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Staffelfazit zu Star Trek: Discovery – Sie wollen doch nur spielen

Endlich wieder Star Trek! Am 24. September 2017 beendeten CBS und Netflix weltweit die zwölf Jahre andauernde Dürre von Star Trek im TV. Die neue Serie zeigte sich schnell modern, rasant und voller Twists. Doch wie sehr trugen gerade diese zum Erfolg oder Scheitern der ersten Staffel bei? SYFY-Experte Björn Sülter wühlt sich durch alle Themen.

Präsentiert von: Björn Sülter


Das Fazit vorneweg

Grundsätzlich möchte ich zu Beginn dieses Artikels, der sich primär mit den Twists und Cliffhangern der Staffel befasst, etwas festhalten: Es ist wunderbar, wieder Star Trek auf Sendung zu haben! Die zwölf Jahre zwischen dem Ende von Star Trek: Enterprise und dem Start dieser neuen Serie waren lang genug! Es ist schön, wieder auf einer wöchentlichen Basis über die Episoden zu sprechen, zu schreiben und mit Gleichgesinnten zu diskutieren. Es lebe Star Trek!

Die Macher von Star Trek: Discovery haben dann in der Summe auch ein unterhaltsames Produkt abgeliefert. Zwar fehlte es an verschiedenen Ecken an Feintuning, Figurenzeichnungen waren nicht immer kohärent und gerade zum Ende ging der Gesamtgeschichte ein wenig der Sprit aus, dennoch ist die Serie ein Start ins Abenteuer, auf dem sich aufbauen lässt. Darin unterscheidet sie sich bekanntermaßen auch in keiner Weise von ihren Vorgängern. Diese hatten alle einen gewissen Anlauf gebraucht, um ihr wahres Potential zu finden.

Worin sich die Serie jedoch radikal von den anderen unterscheidet, ist die Entscheidung der Verantwortlichen, in der zweiten Staffelhälfte mit immer neuen Twist und Haken um die Ecke zu kommen. Dosiert oder nachvollziehbar eingesetzt kann so etwas ohne Frage wunderbar funktionieren. Doch wie war es in diesem Fall? Wie haben Tyler/Voq, Georgiou, Lorca & die USS Enterprise der Serie qualitativ geholfen oder geschadet?

Captain Gabriel Lorca: Leider nur ein fieser Möpp

Seit den ersten Äußerungen der Produzenten war klar: Der Captain würde bei dieser Serie nicht im Fokus stehen. Dennoch besetzte man die erst in der dritten Episode eingeführte Figur des Gabriel Lorca prominent mit Jason Isaacs. Dieser machte seine Sache dann auch von Beginn an sehr gut und präsentierte uns einen unnahbaren, kaum greifbaren Hardliner-Captain mit fast schon schizophrenen Tendenzen. Man denke an den Phaser unter dem Kopfkissen oder seine diversen Äußerungen, die nichts mit den Werten der Föderation zu tun hatten. Dennoch konnte man immer auch noch glauben, hier vielleicht einen durch die Welt in der er lebt gebrochenen Mann zu sehen. Lorca hatte sein Schiff und seine Crew verloren. Mehr noch: Er hatte den Untergang selbst herbeigeführt, um alle anderen vor Gefangenschaft zu retten. Dieses Trauma hätte aus einem einst aufrechten Captain durchaus einen verwirrten Kriegstreiber gemacht haben können. Ein Anführer mit posttraumatischer Belastungsstörung. Spannend!

Leider entschieden die Autoren aber anders. Entgegen der ursprünglichen Idee Bryan Fullers machten sie aus Lorca einen Besucher aus dem Spiegeluniversum. Dieser Twist an sich wäre jedoch gar nicht schlimm gewesen. Im Gegenteil! Hätte man Lorca als zwiespältige Figur beibehalten, wären hier einige wunderbare Entwicklungen denkbar gewesen. Doch Pustekuchen! Vom Moment der Enthüllung an, war dieser Gabriel Lorca nur noch ein plumper Bösewicht, ein dämonisch grinsender, brandschatzender und mordender Fiesling ohne Gewissen oder tiefere Agenda. Sein großer Plan zeigte sich obendrauf wenig später als wenig ausgereift und erfolglos. Durchbohrt vom Schwert der Imperatorin (hinterrücks!) und mit einem Sturz in den Kern der Charon war sein Schicksal besiegt – 43 Minuten nachdem wir seine wahre Identität erfahren hatten. Was für eine Verschwendung von Potential!

Man denke hier auch gerne mal an Game of Thrones: Es gab im Vorfeld von Star Trek: Discovery verschiedene Stimmen, die unkten, man könnte aus Gabriel Lorca vielleicht eine Art Ned Stark machen wollen, der dann am Ende der Staffel den Heldentod sterben würde. Ganz so lief es zwar nicht, dennoch ist der Vergleich interessant. Beide Figuren schrieb man früh aus der Serie, beide hatten Führungspositionen inne und waren wunderbar reiche und spannende Figuren mit Ecken und Kanten. Der elementare Unterschied jedoch ist: Ned Stark musste man vor seinem Tod nicht verbiegen. Der König des Nordens blieb bis zum letzten Moment der aufrechte und komplexe Mann, der er zu Beginn der Staffel bereits gewesen war. Auch aus diesem Grund hallt sein Tod noch heute in der Serie nach. Der Schmerz seiner Töchter in der jüngsten siebten Staffel wirkte so real und tief, als wäre dieser Figur erst vor Kurzem von den Figuren und uns Zuschauern gegangen.

Gabriel Lorca hingegen stülpte man einfach um, höhlte ihn aus und machte aus der zunächst zwiespältigen Figur einen reinen Bösewicht, den keiner vermissen wird. Vielleicht wird man sich über das Ausscheiden des tollen Jason Isaacs noch das eine oder andere Mal ärgern, diesen Lorca der letzten beiden Episoden jedoch braucht man nicht zu vermissen.

In solchen Feinheiten liegt der Unterschied zwischen erfolgreichem Spielen mit den Gefühlen der Zuschauer - und eben nicht so erfolgreichem. Hier haben die Autoren von Star Trek: Discovery definitiv Nachholbedarf.

Ash Tyler: Der Twist, der keiner (mehr) war

Besser lief es beim Twist um Ash Tyler, wenn dieser auch an einer anderen Geschichte krankte. Doch fangen wir vorne an. Dass Tyler gerettet wurde und trotz monatelanger Folter den Posten des Sicherheitschefs erhielt, erklärt sich retrospektiv über die Figur des Lorca. Auch Tyler zeigte man als einen von posttraumatischem Stress geplagten Mann. Er hatte offenbar Schlimmes erdulden müssen und funktionierte zeitweise bei weitem nicht so, wie es für seine Position nötig war. Parallel hatten die Autoren in der vierten Episode den Klingonen Voq aus der Handlung in eine ungewisse Zukunft verabschiedet. Wie wir am Ende erfuhren, lag genau an dieser Stelle die Verbindung. L’Rell hatte Voq chirurgisch verändern lassen und ihm die Identität des beim Doppelstern gefangenen echten Tylers übergestülpt, um einen Schläfer auf der USS Discovery zu platzieren. So weit so gut. Lassen wir den in der Rückschau wenig sinnvoll – und erfolglos – erscheinenden Plan L’Rells mal aus der Wertung.

In diesem Twist zeigte sich der Wille zu langer Vorplanung. Außerdem musste man die liebgewonnene Figur des Tyler dafür nicht brechen. Er blieb bis zum Schluss der Mann, den wir kannten – nur versehen mit einem Layer, der neu und interessant war.

Bei diesem Twist gab es wie erwähnt jedoch andere Probleme: Die Fans und das Internet. So hatte man bei CBS den Schauspieler Shazad Latif zunächst als Kol angekündigt und war später auf die Figur des Ash Tyler umgeschwenkt. Der Klingone Voq wurde dann von einem Darsteller gespielt, der nie für die Serie in Erscheinung trat (ganz im Gegensatz zum restlichen Cast, der die sozialen Netzwerke flutete). Dieser Javid Iqbal hatte ein minimalistisches und nagelneues Profil bei der Internet Movie Database und es gab keine Fotos von ihm ohne Voq-Make-up – geschweige denn eine Wikipedia-Seite oder Ähnliches. An dieser Stelle hatten die Produzenten es schlicht mit Pech zu tun. Irgendwer bemerkte die Merkwürdigkeiten, roch den Braten und stieß eine Theorie an, die sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Was wenn Tyler eigentlich Voq ist? Das Problem war danach gar nicht das Rätselraten, sondern die Tatsache, dass diese (korrekte) Enthüllung im Internet weit vor der in der Serie lag. Nun muss man zugestehen, dass der Großteil der Zuschauer keine Fanforen oder Ähnliches liest. Dennoch versandete der eigentlich starke Twist durch diese Unachtsamkeiten und erwähntes Pech leider für eine gewichtige Portion der Fans. Gut war die Idee dennoch.

Georgiou forever end ever: Zwei Twists zum Preis von einem

Michelle Yeoh alias Phillippa Georgiou hatte in den ersten beiden Episoden den Part der Mentorin Burnhams und den des Captains der USS Shenzou übernommen. Ihr Verlust und der damit verbundene Verrat sollten für Michael Burnham eine schwere Prüfung sein. Wie die Geister der Weihnacht hätte Georgiou ihre Ziehtochter immer wieder in Gedanken oder Träumen einholen können.

Leider jedoch wünschten sich die Produzenten, Michelle Yeoh weiter im Boot behalten. Wie bei vielen anderen Gelegenheiten wollten sie den Kuchen essen und dennoch behalten. So verfielen sie auf einen sehr vorhersehbaren Twist und machten Georgiou zur Imperatorin im Spiegeluniversum. Dieser Zug bot der Schauspielerin zwar die Gelegenheit, die Figur noch einmal vollkommen anders anzulegen, man verwässerte aber leider auch die Tragik des Verlustes seitens Burnham.

Den zweiten Twist mit Georgiou brachte man dann, als man der verdutzten Brückencrew erklärte, man hätte den richtigen (und verstorben geglaubten) Captain aus der Gefangenschaft befreit und ihr nun das Kommando über die Mission übergeben. Dieser Cliffhanger hatte im Nachhinein jedoch gar keinen Sinn, da Burnham Georgiou auf Qo’noS laufen ließ und in eine ungewisse Zukunft verabschiedete. Erneut wollten die Autoren den Kuchen essen und behalten. Doch wie würde man das nun der Crew der Discovery erklären? Im Einsatz verstorben? Oder klärt man sie doch noch auf? Was sollte die Aktion am Ende dann eigentlich? Man hätte die Imperatorin doch auch heimlich mit Burnham & Co losschicken können. Wenn es einen Twist gab, der jeder Grundlage basierte, dann dieser zweite rund um Georgiou.

USS Enterprise

Die große Dame USS Enterprise: Verheizt an der falschen Stelle?

Die letzte Episode war fast beendet und eigentlich konnte man sich bereits auf eine zweite Staffel freuen. Der Tisch war gedeckt, die Gäste bereit. Doch leider trauten die Produzenten und Autoren ihrem eigenen Braten, den sie so sorgsam zubereitet hatten, nicht über den Weg und holten lieber noch ein paar Burger von der Fastfood-Kette um die Ecke. Wem der Vergleich zwischen der USS Enterprise und Burgern nun die Zornesröte ins Gesicht treibt, darf sich beruhigen. Die Burger sind in diesem Fall nur Sinnbild für einen an dieser Stelle überflüssigen Twist und Cliffhanger. Die Enterprise spielte bisher keine relevante Rolle in der Serie und hatte an all dem Treiben nicht teilgenommen. Nun im letzten Momente eine Notsituation aus der Schublade zu holen, die uns ein Zusammentreffen der beiden Schiffe ermöglichte, wirkte wie eine wahllos herangeklatschte Idee.

Glaubt man den Aussagen der Produzenten, haben sie sich vorab auch noch keine konkreten Gedanken gemacht, wie sie diese Situation aufzulösen gedenken. Vielleicht wird Spock gar nicht auftauchen (obwohl gerade die Verbindung zu seiner Halbschwester Michael Burnham so spannend wäre), vielleicht wird Pike nicht auftauchen, vielleicht gibt es auch Überraschungen und insgesamt wird man dann später erst mal sehen, was so daraus wird.

Keine Frage: Die USS Enterprise ist eine tolle Sache für uns Fans, an dieser Stelle der Handlung jedoch leider nur ein Gimmick. Man wirft noch schnell einen Köder hin, falls das Produkt zuvor nicht gereicht hat, um bei der Stange zu halten. Schade.

Opfer der Reizüberflutung

Fast möchte man an dieser Stelle den Produzenten zurufen: Vertraut doch bitte euren Ideen! Die Serie sollte vom Krieg gegen die Klingonen handeln sowie die Geschichte Michael Burnhams und das Zusammenwachsen der Crew zeigen. Außer im Falle Burnham passierte dabei jedoch insgesamt zu wenig. Der Krieg zerfaserte und hatte nie eine wirkliche Bedeutung und viele Figuren ließ man lange im Dunkeln oder schrieb sie nicht konsequent genug.

Hätte man sich auf das konzentriert, was zu Beginn auf dem Teller lag, wären viele Haken allerdings gar nicht nötig gewesen und das Gesamtwerk hätte mehr Gewicht erhalten.

Im Moment wirkt es so: Die Macher und die Serie selbst wollen einfach nur spielen. Hier ein Twist, da ein Todesfall, hier eine Nebelkerze, da ein Aha-Erlebnis. Man verschleierte den Kern der Serie mit Schauwerten und verwässerte somit das, was man eigentlich hatte erzählen können.

Nehmen die Produzenten dieses Vorgehen als Experiment und ziehen sie daraus die richtigen Schlüsse, könnte die Zukunft jedoch in die richtige Richtung gehen.

Für die zweite Staffel ist nämlich erneut alles angerichtet. Der Tisch ist gedeckt, viele Fans sind bereit sich hinzusetzen. Vertraut euch und eurer Kreation, liebe Macher. Wir möchten keine billigen Burger. Gebt uns das, was ihr im stillen Kämmerlein hervorzaubert. Gebt uns Herz, Hirn und eine Message. Verpackt es weiterhin so bunt, unterhaltsam und modern und macht am Ende auch gerne noch ein Twist-Schleifchen drum. Weniger ist aber mehr. Wir sind bereit! Vertraut Star Trek!

 

Autor, Journalist & Podcaster Björn Sülter ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, Robots & Dragons und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

Noch dieses Jahr erscheint sein Buch "Es lebe Star Trek", das von SYFY präsentiert wird - Informationen dazu gibt es zeitnah hier bei SYFY sowie auf seiner Homepage, bei Twitter oder beim Verlag in Farbe und Bunt.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie ausführlich jede Episode von Star Trek: Discovery. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er über das langlebige Franchise. Besucht gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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