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Ein Superheld verlässt die Bühne: Nachruf auf Stan Lee

Am 12. November verließ uns einer der kreativsten Köpfe seiner Zeit und Vater vieler wunderbarer Figuren aus dem Bereich der Phantastik: Stan Lee. In seinem Nachruf erinnert Björn Sülter an den liebenswerten Querkopf, dem die Fans Spider-Man, Hulk, Ant-Man, Iron Man, Thor, die X-Men und viele andere Helden verdanken. Der größte Held war Lee jedoch selbst.

Stan Lee

Präsentiert von: Björn Sülter


Es war der 22. Dezember 1922. Der Ort: Manhattan, New York City. Celia und Jack Lieber brachten einen gesunden Jungen zur Welt und nannten ihn Stanley Martin Lieber.

Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Larry wuchs dieser in eher bescheidenen Verhältnissen auf. Als die Familie später in die Bronx zog, bewohnten die Brüder gemeinsam ein Zimmer, während die Eltern auf einer Couch schliefen. Nach der High-School und im Alter von knapp über 16 Jahren begann der junge Mann jedoch damit, sich seinen Träumen zu widmen …

"Every day, there’s a new development. There’s no limit to the things that are happening." – Stan Lee

Let there be dreams

Und Träume hatte er wahrlich! So wollte er irgendwann nichts geringeres als die „Great American Novel“ schreiben, also das Ideal des amerikanischen Romans.

Seine Anfänge waren jedoch eher klein: Mit Hilfe seines Onkels Robbie Solomon fand er einen Platz bei Timely Comics. Sein erster Beitrag als Autor war der Füller Captain America Foils the Traitor's Revenge, den er unter dem Pseudonym Stan Lee veröffentlichte. Der Grund hierfür war jedoch ein anderer, als man vielleicht annehmen könnte. Lieber schämte sich nämlich, für etwas so niveauarmes wie ein Comic zu schreiben und wollte seinen Namen für die Veröffentlichung seiner späteren „Great American Novel“ nicht beschmutzen.

"I used to be embarrassed because I was just a comic-book writer while other people were building bridges or going on to medical careers. And then I began to realize: entertainment is one of the most important things in people’s lives. Without it they might go off the deep end. I feel that if you’re able to entertain people, you’re doing a good thing." – Stan Lee

Doch nahm seine Karriere damit an Fahrt auf. Seine erste Co-Kreation war der Destroyer 1941. Es folgten Jack Frost und Father Time im gleichen Jahr. Aufgrund einiger personeller Umbesetzungen wurde der erst neunzehnjährige Mann schließlich sogar übergangsweise zum Redakteur befördert. Andere Jobs wurden die des Chefredakteurs und des künstlerischen Leiters bis er 1972 schließlich sogar seinen Chef Martin Goodman als Herausgeber ablöste. Doch nicht so schnell! Zwischendurch war Lee noch bei der Army und verlor fast die Lust an der Arbeit.

Stan Lee

Just be a man and let history decide

Es war Ende der 1950er-Jahre als er immer offener darüber nachdachte, hinzuschmeissen. Sein Boss Martin Goodman beauftragte ihn jedoch, als Antwort auf die Justice League bei DC eine neue Truppe von Superhelden zu erfinden.

Es war Lees Frau die ihn ermunterte, Dinge zu schreiben, die er für richtig hielt und nicht nach den üblichen Konventionen des Genres zu schauen. So begann er also, Helden mit Macken und Fehlern zu erdenken, die eben keinen Idealvorstellungen folgten. Die Fantastic Four waren die ersten, es folgten Hulk, Thor, Iron Man, die X-Men, Doctor Strange, Daredevil und Spider-Man, die Lee und seine Kollegen allesamt in einem gemeinsamen Universum platzierten und eine Superheldentruppe namens The Avengers zusammenstellten. Aus den 1940er-Jahren reaktivierte man dafür noch den Sub-Mariner und Captain America.

"Comics are stories; they’re like novels or anything else. So the first thing you have to do is become a good storyteller." – Stan Lee

Doch ging Lees Einfluss noch weit über diese kreativen Kniffe hinaus. Er bezog die Fans mehr mit ein und schuf somit eine Community, die einen regen Anteil an den Geschichten in den Comics und hinter den Kulissen nahm.

Mister Marvel

In den 1960er-Jahren war Lee bei Marvel (wie Timely Comics inzwischen hieß) für fast alles zuständig und wurde zum Gesicht der Firma. In dieser Phase entstanden beispielsweise noch die Inhumans und Black Panther, der zum ersten afroamerikanischen Superhelden in Mainstream-Comics wurde.

Stan Lee

Mit seinem Wechsel auf die Position des Herausgebers 1972 wendete sich Lee auch anderen Aufgaben zu, verschwand aber nie von der Bildfläche. Sein allseits bekannter Arbeitseifer erstrecke sich in viele Bereiche bis hin zur Stan Lee Foundation oder verschiedenen Großspenden, die er schon zu Lebzeiten vornahm.

In diversen Filmen des aktuellen Marvel Cinematic Universe war er in Cameos zu sehen. Seinen Auftritt für den vierten Teil der Avengers nahm er bereits auf. Es wird sein Abschiedsgruss an die Fangemeinde sein.

Neben einem Saturn Award, Hugo Award und Scream Award erhielt er von Präsident George W. Bush 2008 die National Medal of Arts und 2011 seinen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.

Stan Lee

Im Juli 2017 war seine Frau Joan nach 69 Jahren Ehe im Alter von 95 Jahren verstorben. Lee selber starb am 12. November 2018 in Los Angeles. Ende des Jahres wäre er 96 Jahre alt geworden. Er starb mit Stolz als Stan Lee, also unter dem Namen, den er ursprünglich nur als Pseudonym angenommen hatte, um nicht für seine Arbeit an Comics erkannt zu werden.

Mit Stan Lee verliert die Welt einen Kreativen der Extraklasse, dessen Vermächtnis noch Generationen von Fans der Phantastik begleiten wird.

Halten wir es daher zum Abschied mit Rilke:

„Wenn ihr mich sucht, sucht mich in euren Herzen. Habe ich dort eine Bleibe gefunden, lebe ich in euch weiter.“

Rest in peace, Mr. Lee.

Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


Tags: Marvel   MCU   Marvel Cinematic Universe   Iron Man   Black Panther   Spiderman