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The Expanse & Co: Alle müssen sich hinterfragen!

Gerade noch ist die grandiose SF-Oper The Expanse dem Tod von der Schippe gesprungen. Dennoch stellt sich nicht erst seit dieser Absetzung die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Projekte. Fernsehsender, Produktionsfirmen und letztlich auch die Autoren müssen sich hier hinterfragen. Weitergehen kann es so jedenfalls nicht!

The Expanse

Präsentiert von: Björn Sülter


Es ist schon eine wunderbare Geschichte: Da schreiben die zwei Autoren Daniel Abraham und Ty Franck unter dem gemeinsamen Pseudonym James S. A. Corey die Romanreihe The Expanse und heimsen dafür nicht nur Preise wie den Hugo Award ein, sondern bekommen sogar noch einen Deal unterbreitet, der es möglich macht, dass ihre Reihe für den Fernsehschirm adaptiert wird.

Nun muss man wissen: Zu dem Zeitpunkt, als die Serie schließlich an den Start ging, waren bereits fünf Romane erschienen – und jährlich ging es danach noch weiter. Die Produzenten der Serie, Mark Fergus und Hawk Ostby, ließen es dennoch sehr ruhig angehen und adaptierten in ihrer aus zehn Episoden bestehenden ersten Staffel nur grob den ersten Roman und mischten hier und da Elemente des zweiten Buches darunter. Im gleichen Tempo ging es auch in der Folgezeit weiter, so dass man am Ende der dieses Jahr gelaufenen dritten Staffel auch erst knapp drei Bücher auf den Schirm gebracht hatte. Die Kritiker und Genrefans waren dennoch glücklich: Gerade in Sachen Worldbuilding und Charakterarbeit hatte man endlich mal wieder eine richtig feine Space-Oper gefunden, die sich zudem visuell gut machte.

The Expanse

Nun gibt es an wunderbaren Geschichten aber leider auch oft einen Haken: In den USA war SYFY nämlich mit den Einschaltquoten unglücklich und zog humorlos den Stecker. Blenden wir für einen Moment aus, dass Amazon nach einiger Zeit des Bangens just entschied, der Serie eine vierte Staffel zu gönnen und fragen wir uns: Was war der ursprüngliche Plan der Verantwortlichen mit dieser Serie, die SYFY-Boss Dave Howe damals als die ambitionierteste des Senders überhaupt bezeichnete? Wollte man ernsthaft neun bis siebenundzwanzig Staffeln produzieren, um die ganze Geschichte zu erzählen? Nicht nur, wenn man sich die normale Laufzeit einer Genre-Produktion anschaut, ist dieser Gedanke eher unwahrscheinlich. Was war also das Ziel? Es war vom ersten Tag an unrealistisch, den Stoff komplett auf die TV-Schirme zu bringen – besonders angesichts des mehr als entspannten Erzähltempos der Macher. Nun soll dies aber gar keine Kritik an der Dramaturgie der Serie sein – diese ist nämlich äußerst gelungen. Dennoch darf im Vorfeld einer solchen Produktion durchaus auch mal die Frage auftauchen, wie man die Fülle an Geschichte umzusetzen gedenkt. Und wenn an dieser Stelle die Vermutung naheliegt, dass man eben voraussichtlich keine neun plus X Staffeln zur Verfügung wird haben können, sind wir wieder am Anfang. Rotstift, Gaspedal oder das Ganze vielleicht doch lieber einfach sein lassen?

Bei den Fernsehsendern und Produktionsstudios herrscht in solchen Fragen offenbar immer noch eine Mischung aus Gleichgültigkeit und Naivität vor – dabei wäre es an der Zeit, komplexe Stoffe auf eine Weise zu adaptieren, die zumindest die Chance lässt, das Tempo anzuziehen und alles zu einem runden Ende zu bringen.

Die wenigsten Serien dürfen ihren Weg so konsequent gehen wie beispielsweise LOST (bei der nach der dritten Staffel ein klarer Dreijahresplan für das Ende entwickelt wurde) oder Game of Thrones, wo man aber auch sukzessive den Hype und die Fanbase steigern konnte. Dennoch sollte der generelle Anspruch sein, Fans nicht ständig wie heiße Kartoffeln fallen zu lassen. Hier wird seitens der Macher immer wieder verlangt, eine Beziehung zur Geschichte und den Figuren aufzubauen und einer Serie am besten linear im TV mit Werbung zu folgen, im Gegenzug erhält man aber ständig unfertige Werke, die zumeist auch noch in haarsträubenden Cliffhangern enden. Als Zuschauer fragt man sich zurecht: Nutzen die Autoren diese krassen Enden vielleicht sogar als Druckmittel gegen ihre Bosse? Liegt darin eine Sehnsucht und Hoffnung begründet? Oder ist denen vielleicht auch einfach alles egal – in erster Linie eben wieder die eigenen Zuschauer?

Die Wahrheit wird wie immer in der Mitte liegen.

Das Problem von The Expanse lag weder in der Qualität der Serie begründet, noch in der Liebe der Fanbase, noch in einer Ablehnung seitens der Kritiker. Das Problem war schlicht, dass das Konstrukt hinter den Kulissen reiner Blödsinn war. SYFY hatte nämlich leider nur die Rechte für die Ausstrahlung in den USA von Alcon Entertainment erwerben können – Netflix zeigte die Serie außerhalb der USA, Amazon Prime in den USA, Space und CraveTV in Kanada und Sky in Neuseeland. Somit hatten viele ein Stück vom leckeren Kuchen abbekommen, SYFY jedoch war ausschließlich auf die Auswertung im linearen TV angewiesen. Als diese Werte sanken, war Schluss. Eine verständliche Entscheidung, die SYFY kaum anders treffen konnte. Aber eben auch ein absehbares Scheitern – vorprogrammiert möchte man fast sagen.

Am Ende fehlt also oft nur eine Spur rechtzeitiges Nachdenken und ein guter Plan?

Bei Sense8 geschah vor Kurzem etwas Ähnliches. Netflix hatte die Serie der Wachowskis und des Babylon-5-Machers J. Michael Straczynski vollmundig als großes Prestigeobjekt beworben und bezeichnet – und dann trotzdem ohne Vorwarnung an die Autoren den Stecker nach dem zweiten Jahr gezogen. Klar: Die Serie war teuer und aufwändig. Aber das wusste man vorher, oder? Außerdem hätte man auch hier auf die Handlungsgeschwindigkeit einwirken können oder zumindest einen Wink geben müssen, das Ende halbwegs abgeschlossen zu gestalten. Schließlich ist eine Streaming-Serie nicht zwingend in der Pflicht, immer reißerische Cliffhanger zu produzieren – schon gar nicht, wenn eine Fortführung zumindest hinterfragt wird. Dass auch hier am Ende die Fans ein wenig jubeln durften, weil der große Streaming-Anbieter ein Herz für die Zuschauer zeigte und einen Abschlussfilm beauftragte, ist in meinen Augen das absolut mindeste, was heutzutage drin sein muss! Hier stehen die Geldgeber und Mächtigen der Branche einfach in der Pflicht, ein Produkt auch abzurunden. Und sei es nur für die Menschen, die es eben mochten und bereit waren, zu folgen.

Sense8

Am Ende ist natürlich immer alles eine Frage des Geldes. Ein Produkt, das keiner kauft, verschwindet. Doch ob eine pinkfarbene Brausepulver-Cola oder Nuss-Rosmarin-Kekse wirklich mit einer Fernsehserie zu vergleichen sind, ist eben die Frage.

An dieser Stelle sollten zumindest auch die Autoren der Vorlage wissen, worauf sie sich einlassen und genau evaluieren, was sie wollen. Ist es wirklich besser, wenn das, was mit Herzblut erschaffen hat, nur halbfertig erscheint? Einflussnahme ist hier natürlich schwer, dennoch kann man - gerade wenn man wie die beiden Expanse-Autoren auch zum Produktionsstab der Serie gehört - sicher ein wenig einwirken. Klar ist aber auch, dass die Autoren am wenigsten mit derartigen Verläufen zu tun haben. Hier stehen eher die großen Tiere in der Pflicht.

Wenn sich das lineare TV wirklich retten will, bevor irgendwann der Sprung in die Bedeutungslosigkeit erfolgt, muss man auch den Konsumenten das Gefühl geben, dass eine Wertschätzung vorhanden ist – gerade im Bereich des horizontalen Erzählens, das so stark an Bedeutung gewonnen hat. Und als Streaming-Anbieter, der seinen Kunden monatlich Geld für die Bindung und Leistung abnimmt, darf das gerne ohnehin eine Selbstverständlichkeit sein.

Vielleicht wird auch einfach zu wahllos produziert. Dabei bringt es wie immer im Leben einfach nichts, immer alles zu machen - nur um es zu machen. Lieber mit Augenmaß und einem guten Plan agieren und im Zweifelsfall die Kröte schlucken und das gescheiterte Projekt mit Anstand beenden. Noch mehr unvollendete Serienleichen braucht keiner!

 

Autor, Journalist & Podcaster Björn Sülter ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, Robots & Dragons und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

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Björns Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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