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Warum Star Trek: Voyager eigentlich ziemlich cool ist

Die vierte Realserie aus dem Trek-Universum wird auch heute noch heiß diskutiert. Lässt man jedoch die üblichen Ansätze einmal außer Acht und fragt nach dem Kern des Ganzen, zeigt sich eine verdammt spannende und unterhaltsame Serie. Oder höre ich da etwa Einspruch? Eine Kolumne von Star-Trek-Experte Björn Sülter.

Präsentiert von: Björn Sülter


Anfang der 90er Jahre steuerte das Star-Trek-Franchise auf einen immensen Höhepunkt zu. Zwar hatte schon die Classic-Serie ab den 60er Jahren durchaus für Furore gesorgt, es war jedoch erst die nachfolgende Next Generation, die das Ganze ab 1987 in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit rückte.

1993 startete sogar ein Ableger namens Star Trek: Deep Space Nine und der Wechsel der Crew um Captain Picard ins Kino war für 1994 fest vorgesehen. Dieser Umstand bedeutete allerdings auch, dass man mit dem Ende der erfolgreichen Serie ein Vakuum im TV hinterlassen würde. Die Bosse bei Paramount waren dazu aber selbstverständlich nicht bereit.

Per Fleischwolf zum Erfolgsrezept

Eines hatte sich schon im ersten Jahr von Star Trek: Deep Space Nine abgezeichnet: Die Serie vom Wurmloch zum Gamma-Quadranten besaß nicht die gleiche Strahlkraft, wie der direkte Vorgänger und hatte bereits schnell einen ganzen Haufen an Zuschauern verloren.

Somit benötigte man für den Nachfolger von Star Trek: The Next Generation einen Ansatz, der diese abgewanderten Fans potentiell zurückholen konnte, wollte allerdings das Erfolgsrezept auch nicht nur ein weiteres Mal aufgießen.

Was also waren die Kernelemente der Serie um Picard, Data, Riker & Co gewesen?

  • Abenteuer der Woche: Obwohl die Serie mit fortschreitendem Alter zunehmend auch im Hintergrund laufende Handlungsstränge etablierte, konnte man eigentlich (fast) immer und jederzeit einfach Reinschalten und Mitfiebern. Ausufernde Mehrteiler oder unverständliche Entwicklungen blieben in der Regel aus.
  • Klar skizzierte Figuren: Picard war der weise Anführer, Riker der toughe Kumpeltyp, Data der lustige Androide, Worf der knurrige One-Liner-König und so weiter. Die Crew der Enterprise D konnte man ohne Probleme in Schubladen verstauen, was sie greifbar und leicht zugänglich machte.
  • Ein bunter Strauß an Themen: Die Machart der Serie erlaubte wöchentlichen Wechsel zwischen Action, abgehobenen Sci-Fi-Konzepten, Humor, Liebe, politischer Intrige, juristischen Auseinandersetzungen und vielem mehr. Man war nie festgelegt und konnte der Kreativität der Autoren freien Lauf lassen.
  • Auf Entdeckungsreise: Eng damit verbunden war auch ein Punkt, der den Kollegen auf Deep Space Nine die ersten Jahre komplett fehlte. Man kam voran, konnte jede Woche einen neuen, spannenden Ort erreichen und Wunder erleben. Dieses Element war für die Autoren natürlich traumhaft und sie verstanden es zu nutzen.

Auf diese Weise konnte man die Erfolgsformel ziemlich genau eingrenzen. Was lag also näher, alles in einen Topf zu rühren und dann – als Alleinstellungsmerkmal – den Zuckerguss darüber zu gießen? Eben!

Dieser Zuckerguss bestand aus einer Umkehrung der Formel: Man schickte die USS Voyager nicht auf die Reise, um neue Welten zu entdecken, sondern ließ sie fern der Heimat im Delta-Quadranten stranden und einen (möglicherweise langen) Weg nach Hause antreten. Somit konnte man alle Stärken des Konzeptes ausnutzen, hatte jedoch zusätzlich noch einen klaren Fokus als Mission. Eine geniale Idee!

Hinzu nahm man noch etwas, das wie aus Star Trek: Deep Space Nine entliehen schien: Konfliktpotential! Mit der Maquis-Crew schuf man die Basis für viele Unstimmigkeiten auf dem Schiff, das nun zwei Ideologien ein Zuhause bieten musste. Jedoch kam man ungewöhnlich schnell wieder von diesem Weg ab. Ob man bemerkte, dass die Konflikte der gewünschten Schlichtheit und Ausrichtung der Serie hinderlich waren? Oder wollte man nicht riskieren, das Publikum mit zu komplexen Figuren zu belasten? Die Idee an sich war stark, die Ausführung jedoch verlief im Sande.

Dennoch hatte man eine Basis geschaffen, auf der man arbeiten konnte.

Nun fehlt uns eigentlich nur noch die Beantwortung der Frage, was denn nun Star Trek: Voyager so cool gemacht hat.

Starke Frauen!

Star Trek hatte sich immer am Frauenbild der jeweiligen Zeit abgearbeitet und ambitionierte Wege bestritten. Einen weiblichen ersten Offizier (Number One) hatte man in den 60er Jahren nach „The Cage“ noch verboten, eine farbige Kommunikationsoffizierin jedoch konnte Gene Roddenberry durchsetzen. In Star Trek: The Next Generation führte man dann eine leitende Schiffsärztin, eine leitende Schiffspsychologin, kurzzeitig eine Sicherheitschefin und mit Guinan eine wunderbar weise Gastgeberin in der Bar ein. Star Trek: Deep Space Nine zeigte eine starke Widerstandskämpferin und eine kompetente Wissenschaftsoffizierin mit besonderer Geschichte.

Nun allerdings war man bereit für den nächstgrößeren Sprung.

Endlich bot man mit Captain Janeway einen weiblichen Captain auf! Ein Glücksfall war dabei, dass die ursprünglich verpflichtete Geneviève Bujold während der ersten Drehtage einen Rückzieher machte und Kate Mulgrew an Bord kam, die sich im Gegensatz zur stillen Vorgängerin die Figur sofort zu Eigen machte und eine tolle Anführerin zum Leben erwachen ließ.

Nur (männliche) Zyniker sehen übrigens im Verfliegen der USS Voyager und der Tatsache, dass das Schiff einen weiblichen Captain hatte, einen Zusammenhang. Viel mehr zählt hier, wie Janeway die Ausnahmesituation annahm und zur Leitfigur und Mutter der Kompanie wurde.

Hinzu kam die komplexe Figur der B’Elanna Torres, einer Halbklingonin, die im ständigen Kampf mit sich und ihren Mitmenschen lag und dennoch den Maschinenraum übertragen bekam und kompetent führte.  

Einzig mit der Figur der Ocampa Kes hatte man sich verkalkuliert. Diese überwand nie den Status des Neelix-Anhängsels und wurde nach drei Staffeln ersetzt: An Bord kam die wunderbare Jeri Ryan, die mit der Ex-Borg Seven of Nine eine weitere denkwürdige Figur zum Leben erweckte, die es in den Folgejahren in jeder Hinsicht mit den besten des Franchise aufnehmen konnte.

Somit war es dann in der Summe auch die Dynamik zwischen den beiden Leading Ladies, die die vierte bis siebte Staffel beherrschte.

Starke Frauen sind ein Markenzeichen von Star Trek. Star Trek: Voyager jedoch hat in diesem Bereich die eindeutige Vorreiterrolle übernommen – zumindest bis vor gut einem Jahr Star Trek: Discovery an den Start ging und genau in diesem Sektor einen weiteren Anlauf nahm.

Übrigens gab es neben diesen drei starken Frauenfiguren auch noch eine ausgesprochen starke männliche Figur: Den von Robert Picardo unvergleichlich portraitierten Holodoc, der bis heute zu meinen Lieblingen quer durch alle Serien gehört.

Starke Action!

Anders als die anderen Trek-Serien legte man bei Star Trek: Voyager viel Wert auf einen Faktor, der sonst eher aus anderen Weltraum-Franchises bekannt war: Action!

Dabei nutzten sich einige Aspekte ohne Frage mit der Zeit ab, doch generell war keine Star-Trek-Serie so rasant und lief unter Dauerfeuer, wie die aus dem fernen Delta-Quadranten.

Ein gewichtiger Teil waren dabei natürlich die Borg, die man nicht nur in Form von Seven of Nine direkt an Bord holte, sondern auch immer wieder traf. Doch versuchte man das Gleiche auch schon vorher mit den Kazon oder später mit Spezies 8472. Spektakel war der zweite Vorname der Serie und führte zu einem weiteren Punkt.

Starke Unterhaltung!

Star Trek: Voyager prägte auch noch etwas anderes: Den Eventcharakter! Mit den Zweiteilern „Basics“ und „Future’s End“ eiferte man noch eindeutig Star Trek: The Next Generation nach. Auch die Hereinnahme der Borg in „Scorpion“ durfte als Anlehnung an den Erfolg der Kollegen gelten. Dennoch begann damit auch etwas, das sich in den Folgejahren verselbstständigte. Die Zweiteiler der Serie wurden immer größer, bunter, lauter und riefen laut nach frischem Popcorn.

„Year of Hell“, „The Killing Game“, „Dark Frontier“, „Equinox“, „Unimatrix Zero“, „Flesh and Blood“, „Workforce“ und „Endgame“ lieferten Materialschlachten und große Ideen. Die Serie definierte sich mehr und mehr über das „Size does matter“-Mantra und unterhielt und überraschte damit durchweg.

Das Gold lag jedoch in letzter Konsequenz im Mut, trotzdem auch immer wieder ruhige und figurenbezogene Episoden zuzulassen und somit alle Spielarten zu bedienen. In diesem Mix ging das Konzept der Serie am besten auf.

Fazit

Man kann ohne Frage über die Qualität von Star Trek: Voyager streiten. Einige Elemente wurden nicht optimal ausgearbeitet, Figurenpotential brachliegen gelassen, Bedingungen ohne Not geändert oder ignoriert und Handlungen zu stark simplifiziert.

Der Ansatz der Serie jedoch war wohldurchdacht und kalkuliert und brachte einige Elemente zusammen, die ausgesprochen gut funktionierten. Als großformatige, laute Popcorn-Serie mit hohem Unterhaltungswert und Spaßfaktor, die jedoch auch immer mal wieder die leisen, nachdenklichen Töne zu bedienen wusste, steht die Crew der USS Voyager bis heute als leuchtendes Beispiel.

Mit der Denker-SF der Vorgänger hatte das zwar größtenteils weniger zu tun, akzeptierte man allerdings, was die Serie immer versuchte zu sein, konnte man sich 172 Mal entspannt berieseln lassen.

Nein, Star Trek: Voyager ist sicher nicht perfekt, macht in ihrer selbstbewussten Coolness aber bis heute Freude. Nennen wir es Altersmilde, aber ich mag die Serie wirklich. Trotz ihrer Schwächen.

 

Autor, Journalist & Podcaster Björn Sülter ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, Robots & Dragons und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

Björn ist auch Experte für Star Trek. Viele Gedanken zum Thema, seine ganz persönliche Geschichte mit dem Franchise und Hintergrundinformation zu über 50 Jahren findet ihr ab Sommer in seinem Buch „Es lebe Star Trek“, das von SYFY präsentiert und im Verlag In Farbe und Bunt erscheinen wird. Das Buch wird schon in Kürze über Amazon und andere Kanäle vorbestellbar sein.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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