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Verflixtes siebtes Jahr! Wie die Teams der Enterprise & Voyager am Ende strauchelten (und trotzdem noch glänzten)

Zur Zeit laufen auf SYFY die jeweils siebten und letzten Staffeln von Star Trek: The Next Generation und Star Trek: Voyager. Beide litten unter dem gleichen Phänomen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Sie zeigten Ermüdungserscheinungen. Wie diese sich äußerten und welche Höhepunkte sie dennoch zu bieten hatten, sagt euch unser Star-Trek-Experte Björn Sülter.

Präsentiert von: Björn Sülter


Es war die goldene Zeit der Trek-Serien, als man als Schauspieler, Produktionsmitarbeiter oder auch einfach nur als Fan noch davon ausgehen durfte, sieben Staffeln der neuen Trek-Inkarnation erleben zu dürfen.

Die Helden um Captain Picard hatten diese Marke vorgelegt, die Mädels und Jungs auf DS9 und von der USS Voyager es ihnen nachgemacht. Einzig bei Captain Archer scheiterte das sicher geglaubte Ziel bereits nach dem vierten Jahr – doch ist das eine völlig andere Geschichte.

Ab ins Kino, Freunde!

Star Trek: The Next Generation hatte in ihrer langen Laufzeit nie Probleme mit Einschaltquoten oder der Qualität der Serie gekannt. Zwar war das erste Jahr noch vergleichsweise schwach gewesen, man hatte sich jedoch schnell und stark gesteigert und spätestens ab der dritten Staffel verlässlich abgeliefert. Die Serie rund um die Mannschaft von der USS Enterprise NCC-1701 D wurde mit jedem Jahr mehr zu einer gut geölten Maschine.

So war dann auch niemand verwundert, als Paramount Pläne verkündete, die beliebte Crew ins Kino wechseln zu lassen. Das siebte Jahr sollte das letzte sein und dann direkt von einer Staffelübergabe mit Beteiligung der klassischen Crew auf der großen Leinwand getoppt werden.

Doch hatte man eben vorher noch eine ganze Staffel zu produzieren! Bei dieser riss in den letzten 26 Abenteuern etwas ein, was niemand im Produktionsstab bemerkte oder verhindern konnte: Die Autoren schrieben zunehmend auf Autopilot oder reizten bereits bekannte Stoffe und Themen über Gebühr aus. Jeri Taylor hatte den Posten des Showrunners von Michael Piller übernommen und offenbar nicht die Gefahr erkannt, die die parallel startende Produktion des Kinofilms für die Serie gewesen war.

Dabei fuhr man durchaus noch groß auf! Viele bekannte Gesichter wie Q, Lwaxana Troi, Alyssa Ogawa, Ro Laren, Wesley Crusher, Reginald Barclay, der Reisende oder Worfs Sohn Alexander schauten vorbei und brachten verschiedene Geschichten zum Abschluss. Sogar für Tasha Yar und O`Brien war im Finale noch Platz!

Als Höhepunkte muss man definitiv Datas Traumepisode Phantasms, die wunderbare Geschichte über die Beziehung zwischen Picard und Crusher in Attached, das abgehobene Konzept paralleler Universen in Parallels, die Riker-Episode Pegasus, den Zweiteiler Gambit (der Picard in einer neuen und ungewohnten Rolle zeigte) oder die Episode Lower Decks über Offiziere niedrigeren Rangs nennen.

Getoppt wurden all diese Abenteuer – wie es sich gehörte – vom grandiosen Finale All Good Things, in dem die Serienmacher noch einmal alles boten, was die Serie über Jahre so wunderbar gemacht hatte. Nicht nur konnte man ein cleveres, humorvolles und emotionales Drehbuch vorweisen, alle Darsteller lieferten Topleistungen und das Produktionsniveau war hoch. Das Ergebnis stellte sogar den folgenden Kinofilm Star Trek Generations in den Schatten – auch eine Kunst!

Auf der anderen Seite des Qualitätsspektrums gab es allerdings leider auch Episoden, die man fast schon als trashig (wenn auch unterhaltsam) bezeichnen musste. In Sub Rosa verliebte sich Crusher in einen Geist, in Masks transformierte eine außerirdische Macht die Enterprise zu einem Tempel, Genesis ließ die Crew mutieren (Stichwort: Zwergpinseläffchen) und in Emergence musste die Crew in einem Zug voll mit merkwürdigen Charakteren reisen, um am Ende die Geburt eines Enterprise-Babys zu erleben. Nun ja. Zu diesen Rohrkrepierern kamen schlicht langweilige Versuche wie Interface, Homeward, Firstborn oder Bloodlines.

Die Autoren hatten krampfhaft versucht, per Baukastenprinzip verschiedene Zutaten der vergangenen Jahre zu vermischen und daraus eine bunte Staffel zu erzeugen. Dass ihnen dabei das Gesamtniveau entglitten war, musste man zumindest als bedauerlich bezeichnen, konnte die Serie aber natürlich nicht nachhaltig beschädigen.

Star Trek: The Next Generation hat für 178 TV-Episoden und vier Kinofilme bester Unterhaltung gesorgt. Wie das letzte Jahr ablief, erlebt ihr aktuell auf SYFY – einschalten!

Ankunft auf den letzten Drücker

Bei Star Trek: Voyager bestand keine Chance auf ein zweites Leben im Kino, dennoch beendete man die Serie – wie auch beide Vorgänger – nach dem siebten Jahr. Der Grund war einfach:  Wie so oft hätten viele Verträge neu verhandelt werden müssen, die Quoten waren nicht mehr gut genug und mit Star Trek: Enterprise stand das nächste Prestigeprojekt bereits in den Startlöchern. Showrunner Brannon Braga war dann auch aus genau diesem Grund freiwillig von der Kommandobrücke verschwunden und hatte Platz für Kenneth Biller gemacht. Dieser sollte nun – wie Jeri Taylor einst bei der Next Generation – das letzte Jahr abwickeln.

Als Autor an der Serie hatte Biller über die Jahre oft phantastische Arbeit geleistet. Doch was würde seine übergeordnete Vision der letzten Staffel sein? Nimmt man es mit der Antwort genau, muss man konstatieren: Er hatte vermutlich gar keine. Viel eher versuchte er sich daran, exakt das weiterzumachen, was bisher ganz gut funktioniert hatte. Einzelabenteuer, ein bunter Strauß an Themen, Action, Eventzweiteiler und Humor. Das Ergebnis: Vieles wirkte schal und bekannt, diverse Episoden dümpelten vor sich hin.

Dennoch gab es auch Höhepunkte wie den Zweiteiler Workforce, die Seven-Episoden Imperfection sowie Body and Soul, die Doktor-Vehikel Critical Care, Author, Author oder Renaissance Man sowie die klassische Trek-Episode Lineage rund um B’Elannas Baby. Doch merkt man auch schon hier: Wiederholung bekannter und bewährter Muster war ein klarer Fokus der Kreativen.

Deutlich schlechter kamen austauschbare Stoffe wie Drive, Repression, Nightingale, Repentance, Prophecy, Qs letzter Auftritt in Q2, Friendship One, Homestead oder Natural Law weg – eine viel zu lange Liste. Auch die Liebesbeziehung zwischen Chakotay und Seven war eine ganz schwache Idee, die nicht zu den Figuren passte und zudem schlecht ausgearbeitet war.

Und dann war da noch das krachige Finale: Endgame! In diesem zeigte man uns zwar – ähnlich wie in All Good Things – eine mögliche Zukunft, ließ diese aber komplett zerplatzen und gönnte den Zuschauern in den letzten Sekunden nur noch die reine Rückkehr. Die Erde kam dabei zwar noch in Sicht, der Rest wurde jedoch zum Vakuum. Man mag argumentieren, dass es der Phantasie eines jeden Fans überlassen blieb, was aus den Figuren wurde. Dennoch wäre es schön gewesen, die Lebenswege der Crew, mit der man so lange gefiebert hatte, noch etwas mitzuerleben.

Wie es viel besser gegangen wäre, zeigte übrigens später die Autorin Christie Golden mit ihren Büchern über die Zeit nach der Rückkehr der USS Voyager. In den von Andrea Bottlinger toll übersetzten Abenteuern „Heimkehr“ und „Ferne Ufer“ erlebten wir die geliebten Helden genau so, wie wir es uns gewünscht hätten: Sentimental, reflektierend aber eben auch bereit für Neues! Kirsten Beyer führte die Buchreihe danach mit einigen starken Titeln fort, das Beste jedoch blieb der zweiteilige Auftakt, weil dieser genau das ins Spiel brachte, was man beim Serienfinale vermisste. Unbedingt lesen!

Wo bei den Kollegen von der Enterprise 1994 das Problem der nahende Kinofilm und somit der schwindende Fokus gewesen war, dürfte hier seinen Auslöser bei der Übersättigung mit zu viel Star Trek gehabt haben. Dabei meine ich jedoch gar nicht zwingend die Fans! Das Problem waren eher die Kreativen, die schon längst nur noch nach Schema F handelten - auch Star Trek: Enterprise krankte von Beginn an an dieser Problematik und führte somit etwas verspätet zum jähen Ende des klassischen Star Trek im TV im Jahr 2005.

Gut, dass Star Trek auch dort seit 2017 inzwischen ein neues, spannendes Leben erhalten hat. Es bleibt die Frage, ob wohl überhaupt noch einmal eine Trek-Serie sieben Staffeln erreichen wird?

In jedem Fall bietet auch das letzte Jahr der Voyager-Crew noch viele gute Momente. So kann der Tipp dann auch hier nur lauten: Genießt die letzten Episoden der Serie jetzt auf SYFY!

Conclusio

Bei keinem anderen popkulturellen Phänomen ist der Gedanke der Meinungsvielfalt so ausgeprägt wie in Star Trek. Sie steht dort sozusagen in der DNA. Daher bildet diese Kolumne selbstverständlich nur eine vollkommen subjektive Meinung ab. Der wichtigere Teil folgt immer im Anschluss: Was denkt ihr? Ist an der Sache was dran? Oder handelt es sich um blanken Unsinn? Lasst die Diskussion beginnen und preist die Meinungsvielfalt - denn das ist Star Trek!

Trekkies aufgepasst! Lest jetzt die ganze Geschichte nach: Am 25. August erscheint das umfassendste Sachbuch zu Star Trek in deutscher Sprache - präsentiert von SYFY!

Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie die jüngst gestartete Fernsehserie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

Das Buch enthält Illustrationen von Ralph Sander (Das Star Trek Universum) sowie Kommentare zu den verschiedenen Serien von Mike Hillenbrand (TREKminds, 40 Jahre Star Trek), Christian Humberg & Bernd Perplies (Star Trek: Prometheus), Lieven L. Litaer (Der kleine Prinz auf Klingonisch) und Ralph Sander (Das Star Trek Universum). Hinzu kommen O-Töne von Thorsten Nobst zur Synchronisation von Star Trek: Discovery und ein Interview mit dem deutschen "Mr. Star Trek" Gerhard Raible (Trekworld Marketing).

Das Buch ist bereits bei Amazon vorbestellbar.

Es lebe Star Trek

Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, Robots & Dragons und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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