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Die Neandertaler konnten sprechen und mehr als nur »Uga-Uga« sagen

Jetzt, wo wir nicht mehr in Höhlen leben und mit der Keule jagen, tendiert der Homo sapiens zu einer voreingenommenen Meinung über unsere Neandertaler-Vorfahren: Er hält sie für äußerst primitiv und traut ihnen zur Kommunikation bestenfalls Grunzen und das Trommeln auf die Brust zu. Doch stimmt das wirklich?

Ooga Ooga

Dies könnte kaum weiter von der Wahrheit entfernt sein, sagen Wissenschaftler, die kürzlich einige überraschende Erkenntnisse darüber gewonnen haben, wie die Neandertaler miteinander kommunizierten. Höchstwahrscheinlich verwendeten sie eine Art von Sprache. Obwohl es sich um keine so hochentwickelte Sprache wie unsere heutige handelte (vermutlich der Grund für die Autoversicherungs-Werbung mit dem Slogan »So einfach, dass es ein Höhlenmensch tun könnte«), enthüllt die Ohrstruktur von Neandertaler-Schädeln, dass sie dazu imstande waren, mit menschlicher Sprache verbundene Wellenlängen wahrzunehmen.

»Die Erforschung der Hörfähigkeit fossiler Hominiden ist von großem Interesse bezüglich der innerartlichen Sprachverständigung. Über die Hörfähigkeit von Neandertalern ist hingegen weniger bekannt«, sagen Angehörige eines Forscherteams unterschiedlicher Disziplinen, das nachweisen konnte, dass die oft für tumbe Prototypen gehaltenen Frühmenschen sehr viel cleverer waren als die meisten von uns glauben. Ihre Studie wurde kürzlich bei Nature Ecology & Evolution veröffentlicht.

Die Neandertaler oder Homo neanderthaliensis sind unsere nächsten Vorgänger. Sie wurden für ausgestorben gehalten, da man annahm, dass sie kleinere und schnellere Beute nicht mit ihren Speeren jagen und kein Gemüse mehr anpflanzen konnten, nachdem die Megafauna (zu denen Mammute und Wollnashörner gehörten) ausgestorben war. Ein Argument lautete stets, dass die Neandertaler aufgrund ihrer Vermischung mit dem modernen Menschen faktisch nicht wirklich ausstarben, da ihre Blutlinie niemals vollständig verschwand. Viele von uns haben einen kleinen Prozentsatz an Neandertalerblut, das durch ihre Venen fließt und wissen nicht einmal davon.

Ob eine der anderen menschlichen Arten verbale Kommunikation beherrschte, war stets eine Frage, die nur von den schweigenden Knochen derer beantwortet werden konnte, die vor uns da waren. Hochauflösende Computertomographie wurde bei der Untersuchung der Schädel von Homo sapiens, Neandertalern und anderen Arten von Urmenschen angewendet. Mittels der CT-Scans erstellte virtuelle 3D-Modelle der Ohrstruktur wurden in die Schädel eingefügt, was definitiv aufzeigte, welche von ihnen mit dem, was wir als Sprache bezeichnen, kommunizieren konnten und welche nicht. Sowohl das äußere als auch das Innenohr helfen uns dabei, einander zu verstehen.

Spricht jemand, sendet der äußere Teil unserer Ohren die Vibrationen durch den Ohrenkanal, bis sie das Trommelfell erreichen. Die Vibrationen gehen auf das Trommelfell über, was die Gehörknöchelchen, drei winzige Knochenstrukturen (wegen ihrer Form bezeichnet als Hammer, Amboss und Steigbügel, Anm. d. Übers.) im Innenohr ebenfalls zum Vibrieren bringt. Die Vibrationen durchfließen die spiralförmige Innenohrhöhle, die Cochlea (auch Hörschnecke genannt) in die benachbarte Basilarmembran. Dieser schließen sich Rezeptorzellen mit winzigen, Härchen ähnlichen Zilien an, welche ebenfalls vibrieren und aktivieren die Nervenzellen. Diese Nervenzellen sind verbunden mit dem Hörnerv, der die Informationen an das Gehirn weitergibt.

Nach der Schaffung virtueller Modelle der Ohren von Menschen und Hominiden wurden diese von dem Forschungsteam analysiert und die Ergebnisse einem Computermodell zugefügt, wodurch man eine Vorstellung der individuellen Hörfähigkeit innerhalb des Frequenzbereiches der meisten Geräuschkomponenten in der menschlichen Sprache erhielt. Ebenso wurde die belegte Bandbreite untersucht – der Frequenzumfang, in dem die höchste Hörempfindlichkeit liegt. Je höher die Bandbreite, umso größer die Fähigkeit, verbale Kommunikation zu verstehen. Fossile Überreste früherer Hominiden als der Neandertaler hatten das schlechteste Gehör.

Neandertaler, so fand man heraus, besaßen eine der unseren sehr nahekommende Hörfähigkeit. Möglicherweise verwendeten sie mehr Konsonanten als Vokale, da Konsonanten die kommunizierte Informationsmenge maximieren und in der kürzesten Zeit transportieren können. So viel zu »Uga-Uga«.

»Die belegte Bandbreite bei Neandertalern war größer als bei den Hominiden aus (dem spanischen) Sima de los Huesos und glich der des modernen Menschen. Dies impliziert, dass die Neandertaler die Hörfähigkeit für die Verwendung eines verbalen Kommunikationssystems entwickelten, das ebenso effizient war wie die moderne Sprache.«, äußerten die Wissenschaftler.

Wenn man also jemals (in beleidigendem Kontex) als Neandertaler bezeichnet wird, sollte man diese neuen Erkenntnisse dem Gegenüber ab sofort ruhig mitteilen.

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Dieser Artikel wurde von Thorsten Walch von Moin Moin Medien im Auftrag von SYFY.de übersetzt.

Der Originalartikel stammt von SYFY.com und wurde von Elizabeth Rayne geschrieben.