News /

Star Trek Short Treks: Rezension zur Episode "Calypso"

Im zweiten Short Trek namens Calpyso treffen wir auf ein wohlbekanntes Schiff, eine unbekannte Figur und eine KI sowie ein mehr als rätselhaftes Setting. Pulitzer-Preis-Träger Michael Chabon liefert mit diesem Mix ein kleines Highlight ab, wie unser Star-Trek-Experte Björn Sülter findet.

Short Trek

Präsentiert von: Björn Sülter


CBS veröffentlichte vergangene Woche über ihr Streamingportal CBS All Access Calypso, die zweite von vier Episoden der sogenannten Short Treks, die uns die Wartezeit auf die zweite Staffel von Star Trek: Discovery verkürzen sollen. Die Fans in den USA und in Kanada hat man bereits versorgt. Für Europa steht eine Information bezüglich der Verfügbarkeit noch aus. Wir halten euch dazu auf dem Laufenden.

Faktencheck

Die zweite Episode verzichtet komplett auf bekannte Figuren. Einzig das Setting dürfte den Fans entgegen ersten Eindrücken sehr bekannt vorkommen: Es handelt sich um die USS Discovery, allerdings menschenleer und 1000 Jahre in der Zukunft! Der von Aldis Hodge gespielte Craft befindet sich nach dem Versagen seines eigenen Gefährts an Bord des ihm unbekannten Schiffes. Da dieses jedoch komplett verlassen ist, muss er sich mit einer künstlichen Intelligenz herumschlagen ...

Short Treks

Mit diesem zweiten Short Trek feiert ein spannender Name sein Debüt in Sachen Trek. Michael Chabon wurde bereits früh als einer der Autoren der Reihe benannt. Er gewann für sein Buch The Amazing Adventures of Kavalier & Clay den Pulitzer-Preis und gilt als Trekkie. An der Story schrieb ebenfalls noch Sean Cochran mit, der bereits während der ersten Staffel zum Autorenstab der Serie gehörte und die starke Episode Despite Yourself abgeliefert hatte. Chabon wird übrigens auch als einer der Produzenten der neuen Picard-Serie fungieren. Auch Regisseur Osunsanmi ist bereits ein kleiner Veteran der Serie, führte bei The Butcher's Knife Cares Not for the Lamb's Cry und What’s Past Is Prologue Regie, wurde zur zweiten Staffel zum Executive Producer befördert und soll in Toronto vor Ort die Regisseure anleiten.

Die Zukunft, das unentdeckte Land

Bei den Short Treks handelt es sich um ein Format, das andere Serien schon seit geraumer Zeit praktizieren – oft im Bereich der Webisodes. Für Star Trek ist die Art der Erzählung allerdings etwas Neues. Und nicht nur das: Michael Chabon ging auch direkt einen vollkommen neuen Weg für Star Trek. Er verwendete zwar das aus der ersten Staffel bekannte Schiff, stellte ansonsten aber alles auf den Kopf. Die Besatzung ist verschwunden, wir befinden uns ein Jahrtausend in der Zukunft und der Schiffscomputer hat eine sehr fortschrittliche Form der künstlichen Intelligenz erreicht und nennt sich Zora.

Somit haben wir es genau gemommen eher mit einer Episode zu tun, die gut in eine Serie wie The Twilight Zone oder Black Mirror passen würde. Auf die Fragen, was mit der Crew geschehen ist, wieso das Schiff tausend Jahre lang alleine in einem Sturm treibt und wie es um die Föderation zu dieser Zeit bestellt ist, erhalten wir nämlich keine Antworten. Das Setting bildet nur die Bühne; tanzen müssen die beiden Hauptfiguren. Und das tun sie auch - metaphorisch gesprochen, wie auch in der Realität.

Diese beiden Hauptfiguren sind Craft (Aldis Hodge), ein Soldat von Alcor IV, der auf dem Weg nach Hause ist und nichts sehnlicher möchte, als seine Frau und seine Tochter wiederzusehen und Zora, die künstliche Intelligenz der Discovery. Zora (Annabelle Wallis) kümmert sich um den verletzten und geschwächten Mann und umsorgt ihn. Die KI des Schiffes liest dem Neuankömmling jeden Wunsch von den Augen ab, bis dieser realisiert, dass er etwas zurückgeben möchte. Zu diesem Zeitpunkt entwickelt sich mehr zwischen den beiden. Craft nutzt die Zeit und lernt Tanzen, um seiner Gefährtin eine Freude zu machen. Diese liebt den Film Funny Face mit Fred Astaire und Audrey Hepburn. So nimmt Zora schließlich menschliche Form an, als Craft auf der Brücke einen Tanz aus dem Film mit ihr nachspielen möchte. Das perfekte Date? An dieser Stelle realisiert der Ex-Soldat jedoch auch, dass er dabei ist, eine Linie zu überschreiten. Craft ist kurz davor, sich in Zora zu verlieben, kann und will aber letztlich doch nicht gegen die Erinnerung an seine Familie ankämpfen. Geschockt verlässt er die Brücke.

Er und Zora realisieren, dass es keine Zukunft für sie auf der Discovery gibt. Wie die traurige und doch liebenswerte KI ebenfalls sein Dilemma versteht und bereitwillig auf ihre Liebe verzichtet, sorgt für bittersüße Momente, die Chabon mit starken Dialogen und die beiden Darsteller mit einer wunderbaren Leistung zum Leben erwecken. Überhaupt: Wie Annabelle Wallis nur durch ihre Stimme derart viele Emotionen zu transportieren in der Lage ist, kann man nicht häufig genug lobend erwähnen. Den Höhepunkt der Episode bildet schließlich der Moment, als Craft Zora dafür dankt, ihn an seine Menschlichkeit erinnert zu haben (welch Ironie!) und Zora ihm - ganz nach dem Brauch auf seiner Heimatwelt, wo Liebende sich einen Namen fürs Leben geben - "Funny Face" auf die Shuttletür schreibt. Tiefe Emotionen, dargebracht in 16 Minuten. Eine beachtliche Leistung!

Auch die weiteren Themen, die sich unter der Oberfläche befinden, fügen sich kompetent ein. So hat Craft auf das Heranwachsen seines Kindes verzichtet und zehn Jahre verpasst, um am Ende nicht einmal zu wissen, wer den Konflikt gewonnen hat, für den er gekämpft hat. Auch die Tatsache, dass Zora zu Beginn den Turing Test besteht und davon amüsiert zu sein scheint, gefällt außerordentlich gut. Kleine Easter-Eggs fügt Chabon ebenfalls noch ein. So kennt Craft den Begriff "Dienstag" nicht, was zur Frage "Whats a Tuesday?" führt. Eine Anspielung auf die wiederholte Aussage von Captain Harriman in Star Generations, dass jedes wichtige Teil des neuen Schiffes erst Dienstag eingebaut wird?

Vorbilder

Ein wenig fühlen sich Kinofreunde sicher an den Film Passengers von 2016 erinnert, in dem Chris Pratt sich eine Mitreisende aufweckte, um nicht mehr alleine auf dem Raumschiff zu sein. Dennoch geht die Inspiration für die Geschichte um Craft und Zora natürlich viel weiter zurück. Der Titel der Episode Calypso verrät es schon. In der griechischen Mythologie ist Calypso eine Nymphe, die auf der Insel Ogygia lebt. In Homers Odyssee hält sie Odysseus dort gefangen, um ihn zu ihrem unsterblichen Gemahl zu machen. Hier ist es Zora, die tausend Jahre alleine auf der Discovery verbracht hat und sich nach Gesellschaft sehnt.

Chabon geling somit durch kleine Kniffe ein frischer Ansatz der bekannten Geschichte, den er zudem mit glaubhaften Emotionen unterfüttert. Seine Darsteller sowie Regisseur Osunsanmi und Komponist Jeff Russo erledigen den Rest. Viele Fragen bleiben am Ende offen: Was wird aus Craft? Was hat es mit seinem Tattoo auf sich und steht es vielleicht in Zusammenhang mit der übergeordneten Handlung der zweiten Staffel von Star Trek: Discovery? Was geschieht mit Zora und der Discovery? Werden wir beide wiedersehen? Chabon soll angeblich sehr daran interessiert sein, aktuell gibt es aber offenbar keine konkreten Pläne. So bleibt Calypso letztlich ein rührendes Kleinod, das auf dem großen Spielfeld des Trek-Kanon agiert, ohne ihn aber eigentlich zu benötigen.

Was macht uns menschlich? Solange Star Trek derartige Fragen noch stellt und auf diese Weise mitreißend beantwortet, ist das Franchise noch lange nicht am Ende.

Short Trek

Fazit

Calypso ist die beste Star-Trek-Episode seit dem 19. November 2004 und somit seit fast genau 14 Jahren. Damals lief auf UPN The Forge aus der vierten Staffel von Star Trek: Enterprise und somit der Höhepunkt der Staffel und auch eindeutig einer der Serie. Damals am Ruder: Das Ehepaar Reeves-Stevens, die auch abseits vom Fernsehen im Bereich der Literatur auf sich aufmerksam machen konnte. Eine eindeutige Parallele: Hier ist es der Pulitzer-Preisträger Michael Chabon, der in nur fünfzehn Minuten das komplett Emotionsspektrum abbildet und eine zwar bekannte, aber auch wunderbar an das Trek-Setting angepasste Geschichte erzählt.

Keine Frage: Die Kurzgeschichte ist die schwierigste Form der Erzählung. Das Gleiche gilt auch für die Short Treks: Im ersten Versuch Runaway rund um Ensign Tilly hatte man das Gefühl, eine Standard-B-Handlung ohne A-Handlung zu erleben. Chabon komprimiert seine Geschichte hier nun jedoch perfekt, baut zwei Figuren meisterhaft auf und führt das Ganze auch noch vollständig und maximal anrührend zu einem angemessen Ende. Wenn er diese Qualität auch in die neue Picard-Serie einbringt, haben wir Trekkies eine ganze Ecke Sorgen weniger.

Das abschließende Motto zu diesem wunderschönem Short Trek liefert heute Meat Loaf: There's not a dry eye in the house. Jemand ein Kleenex?

Ausblick: The Brightest Star

In einem Monat geht es weiter mit den Short Treks. Am 6. Dezember liefert das aus der ersten Staffel bekannte Autorenduo Bo Yeon Kim & Erika Lippoldt (Into the Forest I Go) unter der Regie von Douglas Aarniokoski (Lethe) die dritte Episode The Brightest Star ab. Dort präsentiert man uns dann die Vorgeschichte des beliebten Kelpianers Saru (Doug Jones), der vor seiner Zeit auf der Discovery ein einfaches Leben auf seiner Heimatwelt Kaminar führte.

Das Team aus den beiden Autorinnen und Regisseur Aaniokoski verspricht im Zusammenspiel mit dem wunderbaren Doug Jones eine erfreuliche Episode. Sowohl Into the Forest I Go, als auch Lethe hatten vollständig überzeugen können und gehörten zu den Höhepunkten der ersten Staffel.

Short Treks

Buchtipp: SYFY präsentiert das umfassendste Sachbuch zu Star Trek in deutscher Sprache - jetzt auch als E-Book!

Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie die jüngst gestartete Fernsehserie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

Das Buch enthält Illustrationen von Ralph Sander (Das Star Trek Universum) sowie Kommentare zu den verschiedenen Serien von Mike Hillenbrand (TREKminds, 40 Jahre Star Trek), Christian Humberg & Bernd Perplies (Star Trek: Prometheus), Lieven L. Litaer (Der kleine Prinz auf Klingonisch) und Ralph Sander (Das Star Trek Universum). Hinzu kommen O-Töne von Thorsten Nobst zur Synchronisation von Star Trek: Discovery und ein Interview mit dem deutschen "Mr. Star Trek" Gerhard Raible (Trekworld Marketing).

Das Buch ist bei Amazon und vielen anderen Händlern erhältlich. Ab 14. November 2018 endlich auch als E-Book erhältlich!

Es lebe Star Trek

Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch "Es lebe Star Trek" ist im Oktober der Auftakt seiner Jugendbuchreihe "Ein Fall für die Patchwork Kids" erschienen. Im Dezember liefert er mit "Beyond Berlin" seine erste eigene Science-Fiction-Reihe ab.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


Tags: Star Trek: Discovery   Star Trek   Star Trek: Short Treks   Runaway   Star Trek: Lower Decks