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Star Trek: Discovery - Kanonparty oder Katerstimmung

Die erste Staffel der neuen Serie aus dem Star Trek-Universum hat aus verschiedenen Gründen für angeregte Diskussionen bei Fans und Kritikern gesorgt. Was geschieht aber, wenn man sie sich einzig und alleine unter dem Aspekt anschaut, wie gut sie in die bestehende Geschichte der anderen Serien und Filme passt? Das ist einen Blick wert, meint unser Star-Trek-Experte Björn Sülter.

Präsentiert von: Björn Sülter


Phase I: Wir müssen etwas aus dem Weg räumen

Verfolgt man das erste Mal ein paar Minuten der Serie und versucht, diesen Eindruck mit der Information in Verbindung zu bringen, dass man sich hier rein chronologisch zehn Jahre vor der Originalserie aus den 60er Jahren befindet, dürfte die Reaktion immer gleich ausfallen: Das passt doch gar nicht!

Nun gibt es Menschen, die realistisch und emotionsbefreit genug sind, ohne große Umschweife zu erkennen, dass das bei einer über 50 Jahre neueren Serie auch gar nicht anders zu erwarten war. Irgendwie beneidenswert, wenn das so einfach sein kann, oder?

Viele von uns Trekkies machen sich aber natürlich ein paar Gedanken mehr. Sie hätten es gerne, dass Kulissen, Uniformen, Abzeichen, Effekte und vor allem die Geschichten sich in das einpassen, was sie kennen. Ehrlicherweise war das jedoch im Detail nicht immer der Fall. Jeder neue Kreative brachte in den Serien oder Filmen seine eigene Note ein und traf diskutable Entscheidungen. Sei es aus Stur- oder schlichter Unwissenheit. Bringen wir es auf den Punkt: Gestört hat das langfristig eigentlich kaum jemanden.

Bei einem Prequel sieht die Sache aber natürlich ein wenig anders aus. Entscheidet man sich für diese Form der Erzählung, manövriert man sich bewusst in eine Ecke und verschärft die Parameter schon im Ansatz. Star Trek: Enterprise hatte mit diesem Umstand immer zu kämpfen und entsprach nur in wenigen Ausnahmen und gegen Ende dem, was man sich von der Grundkonzeption hatte erhoffen dürfen.

Mit Star Trek: Discovery entschied sich der ursprüngliche Macher Bryan Fuller trotzdem erneut dafür, mitten hinein in den Kanon der anderen Serien zu springen. Zudem an einen Zeitpunkt, der wieder vor den Abenteuern des Captain Kirk lag und somit vom visuellen Ansatz kaum zu meistern war.

Das Team der Serie machte es sich dahingehend dann auch einfach: Man warf die Bedenken großflächig über Bord und erschuf etwas, das man ohne mit der Wimper zu zucken als visuelles Reboot bezeichnen darf. Die Folge ist: Star Trek: Discovery passt einfach nicht richtig rein. Ende der Geschichte. Diesen Aspekt schluckt man entweder so wie unsere zuvor beschriebenen, tiefenentspannten Freunde, oder man wird vermutlich irgendwann verbittert ausschalten. Ich für meinen Teil habe mich für ersteres entschieden und werde Themen wie das Aussehen der Klingonen und anderer Spezies, die Uniformen, Holo-Kommunikation, Kulissen und das Äußere der Schiffe komplett außer Acht lassen.

Und wie die herrlich schrulligen Pakleds in der Episode „Samaritan Snare“ aus Star Trek: The Next Generation, begeben wir uns jetzt also gemeinsam auf die Suche. Auf die Suche nach Sachen, die uns voranbringen, um uns der Frage des Kanons dennoch zumindest ein wenig annähern zu können.

Phase II: Wir suchen (positive) Sachen

Man sollte es nicht glauben, doch die Liste der Kanonwürdigungen bei Star Trek: Discovery ist lang. So lang, dass man sie nur auszugsweise hier wiedergeben kann. Auf geht’s! Einen Albinoklingonen (Voq) sah man bereits in Star Trek: Deep Space Nine, das Raumschiff USS Shran könnte auf den aus Star Trek: Enterprise bekannten Andorianer hindeuten, Figuren wie Sarek, seine Frau Amanda Grayson oder Harry Mudd und Stella nahmen ganz konkret Bezug auf die klassischen Serien und auch Spezies wie die Klingonen, Tellariten, Andorianer oder Orioner haben wir bereits unzählige Male in den vergangenen 50 Jahren erleben können.  

Völlig abgedreht wurde es zudem bei Easter-Eggs wie dem Obelisken aus „The Paradise Syndrome“ der Classic-Serie, den wir in einer Montage während Burnhams kurzer Zeit im Sporenantrieb sahen. Auch die Erwähnung von Captain Robert April, der vor Captain Pike das Kommando über die USS Enterprise inne hatte, jedoch im Kanon nur in der Zeichentrickserie vorkam, brachte Freude.

Doch auch in Sachen Namedropping machte man von Beginn an keine Gefangenen: Namen und Begriffe wie Kahless, Donatu V, Gamma Hydra, Corvan II, Zephram Cochrane, Jonathan Archer, die NX-01, Matthew Decker, das Daystrom Institut, Wee Bairns Whiskey, T’Plana-Hath, Katra, Yridia, Betazed oder Alpha Centauri werden wohl den meisten Fans etwas sagen.

Somit steht außer Frage, dass der Autorenstab sich um Zusammenhänge bemüht und seine Hausaufgaben gemacht hat.

Phase III: Wir suchen (negative) Sachen

Eines vorweg: In diesem Bereich steckt nach nur einer Staffel eine Menge Spekulation. Niemand weiß, wie lange die Serie noch laufen wird oder was die Macher auf diesem Weg noch planen. Theoretisch könnten sie alles, was bisher noch widersprüchlich oder sogar falsch erscheint, jederzeit geradebiegen.

Dennoch werde ich die größten Brandherde kurz skizzieren.

Stamets wunderbare Welt der Sporen:

Es ist keine Frage, dass der Sporenantrieb eine kreative, spaßige Sache ist. Keine Frage ist es jedoch auch, dass er im Vergleich zu sonstiger Trek-Technik einen starken Fantasy-Einschlag mit sich bringt, der einer ganz Reihe technikaffiner Fans von Beginn an nicht schmeckte. Das größere Problem jedoch offenbarte sich erst im Verlauf der Staffel in vollem Umfang: Das Gerät ist genaugenommen nicht nur dazu geeignet, große Entfernungen im Nullkommanichts zurückzulegen, sondern dient auch zum Wechseln von Universen und als Zeitmaschine. An dieser Stelle schrillt bei vielen Zuschauern der Deus-Ex-Machina-Alarm. Bereits in Star Trek: Generations hatte man mit dem Nexus ein natürliches Phänomen eingeführt, das irgendwie alles konnte und die Fans spaltete. Hier verlegt man diese Wundermaschine jedoch nun sogar an Bord eines Raumschiffes der Sternenflotte und vor die Zeit von Kirk. Logisch, dass die Technik in den später spielenden Serien und Filmen dennoch nie Erwähnung fand. Es wird interessant zu sehen sein, wie die Autoren aus der Nummer wieder herauskommen wollen, vor allem, weil sie in der ersten Staffel jede Chance vertan haben, den Sporenantrieb für zu gefährlich zu erklären und direkt wieder einzumotten.

Spock, ich bin deine Schwester:

Im fünften Star Trek-Kinofilm erhielt Spock plötzlich einen Halbbruder, den er seinen Kameraden vorher immer verschwiegen hatte: Sybok. Ein kleiner Aufreger war das damals in Fankreisen schon, doch konnte man Spock auch durchaus abnehmen, dass er aus Scham oder Rücksicht auf Familienangelegenheiten geschwiegen hatte. Ihm nun jedoch noch eine weitere Halbschwester anzudichten, macht das Ganze irgendwie albern. Zugegeben: Plötzlich auftauchende Geschwister, verlorene Zwillinge und Schwippschwager sind in Hollywood (und auch außerhalb) wahrlich keine Seltenheit, jedoch oft auch Anzeichen von Faulheit der Autoren. Wie mit dem Sporenantrieb hat man hier ein Kanonfass geöffnet, das irgendwann angepackt werden muss. Angeblich haben die Produzenten in beiden Fällen etwas vorbereitet: Verharren wir gespannt, was sie dazu Cleveres im Köcher haben.

Dazu gibt es noch Themen wie die Offizierin Airiam (obwohl Data der erste Androide in der Sternenflotte war), bei der wir aber eben noch gar nicht genau wissen, was sie eigentlich ist oder wie die Klingonische Tarntechnik, um die es gleich mehrere Widersprüche zu geben scheint. Die Autoren haben es sich wahrlich nicht leichtgemacht. Die Ecke, in der sie aktuell stehen, ist dunkel und vollgepackt mit Herausforderungen. Werden Sie diese mutig anpacken oder lieber doch nur die Tür abschließen und sich davonstehlen? Wir behalten das im Blick und erfreuen uns derweil an den Diskussionen.

Phase IV: Wir resümieren

Star Trek: Discovery passt sich visuell bewusst nicht in den Kanon der klassischen Serien ein. Bereits bei Star Trek: Enterprise hatte man hier und da Kniffe vorgenommen, die eine Entwicklung hin zur USS Enterprise von Captain Kirk nicht völlig glaubwürdig machten. Dennoch hielt sich diese Serie immer sehr bedeckt, was große Brüche anging und zeigte stets ein Bemühen, Widersprüche und Fragen zumindest halbseiden zu erklären.

Diesem Zwang hat man sich beim jüngsten Kind des Franchise nicht mehr ausgesetzt. Als visuelles Reboot in der bestehenden Grundgeschichte findet die Serie ihren Platz und wird dadurch immer ein wenig aus dem großen Ganzen herausfallen. Rein inhaltlich lassen sich viele aufgeworfene Probleme zudem erst mit Abschluss der Serie bewerten.

Fakt ist, dass man an verschiedenen Fronten noch einiges an Arbeit hätte, wäre der Anspruch eine möglichst starke Annäherung an das, was wir als Kanon bezeichnen. Im Kleinen jedoch merkte man der Staffel immer wieder an, dass hier eine Gruppe von Autoren sehr wohl bemüht war, das zu ehren, was wir seit über 50 Jahren so lieben. Mancher mag das Anbiederung oder reines Namedropping nennen, unter dem Strich führt es jedoch vor allem zu einem: Vertrautheit und Kohärenz. Und das ist aller Ehren wert.

Den Rest besprechen wir dann in einigen Jahren, wenn auch diese Inkarnation den Weg ihrer Vorgänger gehen, und zum Teil der langen Geschichte dieser großartigen Erfindung namens Star Trek werden wird.

 

Viele weitere Gedanken von Björn Sülter zum Thema Star Trek, seine ganz persönliche Geschichte mit dem Franchise und viele Hintergrundinformation zu über 50 Jahren findet ihr ab Sommer in seinem Buch „Es lebe Star Trek“, das von SYFY präsentiert und im Verlag In Farbe und Bunt erscheinen wird. Das Buch wird schon in Kürze über Amazon und andere Kanäle vorbestellbar sein.

Autor, Journalist & Podcaster Björn Sülter ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, Robots & Dragons und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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