immer äußerst kultiviert und erwachsen. Für ihn sprach die Umsetzung einer Trek-Serie auf einer Raumstation zwar eindeutig für eine Beeinflussung seitens der Bosse durch sein Konzept, konkrete Plagiatsvorwürfe – gerade gegen Rick Berman oder seinen Kollegen Michael Piller – kamen ihm allerdings nie über die Lippen. Und warum auch? Straczynskis Ansatz war so frisch und spannend, dass er sich dem Vergleich gar nicht aussetzen musste. Er machte einfach sein Ding – und das war gut so!

Babylon 5 Cast

Die Visionen eines Mannes

Für JMS (wie man ihn gerne abkürzt) war es immer wichtig, zwei Elemente zu vereinen: Gute Science-Fiction und gutes Fernsehen. In Kombination waren diese beiden Punkte seiner Ansicht nach nur selten zu finden. Er wollte Science-Fiction erwachsen und relevant präsentieren, Figuren klar umreißen sowie mit Hilfe einer weisen Vorausplanung (Stichwort: 5-Jahres-Plan) eine kohärente Handlung präsentieren und das Budget dabei in Zaum halten. Natürlich gelang längst nicht alles wie gewünscht und JMS musste auf dem Weg ins Ziel viele Stolperdrähte umgehen. Dennoch zog er sein Projekt bis zum Ende durch und lieferte damit ein Stück Fernsehgeschichte.

Was vielen Menschen bis heute in Erinnerung ist, sind die äußerst bunten Effekte von Foundation Imaging (und später Netter Digital), die man damals (zunächst) durch den Zusammenschluss mehrerer Amiga-Rechner realisiert wurden, die wunderbar kreative Maskenarbeit, die ikonische Musik des deutschen Komponisten Christopher Franke oder auch die mitreißenden Vorspannsequenzen, die perfekt die jeweilige Staffel einleiteten und oft bereits für erste Gänsehaut und Adrenalinausschüttungen sorgten. JMS wollte immer und in allen Bereichen das Mögliche ausreizen und im besten Falle noch erweitern. Es gelang ihm in vielerlei Hinsicht. So ließ er sogar in 16:9 drehen, obwohl 4:3 damals in den Haushalten noch der absolute Standard war. In anderen Ecken der Produktion musste er jedoch auch sparen. So fehlte es oft an Geld für Kulissen, Kostüme, Ausstattungsgegenstände oder sogar qualitativ gleichwertige Darsteller. Mit viel Liebe zum Detail, oft pointiert geschriebenen Dialogen und cleveren Ideen machte man allerdings auch auf diesem Sektor viel wett.

Babylon 5 war das Herzensprojekt eines Mannes, der seine Liebe zur Sache auslebte. So ist dieser JMS dann letztlich auch viel mehr Künstler und Visionär, denn nur beinharter Produzent. Auch vielen anderen Werken wie der Serie Jeremiah, dem wunderbaren Eastwood-Film Der fremde Sohn oder dem letzten Geniestreich Sense8 konnte man diesen Aspekt deutlich ansehen. Bei Babylon 5 durfte man seine Energie und Kreativität dennoch am wirkungsvollsten konzentriert erleben. Und das sieht man bis heute!

Schattenschiff

Vergleich mich (besser nicht)

Dennoch gehört es natürlich zum Thema dazu, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Babylon 5 und Star Trek: Deep Space Nine auszuloten.

Beide Serien handelten letztlich von einem großangelegten Krieg. Auf der einen Seite stand ein Bündnis aus Menschen und anderen Völkern, auf der anderen ein schier übermächtiger Feind. Die Namen waren dabei austauschbar, die Inhalte ähnelten sich jedoch. Ein eindeutiger Unterschied war, dass Straczynski diesen Handlungsstrang bereits von Beginn an einführte, Star Trek: Deep Space Nine erst sukzessive dazu kam. Auch hier kann es durchaus wieder eine Beeinflussung gegeben haben – das ist in der Kunst jedoch weder neu noch verwerflich. Kopiert hat keine Serie die andere. Ein weiteres verbindendes Element war die Religion oder Spiritualität der Figuren, die in beiden Serien einen prominenten Platz einnahm. Auch ähnelten sich die Stationen insofern, dass beide ein wenig wie Westernstädte mit Bars, Sheriff und einer Flaniermeile daherkamen. Überraschend war aber auch das nicht. Bei Babylon 5 ergänzte man beispielsweise noch etwas, das man in Star Trek gerne ausklammerte: Ständeunterschiede. So gab es bei der JMS-Serie explizit Ebenen, wo die ärmsten der Armen wohnten und um ihr Überleben kämpften. Auch die Außerirdischen wurden separat untergebracht, um ihnen ihre teilweise eigenwilligen Lebensbedingungen bieten zu können. In diesen Bereichen war JMS immer eine Spur kreativer, verrückte und auch realistischer. Star Trek neigte dagegen oft zur Gleichmacherei.

Ein weiterer spannender Aspekt lag im Ort der Handlung selbst. Star Trek: Deep Space Nine wurde – wie der Name schon sagte – ganz weiten draußen angesiedelt. Dort standen Konflikte zwischen außerirdischen Völkern im Fokus, die durchaus metaphorisch für erdgeschichtliche Vorgänge zu sehen waren. Bei Babylon 5 war die Station nicht nur näher an der Erde, sie war auch dramaturgisch immer mittendrin und wurde mehr als einmal direkt von der Erde politisch kompromittiert. Für JMS lag die Spannung zum Teil darin, die Erde der Zukunft zu zeigen, einzubeziehen und zu Wort kommen zu lassen. In Star Trek war sie oft nur das Paradies im Hintergrund – was aber natürlich auch Teil der Utopie ist, die das Universum des Gene Roddenberry aus Menschensicht immer darstellen sollte. Beides hat seine Berechtigung.

So ist es dann am Ende des Tages auch gar nicht wichtig, ob eine Serie besser, kreativer, spannender oder unterhaltsamer war. Sie machten nämlich beide viel Spaß und haben etwas erreicht, das mehr als respektabel ist: Nach einem Vierteljahrhundert sind sie noch tief in den Herzen der Fans verwurzelt, werden angesehen und diskutiert. Und wer weiß? Vielleicht kommt irgendwann tatsächlich eine HD-Abtastung auf den Markt, die ein neues, junges Publikum zur Serie spült und aufzeigt, dass wunderbare Unterhaltung zeitlos ist.

Zum Abschluss führen wir uns noch ein wahrlich treffendes Zitat aus Babylon 5 zu Gemüte, das heute noch so aktuell wie damals ist - oder sogar noch viel aktueller. Wie die Serie auch selbst.

The universe speaks in many languages, but only one voice
The language is not Narn, or Human, or Centauri, or Gaim or Minbari
It speaks in the language of hope
It speaks in the language of trust
It speaks in the language of strength and the language of compassion
It is the language of the heart and the language of the soul
But always it is the same voice
It is the voice of our ancestors, speaking through us,
And the voice of our inheritors, waiting to be born
It is the small, still voice that says: We are one
No matter the blood, No matter the skin
No matter the world, No matter the star: We are one
No matter the pain, No matter the darkness
No matter the loss, No matter the fear: We are one
Here, gathered together in common cause, we agree to recognize this
singular truth and this singular rule: That we must be kind to one another
Because each voice enriches us and ennobles us and each voice lost diminishes us.
We are the voice of the Universe, the soul of creation, the fire that will light the way to a better future.
We are one.

Übrigens: Am 10. November findet in Erkrath im Erlebnis Planetarium Stellarium unter dem Motto “Podcasten unterm Sternenzelt” oder – in Anlehnung an Babylon 5 – “Speaking in Starlight” die erste BABCON zum 25. Geburtstag der Serie statt. Die Macher des beliebten Podcasts Der graue Rat haben via Crowdfunding das Projekt auf die Beine gestellt und bieten den Fans nun einen wunderbaren Abend mit Gästen wie Torsten Dewi (Autor von Das Babylon 5-Universum) und Michael Erdmann (Synchronregisseur). Babylon 5 lebt!

Alle Informationen dazu findet ihr auf der offiziellen Seite der BABCON.

Babylon 5 Cast

Autor, Journalist & Podcaster Björn Sülter ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, Robots & Dragons und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

Viele Gedanken zum Thema Star Trek, seine ganz persönliche Geschichte mit dem Franchise und Hintergrundinformation zu über 50 Jahren findet ihr ab Sommer in seinem Buch Es lebe Star Trek, das von SYFY präsentiert und im Verlag In Farbe und Bunt erscheinen wird. Das Buch ist bereits bei Amazon vorbestellbar. Auf der Seite Ich mag Star Trek könnt ihr mehr über Björn und seine Expertenkollegen rund um Star Trek erfahren und diese für Veranstaltungen, Signierstunden oder Vorträge buchen.

Björns Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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