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Die Mars Chroniken: Science-Fiction für Serien-Nostalgiker

Die Mars Chroniken mit Rock Hudson in der Hauptrolle könnten für machen Nostalgie-Fan ein kleiner Leckerbissen unter dem Weihnachtbaum sein. Wir haben uns die Neuveröffentlichung des Klassikers für euch angeschaut.

Mars Chroniken 1

von Reinhard Prahl

Die Ursprünge einer TV-Miniserie

Kaum ein Science-Fiction-Fan hat noch nichts von Ray Bradbury und seinen Mars Chroniken gehört. 1950 brachte der Schriftsteller eine Reihe von Kurzgeschichten, die er seit 1946 in diversen Magazinen veröffentlicht hatte, als Roman heraus und schuf damit ein unvergleichliches Werk der Weltliteratur. Im Buch hält Bradbury der Menschheit die Fratze ihres unbändigen selbstzerstörerischen Potentials vor Augen, indem er die fiktiven Bewohner des Mars dem aussetzt, was die Menschen »Erschließung neuen Lebensraums« nennen. Als Gleichnis auf die brutale Kolonisierung des nord- und südamerikanischen Kontinents gedacht, lässt er den Marsianern, die sich verzweifelt gegen die Eroberung ihrer Heimat wehren, keine Chance. Letztlich stirbt der Großteil der Bevölkerung an Pocken und die Kolonisierung des fünften Planten des Sonnensystems schreitet unaufhaltsam voran.

Doch auch auf dem Mars gelingt es der Menschheit nicht, eine friedliche neue Welt aufzubauen. Neid, Gier, Hass und die unstillbare Sehnsucht nach allem, was man nicht selbst besitzt, sind nicht besiegt. So besiedeln zwar immer mehr Menschen den inzwischen lebensfreundlichen Mars, die Probleme auf der Erde ändern sich jedoch nicht. Eines Tages ist es schließlich soweit. Die Erdbevölkerung hat sich in einem selbstzerstörerischen Atomkrieg ausgelöscht, die alte Heimat ist verseucht und die menschlichen Bewohner des roten Planeten sind nun die neuen Marsianer.

Vom Buch ins Fernsehen

Während Space Operas von Western-artigen und militaristischen Spannungselementen leben und Hard-Science-Fiction von technologischer Glaubwürdigkeit profitiert, funktionieren Die Mars Chroniken auf einer anderen Ebene. Bradbury war es nie wichtig, ob seine Version des Mars im wissenschaftlichen Sinne realistisch ist. Obwohl er im Laufe der Jahre den Beginn der menschlichen Kolonisation immer wieder nach hinten verlegte, beließ er die Kernelemente seines Werks doch unangetastet. Es spielte keine Rolle, was die Astronomen inzwischen über den Mars herausgefunden hatten, oder wie weit die Eroberung des Alls vorangeschritten war. Ausschlaggebend blieben stets die soziologischen und philosophischen Themen des Meisterstücks der Science-Fiction-Literatur.

Die Chroniken sind derart komplex in ihrer Erzählweise und bieten so viel Raum für Interpretation und Diskurs, dass der Roman fast unverfilmbar erscheint. Sicherlich, man kann das Narrativ erfassen und daraus eine unterhaltsame Geschichte stricken, doch wie gewährt man der Kamera einen intensiven Blick in das Innere des kollektiven menschlichen Gedächtnisses, das so voll von seelischen Abgründen ist? Wie stellt man die Kluft zwischen Schaffensgeist und Zerstörungswut adäquat dar, die uns trennt und doch eint? Obwohl dies unmöglich erscheint, machten sich (zunächst) Ray Bradbury und Richard Matheson (Die unglaubliche Geschichte des Mr. C., I am Legend) daran, einen Weg zu finden, Die Mars Chroniken auf den Fernsehbildschirm zu bringen. Ersterer stieg, soweit bekannt, alsbald als Berater aus und überließ seinem Kollegen das Feld. Matheson verfremdete den ursprünglichen Inhalt stellenweise allerdings so stark und schnitt ihn auf die Bedürfnisse seiner drei Drehbücher zu, dass Bradbury erbost war. Kurz vor der geplanten Erstausstrahlung im Jahr 1979 nannte dieser die Verfilmung in einem Interview »boring« (»langweilig«). Die Folge war, dass sich der Sendetermin aus Angst vor einem vorhersehbaren Flop bis zum 27. Januar 1980 verzögerte.

Cast: Top

Rückblickend betrachtet ist die Verärgerung des Urhebers durchaus nachvollziehbar, denn der Drehbuchautor nahm sich manche Freiheit heraus. Erschwerend kam hinzu, dass Regisseur Michael Anderson – der zuvor Filme wie In 80 Tagen um die Welt und Flucht ins 23. Jahrhundert gedreht hatte – mit den finanziellen Einschränkungen einer TV-Produktion zu kämpfen hatte. In Bezug auf den Cast hatte das Produktionsteam keine Mühen gescheut, die bestmöglichen Schauspieler/innen zu rekrutieren. In der Hauptrolle als Colonel Wilder trat in allen drei Teilen der Miniserie Rock Hudson auf. Maria Schell war als Anna Lustig zu sehen, Fritz Weaver (Holocaust) brillierte als Vater Peregrin und Roddy Mc Dowall (Flucht vom Planet der Affen u. f.) als Vater Stone. James Faulkner (Game of Thrones) gab den geheimnisvollen Mr. K. und der aus Mondbasis Alpha 1 bekannte Barry Morse spielte Peter Hathaway, dessen Name im Original eine prominente Rolle einnimmt.

Technik: Mittelprächtig

War also von schauspielerischer Seite aus gesehen alles im Lot, ließ sich dies auf technischer Ebene leider nicht behaupten. Als Die Mars Chroniken über die Bildschirme flimmerten, hatte ein gewisser Glen A. Larson mit seiner kurzlebigen, aber atemberaubend aussehenden Serie Kampfstern Galactica bewiesen, was auf dem kleinen Screen visuell möglich war. Verglichen mit den Spezialeffekten dieser Show wirkten die der Chroniken geradezu wie aus der Zeit gefallen. Das technische Niveau bewegte sich zu oft im Bereich billig und schnell produzierter B-Ware der 50er und 60er Jahre. Im Gegensatz dazu tat Kameramann Ted Moore, der bis dato immerhin sieben James Bond-Filme gedreht hatte, sein Bestes, um den drei Teilen einen Hauch Kino-Feeling zu verpassen. Die schönen Locations auf Malta und Lanzarote sowie die Sets in den weltbekannten Shepperton Studios kamen dem erfahrenen Filmemacher dabei ohne Frage zugute.

Die Versionen

Wie oben bereits erwähnt, ist die Miniserie als Dreiteiler angelegt, die mit The Expeditions, The Settlers und The Martians betitelt sind und damit grob dem Handlungsverlauf des Romans folgen. Von den jeweils circa 97 Minuten, die jeder Film lang ist, wurden indes nur rund 240 Minuten ausgestrahlt, der Rest fiel der Schere zum Opfer. Ein Jahr vor der US-TV-Premiere erschien außerdem ein eineinhalbstündiger Zusammenschnitt in den französischen Kinos, der allerdings kaum Beachtung fand. Erst auf DVD war schließlich die ungeschnittene Fassung zu sehen, so dass sich auf den drei Silberlingen verständlicherweise einige Passagen finden, die unsynchronisiert (aber untertitelt) blieben.

Fazit

Trotz ihrer unbestreitbaren technischen Mängel hat die Serie vor allem für Nostalgiker einiges zu bieten. Das Werk ist stilistisch noch stark in den 70ern verhaftet, eine Zeit, die aufgrund des Vietnam-Desasters wenige Jahre zuvor wesentlich regierungskritischer war. Insofern lässt sich in allen drei Teilen eine gewisse Desillusionierung beobachten, die nicht allein auf Ray Bradburys leider realistischen Sichtweise der Menschheit beruht. Die ruhige Schnittführung und der gemächliche Erzählstil ermöglichen es, in die Geschichte(n) einzutauchen und mit den Figuren mitzugehen. Die schönen Außenaufnahmen vermitteln zumindest im ersten Teil eine mysteriöse Grundstimmung, die im zweiten Part einer typischen US-Dramaserie weicht. Das Finale zeigt sich dann wieder von einer anderen Seite, so dass es sich lohnt, am Ball zu bleiben. Die Geschichte, die Richard Matheson aus Bradburys Die Mars Chroniken gemacht hat, mag Fans des Buches zurecht enttäuschen. Das filmische Endergebnis ist vielleicht nicht so tiefsinnig und feinfühlig, wie es sein könnte. Dennoch lädt die TV-Adaption dazu ein, sich nach dem Anschauen eigenen Gedanken hinzugeben. Und das macht auch heute noch durchaus großen Spaß.

Die DVDs

Die DVD-Box von PIDAX, die wir für die Rezension verwendet haben, erschien am 19. November 2021. Laut Cover handelt es sich um eine »Remastered Edition«. Tatsächlich merkt man, dass die Original-Tapes gereinigt wurden, um einen möglichst störungsfreien Filmgenuss zu gewährleisten. An einigen Stellen stießen wir jedoch auf ein auffälliges Bildrauschen und eine unübersehbare Grobkörnigkeit, die vor allem in den Blautönen des »Marshimmels« zum Tragen kommt. Das mag allerdings technischen Gegebenheiten geschuldet sein, da das Bild die meiste Zeit über klar und detailliert daherkommt. Das Bildformat ist Zeit-typisch in 4:3 gehalten, die beiden Tonspuren (Deutsch und Englisch), erklingen in sauberem Dolby 2.0. Extras sind auf der Box leider keine zu finden, jedoch sorgt ein Wendecover dafür, dass uns der leidige Blick auf das FSK-Logo erspart bleibt.

Das Bemusterungsexemplar wurde uns freundlicherweise von PIDAX und Studio Hamburg Enterprises zur Verfügung gestellt.

Mars Chroniken 2