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GameCheck: "Counter-Strike: Global Offensive"

Gepostet von syfy.de

Nervösen Schrittes laufe ich über den heißen Wüstensand, während jeder noch so kleine Reiz blitzschnell von meinen Sinnen aufgenommen und verarbeitet wird. Beinahe zwanghaft werfe ich immer wieder einen Blick über die Schulter - niemand zu sehen. In einiger Entfernung ertönen Schüsse, die eine noch bedrohlichere Stille zurücklassen. Das Adrenalin lässt mich unvorsichtig werden; ich mache auf dem Absatz kehrt, laufe wie mit Scheuklappen durch die Holztür in Richtung des Gefechts, ohne mich noch einmal umzudrehen. Ein tödlicher Fehler. Die erste Kugel durchschlägt das Holz nur wenige Zentimeter von meinem Kopf entfernt - der zweite Schuss trifft sein Ziel.

GameCheck: "Counter-Strike: Global Offensive"

Von solchen und ähnliche Szenen kann jeder ein Lied singen, der sich - gemeinsam mit einigen Freunden, kiloweise Tiefkühlpizza und koffeinhaltigen Getränken - für mehrere Tage in einem dunklen Keller verbarrikadiert hat, um einer Leidenschaft zu frönen, die für Außenstehende nur schwer nachzuvollziehen ist.

"Counter-Strike" steht für Purismus. In Zeiten von Killstreaks, Perks und Run-&-Gun-Exzessen ein geradezu archaisch anmutendes Wort aus einer Epoche, die alteingesessenen Veteranen die Nostalgietränen in die Augen treibt und ein liebevolles "Früher war alles besser" aus den Kehlen entlockt.

Es bedarf keiner Jagd nach Waffenupgrades oder Spezialfähigkeiten, um die Spielzeit künstlich in die Länge zu ziehen. Kurzweilige Erfolgserlebnisse wie diese verblassen gegen das befriedigende Gefühl, stetig zielsicherer zu werden, Situationen endlich mit Bedacht anzugehen und nicht mehr in blanke Panik zu verfallen, sobald ein Schuss ertönt. Es ist nicht die Ausrüstung, die den Kampf gewinnt. Man bekommt nichts geschenkt - nur einen schnellen, unbarmherzigen Tod. Immer wieder. Eine Lektion, die jeder für sich selbst lernen muss.

Doch ist dafür noch jemand bereit, wenn ein "Call of Duty" mit unzähligen Extras und dem schnellen Triumph lockt?

Dieser Frage geht Valve acht Jahre nach der ersten Überarbeitung des Internet-Phänomens auf den Grund und wagt dabei in zweierlei Hinsicht den Sprung ins Ungewisse. Man hat sich nicht nur das ehrgeizige Ziel gesteckt, die konservative PC-Fraktion des Shooter-Urgesteins kollektiv für die Neuauflage zu begeistern, sondern überdies auf dem stark umkämpften Konsolenmarkt einen Fuß in die Tür zu bringen.

Skeptiker können bereits jetzt aufatmen: Anstatt sich dem Massenmarkt anzubiedern, führt "Global Offensive" die alten Tugenden ins Schlachtfeld - der typische, unverwechselbare Charme wurde nahezu unbeschadet portiert. Doch ganz ohne nuancierte Detailveränderungen und spärliche, aber sinnvolle Neuzugänge im Waffenarsenal darf auch die Mutter aller kompetitiven Ballerorgien nicht mehr auf den Bildschirm kommen.

Auf den ersten Blick dominieren jedoch alte Bekannte. Die obligatorischen Bomben- und Geiselkarten haben es selbstredend auch in die Neuauflage geschafft - wenngleich mit kleineren Anpassungen. So thront nun etwa auf dem Klassiker Dust eine schmaler Holzsteg zwischen den beiden Balkonen, der sich genauso organisch in das Gebiet einfügt wie die leicht abgewandelte Lage von Bombenplatz B auf Train.

Der grandiose Aufbau der beliebten Karten kratzt trotz oder gerade wegen der kleineren Anpassungen erneut an der Perfektion und lässt die Konkurrenz immer noch problemlos hinter sich. Wer einmal über den heißen Wüstensand in Dust 2 gelaufen ist oder sich unsicher über die Holzbrücke auf Aztec gewagt hat, kennt das Gefühl der nervösen Anspannung, die in dieser Art einzigartig ist. Es gibt keinen sicheren Hafen, keine schützende Zuflucht, die einen Moment des Verschnaufens erlaubt. Hinter jeder Wand kann der nächste Gegner lauern. Das nächste virtuelle Ableben ist stets nur eine Unachtsamkeit entfernt.

GameCheck: "Counter-Strike: Global Offensive"

Komm, schieß mit mir
Wer die Wahl hat, hat die Qual. Keine überholte Binsenweisheit, sondern die sprachliche Darstellung des Dilemmas, das mich jede Runde von neuem vor eine schwere Wahl stellt. Welche Waffe soll ich von meinem knapp bemessenen Geld kaufen? Eher eine stärkere Pistole und einige Granaten, dafür aber auf eine durchschlagkräftige AK 47 verzichten? In "Counter-Strike" gab es immer gewisse Ausrüstungskombinationen, die beliebter als andere waren, und doch gab es keine Universallösung.

Diese Balance drohte durch Neuzugänge im Waffenarsenal aufgehoben zu werden, doch Valve hat den Drahtseilakt mit Bravour gemeistert und die Auswahl sinnvoll erweitert. Der im Vorfeld skeptisch beäugte Molotow-Cocktail stellt sich etwa schnell als Segen denn Fluch heraus. Ein präziser Wurf in eine Passstelle und die züngelnden Flammen treiben einen Keil in den Sturmangriff der Gegner. Clever eingesetzt können auch die neuen Ködergranaten durch falsche Schussgeräusche das Zünglein an der Wage sein, das den Sieg bedeutet.

Viel wichtiger als die mitgeschleppten Bleispritzen sind aber blitzschnelle Reflexe und die eigenen Fähigkeiten - mit Abstrichen auch auf der Konsole. Was sich anfänglich ungemein träge, fast schon unbeholfen anfühlt, entfaltet auch mit dem Pad in den Händen Runde um Runde einen größeren Reiz, dem man sich, Durchhaltevermögen vorausgesetzt, nur schwer entziehen kann.

Die Tasten werden sinnvoll genutzt; als unverzichtbar in schnellen Gefechten erweist sich etwa die Möglichkeit, auf Knopfdruck eine 180-Grad-Drehung auszuführen. Es ist überraschend, wie flüssig sich CS: GO vom heimeligen Sofa aus spielt, mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass es  ursprünglich voll und ganz auf die Steuerung mit Maus und Tastatur ausgelegt war. Aber machen wir uns nichts vor: Alte Hasen werden verächtlich auf die Versionen für Xbox 360 und PlayStation 3 schielen, denn trotz aller Bemühungen der Entwickler kann der Multiplayer-Spaß seine PC-Wurzeln nie ganz verbergen.

Besonders auf kurze Distanz fühlt man sich häufig wie an einer Schießbude; das letzte Quäntchen Kontrolle bleibt Konsoleros verwehrt. Auf der PS3 besteht aber immerhin die Möglichkeit, eine handelsübliche USB-Maus und -Tastatur anzuschließen. Sogar Sonys Fuchtelsteuerung Move wird unterstützt - mehr als ein ungläubiges Grinsen wird man damit aber nicht erzielen. Auch zugänglicher wird der Titel dadurch nicht.

Die für "Counter-Strike" typische hohe Hemmschwelle soll aber mit verschiedenen Modi entschlackt werden. Als erste Anlaufstelle für Neulinge dient das Gelegenheitsspiel: Fehlende Teamkollisionen, eine freie Todeskamera und ein prall gefülltes Konto nehmen dem unbarmherzigen Klassiker etwas den Wind aus den Segeln; erste Erfolgserlebnisse stellen sich zügig ein.

Dasselbe gilt für das Wettrüsten, das Kenner bereits als überaus beliebte Gungame-Mod aus dem Vorgänger kennen. Jeder Abschuss wird umgehend mit einer neuen Waffe belohnt, ein Neueinstieg erfolgt automatisch nach wenigen Sekunden. Frustration? Fehlanzeige. Ganz nebenbei hat der schnelle Wechsel quer durch die verschiedenen Waffen einen enormen Lerneffekt.

GameCheck: "Counter-Strike: Global Offensive"

Fazit
Der König ist tot, lang lebe der König. Es ist ein Segen, endlich wieder einen Shooter in Reinkultur spielen zu können. Keine nervigen Extras, keine vor Pathos triefende Inszenierung, kein Schnickschnack. Vor dieser Konsequenz muss man seinen Hut ziehen. Valve stellt sich damit bewusst gegen die moderne 08/15-Actionorgie, in dem Wissen, den potenziellen Kundenkreis erheblich einzuschränken - und tut gut daran. Sogar auf Xbox 360 und PlayStation 3 geht die bewährte CS-Formel auf, wenn auch mit Abstrichen in der B-Note.

Es sind Details wie die verkleinerten Hitboxen oder die überschaubaren Waffenneuzugänge, die "Global Offensive" von seinen Vorgängern unterscheiden. Alte Hasen werden sich daran stoßen, doch diesen Unkenrufen musste sich bisher jede neue Version stellen. Es bleibt zu hoffen, dass der langfristige Erfolg nur eine Frage der Zeit ist, denn unterm Strich handelt es sich bei CS:GO um das beste "Counter-Strike", das man derzeit spielen kann. Nostalgie hin oder her.

Quelle: gamona

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