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Star Trek Short Treks: Rezension zur Episode "Runaway"

Endlich geht es wieder los: Mit den sogenannten Short Treks möchte man uns für die zweite Staffel von Star Trek: Discovery anfixen. Da unser Star-Trek-Experte Björn Sülter als großer Tilly-Fan gilt, dürfte das mit der ersten Folge problemlos gelungen sein - oder?

Star Trek

Präsentiert von: Björn Sülter


CBS veröffentlichte gestern über ihr Streamingportal CBS All Access Runaway, die erste Episode der sogenannten Short Treks, die uns die Wartezeit auf die zweite Staffel von Star Trek: Discovery verkürzen sollen. Die Fans in den USA und in Kanada hat man bereits versorgt. Für Europa steht eine Information bezüglich der Verfügbarkeit noch aus - hört man jedoch etwas genauer hin, gilt es als sehr wahrscheinlich, dass auch die deutschen Fans die vier kurzen Filmchen noch vor der zweiten Staffel im Januar 2019 erleben werden. Wir halten euch dazu auf dem Laufenden.

Faktencheck

Die erste Episode brachte uns ein Wiedersehen mit Mary Wiseman und ihrer Figur der Sylvia Tilly. Die Episode spielt an Bord der USS Discovery und zeigt uns, wie Tilly auf einen unerwarteten Besucher trifft, der ihre Hilfe benötigt. Doch scheint diese zunächst ungleiche Paarung deutlich mehr gemeinsam zu haben, als man auf den ersten Blick annimmt. Interessant war bereits bei der Ankündigung, dass man Tilly explizit als Ensign (Fähnrich) bezeichnete, was die Episode eindeutig nach dem Finale der ersten Staffel ansiedelte. Verändert hat die liebe Tilly sich in jedem Fall nicht besonders (abgesehen von ihrem nun fehlenden Muttermal).

Short Treks

Die Story und das Drehbuch stammen von Jenny Lumet und Franchise-Chef Alex Kurtzman. Lumet ist die Tochter von Sidney Lumet und fiel zuletzt durch ihre Mitarbeit an The Mummy mit Tom Cruise eher nicht sehr positiv auf. Auch dort hatte sie unter anderem mit Kurtzman an der Story gearbeitet. Sie wurde zum Start der zweiten Staffel von Star Trek: Discovery zunächst als Consulting Producer geführt, schließlich aber sogar zum Co-Executive Producer befördert. Die Regisseurin Maja Vrvilo hat schon an Elementary, Prison Break, Person of Interest, Gotham und Hawaii Five-0 gearbeitet. Beide feiern ihr Trek-Debüt.

Kurz, aber ganz hübsch

Bei den Short Treks handelt es sich um ein Format, das andere Serien schon seit geraumer Zeit praktizieren – oft im Bereich der Webisodes. Große Sprünge waren bisher jedoch eher selten zu vermelden. Zu sehr engte das Zeitfenster die Macher ein, zu wenig war dadurch inhaltlich möglich. Selbst eine zehnteilige Geschichte wie die aus Stargate Origins scheiterte an so vielen Faktoren, dass am Ende nur ein undefinierbares Sammelsurium aus losen Ideen herauskam.

Für Star Trek ist die Art der Erzählung allerdings tatsächlich etwas Neues. Mit der Tilly-Episode Runaway wagte man sich in dieser Woche mutig voran und präsentierte im Kern eine typische Trek-Geschichte, die als Teil der Haupthandlung in vielen Abenteuern der Vergangenheit gut funktioniert hätte.

Diese Anmerkung bringt uns dann auch direkt zum ersten Punkt in der Bewertung: Runaway atmet den Geist des Bekannten und Bewährten. Stilistisch ist die Episode stark von den 1990er-Jahren geprägt, was entweder Zufall sein kann, oder ein Vorwegweiser auf die zweite Staffel der Serie, in der man dem Vernehmen nach ein wenig mehr zum klassischen Star Trek zurückkehren möchte.

In einer großen Themenepisode aus Star Trek: The Next Generation wäre dies beispielsweise der ideale B- oder C-Plot für einen Charakter wie Wesley Crusher gewesen, um die Aussage der Haupthandlung zu unterstützen und abzurunden. Doch reicht das auch ohne das Futter einer übergeordneten Erzählung? Das hängt – wie so oft – ein wenig vom Anspruchsdenken ab.

Rein inhaltlich bewegt man sich im Schweinsgalopp durch das, was man dem geneigten Zuschauer mitteilen möchte. Tillys Dilemma wird angerissen, sie trifft auf eine Außerirdische, lernt diese etwas besser kennen, die beiden jungen Frauen verstehen ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten, es gibt eine kleine Enthüllung und die Besucherin darf nach Hause zurückkehren. Dass Tilly den Eindringling nicht meldet, die ganze Sache ohne Hilfe und Rücksprache durchzieht und somit sicher gegen diverse Protokolle verstößt, passt auf der einen Seite ziemlich gut zur Serie aus der Captain-Lorca-Ära und zum Verhalten von Tillys Mentorin Michael Burnham, sollte für die junge Frau aber besser nicht zur Gewohnheit werden. Wobei: Auch ein Wesley Crusher hätte vermutlich ähnlich gehandelt. So betrachtet ist das Element dann doch ebenfalls typisch Star Trek.

Ein anderer Gedanke wäre zudem, dass dies in gewisser Weise ein erster Schritt in Tillys Kommandotraining war. Sie hat die unerwartete Herausforderung angenommen und ohne Hilfe bereinigt. Das ist sicher nicht im Sinne ihrer Ausbilder, im Kern aber eine Erfahrung, die sie bereichern wird. Kobayashi-Maru für Anfänger sozusagen.

Mary Wiseman trug die Episode dann auch gut über die (kurze) Spielzeit, erhielt aber letztlich wenig tiefschürfendes Material zum Arbeiten. Sie blieb einfach weiterhin die nette, sympathische und etwas ausgeflippte Tilly aus dem ersten Jahr der Serie und bot routiniert ihr Repertoire auf.

Eine kurze Szene erhielt auch ihre Mutter (gespielt von Mimi Kuzyk), deren Darstellerin dabei jedoch sehr steif wirkte und nicht überzeugen konnte. Kuzyk ist eine kanadische Schauspielerin, die seit den 1980er-Jahren (Remington Steele, Love Boat, Hill Street Blues, L. A. Law) in Hollywood aktiv ist. Zu ihrer Vita gehören auch Auftritte in PSI Factor, Outer Limits, Quantum Leap, The L Word oder zuletzt in Designated Survivor und Shadowhunters. Die Kritik an ihrer Figur betrifft allerdings weniger ihre Kompetenz als Schauspielerin, als vielmehr das Material. So kann man an der Rolle nämlich verschiedene Probleme des Formats gut ablesen: Die Dialoge boten wenig Tiefe, die fehlende Zeit drängte die Darsteller zu einem unnötig atemlosen und emotionsfreien Gespräch und am Ende geriet die Resonanz beim Zuschauer gering. Wir erfuhren, dass Tillys Mum für ihre Tochter eher schwer zu ertragen ist und es ihr auch an Stolz und Anerkennung mangelt.

Mit dieser Information zeigt uns die Episode aber immerhin auch auf, dass die Figuren der Serie nicht in einem Vakuum existieren, sondern eindeutige Produkte ihrer Sozialisation sind. Wie auch bei Alara Kitan aus The Orville hat das Verhältnis zwischen Tilly und ihren Eltern sie zu der Frau gemacht, die sie ist: Im Guten wie im Schlechten. Ein guter, wichtiger Gedanke, der zwar sehr kurz kommt, aber nicht vergessen werden sollte.

Als dritte Figur erleben wir Yadira Guevara-Prip in der Rolle der Me Hani Ika Hali Ka Po. Man kennt die Darrstellerin bereits aus Serien wie Supernatural und Wayward Sisters. Die junge Mimin liefert eine gute Vorstellung unter überzeugendem Makeup und bietet im Zusammenspiel mit Wiseman ein schönes kleines Moralgeplänkel an. Es wäre fraglos nett, die Figur und ihren Heimatplaneten Xahia im Rahmen der zweiten Staffel wiederzusehen.

Abgesehen davon, ob die kleine Geschichte irgendeine spätere inhaltliche Relevanz besitzen wird, lernen wir aber nicht viel Neues über Tilly. Ihre Ängste in Bezug auf ein mögliches Scheitern im Kommandotraining überraschen uns nicht, auch ihre belastete Beziehung zu ihrer Mutter kommt nicht vollkommen unerwartet und wurde in der ersten Staffel schon angesprochen.

Der etwas alberne Nahrungsverteiler – der erneut eher an The Orville erinnert – erhielt einen weiteren Auftritt und erntete völlig zurecht einen bösen Blick von Tilly. Der Soundtrack von Jeff Russo verdient einen solchen Blick hingegen nicht, geriet zwar eher dezent, gefiel aber auch mit ein paar hübschen Momenten.

Somit ergänzen die rund 15 Minuten (inklusive Vorschau auf die die nächste Episode und Abspann) die Serie und die Figur nur rudimentär und dienen eher als etwas längerer Teaser. Neue Zuschauer wird das Format vermutlich nicht zur Serie bringen können, bei den bestehenden aber immerhin die Vorfreude ein wenig anheizen. Wenn das dem entspricht, was die Verantwortlichen sich vorstellen, haben wir es mit einem gelungenen, kleinen, ersten Bonbon für Fans zu tun. Für etwas Größeres fehlt ganz einfach die Zeit, die Tiefe und wenn man ehrlich ist auch frische Ideen.

Sucht man dennoch nach einer Message, lautet diese am Ende ganz eindeutig:

Eiscreme verbindet – und Zucker geht immer.

Star Trek

Ausblick: Calypso

In einem Monat geht es weiter mit den Short Treks. Am 8. November liefert Autor Michael Chabon gemeinsam mit Seasn Cochran und unter der Regie von Olatunde Osunsanmi die Episode Calypso ab. Dort präsentiert man uns dann einen noch unbekannten Charakter. Der von Aldis Hodge gespielte Craft befindet sich offenbar an Bord eines ihm und uns unbekannten Schiffes. Da dieses komplett verlassen zu sein scheint, muss er sich mit einer künstlichen Intelligenz herumschlagen. Im Trailer kann man verschiedene Kulissen erkennen, die jedoch keinem uns bekannten Schiff klar zuzuordnen sind. Um welches es sich handelt, erfahren wir aber sicher im November.

Michael Chabon wurde bereits früh als einer der Autoren der Short Treks benannt. Er gewann für sein Buch The Amazing Adventures of Kavalier & Clay den Pulitzer-Preis und gilt als Trekkie. An der Story schrieb ebenfalls noch Sean Cochran mit, der bereits während der ersten Staffel zum Autorenstab der Serie gehörte und die starke Episode Despite Yourself abgeliefert hatte. Chabon wird übrigens auch als einer der Produzenten der neuen Picard-Serie fungieren. Wer weiß: Vielleicht hat diese auf den ersten Blick losgelöste Geschichte ja etwas mit seinem anderen Projekt zu tun? Auch Regisseur Osunsanmi ist bereits ein kleiner Veteran der Serie, führte bei The Butcher's Knife Cares Not for the Lamb's Cry und What’s Past Is Prologue Regie, wurde zur zweiten Staffel zum Executive Producer befördert und soll in Toronto vor Ort die Regisseure anleiten.

Short Treks

Buchtipp: SYFY präsentiert das umfassendste Sachbuch zu Star Trek in deutscher Sprache

Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie die jüngst gestartete Fernsehserie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

Das Buch enthält Illustrationen von Ralph Sander (Das Star Trek Universum) sowie Kommentare zu den verschiedenen Serien von Mike Hillenbrand (TREKminds, 40 Jahre Star Trek), Christian Humberg & Bernd Perplies (Star Trek: Prometheus), Lieven L. Litaer (Der kleine Prinz auf Klingonisch) und Ralph Sander (Das Star Trek Universum). Hinzu kommen O-Töne von Thorsten Nobst zur Synchronisation von Star Trek: Discovery und ein Interview mit dem deutschen "Mr. Star Trek" Gerhard Raible (Trekworld Marketing).

Das Buch ist bei Amazon und vielen anderen Händlern erhältlich.

Es lebe Star Trek

Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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