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Kritik zu Star Trek: Discovery 1.03 - Context is for Kings

Autor und Journalist Björn Sülter ist einer der Trek-Experten in Deutschland und schreibt exklusiv für unseren Partner Robots & Dragons Rezensionen zur neuen Serie Star Trek: Discovery. Und nicht nur das: Im Podcast Planet Trek fm diskutiert er mit anderen Kennern der Trek-Szene die neusten Episoden.

John Lennon, Glückskekse, Blaubeeren & Tribbles - erdverbunden und doch abgedreht, oldschool aber modern, positiv und zugleich düster. Star Trek erfindet sich endgültig neu und ist bereit für die Zukunft.

Was passiert?

Michael Burnham ist mit einem Gefangenentransport unterwegs und wird von Captain Lorca und der mysteriösen U.S.S. Discovery aus einer Notlage gerettet - oder vielleicht doch eher abgefangen? Auf dem Schiff gehen sonderbare Dinge vor sich und Lorca möchte, dass Burnham an einer gefährlichen Mission teilnimmt...

Gänsehaut!

Was lapidar beginnt, entwickelt sich noch vor der Titelsequenz zu einer Zurschaustellung des neuen Schiffes, auf dessen Enthüllung wir bereits zwei Episoden lang warten mussten. Der Auftritt der U.S.S. Discovery wird dabei visuell wie auch in Sachen Musikuntermalung majestätisch inszeniert und liefert schon in den ersten fünf Minuten Gänsehaut pur. Klasse!

Schön auch, dass die folgende Titelsequenz nun auch endlich zur Handlung passt. Schaut man sich an, was für merkwürdige Experimente auf dem Schiff vor sich gehen, macht sogar die Fixierung auf Technik in den Bildern der Sequenz nun bereits etwas mehr Sinn.

Sechs Monate lebenslänglich

Bereits vergangene Woche habe ich mich gefragt, wie man wohl die Versetzung Burnhams auf die Discovery angesichts einer lebenslangen Haftstrafe erklären würde. Die Antwort ist so einfach, wie genial: Burnham wird nach nur sechs Monaten Haft offenbar auf einen durch Captain Gabriel Lorca arrangierten Gefängnistransport geschickt und auf diese Weise für die Discovery zwangsverpflichtet. Dieser Lorca, der außerhalb den Gesetzen der Sternenflotte zu operieren scheint, überzeugt die junge Frau, sich selbst, ihrer Karriere und dem Kampf gegen die Klingonen eine Chance zu geben und sich im Bemühen, den Krieg zu beenden, der Crew anzuschließen. Ob er ein Nein jedoch überhaupt akzeptiert hätte?

Schaut man sich Lt. Stamets, den wissenschaftlichen Leiter des Schiffes, der mehr als verächtlich über seinen Captain spricht, einmal genauer an, scheint man im Zweifelsfall bei diesem ungewöhnlichen Anführer keine große Wahl zu haben.

Doch wer ist dieser Lorca überhaupt? Sammeln wir einmal ein paar Fakten: Aufgrund einer Augenverletzung mag er gedämpftes Licht (oder vielleicht doch nur den dramatischen Auftritt?), statt Sitzgruppe und Aquarium steht er in seinem Bereitschaftsraum auf Stehtisch und Tribble und in seinem (geheimen?) Privatbüro tummeln sich wilde Kreaturen, Waffen und Skelette (hat jemand auch einen Gorn erkannt?). Zudem hat er laut eigener Aussage freie Wahl der Mittel durch die Sternenflotte erhalten und einige Crewmitglieder tragen schwarze Deltas an ihren Uniformen. Sonderbar, sonderbar. Doch Moment - Da klingelt doch irgendwas.

Sloan wäre stolz

Wie wir in Star Trek: Deep Space Nine erfuhren, gibt es innerhalb der Sternenflotte eine Einheit, die vollkommen autonom operiert und gewissermaßen für die Drecksarbeit zuständig ist. Ein Agent namens Sloan rekrutierte dort Dr. Julian Bashir und bewies, dass selbst in einer Organisation wie der Sternenflotte längst nicht alles so sauber zugeht, wie man meinen sollte.

Auch in Star Trek: Enterprise tauchte die sogenannte Sektion 31 auf und hatte dort Malcom Reed als Agenten an der Angel. Somit würde es durchaus passen, hier nun ein ganzes Schiff präsentiert zu bekommen, das rein äußerlich zwar zur Sternenflotte gehört, jedoch nur den Schein aufrecht erhält.

Im zweiten Reboot-Kinofilm sahen wir übrigens mit der U.S.S. Vengeance unter dem Kommando von Admiral Marcus ebenfalls schon ein sehr modernes Schiff dieser Organisation, das jedoch in großem Maße durch die Geschehnisse aus dem ersten Reboot-Film (Zerstörung von Vulkan) und dem Auffinden der Augments rund um Khan beeinflusst war. Diese Zeitlinie gilt es hier zu ignorieren - die Angelegenheit zeigt nur, dass die Sektion 31 durchaus eigene Schiffe befehligt. Somit wäre es in der hier präsentierten - gemäßigten - Variante nachvollziehbar, dass die Discovery zwar eine Registrierung besitzt (die Vengeance hatte keine), aber eben doch ihr ganz eigenes Ding macht.

Routine-Action mit Eingeweiden

Die Geschichte an sich bewegt sich in einem angemessenen Tempo voran. Alle Charakterbeziehungen werden aus der Sicht von Burnham wahrgenommen: So trifft man die nervöse und redselige Tilly, den mysteriöse Lorca, den grummelige Stamets oder eben Saru, der Burnham verständlicherweise mit Vorsicht aber auch einem Rest von Freundlichkeit begegnet. Hier macht man also die Vorgabe wahr, einen speziellen Charakter zum Dreh- und Angelpunkt der Interaktionen zu machen. Diese Perspektive darf gerne beibehalten werden. Einzig zum Schluss sehen wir Lorca und seine Sicherheitschefin Landry kurz ohne Beteiligung von Burnham - das jedoch aus gutem Grund.

An dieser Stelle zeigt sich auch, dass Sorgen über mangelnden Humor unberechtigt waren - sowohl Tilly als auch Stamets und Lorca bringen alle eine besondere Note in diesen Bereich ein, der Spaß macht. Wie auch mit Saru in den ersten beiden Episoden, entfalten sich hier einzigartige Charaktere, die bereits nach dieser kurzen Zeit Ecken und Kanten besitzen.

Die Mission an Bord des Schwesterschiffes U.S.S. Glenn erinnert in der visuellen Umsetzung stark an die Episode "Impulse" aus Star Trek: Enterprise, gerät durch die deformierten Körper der toten Crew jedoch noch extremer. Hier muss man eben nicht mehr auf die Gepflogenheiten des Network-Fernsehens achten. Gleiches gilt übrigens für die Laufzeit, die mit 48 Minuten gut bemessen ist und weder zu Langeweile noch zu losen Enden führt. Kudos an die Drehbuchschreiber.

Was die durch Lorca präsentierte neue Art des Antriebs angeht, erschließt sich der größere Kontext hier noch nicht. Auch muss eindeutig gesagt werden, dass eine derartige Technik in den späteren Serien sicher bekannt gewesen wäre - sollte sie nicht im Rahmen dieser Inkarnation am Ende doch noch technisch scheitern oder zu verheerenden Ergebnissen führen. Hier heißt es abzuwarten.

Dass sich die Episode trotz diverser Kniffe am Kanon und in der Umsetzung so sehr wie Star Trek anfühlt, ist allerdings ein Verdienst der Macher. In Sachen Dialoge und emotionale Tiefe muss man sich hier vor keiner Vorgängerserie verstecken. Moderner ist die Serie zwar eindeutig, weiß aber auch woher sie kommt. Ein gelungener Spagat, den ich so früh in der Serie nicht für möglich gehalten hätte.

In der Summe führt man die Charaktere kompetent ein, präsentiert das mysteriöse Setting an Bord und bringt einige Problemfelder in Position. Mehr kann man nicht erwarten. Vergleicht man "Context is for Kings" (obwohl es natürlich die dritte Episode der Serie ist) mit den Pilotfilmen der anderen Serien, stünde hier definitiv der bisher beste Versuch zu Buche. Das ist sicher auch der kurzen Lauflänge geschuldet, darf aber durchaus Erwähnung finden.

Und wie Alice im Wunderland fühlt man sich am Ende auch als Zuschauer; so als hätte man just den Eingang zu einer spannenden neuen Welt gefunden, deren Geheimnisse es zu ergründen gilt. Irgendwie unheimlich, unvorhersehbar und doch auf eine angenehme Weise vertraut, entführt uns dieses neue Produzententeam in einen Ableger der klassischen Serien, der dem Grundkonzept treu bleibt, ihm aber tatsächlich auch neue Seiten abgewinnen kann.

Meine Begeisterung für The Expanse muss ich in diesem Zuge übrigens insofern relativieren, dass diese Episode eindeutig besser als alles ist, was ich in der ersten Staffel der Syfy-Serie bisher gesehen habe. Vor Kurzem fragte ich noch: Wer braucht noch Star Trek, der The Expanse haben kann? Die Antwort muss nun eindeutig heißen: Ich! Platz ist aber natürlich für beide Formate - gemeinsam mit dem spaßig-debilen The Orville haben Fans hier aktuell sogar eine Troika am Start, die für jeden etwas bietet.

Beobachtungen

Abgesehen vom großen Ganzen fielen noch ein paar Dinge auf, die zumindest erwähnt werden sollten. Saru ist inzwischen erster Offizier, warum er jedoch ausgerechnet auf die Discovery versetzt wurde, kann man nur vermuten. Im Gegensatz zu Stamets wirkt er seinem Captain zumindest ergeben. Auch Lt. Keyla Detmer wurde offenbar von der Shenzou auf die Discovery versetzt - ihre Reaktion auf Burnham zeigt die tiefen Wunden, die der Vorfall in die Seelen der Beteiligten gerissen hat.

Einen Schwarzen Alarm hat es in Star Trek zuvor noch nie gegeben - er scheint für die Verwendung des experimentellen Antriebs zu stehen, der auch die U.S.S. Glenn zerstörte.

Neben Sarek wird nun auch dessen Frau Amanda Grayson erwähnt, die wir im Verlauf der ersten Staffel auch noch in Person erleben werden - gespielt von Mia Kirshner.

Technisch betrachtet

Erstmals kann man die U.S.S. Discovery in voller Pracht erleben. Und das Warten hat sich gelohnt. Obwohl die Klobigkeit immer noch vorhanden ist, gewöhnt man sich schnell an das Design und den hohen Wiedererkennungswert. Gut ist auch, dass man die Außensequenzen sparsam einsetzt und durch clevere Beleuchtung garniert. Die Kulissen sind im Vergleich zur älteren Shenzou moderner, aber auch heller und nähern sich viel mehr denen der Originalserie an. Als Übergang von der NX-01 zur NCC-1701 ein sehr geschickter Schachzug.

Der Score überzeugt durch düstere Einwürfe, hohe atmosphärische Dichte und kaum generische Sequenzen. Ein klarer Schritt in die richtige Richtung.

Regie führte diesmal Akiva Goldsman, der sich als Produzent und Autor einen Namen gemacht hat, als Regisseur jedoch erst seit 2014 in Erscheinung tritt. Der verhältnismäßig teure Erstling A Winter's Tale mit Colin Farrell floppte, Stephanie mit Anna Torv aus Fringe ist noch nicht zu bewerten. Hier versucht er sich nun also auch im TV-Bereich und liefert eine dicht inszenierte Episode ab, die den Spagat aus ruhigen Szenen und Action meistert.

Bei den Schauspielern sticht besonders Jason Isaacs alias Captain Lorca aus dem ohnehin starken Ensemble heraus. Sein Captain ist rein optisch zwar ein Archer-Bruder, besitzt jedoch eine abgründige Tiefe, die nicht mal ein Sisko erreichte. Nicht nur Lt. Stamets misstraut diesem Mann - und das absolut zurecht. Seine Reaktion auf Burnhams Eindringen in das Geheimlabor zeigt seine Kompromisslosigkeit und ein irritierendes Desinteresse für das Einhalten von Vorgehensweisen der Sternenflotte. Er stellt sich sogar über das Urteil des Gerichts indem er sagt, dass Burnham vor sechs Monaten richtig gehandelt habe. Harter Tobak und erneut eine Anlehnung an den beliebten und überaus arroganten Sloan.

Anthony Rapp alias Lt. Stamets kann  ebenfalls punkten, indem er seine Figur als genialen Wissenschaftler ohne Manieren anlegt, der von der Situation des Krieges und seinem Dienst auf dem Schiff mehr als überfordert und unbegeistert erscheint. Er fühlt sich gar von der Sternenflotte missbraucht. Wurde er etwa gezwungen, sich der Crew anzuschließen?

Mary Wiseman alias Tilly ist in dieser Episode noch für den Humor zuständig und gefällt als leicht verwirrte und schwer nervtötende Kabinengenossin für Burnham. Die Kombination der beiden gegensätzlichen Frau ist dabei natürlich äußerst vorhersehbar, macht aber Spaß und gibt beiden die Chance, zu glänzen. Die artikulierten Ambitionen Tillys, einmal Captain werden zu wollen, statten ihre Figur zudem mit einer Ernsthaftigkeit aus, die zu diesem frühen Zeitpunkt verblüffend gut tut.

Saru kannten wir ja bereits aus den ersten beiden Episoden. Auch hier verleiht Doug Jones dem ungewöhnlichen Charakter wieder Vielschichtigkeit und Tiefe. Seine direkte und ehrliche, aber auch versöhnliche Herangehensweise, ist authentisch und aufrichtig und Jones gelingt unter einer komplexen Maske eine differenzierte Darstellung.

Auch Sonequa Martin Green alias Burnham macht ihre Sache erneut gut, wenn auch einige Szenen zu Beginn der Episode zu steril und emotionslos wirken und sie erst mit fortschreitender Spieldauer richtig in ihre Rolle zu wachsen scheint.

Kanon, oh Kanon

Abgesehen davon, dass man uns in nur 48 Minuten mit vielen Anspielungen auf die Erde des 21. Jahrhunderts beglückt (Glückskekse, Beatles, Blaubeeren, Alice im Wunderland), wird auch der Trek-Kanon durchaus bedient. Wie auch auf der Shenzou klingt alles an Bord nach Star Trek - sei es der Turbolift oder die Brücke - man fühlt sich sofort zuhause.

Zusätzlich gibt es Jeffries-Röhren zu sehen und Captain Lorca hat einen (äußerst fetten und trägen) Tribble auf seinem Schreibtisch liegen. Das Skelett in seinem privaten Raum könnte wie bereits erwähnt ein Gorn gewesen sein. Im Speiseraum sind zudem verschiedene Schiffe als Plexiglasdruck dargestellt.

Sollte meine Theorie bezüglich Sektion 31 stimmen, würde das unter Umständen auch die auftretenden Probleme bezüglich Burnham, Sarek und Spock, der restlichen Crew oder gar der Discovery an sich erklären. Hier gilt es einfach abzuwarten. Ohne eine Geheimorganisation, die das Schiff außerhalb den Gesetzen der Sternenflotte betreibt, wäre es aber fast unmöglich, einige Vorgänge im Sinne des Kanon zu rechtfertigen. Da die Produzenten diesen Anspruch jedoch oft genug formuliert haben, bin ich an dieser Front sehr guter Dinge.

Die Frau des Rezensenten

Den Lacher des Tages brachte sie direkt in Bezug auf Ensign Tilly. Sie erinnerte der Charakter an Michelle aus American Pie - ein Film, den ich übrigens nie gesehen habe - und zitierte sogleich fröhlich drauf los:„Ach ja, und dieses eine Mal im Ferienlager...“ - den Rest des Zitats erspare ich euch. Ich sage nur: Flöte.

Ansonsten begeisterte sie die Episode aber ebenfalls, auch wenn ihr Anleihen an Star Wars und den Zeitgeist erwähnenswert schienen. Derart extreme Charaktere habe keine Trek-Serie bisher gehabt - ein klarer Fall von Zugeständnis an moderne Formate.

Gib dem Kind einen Namen

Context is for Kings: Nur Lakeien befolgen Befehle, doch Zusammenhänge sind für Könige. Wer noch an den fragwürdigen Motiven von Captain Lorca gezweifelt hat, ist nach diesem Zitat definitiv schlauer. Burnham wird dieses Credo sicher verinnerlichen müssen, wobei sie nach den Ereignissen aus den ersten beiden Episoden geradezu prädestiniert scheint, diese Unterscheidung zu verstehen.

Fazit

Mit der ersten richtigen Episode rast die Serie ohne Sicherheitsgurt in eine begeisternde Startposition für die erste Staffel. Getragen von geschliffenen Charakteren, einer düsteren Stimmung, sowie Humor und Forschergeist, wird der inoffizielle zweite Pilotfilm zum Appetizer der Sonderklasse, aber eben auch endgültig zu Star Trek 2.0 - und somit zu einer Zukunft für das Franchise. Spektakulär!

Bewertung: begeisterte 4.5 von 5 Sternen

zusätzlicher Bildnachweis: © CBS

 

Quelle: Robots & Dragons/ Björn Sülter


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