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Kritik zu Star Trek: Discovery 1.09 - Into the Forest I Go

Save the best for last: Die neunte Episode liefert das bisher beste Gesamtkunstwerk der Staffel ab, führt Handlungsstränge gekonnt zusammen, bringt Figuren in Stellung und überrascht mit unerwarteten Entwicklungen.

Präsentiert von: Björn Sülter


Was passiert?

Die Situation rund um den Planeten Pahvo spitzt sich zu, als die Klingonen mit ihrem Sarkophag-Schiff auftauchen. Obwohl die Sternenflotte die Discovery zurückbeordert, schickt Lorca Burnham und Tyler in die Höhle des Löwen, um einen gefährlichen Plan umzusetzen ...

Lorca, nach Hause telefonieren

Die treibende Kraft der Episode ist eindeutig Captain Gabriel Lorca. In einem (vermutlich gespielten) Anfall von Entdeckertum und Begeisterung für die Wissenschaft bringt er zunächst den armen Stamets auf seine Seite. Dass er bei der ganzen Aktion erneut auf die Befehle seiner Vorgesetzten pfeift, ist kaum mehr als eine Randnotiz. Lorca hat sich schon Schlimmeres geleistet. Viel beachtlicher ist eher, dass er damit auch bei seiner Crew so problemlos durchkommt. Aber wenn man es genau nimmt, ist dieser Lorca die letzten Episoden etwas ruhiger und zugänglicher geworden. Vielleicht aufgeschreckt durch Cornwalls Verdacht und ihre Drohungen?

Schön ist in jedem Fall, dass wir durch die aktuellen Aufgaben erstmals die komplette Brückencrew interagieren sehen. Aus verschiedenen Ecken kommen Ideen, man hat endlich das Gefühl, eine funktionierende Einheit zu erleben. Dabei ist die Rede des Captains aber natürlich einen Hauch zu theatralisch geraten. Die Entwicklung von naiven Forschern zu ach so tollen Kriegern muss definitiv in nicht gesendeten Episoden passiert sein. Hier trägt das Drehbuch viel zu dick auf, wenn auch eine kleine Gänsehaut sicher erlaubt ist.

Wie Lorca wirklich tickt, sieht man dann jedoch wieder etwas später, als er Dr. Culber zwingt, Stamets alle nötigen Sprünge durchführen zu lassen - ohne Rücksicht darauf, ob dieser den Vorgang überlebt. Übrigens ein mittelschweres Logikloch - doch dazu komme ich gleich noch.

Nach der erfolgreichen Mission und der Zerstörung des Sarkophag-Schiffes (die genau wie der Tod Kols sehr überraschend kommt), wird die Discovery zur Sternenbasis zurückbeordert. Man möchte Lorca angeblich gar eine Medaille verleihen! Doch nicht mit diesem Mann, liebe Sternenflotte! Lorca durchschaut das windige Spiel umgehend und entschließt sich vermutlich in diesem Moment endgültig dazu, sofort einen anderen Weg einzuschlagen.

Er schafft es, dass Stamets, der die vielen Sprünge wie durch ein Wunder überstanden hat und nun zugibt, Hilfe zu benötigen, aus freien Stücken zu einem letzten Sprung bereit ist - angeblich zurück zur Sternenbasis. Doch sieht man den Captain kurz vor diesem Sprung einen "Override" in das System eingeben. Lorca hat eigenmächtig neue Koordinaten bestimmt! Garniert mit seinem Satz "Let's go home" eine mehr als zweideutige Angelegenheit.

Das Ende vom Lied: Die Discovery ist nun dort gestrandet, wo Lorca sie (vermutlich) haben wollte. Nur wo ist das? Die Diskussionen sind eröffnet. Womit wir dann nochmal beim angesprochenen Logikloch wären. Man darf wohl davon ausgehen, dass Lorca schon länger geplant hatte, die Discovery irgendwann an diesen Ort zu entführen. Und seien wir ehrlich: Es riecht stark nach Paralleluniversum. Doch wenn dem so ist, war es verdammt dumm, Stamets Gesundheit im Kampf gegen die Klingonen zu riskieren. Lorca hätte sich seinen Fluchtweg fast verbaut. Oder ist vielleicht am Ende doch wieder alles ganz anders?

Burnham lässt die Fäuste fliegen

Im Mittelpunkt der Mission auf dem Sarkophag-Schiff steht aber natürlich ebenfalls Michael Burnham. Damit kehrt sie auch dorthin zurück, wo ihr ganzes Elend seinen Anfang nahm. Dass sie die Konfrontation und den Zweikampf mit Kol sucht, ist nicht ganz nachzuvollziehen. Wenn er Georgiou umgebracht hätte, wäre es verständlicher gewesen. Überhaupt wird die ganze Infiltrationsnummer viel zu schnell und einfach durchgeführt. Die Klingonen zeichnet man hier unnötig inkompetent. Sie bemerken weder das Beamen, noch das Aufbrechen einer Tür oder das Herumfuhrwerken auf ihrer Brücke. Außerdem scheinen sie mit ihren Sensoren die Lebenszeichen Cornwalls nicht bemerkt oder ignoriert zu haben. Man mag sagen, es handelt sich hier um ein sehr altes und technisch rückständiges Schiff - das kann ich gerade so akzeptieren, lässt die Krieger aber auch nicht wirklich gut aussehen. Auch riskiert Burnham ihr Leben ein wenig zu leichtfertig. Sie konnte schließlich nicht davon ausgehen, dass Kol wie Ferengi kämpft. Doch immerhin ermöglicht sie mit ihrem leidenschaftlichen Einsatz Admiral Cornwall (die nun doch überlebt hat), Tyler (der nach der Begegnung mit L'Rell einen schweren Anfall von posttraumatischem Stress zeigt) und eben jener L'Rell (die sich in den Transporterstrahl wirft wie einst Dr. Gillian Taylor in Star Trek IV - The Voyage Home) die Flucht.

Die Sache mit L'Rell

Was das Tyler-ist-Voq-Thema angeht, darf man den Drops ab dieser Episode vermutlich als gelutscht betrachten. Nach einer - gerade für Trek-Verhältnisse - verstörenden Traumsequenz scheint Ash für mein Empfinden plötzlich wieder zu wissen, dass etwas mit ihm und seiner Situation nicht stimmt. Wie er dann vor L'Rell auf die Knie sinkt und fragt, was sie mit ihm gemacht habe, ist schon entlarvend genug. Doch setzen die Autoren noch einen drauf und lassen die Klingonin seelenruhig sagen, dass sie nicht zulassen würde, dass "sie" ihm etwas antun. Und dass es "bald" an der Zeit sei. Was dann passieren soll, bleibt natürlich offen. Doch nun darf man ziemlich sicher davon ausgehen, dass die Frage in Bezug auf Vyler oder Toq eben nicht mehr "ob" lautet, sondern nur noch "warum".

The Sad Song of Paul & Hugh

Zu den Highlights der Episode gehören noch die Szenen zwischen Stamets und seinem Lebensgefährten Dr. Culber, die das Paar von einer innigen, aufrichtigen und auch verletzlichen Seite zeigen. Lange Zeit kann Culber bei allem, was Stamets angetan wird, sogar die reine Professionalität aufrechterhalten. Schön sind auch die gegenseitigen Liebesbekundungen und der aufrichtig inszenierte Kuss.

Der Rezensent fabuliert über das große Ganze

Kommen wir nach all dem Lob noch zu einem Punkt, der die ersten neun Episoden der jungen Serie als Ganzes betrifft. An der Front des horizontalen Erzählens nämlich scheiterten die Autoren bisher teils kläglich. Viele Entwicklungen wurden nicht konsequent verfolgt oder auserzählt, unlogische Sprünge waren an der Tagesordnung. Dabei geht es nicht darum, alles argumentativ auf dem Silbertablett serviert zu bekommen. Allerdings sollte das Gezeigte - obendrein wenn es teils arg zerklüftet wirkt - zumindest Sinn machen, wenn man sich schon die Mühe macht, es genauer zu durchdenken.

So war weder alles im Zusammenhang mit dem Sporenatrieb wirklich sauber durchdacht noch die Motive und das Verhalten der Klingonen oder der Verlauf des Krieges. Zudem war die sich nun deutlich abzeichnende Voq-Enthüllung schon viel zu früh erkennbar. Auch im Bereich der Figurenzeichnungen erlaubte man sich einige Nachlässigkeiten und hinterließ gerade beim eigentlich so spannenden Saru einen ungünstigen Eindruck.

Trotz der langen - aber zugegebenermaßen komplizierten - Entwicklungsphase der Serie ist es nicht gelungen, eine kohärente Handlung aufzubauen, die sich schlüssig voranbewegt hat. Auf der anderen Seite konnte jedoch fast jede Episode für sich genommen gut unterhalten.

Was der Serie im Vergleich zu den Vorgängern fehlt, ist die Faszination einer positiven und lebenswerten Zukunft. Konnte man früher davon träumen, an der Seite von Kirk oder Picard zu den Sternen zu reisen, Abenteuer zu erleben und die Magie des Entdeckens zu erfahren, schleudert man uns hier mitten hinein in eine stark belastete Crew, Tod, Zerstörung und Finsternis. Diese Zukunft ist bei Weitem nicht so erstrebenswert wie die der alten, klassischen Trek-Serien. Allerdings ist sie eben auch ein Kind des Zeitgeistes - und niemand sagt, dass man in einer zweiten Staffel nicht noch an diesen positiveren Punkt kommen wird, wenn der Krieg erstmal abgehandelt ist. Die Chance ist allemal vorhanden, und ich bin bereit, der Serie diese auch zu geben.

Bisher habe ich die Episoden dann auch unter derartigen Gesichtspunkten bewertet: Für das, was sie sind. Abzüge gab es zumeist nur für Logiklöcher innerhalb der jeweiligen Handlung. Auf diese Weise verfahre ich vorerst auch weiterhin. Die klassischen Trek-Serien oder auch The Orville bieten mit ihrem Procedural-Ansatz viel weniger Angriffsfläche, wenn man sie von der ersten Episode an bewertet. Hier muss man den Machern zugestehen, dass sie es über das Procedural-Denken hinaus zumindest versucht haben, aber im ersten Anlauf noch partiell scheitern. Episoden wie die aktuelle können die Fehler der Vergangenheit nicht ungeschehen machen, sie dürfen allerdings gerne als Versprechen auf eine mögliche Besserung hindeuten. So fair muss man sein.

Dennoch darf man im Hinterkopf behalten, dass ich die Staffel als Gesamtkonstrukt kritischer sehe, als die Einzelabenteuer. Letztendlich haben wir dann im Februar zwar vielleicht fünfzehn brauchbare bis starke Episoden gesehen, erhalten allerdings ein Puzzle, das statt der Mona Lisa ein Bild von Quarks und Roms Moogie zeigt. Letztlich muss jeder für sich entscheiden, was er erwartet, und inwieweit er bereit ist, einer neuen Serie Kredit zu geben, wenn sie für den Moment erstmal "nur" gut unterhält.

Ich bin weit davon entfernt, eine Serie von 2017 mit den ersten Staffeln der anderen Trek-Serien aus den 60ern, 80ern, 90ern und 2000ern zu vergleichen. Dieser Ansatz hinkt aus zu vielen Gründen. Doch kann man das bisher Gezeigte mit dem Durchschnitt der anderen Serien vergleichen. Dort bewegt sich Star Trek: Discovery längst noch nicht auf dem Niveau von Star TrekStar Trek: The Next Generation und Star Trek: Deep Space Nine, kann mit Star Trek: Voyager und Star Trek: Enterprise für mich jedoch bereits mithalten. Und das ist auch schon mal ein Erfolg, auf dem man aufbauen kann.

Einige Beobachtungen

Das Ende der Episode ist eine Art Mischmasch aus der Grundprämisse von Star Trek: Voyager und dem Ende der Episode "Shockwave Part I" aus Star Trek: Enterprise.

Kol trägt offenbar die ganze Zeit das Delta von Captain Georgiou als Trophäe mit sich herum, obwohl er mit dem Ableben des Captains gar nichts zu tun hatte. Eigentlich unehrenhaft, oder? Gibt es nicht sowas wie eine Jägerehre? Da muss ich glatt mal einen Hirogen fragen. Am Ende landet das Andenken aber doch noch in den richtigen Händen: Bei Burnham.

Apropos Kol: Es ist nicht schade um diese Figur. Mit seinem Tick, bei jedem wichtigen Satz wie ein zweitklassiger Theaterschauspieler den drohenden Zeigefinger zu schwingen, hätte mich der Darsteller sonst noch in den Wahnsinn getrieben. Eigentlich hat er sich damit aber auch eindeutig als Darth-Vader-Double für die Kirmes qualifiziert.

Nach einigen Episoden sehen wir Lorca mal wieder mit seinen Augentropfen hantieren, um sich auf das blendende Licht der Explosion des Sarkophag-Schiffes vorzubereiten.

Nach dem innigen Kuss zweier Frauen in der Episode "Rejoined" aus Star Trek: Deep Space Nine (Jadzia Dax und Lenara Kahn) kommt es hier erstmals in Trek nun zum Kuss zweier Männer (Stamets und Culber). Wobei ich mich gerade frage, ob Quark, als er damals in Frauenkleidern unterwegs war, einen männlichen Ferengie geküsst hat. Sollte dem so gewesen sein (ich mag das Kopfkino gerade nicht weiterführen), wäre der Kontext allerdings definitiv nicht vergleichbar gewesen.

Die kaum erträglichen Traumsequenzen von Tyler zeigen erneut, dass es sich hier längst um keine Serie für die ganze Familie mehr handelt.

Admiral Cornwall lebt also doch noch, auch wenn nicht klar wird, ob durch Glück, oder weil L'Rell es so gedeichselt hat.

Offene Fragen für den Rest der Staffel

Wer ist dieser Gabriel Lorca nun genau? Die Anzeichen verdichten sich hier, dass er tatsächlich aus dem Spiegeluniversum stammt. Sein Override mit den eigenen Koordinaten ("Let's go home.") und diverse andere Andeutungen zeigen, dass hier jemand ein ganz großes und mehr als geheimes Spiel aufzieht.

Wo befindet sich das Schiff jetzt? Andere Zeit? Anderer Ort? Oder wirklich im Spiegeluniversum? In was für ein Trümmerfeld ist man hineingeflogen? Nicht mal Lorca schien es erwartet zu haben - ist hier vielleicht etwas Unerwartetes geschehen, seit der gute Captain sein Zuhause verlassen hat?

Weiß Tyler wirklich schon, dass er Voq ist? Wann wird es dem Rest der Crew enthüllt? Was plant L'Rell mit ihm? Wie haben sie es überhaupt angestellt? Was wird aus der Beziehung mit Burnham?

Was wird aus Stamets? Überlebt er? Verändert es ihn dauerhaft? Wird er vielleicht zum Reisenden aus Star Trek: The Next Generation?

Was wird aus dem Krieg mit den Klingonen nach dem Verschwinden der Discovery? Kehrt die Discovery überhaupt noch einmal in das korrekte Universum zurück?

Technisch betrachtet

Die technische Umsetzung besticht durch eine starke Kameraarbeit, einen atmosphärisch dichten Score und endlich einmal auch durch Aufnahmen der Discovery im Orbit eines Planeten. Schön, dass diese Tradition nun auch hier Einzug hält.

Regie führte Trek-Newcomer Chris Byrne, der zuvor nur als Assistant, Second Unit oder Supervising Director sowie Co-Produzent an Serien wie 12 MonkeysHannibal oder American Gods beteiligt ist - ein Fuller-Schützling also. Dies ist seine erste eigenverantwortliche Arbeit auf dem großen Stuhl - gewagt, bei einer Episode dieser Relevanz. Er rechtfertigt das Vertrauen aber mit einer dynamischen Arbeit, die keine Wünsche offen lässt.

Das Drehbuch stellt die erste Trek-Arbeit des Duos Erika Lippoldt & Bo Yeon Kim dar. Ihnen gelingt es, verschiedene schwelende Konflikte zusammenzuführen und das Ensemble in den Mittelpunkt zu stellen. Einzig die Szenen bei den Klingonen zeichnen sich erneut nicht durch zielführende Dialoge aus und fallen etwas ab. Dennoch ein ganz starkes Debüt!

Die Frau des Rezensenten

Für sie ganz klar die bisher beste Episode. Einzig Michael Burnham geht ihr inzwischen mittelschwer auf die Nerven. Ihr ständiges infrage stellen von Befehlen ihrer Vorgesetzten stört sie extrem und macht Burnham für sie zu einer negativen, unsympathischen Figur, die immer zu viel will und so ständig die gleichen Fehler macht. Uns beide erinnerte sie dabei dann auch an - Achtung! - Marion Drombusch, die sich in der kultigen deutschen Serie der 80er Jahre immer von ihrer Mutter sagen lassen musste: Marion, du kannst nicht immer das größte Stück vom Kuchen haben!

Gib dem Kind einen Namen

Into the Forest I Go: Man hätte vermuten können, der Titel spielt auf die Bewaldung von Pahvo an. In diesem Ansatz liegt jedoch keine Wahrheit. Auch geht es nicht darum, wer den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht - außer Tyler vielleicht bis kurz vor Schluss. Das Zitat von John Muir lautet in Gänze: "And into the forest I go, to lose my mind and find my soul." - angesichts der neuen Situation der Crew sicherlich eine Metapher für das, was sie an diesem Ort erwartet: Mehr Verrücktes und mehr Suche nach innerem Frieden. Vage, aber gut.

Fazit

"Into the Forest I Go" setzt ein Ausrufezeichen. Zwischen Action und Spannung findet sich ausreichend Raum für emotionale Dramen und das Ausloten von Motiven und Befindlichkeiten. Verschiedene Aspekte der Gesamtgeschichte kommen endlich deutlicher zum Tragen, und mit den losen Enden und der neuen Situation zum Schluss bringt man die Serie in eine äußerst anregende Position für den Rest der Staffel.

Bewertung: 4 von 5 Sterne


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