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Bisher unbekannte Lebensformen könnten sich in den blauen Löchern der Tiefsee verbergen: Wissenschaftler tauchen ein

Zwar werden die gefrorenen Weiten des Mars, die dunkle Seite des Mondes und der Eisgeysir auf dem Jupitermond Europa momentan zu ausgesprochenen Modethemen, doch um „fremde Welten“ zu entdecken, bedarf es genaugenommen keines Blickes weit über unsere heimische Erde hinaus.

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Wir wissen mehr über die Oberflächen des Mondes und des Mars als über den Grund der Ozeane. Blaue Löcher, auch Sinklöcher genannt, sind tief unter den Meeresboden reichende Höhlen, durch die wir bisher unbekanntes Wissen über unseren Planeten erlangen können. Green Banana ist ein blaues Loch vor der Küste von Florida, das bisher nicht erforscht wurde – über manche Objekte im Weltraum ist deutlich mehr bekannt. Im kommenden Monat werden nun Wissenschaftler vom Mote Marine Laboratory die Erforschung des Grundes von Green Banana in einer von der NOAA (National Oceanic And Atmospheric Administration) ins Leben gerufenen Expedition wagen.

„Am meisten interessieren mich die chemischen Gegebenheiten!“, erklärt Expeditionsleiterin Emily Hall gegenüber SYFY. „Das letzte Sinkloch, das wir untersuchten, das Amberjack Hole, hatte ein paar einzigartige chemische Gegebenheiten besonders in knapp 61 Metern Tiefe. Sie könnten auf eine Verbindung zum Grundwasser hindeuten oder einen biologischen Ursprung in dieser Tiefe. Es gab eine hohe Nährstoffkonzentration in Amberjack, also gilt es herauszufinden, ob das in Green Banana auch der Fall ist. Außerdem setzte das Sinkloch hohe Konzentrationen an Kohlenstoff frei, was uns einiges über den zukünftigen Zustand der Ozeane (d. h. die Ansäuerung und den Klimawechsel) sagen kann. Und nebenbei weiß man nie, welche Meeresorganismen wir zu sehen bekommen!“

Blaue Löcher bleiben durch ihre Unzugänglichkeit und Gefährlichkeit geheimnisvoll. Drei Taucher kamen bei der Erforschung der Tiefen des Great Blue Hole in Belize ums Leben, das bis fast 124 Meter unter den Meeresboden reicht. Green Banana ist mit annähernd 130 Meter unter dem Meeresboden noch etwas tiefer. Zuvor ist bereits ein Tauchgang in über 45 Meter Tiefe erforderlich, um den Eingang zum Sinkloch zu erreichen. Im vergangenen Jahr tauchte das Mote-Team in das geringfügig weniger tiefe Amberjack-Sinkloch hinab und plant, nach und nach schließlich alle blauen Löcher in Florida zu erforschen. Da Green Banana ebenso wenig wie das Amberjack-Sinkloch die Einfahrt per Tauchboot ermöglicht, werden die Forscher eine Unterwasser-Sonde einsetzen, die aussieht, als sei sie für das Umherkriechen auf dem Mars vorgesehen.

Die Entstehung der blauen Löcher bleibt unklar. Die Meinung einiger lautet, die blauen Löcher in Florida könnten sich vor über 10.000 Jahren an Land gebildet haben, als die Meereshöhe deutlich niedriger lag als heute. Im Boden versickerndes Regenwasser löste nach dem Durchdringen der Kalksteinschicht mit der Zeit das Kalziumkarbonat im Felsen auf. Dieses Grundwasser könnte eventuell Risse und Spalten verursacht haben, aus denen sich eine unterirdische Ansammlung von Kanälen, Tunneln, Quellen und Höhlen formten. Sinklöcher bilden sich, wenn die Decken dieser Höhlen einstürzen. Im Great Blue Hole fand man Stalaktiten, was beweist, dass es sich einst um eine trockene Höhle handelte.

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„Die Sinklöcher weiter draußen vor der Küste sind tief genug, dass Stürme und Hurrikans nur wenig Auswirkungen auf die Sediment-Bewegungen haben, da sie selbst nicht mit Sedimenten gefüllt sind. Näher zur Küste hin gelegene Sinklöcher dagegen waren an ihrem Grund mit Sand und Muscheln bedeckt.“, erklärte Jim Culter, der Leiter des Benthic Ecology Program des Mote Marine Laboratory gegenüber SYFY.

Die Wissenschaftler des Mote planen die Erforschung aller blauen Löcher Floridas um herauszufinden, ob diese durch herabfallenden Regen oder das Eindringen von Wasser vom Golf von Mexiko ausgehöhlt wurden. Laut Culter ist Green Banana das größte bekannte Sinkloch in Florida, aber es könnte noch tiefere davon in bisher unerforschten Meeresgegenden geben. Blaue Löcher sind wahre Schatzgruben an Nährstoffen, die sich nach oben aus ihnen ergießen und dadurch Oasen von Lebewesen hervorbringen, die zusammen mit anderen Meeresbewohnern ausschwärmen. Doch das größte Potenzial findet sich in den dunkleren Bereichen.

Sichtprobleme und ein abrupter Temperaturwechsel (des Meerwassers), „Thermokline“ genannt, setzen etwa ab einer Tiefe von 21 bis 27 Metern ein. Bei einer Tiefe von 40 bis 46 Metern sinkt die Wassertemperatur in einer weiteren Thermokline auf nur noch knapp 18,5 Grad. Keiner der Fische und anderen Meereslebewesen, die weiter oben im etwa 29,5 Grad warmen Wasser leben, sind hier mehr zu finden. Im Wasser findet sich verstärkt Schwefelwasserstoff. Nebelhafte Wolken von Bakterien in dieser Tiefe geben Wissenschaftlern Aufschluss darüber, wie die Bakterien sich gemäß der Form des Sinklochs entwickelt haben. Green Banana ist im Gegensatz zu Amberjack eher wie ein Uhrglas geformt und beherbergt möglicherweise andersartige Bakterien als solche, die in anderen Tiefen überlebt haben. Neue Gattungen könnten sogar die Oberfläche erreichen.

„Vorherige Reisen dorthin zeigten erhöhte Chlorophyll-Werte über der Öffnung, was nahelegt, dass sich die chemischen Gegebenheiten des Wassers von denen des umliegenden Wassers unterscheiden!“, führt Culter aus. „Die Form von Green Banana unterscheidet sich ebenfalls von der typischer Sinklöcher. Die größten Bereiche befinden sich am Eingang und am Boden mit einer Engstelle nahe der Mitte in fast 91,5 Metern Tiefe. Aufgrund der Form nehmen wir an, dass es sich dabei in der Vorzeit um eine Quelle gehandelt haben könnte und damit ein möglicher neuer Grundwasserleiter wäre. An der Engstelle ermittelten wir eine höhere Temperaturschwankung als zu erwarten, wenn das Wasser statisch ohne Fluss wäre. So wissen wir zwar, dass es dort Wasserbewegung gibt, aber wir kennen weder die Richtung noch das Ausmaß davon.“

Es lässt sich nicht vorhersagen, was sich im Bodenschlick am Grund eines blauen Loches befinden mag. Im Great Blue Hole fand sich ein wahrer Friedhof der Muschelschalen; unglückliche Meeresbewohner fielen möglicherweise in die mit Schwefelwasserstoff gefüllten Schattenregionen und konnten dort nicht überleben. Für Meeresbewohner bleibt nur der Sturz ins Verderben oder das Absinken auf den Meeresgrund nach ihrem Tode, wo sie zur Nahrung für die Bakterien und andere Resteverwerter werden und den Kreislauf des Lebens unter dem Meer aufrechterhalten.

„Auf unserer letzten Expedition zum Amberjack Hole sahen wir zwei Exemplare des vom Aussterben bedrohten Schmalzahn-Sägerochens auf dem Grund des Sinklochs. In der Tat einzigartig!“, ergänzt Emily Hall. „Normalerweise sehen wir Meeresschildkröten, Fischschwärme, Schwämme, Korallen, Muscheln, Krabbeln und so viel mehr.“

Woher stammt eigentlich der Name „Green Banana“? Eine Legende aus Florida berichtet, dass eine große Staude grüner Bananen, die auf den Wellen trieb, als Inspiration diente.

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Dieser Artikel wurde von Thorsten Walch von Moin Moin Medien im Auftrag von SYFY.de übersetzt.

Der Originalartikel stammt von SYFY.com und wurde von Elizabeth Rayne geschrieben.