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Star Trek lehrt das Leben: Warum die Episode Darmok ein Vorbild sein muss

Heute um 19.25 Uhr läuft auf SYFY eine Star-Trek-Episode, die nicht nur zum besten gehört, was das langlebige Franchise zu bieten hat, sondern auch eine Botschaft sendet, die in der heutigen Welt wichtiger denn je ist. Unser Björn Sülter erklärt sein besonderes Verhältnis zur Episode und warum sie für ihn die Serie und Star Trek an sich perfekt definiert.

Star Trek

Präsentiert von: Björn Sülter


Es gibt Geschichten, die lange nachhallen. In diesem Fall hallen die Geschehnisse bereits 27 Jahren nach. 1991 lief die Episode Darmok in den USA, 1994 war das deutsche Publikum dran. Und auch heute kann man Trekkies mit den Sätzen „Darmok und Jalad auf Tanagra“ oder „Temba! Seine Arme weit!“ noch problemlos einfangen. Woran liegt das?

Die Story

Die USS Enterprise wird in das unbewohnte El-Adrel-System geschickt, um ein Schiff der sogenannten Kinder von Tama zu treffen. Diese scheinen die Region zu beanspruchen, leider war bisher jedoch noch keine Kommunikation mit der Spezies möglich. Das Problem: Die Tamarianer sprechen eine Sprache, die niemand versteht.

Nachdem der erste Versuch einer Verständigung zwischen Picard und Dathon, dem Captain des anderen Schiffes, ebenfalls misslingt, werden beide Anführer plötzlich auf den nahen Planeten gebeamt. Die Crew der Enterprise bleibt ratlos zurück, ohne ihren Captain zurückholen zu können…

"Our situation is analogous to knowing the grammar of a language, but none of the vocabulary." (Data)

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Powerhouse

In vielerlei Hinsicht haben wir es hier mit essentiellem Star Trek zu tun. Das Drehbuch kombiniert einen relevanten Ansatz (Kommunikationsprobleme) mit einem Kernthema der Serie (Verständigung) und bringt den Captain in eine Situation, die ihm Kreativität, Empathie und das Sprengen gedanklicher Grenzen abfordert.

Wer könnte das auch besser? Captain Picard ist ein ausgewiesener Diplomat und kann mit Worten umgehen, wie nur wenige seiner Kollegen. Dennoch gelingt auch ihm zu Beginn kein Ansatz einer Verständigung. So überfordert er zunächst mit der ungewöhnlichen Situation wirkt, so hoffnungsvoll bleibt er dabei.

"In my experience, communication is a matter of patience, imagination. I would like to believe that these are qualities that we have in sufficient measure." (Picard)

Nach Picards Verschwinden ändern sich die Vorzeichen jedoch und wir erhalten verschiedene Brennpunkte. Die Crew philosophiert und spricht über die Situation, was ebenfalls einen wichtigen Schritt darstellt. Troi übernimmt dabei die Führung und sucht nach Ansatzpunkten in der Geschichte der Menschheit. Dass sie dadurch später die Bildsprache der Tamarianer versteht und beispielsweise Julia auf dem Balkon als Beispiel zitiert, ist umso schöner, da Troi bekanntlich kein Mensch ist. Ihr wird hier die so wichtige offene Geisteshaltung zugeschrieben, die für Sternenflottenoffiziere elementar sein sollte.

"Imagery is everything to the Tamarians. It embodies their emotional states, their very thought processes. It's how they communicate and it's how they think." (Troi)

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Riker und Worf hingegen erhalten die undankbare Rolle der Kriegstreiber. Das wäre jedoch gar nicht in dieser Form nötig gewesen und lässt beide in einem ungünstigen Licht dastehen.

"Despite the risk of war, I have no choice but to break the stalemate." (Riker)

Dennoch muss man sich vor Augen halten: Der erste Offizier hat eine Verantwortung für seinen Captain und ist an dieser Stelle schlicht angstgetrieben. Ein im Ansatz nachvollziehbares Verhalten, das vielleicht illustrieren soll, warum die Kontakte zwischen beiden Völkern bisher immer fehlgeschlagen sind.

Am wichtigsten ist aber ohnehin die Person des Picard auf der Oberfläche. Dieser ist nicht nur von der Kommunikation abgeschnitten, sondern auch in Gefahr. Der Captain der Tamarianer hantiert mit Waffen und ein Monster taucht immer wieder auf. Läuft das Ganze etwa auf einen Zweikampf zweier Anführer bis zum Tode hinaus?

Picard bleibt nichts anderes übrig, als sich in vollem Umfang auf das ungewöhnliche Szenario einzulassen. Dabei realisiert er schnell, dass sein vermeintlicher Kontrahent nicht im Geringsten an einem Kampf interessiert ist, sondern nur verzweifelt versucht, die Barriere der Sprache einzureißen, um einen neuen Status Quo zu erreichen, der den beiden Spezies zukünftig eine Zusammenarbeit ermöglichen soll. Dathon hat eine Vision, begibt sich dafür in Gefahr und riskiert zudem das Wohl seines Gegenüber. Verzweiflung? Nein! Hoffnung.

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Als Picard den Plan zu verstehen beginnt, machen die beiden endlich Fortschritte. Der Durchbruch kommt allerdings erst, als der Tamarianer durch das Monster verletzt wird. Schließlich landen sie gemeinsam am Lagerfeuer, was zur mitreißendsten Szene der Episode führt. Dathon möchte, dass sein Kollege ihm etwas erzählt, doch fühlt sich Picard in der Rolle des Märchenonkels zuerst nicht wohl und meint, bestimmt nicht alles korrekt zusammenzukriegen. Das ist aber natürlich gar nicht der Punkt.

Als Dathon fast aufgeben will, realisiert Picard, dass es gar nicht darauf ankommt, ob sein Gegenüber alles versteht, er möchte einfach nur eine Geschichte hören. Also erzählt Picard mit Händen und Füßen und schenkt seinem neuen Freund einen friedlichen und glücklichen Tod. Das Opfer war nicht umsonst, der erste Schritt ist gemacht.

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Unsterblich

So stirbt der Captain der Tamarianer im Rahmen einer äußerst bewegenden Szene, die Patrick Stewart ein weiteres Mal die Möglichkeit zu einer Gänsehaut-Performance bietet. Doch die Hoffnung wurde in diesem Moment ohnehin erst frisch geboren. Zwei Männer haben bewiesen, was elementar für das friedliche Miteinander vollkommen gegensätzlicher Lebewesen ist: Vorurteilsfrei aufeinander zuzugehen und die Unterschiede nicht als Bürde, sondern als Chance zu begreifen.

"Now the door is open between our peoples. That commitment meant more to him than his own life." (Picard)

Somit lässt sich die Handlung auf eine universelle, doch so gnadenlos simple Botschaft herunterbrechen, die uns hier eindrücklich vor Augen geführt wird: Verstehen ist Versuchen.

Picard und Dathon haben zwar keine Riesenschritte im Verhältnis zwichen den beiden Völkern gemacht, aber die Tür geöffnet und somit etwas erreicht, was vorher lange undenkbar schien. Bitter ist natürlich, dass einer der beiden sein Leben dafür lassen musste. Doch ist es eben im Zweifelsfall vorzuziehen, für die richtige Sache zu sterben, als für die falsche zu leben. Unsterblich hat sich der tamarianische Captain durch seinen selbstlosen Akt ohnehin gemacht und wird Picard in seinen Gedanken sicher ein Leben lang begleiten.

"Darmok, and Jalad ... on the ocean." - "Darmok and Jalad ... they left together." (Dathon und Picard)

Für uns bleibt – wie so oft in Star Trek –, etwas für unser Leben mitzunehmen und im Kleinen daran zu arbeiten, dass es jeden Tag ein wenig besser wird.

In einer Welt der Drohgebärde, Abwertung anderer Lebensweisen und dem unerträglichen Hass auf alles, was wir nicht verstehen, müssen Botschaften wie diese bestehen bleiben. Schade, dass einige unserer politischen Anführer nicht häufiger zum Star-Trek-Schauen verdonnert werden können.

"New friends, captain?" - "I can't say, Number One ... but at least they're not new enemies." (Riker und Picard)

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Schlussbemerkung

Man kann es kaum glauben, aber Darmok wäre um ein Haar nie entstanden. Der damalige Franchise-Chef Rick Berman hatte für die Grundidee zur Episode überhaupt nichts übrig. Philip LaZebnik (der bereits das grausame Devil’s Due/Der Pakt mit dem Teufel verbrochen hatte), war für die Outline zuständig gewesen. Der viel zu früh gestorbene Michael Piller (der immer ein sehr verlässliches Gespür für gute Geschichten besaß) mochte die Idee allerdings sehr und beauftragte Joe Menosky mit einer weiteren Ausarbeitung, was letztlich auch zum Zuschlag führte.

Menosky war in der vierten Staffel zur Serie gestoßen und hatte damit eine lange Verbindung zu Star Trek begründet. Er lieferte einige wunderbare Stoffe für Star Trek: The Next Generation (Clues/Beweise, In Theory/Datas erste Liebe, Time’s Arrow/Gefahr aus dem 19. Jahrhundert), Star Trek: Deep Space Nine (Time’s Orphan/Das Zeitportal) und insbesondere für Star Trek: Voyager (Scorpion/Skorpion, Year of Hell/Ein Jahr Hölle, Timeless/Temporale Paradoxie, Latent Image/Verborgene Bilder, 11:59/23:59).

Für Star Trek: Discovery war er zuletzt für eine der besten Episode der ersten Staffel zuständig: Lethe. Umso trauriger, dass er sich offenbar im Autorenstab nicht wohl fühlte, seine Zelte abbrach und nun – was definitiv ein Grund zur Freude ist – an The Orville mitarbeitet. Warum es nicht gelungen ist, einen Mann wie Menosky zu halten, der wie kaum ein anderer trekkige Inhalte und Figuren versteht, bleibt ein Rätsel. Er wird Star Trek in jedem Fall fehlen.

Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.

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Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie die jüngst gestartete Fernsehserie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

Das Buch enthält Illustrationen von Ralph Sander (Das Star Trek Universum) sowie Kommentare zu den verschiedenen Serien von Mike Hillenbrand (TREKminds, 40 Jahre Star Trek), Christian Humberg & Bernd Perplies (Star Trek: Prometheus), Lieven L. Litaer (Der kleine Prinz auf Klingonisch) und Ralph Sander (Das Star Trek Universum). Hinzu kommen O-Töne von Thorsten Nobst zur Synchronisation von Star Trek: Discovery und ein Interview mit dem deutschen "Mr. Star Trek" Gerhard Raible (Trekworld Marketing).

Das Buch ist bei Amazon und vielen anderen Händlern erhältlich.

Es lebe Star Trek


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