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Wie viel Mainstream verträgt Star Trek?

Mit Star Trek: Discovery und den Reboot-Kinofilmen ist das Trek-Franchise in einer neuen Zeitrechnung angekommen. Durch die nächsten zwei Filme könnte es sich noch weiter verändern. Doch was bedeutet das für den Kern des Ganzen? Verliert Star Trek die Identität?

Präsentiert von: Björn Sülter


Früher war alles besser. Früher war alles überschaubarer. Als Trekkie wusste man bis 2005 ziemlich genau Bescheid: Die Serien und Filme folgten meist einem klaren Schema, die Figurenzeichnungen waren eindeutig, Grauschattierungen wurden eher dosiert eingesetzt und am Ende obsiegte stets die Hoffnung.

Die Utopie-Wunderwelt des Gene Roddenberry funktionierte mit einigen Abstrichen und Ausreißern über einen Zeitraum von fast vierzig Jahren erstaunlich beständig und blieb weitestgehend unangetastet.

Mr Spock

Wer im neuen Jahrtausend jedoch gelegentlich auch noch andere Fernsehserien und Filme geschaut hat, wird einen ganz leichten Trend erkannt haben, der abseits des Wohlfühlfernsehens in Abgründe der menschlichen Natur führte und uns die Welten direkt vor dem eigenen Fenster und ganz weit da draußen in zynischen und teils sogar grotesken Farben malte.

Für Star Trek galten Veränderungen dieser Art, die durchaus schon in den 90er Jahren ihren Anfang nahmen, lange Zeit nicht. Das Franchise bewegte sich in einer Art Blase, einer Zeitkapsel und wirkte darin geschützt und befreit von Zwängen des Zeitgeistes. Bis niemand es mehr sehen wollte.

Soft Reboot

Und so veränderte sich das Bild und die einst heile Trek-Welt einige Jahre nach den Flops mit Star Trek: Enterprise und Star Trek: Nemesis dann doch noch. Zunächst jedoch noch eher behutsam. J. J. Abrams und sein Team hatten die Stärken und Schwächen von Star Trek sehr genau analysiert und seit 2009 eine Filmreihe auf den Markt gebracht, die – im Hinblick auf den ersten und dritten Teil – das Beste beider Welten vereinte.

Man besetzte die ikonischen Rollen meisterhaft neu, fing den Humor, das Zusammenspiel der Figuren und den Charme ein und versetzte die erprobte Mixtur mit Zutaten des modernen Kinos.

Explosionen, Effektgewitter, ein tobender Score, geschliffene Dramaturgie, ein visuelles Reboot und kontrovers diskutierte Entscheidungen wie die üppigen Lensflares hielten Einzug und hievten das altehrwürdige Franchise auf einen neuen Level und in den Blickpunkt anderer potentieller Zuschauer.

Dass der zweite Film der Reihe zwischen den beiden guten Vertretern derart schwach geriet, war dann aber weniger Schuld der Neuausrichtung, als vielmehr einer verirrten Vision der Produzenten und Autoren geschuldet. Und so etwas hatte es in Star Trek auch in der guten alten Zeit des Star Trek 1.0 schließlich mehr als einmal gegeben. Warum brauchte Gott nochmal ein Raumschiff?

Grundsätzlich haben die neuen Filme aber sehr viel richtig gemacht. Sie entfernten sich nicht zu weit von dem, was Star Trek besonders und stark machte, und fanden dennoch die richtigen Schalter für Neues.

Der vierte Film der Reboot-Reihe um Kirk & seine Crew dürfte bei allem was wir darüber schon wissen übrigens in eine ähnliche Richtung gehen und dieses Erbe adäquat weiterführen. Sowohl die wenigen Informationen über eine Beteiligung von Chris Hemsworth als George Kirk als auch die Rückkehr der etablierten Darstellerriege und die Verpflichtung von S. J. Clarkson für den Regiestuhl lassen derartige Schlüsse ohne zu viel Spekulation zu.

Anders sieht es hingegen in Richtung des noch mehr als rätselhaften fünften Filmes aus, der auf einer Idee von Quentin Tarantino und einem Drehbuch von Mark L. Smith basieren könnte. Informationen über Figuren, Setting oder Story gibt es noch keine, es ist jedoch anzunehmen, dass man sich mit diesem Film in eine Art Anthologie-Bereich wagen und eine von den restlichen Filmen abgehobene Geschichte erzählen wird. Stichwort: Cinematic Universe.

Inwieweit das Ergebnis dann noch echtes, klassisches Star Trek sein wird, hängt übrigens vermutlich weniger an Quentin Tarantino als man denkt. Der umstrittene Filmemacher ist nämlich bekennender Trekkie und dürfte durchaus ein Interesse daran haben, den Kern dessen, was Star Trek ist, zu erhalten. Dennoch muss man diese Inkarnation aktuell aber mit einem dicken Fragezeichen versehen.

Crazy Reboot

Fragezeichen pflasterten auch den Weg von Star Trek: Discovery, dem neuen und aktuellen Serienableger des Franchise. Während alle anderen Serien von 1966 bis 2005 der gleichen Machart gefolgt waren und Wagnisse nur in kleinen Dosen verabreicht hatten, wählte man hier einen gänzlich anderen Ansatz.

Zunächst wurde die Serie ebenfalls zu einem eindeutigen visuellen Reboot und ignorierte den Wunsch vieler Fans, dass das Gezeigte auch in der Darstellung in den Kanon passen möge. Was im Kino schon immer in Ansätzen geschehen war (Effekte, Kostüme, Schiffe, Kulissen), hatte man in den verschiedenen Serien über die Jahrzehnte zu vermeiden gesucht und sogar das erste Prequel optisch noch halbwegs in die Geschichte eingepasst. Sogar bei Besuchen der Classic-Ära griff man quer durch die Serien stets auf die bekannten, alten Sets und Modelle zurück und wahrte den Kanon. Bei Star Trek: Discovery jedoch ging dieser Ansatz über Bord.

Auch inhaltlich lieferte man viele Punkte, die Anlass zu Diskussionen boten. Somit war die Serie neben den visuellen Aspekten letztlich auch ein inhaltliches Reboot – nämlich immer dann, wenn es den Autoren in den Kram passte. Dass die Macher auf der anderen Seite aber auch viele Kleinigkeiten beachteten und unterbrachten, zeugte dann wieder von einer großen Liebe und Bewunderung für das klassische Star Trek. Eine komplexe Angelegenheit!

Star Trek: Discovery hat die Fesseln der Vergangenheit gesprengt und wie keine Trek-Serie zuvor sein Heil im Zeitgeist gesucht. Doch wozu führte das?

Die Figuren litten am meisten. Von den aufrechten Offizieren der Picard-Ära war hier weit und breit nur noch wenig zu sehen. Außer Saru, Dr. Culber und Tilly zeichnete man alle wesentlichen Charaktere in Grautönen, ließ ihre Motivationen fadenscheinig bis fragwürdig erscheinen und entblätterte Schicht um Schicht unschöne Charakterschwächen. Die Crew der USS Discovery wirkte lange Zeit wie ein Haufen randalierender Outlaws. Dass ihr Anführer sich am Ende noch als größenwahnsinniger Betrüger herausstellte, passte da nur zu gut ins Bild.

Unter diesen Entscheidungen litt aber auch die Bindung der Zuschauer. Während man mit den drei genannten Figuren durchaus einen Raktajino trinken würde, setzten bei den Kollegen eher Abstoßungsreaktionen ein. Sicherlich war diese Zeichnung in vielen Belangen realistischer, man warf allerdings dafür auch viel von dem über Bord, was Star Trek auszeichnete.

Auch das Forschertum erhielt einen klaren Dämpfer und trat viel zu weit in den Hintergrund. Krieg, Ränke- und Machtspiele, verletzte Eitelkeiten, Meuterei, Lügen, Betrug und versteckte Agenden übernahmen das Kommando – Star Trek: Discovery versuchte sich damit irgendwie an Shakespeare, wurde am Ende aber eher zu einer Art Dallas im Weltraum.

Es gab jedoch auch hier noch Grund zur Hoffnung – man verzeihe mir diese Anspielung. Die Serie unterhielt über weite Strecken, bot gute Schauwerte, starke Darsteller und einen Haufen gelungener Momente. Wenn die Verantwortlichen an den richtigen Stellschrauben drehen, steht für die nächsten Jahre einer modernen Serie in der Tradition des klassischen Star Trek nichts im Wege.

The Core

Gleiches gilt auch für die Zukunft über die nächsten Jahre hinaus. Es nützt nichts, ein Produkt mit der Zeitgeist-Brechstange so exzessiv zu verändern, dass es schließlich mit dem Original nur noch den Namen gemeinsam hat. Hier ist Vorsicht und Weitsicht gefragt! Das Erbe eines 52 Jahre andauernden Franchise sollte behutsam behandelt werden. Und wenn das, was dieses Franchise auszeichnet, irgendwann wirklich nicht mehr gebraucht oder angenommen wird, ist es vielleicht ohnehin besser, es sterben zu lassen. Oder?

Doch sind wir an diesem Punkt noch nicht angekommen. Im aktuellen Star Trek 2.0 ist noch genug Star Trek enthalten, um die alten Fans zufrieden zu stellen und nebenbei neue zu generieren. An der Symbiose aus Alt und Neu kann und darf man aber immer weiter feilen, verloren ist aktuell noch nichts. Wenn es irgendwann allerdings nur noch heißt "Kann Spuren von Star Trek enthalten", sollte man vielleicht lieber (endgültig) die Augen schließen.

 

Autor, Journalist & Podcaster Björn Sülter ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, Robots & Dragons und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

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Björns Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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