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Das Marvel-Universum: Die Helden und ihre Werte

Nach zwanzig Filmen kennen wir die Marvel-Helden in- und auswendig. Glauben wir zumindest. Dennoch lohnt es sich, nach etwa zehn Jahren Marvel-Cinematic-Universe und dem äußerst dramatischen Ende von Avengers: Infinity War, noch einmal zu rekapitulieren und die Frage zu stellen: Wofür stehen diese Helden eigentlich? Wo haben sie angefangen und wie stehen sie heute da? Und wie sah ihre Reise genau aus?

Iron Man

Präsentiert von: Björn Sülter


Das spannende an diesen Heldenfiguren ist nämlich, dass sie nicht stehenbleiben, sondern sich stets weiterentwickeln, unvorhergesehene Wege einschlagen und manchmal sogar moralisch fragwürdige Entscheidungen treffen, welche wiederum den Prinzipien anderer Marvel-Helden widersprechen. Dadurch bauten sich im Laufe der Zeit immer wieder Spannungen zwischen ihnen auf, die teilweise bis heute nicht geklärt sind. Und dennoch müssen sie sich immer wieder zusammenraufen, um ein größeres Übel zu bekämpfen.

Iron Man: Genialer Held an der Speerspitze mit dem Hang zur Selbstüberschätzung

Fangen wir also dort an, wo auch das Cinematic-Universe, wie wir es heute kennen, seinen Anfang genommen hat: Bei Tony Stark alias Iron Man. Stark war ein Egoist, als wir ihn kennenlernten, ein Trinker, ein Spieler und ein Frauenheld. Ein erfolgreicher Geschäftsmann und genialer Erfinder mit teuflischem Charme. Sicherlich ein Vorbild für Viele, aber dennoch moralisch korrumpiert. Denn bestenfalls drückt er ein Auge zu oder flüchtet sich in Ignoranz, wenn es um die düsteren Waffengeschäfte geht, die in seinem Namen und im Namen seines Konzerns getätigt werden, die aber gleichzeitig seinen exorbitanten Lebensstil garantieren.

Robert Downey Jr. war ein Glücksgriff für diese von Widersprüchen geprägte Rolle, denn konnte er besonders den Wandel zum rechtschaffenden Helden glaubhaft verkaufen. Ein Wandel und ein Schaffen als Held, welches allerdings auch noch in zukünftigen Marvel-Filmen Schattenseiten aufweisen sollte.

Iron Man

Tony Stark/Iron Man möchte seine Vergangenheit am liebsten ausradieren, seine Vergangenheit holt ihn allerdings immer wieder ein. Er möchte die Welt retten und schützen, nutzt dafür allerdings äußerst fragwürdige Methoden. Bestes Beispiel dafür ist die künstliche Intelligenz namens Ultron, die er erfindet. Ultron kommt nämlich schnell zu dem Schluss, dass der beste Schutz für Menschheit ihre Zerstörung und ein kompletter Reboot des Planeten Erde ist.

Nicht unbedingt weniger fehlgeleitet erscheint Tony Starks unbedingter Wille das Sokovia-Abkommen nicht nur zu unterschreiben, sondern auch alle anderen Mitglieder der Avengers dazu zu zwingen, sich einem Regierungsapparat unterzuordnen. Auch wenn das bedeutet, dass einzelne Avengers-Mitglieder eingesperrt werden müssen, wenn diese sich weigern. Es sind aber gerade diese Widersprüche, die unsere eigenen Widersprüche und unser unbedingtes Verlangen nach absoluter Sicherheit widerspiegeln und die Tony Stark zu einem der interessantesten Marvel-Helden machen.

Captain America: Prinzipientreuer Fels in der Brandung

Es ist schwer vorauszusehen, wo der Weg unserer Helden noch hinführen mag, allerdings kann man eines mit Sicherheit sagen: Steve Rogers alias Captain America bleibt seinen Prinzipien treu, vielleicht sogar bis zum bitteren Ende. Er ist einer der wichtigsten und gleichzeitig inspirierenden Helden des Marvel-Universums. Und das, obwohl er einer der albernsten hätte werden können. Das liegt zum einem daran, dass er schon vor seiner Verwandlung das Herz eines Helden besaß: Mutig stellt er sich größeren und stärkeren Gegnern entgegen, auch wenn er keine Chance hat, sie zu besiegen; auch mit körperlichen Gebrechen möchte er für die gerechte Sache in einem möglicherweise aussichtslosen Krieg kämpfen. 

Captain America: The first Avenger

Steve Rogers war immer jemand, der einstecken musste und trotzdem nicht aufgab. Immer darauf bedacht, anderen zu helfen, ohne Rücksicht auf sein eigenes Wohlergehen. Ein Stoff, aus dem bereits viele epische Erzählungen entstanden sind. Rogers hält an diesen Prinzipien so sehr fest, dass er sich sogar gegen seine eigene Regierung wendet, als diese droht, diktatorische und faschistoide Richtungen einzuschlagen. Er bleibt damit ein Hoffnungsträger in einer Welt, deren moralische Grenzen sich stets zu verschieben scheinen. Und ist damit ein interessanter Gegenentwurf zu Tony Stark.  

Harte, wütende & arrogante Kerle mit weichem Herz und schlauem Köpfchen

Er ist nur ein harter Kerl, wenn er richtig wütend wird. Sonst ist Dr. Bruce Banner ein verkopfter und etwas unbeholfener Wissenschaftler, der in bester Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Manier zum Hulk wird, wenn das Temperament mit ihm durchgeht. Ironischerweise ist Banner immer wieder selbst die Stimme der Vernunft, der zwar nervös und meistens wenig erfolgreich, aber auch besonnen die Truppe zur Ordnung ruft. Im Gegensatz zu anderen Helden war es Banner jedoch kaum vergönnt, eine große Entwicklung durchzumachen, sieht man mal von der Neubesetzung Edward Nortons durch Mark Ruffalo ab. Trotzdem liegt ihm das Allgemeinwohl des Teams und der Menschheit stets am Herzen. Genau aus diesem Grund muss er seine eigenen Wünsche und seine Liebe zur Superagentin Natasha Romanov hinten anstellen und von der Erde in die unbekannten Weiten des Weltraums fliehen.

Als echten Hitzkopf lernen wir dagegen den Donnergott Thor kennen. Ohne Rücksicht auf Verluste und ohne sich über die Konsequenzen Gedanken zu machen, fängt er blödsinnige Kriege an, nur um letztendlich ohne seine gottesgleichen Kräfte auf die Erde verbannt zu werden. Dort ist es die Wissenschaftlerin Jane Foster, die den arroganten Gott das lehrt, was ihm bisher gefehlt hat, um ihn zu einem würdigen Anführer seines asgardischen Volkes zu machen: Demut. Zur Demut gehört aber auch eine gute Portion Selbstironie, denn auch ein Gott (oder insbesondere ein Gott) sollte sich nicht allzu ernst nehmen. Ein Geschenk für Thor und für das Publikum, das vor allem in Thor: Ragnarok zum Vorschein kam und für allgemeine Erheiterung sorgte.  

Wohlstand und Verantwortung

Ist es richtig, sich als ein privilegiertes Land aus der Verantwortung zu stehlen und sich vor der Welt und ihrem Leid zu verstecken, aus Angst man könne den eigenen Wohlstand verlieren? Diese Frage muss sich König T‘Challa stellen, als der brutale Killmonger auftaucht und die Werte des reichen afrikanischen Landes Wokanda infrage stellt. Black Panther kann sich nicht ewig vor der Welt verschließen, Reichtum, Wohlstand und technologischer Fortschritt bedeutet auch Verantwortung gegenüber dem Rest der Welt, der es vielleicht nicht ganz so gut gehen mag.

Zumindest versucht uns das dieser zeitgemäße Held beizubringen und dabei auch noch selbst zu lernen.

Wer möchte schon erwachsen werden? Von Spinnen- und Ameisenmenschen oder Weltraumpiraten

Peter Parker mag zwar ein Spinnen-Mann sein, über ihn wird jedoch eine äußerst menschliche Geschichte erzählt, nämlich vom Kind in uns allen und von den spannenden Möglichkeiten, die uns noch bevorstehen. Zwar möchte Parker nichts lieber, als erwachsen zu werden und ein Spider-MAN zu sein, davor muss er allerdings erst einmal lernen, ein Teenager zu sein und einen Schritt nach dem anderen zu tätigen. Manchmal ist es einfach wichtiger, für Freunde und Nachbarn da zu sein, als gleich die ganze Welt zu retten. Kind sein, dumme Fehler machen und daraus lernen gehört zum Erwachsenwerden einfach dazu. Erwachsen ist man schnell genug. Das alles und noch viel mehr hilft uns, Spider-Man zu erkennen, und zwar mit sehr viel Spaß und Freude.

Vielleicht können wir unsere Kindheitsmomente nicht wieder zurückholen. Aber wir können unser Bestes tun, um auch noch im Erwachsenenalter viel Blödsinn anzustellen. Scott Lang alias Ant-Man hat zwar kein leichtes Kreuz zu tragen, allerdings nimmt er das Leben nicht immer ganz so ernst. Außerdem brockt er sich den meisten Ärger, den er so hat, sowieso selbst ein. Da benötigt man schon eine gesunde Portion Humor, um den Alltag zu überstehen. Ant-Man zeigt uns, dass man den Schwierigkeiten des Lebens auch gerne mit einem charmanten Lächeln, einem sarkastischen Kommentar und einem Augenzwinkern entgegentreten kann, aber auch für die Lieben und Freunde zur Stelle sein sollte, wenn es drauf ankommt. Das heißt auch manchmal, außerhalb der vorgegebenen Regeln zu agieren, um das moralisch Anständige zu tun.

Wenn jemand diese Lebensweisheiten noch mehr verinnerlicht hat, dann sind es die Guardians of the Galaxy: Mit guter Laune und einem gesunden Hang zum Chaos flitzen sie durch die Galaxis, meistens aber für den guten Zweck. Wichtig für sie sind vor allem die Menschen um sie herum: die grünen Amazonen, die humorlosen Muskelpakete oder die sprechenden Waschbären und Bäume, die immer mithilfe desselben Satzes kommunizieren. Sie existieren nicht nur, um ständig das Universum zu retten, sondern auch um ein lebenswertes Leben als Weltraumpirat zu führen.

Die Helden des Marvel-Cinematic-Universe sind so vielfältig wie die Filme spannend und unterhaltsam sind. Darin liegt auch ein sehr wichtiges Puzzleteil für den Erfolg: Lasst uns mitfühlen und die Protagonisten verstehen! Lasst uns an ihrer Seite kämpfen wollen! So geht Kino!

 

Autor, Journalist & Podcaster Björn Sülter ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, Robots & Dragons und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

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