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Das Rad der Zeit: Das Rad dreht sich

Es ist eines der großen neuen Fantasy-Projekte im TV-Bereich: Das Rad der Zeit. Wir haben uns mit den Hintergründen und der Umsetzung beschäftigt und riskieren eine erste Einschätzung der Serie.

The Wheel Of Time Main Cast

von Stefan Ulsamer

Das Genre der High-Fantasy wird seit mehr als einem halben Jahrhundert von J.R.R. Tolkiens epischem Herr der Ringe definiert. Eine literarische Trilogie, die durch Peter Jacksons dreiteilige Filmadaption (2001 – 2003) sowie der filmischen Umsetzung der Vorgeschichte rund um den (kleinen) Hobbit (2012 – 2014) nochmals einen besonderen Popularitätsschub erfuhr. Die Fantasy-Abteilungen der Buchläden werden seit den 1980er Jahren ununterbrochen durch zahllose Tolkien-Nachahmer dominiert, deren – oftmals langjährige – Buchreihen voll mit Zauberern, Elfen, Zwergen, Drachen, Burgen, Verließen und geheimnisvollen Prophezeiungen sind.

Es handelt sich dabei um Fantasy-Zyklen solch namhafter Autoren wie Terry Brooks (Shannara), David Eddings (Belgariad-Saga), Guy Gavriel Kay (Die Herren von Fionavar) oder in jüngerer Zeit auch um die von Christopher Paolini (Eragon) oder George R. R. Martin, dessen Lied von Eis und Feuer die Vorlage zur „größten Fantasy-TV-Serie aller Zeiten“, nämlich Game of Thrones, geliefert hatte (und die im Verhältnis zu den Werken der zuvor genannten Autoren außerordentlich düster wirkte).

James Oliver Rigney, Jr. & sein Lebenswerk

Ein Name, der auf keiner Liste bekannter Fantasy-Autoren fehlen darf, ist James Oliver Rigney, Jr., besser bekannt unter seinem literarischen Pseudonym Robert Jordan. Sein Epos The Wheel of Time – Das Rad der Zeit gilt mit 15 Bänden im englischsprachigen Original – aus dem in der deutschen Übersetzung (zuerst erschienen beim Heyne-Verlag, dann bei Piper) insgesamt 37 Taschenbücher entstanden – als umfangreichstes Werk der Fantasy.

In den USA genießt Das Rad der Zeit einen ähnlich hohen Stellenwert wie Der Herr der Ringe. Im deutschsprachigen Raum wird Jordans umfangreiches Werk zwar als bedeutend angesehen, aber Jordan gilt eben nur als ein wichtiger Vertreter des Genres und nicht als der „einzige“ Tolkien-Kronprinz. Der 1948 in Charleston, South Carolina geborene James Rigney alias Robert Jordan diente vor seiner schriftstellerischen Karriere zwischen 1967 und 1970 als Helikopterschütze der US Army im Vietnamkrieg, ehe er Physik studierte und als Nuklearingenieur an Flugzeugträger- und U-Boot-Programmen der US Navy arbeitete.

Ab 1977 begann er seine schriftstellerischen Aktivitäten und schrieb unter verschiedenen Pseudonymen Western- und historische Liebesromane, ehe er Anfang der 1980er Jahre die Chance erhielt, mehrere neue Romane rund um Robert E. Howards berühmten Helden Conan – der Barbar zu schreiben, darunter die Filmadaption zu Arnold Schwarzeneggers zweitem Conan-Film Conan – der Zerstörer. Für die Veröffentlichung dieser Conan-Romane nutzte Rigney erstmals den Autorennamen Robert Jordan (benannt nach der Hauptfigur in Ernest Hemingways berühmtem Wem die Stunde schlägt).

Unter diesem Pseudonym veröffentlichte er ab 1990 im Jahresrhythmus – beginnend mit The Eye of the World (in Deutschland aufgeteilt auf die beiden Bücher Drohende Schatten und Das Auge der Welt) – sechs Bände von The Wheel of Time – Das Rad der Zeit, ehe er zu einem Zweijahresrhythmus wechselte. 2005 wurde bei Jordan die Blutkrankheit Amyloidose diagnostiziert, verbunden mit einer Lebenserwartung von noch bestenfalls vier Jahren. Da Jordan ahnte, dass er sein Lebenswerk wohl nicht vollenden könnte, verfasste er Notizen über seine noch geplanten Handlungsstränge und das geplante Ende von The Wheel of Time für einen möglichen Nachfolgeautor.

Im September 2007 hatte Jordan schließlich den Kampf gegen die seltene Krankheit verloren. Bereits drei Monate später im Dezember 2007 wurde der junge amerikanische Fantasy-Autor Brandon Sanderson als derjenige angekündigt, der Jordans Mammutwerk in Abstimmung mit Jordans Witwe Harriet McDougal zu Ende führen sollte. Aus dem geplanten einzelnen, fast 2.800 Seiten umfassenden Abschlussband wurden aufgrund des massiven Umfangs in den USA drei Bände ausgekoppelt, die zwischen 2009 und 2013 erschienen, und aus denen in Deutschland insgesamt sechs Taschenbücher hervorgingen.

Die Story

Robert Jordans Welt des Rad der Zeit ist stark von Tolkiens Mittelerde beeinflusst, sie weist aber genug eigenständige Merkmale auf, um nicht als einfaches „Rip-Off“ zu gelten. Im Gegensatz zu dem zeitlich nicht näher spezifizierten Mittelerde ist Jordans Welt in einer weit entfernten Zukunft der Erde angesiedelt, in denen die Menschen wieder auf dem technischen Stand des späten Mittelalters angekommen sind. Im Gegensatz zum historischen Mittelalter sind in Jordans Geschichte Frauen und Männer in den meisten Regionen gleichgestellt und in manchen Gebieten Frauen mächtiger als Männer. Allerdings können nur Frauen magische Fähigkeiten erlernen und „die eine Macht“ anwenden. Die männlichen Magieanwender werden in den allermeisten Fällen wahnsinnig, was in der etablierten Historie der Welt von The Wheel of Time schon mehrfach zur fast vollständigen Zerstörung dieser Welt geführt hatte.

Genau wie in Tolkiens berühmtem Vorbild handelt Das Rad der Zeit von einem epischen Jahrtausende währenden Kampf zwischen den Kräften des Guten und den Kräften des Bösen. Die Handlung beginnt mit der mächtigen Zauberin Moiraine, einer sogenannten Aes Sedai, die in einem kleinen Dorf im Gebiet der Zwei Flüsse – einem ähnlich idyllischen Ort wie dem Auenland, die Heimat der Hobbits bei Tolkien – die Anwesenheit des „wiedergeborenen Drachens“ spüren kann. Dieser soll gemäß einer alten Prophezeiung die Welt entweder zerstören oder retten. Die Dorfidylle wird jäh durch einen Angriff von Trollocs – von Tolkiens Orks inspirierten Tiermenschen, die ebenfalls unter dem Einfluss eines dunklen Herrschers stehen – unterbrochen, die Teile der Einwohner niedermetzeln.

Um die Angreifer vom Dorf wegzulocken, nimmt Moiraine vier widerwillige junge Dorfbewohner mit auf die Flucht, da sie nicht mit Sicherheit sagen kann, welche(r) der vier der oder die Auserwählte ist. Bei diesen möglichen Auserwählten handelt es sich um drei männlichen Kandidaten Rand al'Thor, Perrin Aybara und Mat Cauthon sowie Egwene al'Vere, die bereits in jungen Jahren auserwählt ist, die nächste Dorfälteste zu werden. Wird diese ungleiche Gemeinschaft den Trollocs entkommen, ihre Familien retten und die Dunkelheit in der Welt besiegen können? Das sind die zentralen Fragen der weltumspannenden Saga vom Rad der Zeit.

Trolloc

Die Verfilmung

Nach einer im Frühstadium gescheiterten filmischen Umsetzung seitens NBC im Jahr 2000 verkaufte Robert Jordan im Jahr 2004 die Rechte von The Wheel of Time für Kinofilme, Fernsehserien, Videospiele und Comics an die Produktionsgesellschaft Red Eagle Entertainment, die ab dem Jahr 2005 eine recht erfolgreiche Comic-Adaption von Jordans Welt startete. Um den Erhalt der Fernsehrechte zu gewährleisten, produzierte Red Eagle einen 22-minütigen Pilotfilm, der 2015 auf dem amerikanischen Kabelsender FXX zu später Stunde ausgestrahlt wurde und der in einem Rechtsstreit mit Jordans Witwe Harriet McDougal mündete (nachdem diese sich abfällig über den Kurzfilm geäußert hatte, der mit Billy Zane immerhin keinen gänzlich unbekannten Darsteller in einer der Hauptrollen aufweisen konnte).

Nach der Beilegung dieses Rechtsstreites im Jahr 2016 wurde 2017 eine neue Fernsehserie in Zusammenarbeit von Sony Pictures mit Red Eagle Entertainment und Radar Pictures angekündigt. 2018 schließlich stieg die Firma Amazon, die auf der Suche nach einem großen Fantasy-Stoff für den hauseigenen Streaming-Kanal Amazon Prime war, mit in die Produktion ein. Showrunner sollte der Reality TV- Star Rafe Judkins (bekannt aus Survivor) sein, der bereits für die TV-Actionserien Chuck und Marvels Agents of Shield Drehbücher beisteuerte. Sowohl Jordans Witwe Harriet McDougal wie auch Jordans Nachfolgeautor Brandon Sanderson erhielten für die TV-Adaption einen Produzententitel.

Nach einer längeren Vorbereitungsphase starteten im Herbst 2019 die Dreharbeiten zu The Wheel of Time in Prag unter der Regie der Deutschen Uta Briesewitz, die unter anderem mehrere Folgen von Stranger Things, Westworld und Altered Carbon inszeniert hatte. Für die Hauptrolle der Moiraine konnte die bekannte britische Charakterdarstellerin (und ex-Bondgirl) Rosamund Pike gewonnen werden. Ihre männlicher Leibwache al'Lan Mandragoran wird von Daniel Henney verkörpert. Für die Gruppe der jungen Gefähtren von den Zwei Flüssen wurden größtenteils bisher unbekannte Darsteller verpflichtet. Madeleine Madden als Egwene al'Vere, Josha Stradowski als Rand al'Thor, Marcus Rutherford als Perrin Aybara und Barney Harris als Mat Cauthon – die vier möglichen Auserwählten – werden unterstützt von Zoë Robins als Nynaeve al'Meara, der bisherigen Dorfältesten von den Zwei Flüssen.

Die Produktion der Serie wurde 2020 mehrfach von der Covid-19-Pandemie unterbrochen, ehe die Dreharbeiten der ersten Staffel ab April 2021 zum Abschluss gebracht werden konnten. Bereits im Mai 2021 verlängerte Amazon die Serie in eine zweite Staffel – man hatte offenbar große Pläne für The Wheel of Time, bevor auch nur eine einzige Folge der achtteiligen ersten Staffel veröffentlicht worden war. Die Premiere der ersten drei Folgen fand schließlich am 19. November 2021 auf Amazon Prime statt, im wöchentlichen Turnus folgt jede Woche eine weitere Episode.

Eine Einschätzung

Die Serienpremiere kam bei Fans der Buchreihe recht gut an, da besonders die Hauptcharaktere von den weitgehend unverbrauchten Darstellern sehr gut getroffen wurden und allesamt sehr nahe an ihre literarischen Vorlagen kommen. Im Vorfeld wurde in der Berichterstattung recht häufig von Wheel of Time als dem nächsten Game of Thrones gesprochen, der Vergleich hinkt allerdings deutlich. Die Welt von Wheel of Time ist bei weitem nicht so düster wie die von Game of Thrones und die Charaktere sind klar in Gut und Böse aufgeteilt. Optisch liegt die Serie eindeutig näher an Peter Jacksons Mittelerde-Adaptionen – wenn es auch deutlich blutiger zugeht. Was den Splattergehalt angeht, da steht in den bisher zu sehenden Episoden Wheel of Time dem vorangegangenen Game of Thrones allerdings in nichts nach.

Optisch ist die Serie jedenfalls ein Hochgenuss, in dem die unterschiedlichsten Fantasy-Szenerien auf grandiose Weise ihre Wirkung entfalten. Dazu tragen sicherlich auch die Außendreharbeiten in Slowenien und der Tschechischen Republik bei; die Landschaftsaufnahmen sind schlichtweg atemberaubend (manche Location dürfte dem einen oder anderen sicher noch aus den klassischen tschechischen Märchenverfilmungen der 1970er Jahre bekannt sein).

Der mystische Soundtrack von Lorne Balfe sorgt für die passende, stimmungsvolle akustische Untermalung. Amazon hat Pläne für viele weitere Staffeln von Wheel of Time. Hoffen wir, dass die Zuschauerzahlen der Serie die erforderliche Langlebigkeit zur Umsetzung der kompletten Buchreihe ermöglichen. Dann hat die Serie das Potenzial, in die Riege der größten filmischen Fantasyklassiker überhaupt aufzusteigen.

Das Rad der Zeit läuft auf Amazon Prime.

Book Cover The Wheel Of Time The Eye Of The World