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Echte Monster sind los: Wie Found-Footage das Kino veränderte

Zur Ausstrahlung von Cloverfield und Trollhunter am kommenden Sonntag auf SYFY befassen wir uns heute mit der bewegten Geschichte der Found-Footage-Filme, die viel früher begann, als man glauben mag.

Cloverfield Screen 014

Aus der Literatur kennt man das Prinzip bereits seit langer Zeit: Sowohl Bram Stokers Dracula (1897) als auch Mary Shelleys Frankenstein (1818) oder Cthulhus Ruf (1928) von H. P. Lovecraft gelten nicht nur als Klassiker der Horrorliteratur, sondern sind auch sogenannte Briefromane, deren Strickmuster sich über fiktive Schriftstücke verschiedener Personen definieren lassen. Diese werden von den Autoren genutzt, um den Leser möglichst nah an die Handlung und die Charaktere zu führen und letztlich zu einer klassischen Romanhandlung verdichtet.

Doch auch im Filmbereich kennt man schon seit vielen Jahren diese Herangehensweise. Wir erleben das Geschehen aus dem direkten Blickwinkel der Protagonisten, die mit eigener Kamera einer Geschichte auf der Spur sind. Oft findet diese Machart im Horror- oder Science-Fiction-Bereich Anwendung. Bei diesen Found-Footage-Filme wird auch gerne erzählt, dass niemand etwas über den Verbleib derer weiß, die das Filmmaterial erstellt haben.

Oft gilt The Blair Witch Project als Vorreiter. Doch bevor wir uns mit diesem ersten kommerziell interessanten Eintrag befassen und somit in das Jahr 1999 einsteigen wollen, blicken wir noch kurz rund zwei Jahrzehnte zurück.

Als die Monster laufen lernten

Seit den frühen 1980er-Jahren gab es bereits immer wieder Filme, die zumindest in Teilen auf dem Found-Footage-Prinzip basierten. So sorgte 1980 der italienische Streifen Cannibal Holocaust ebenso für Furore wie die sechsteilige japanische Reihe Guinea Pig. Auch im Film UFO Abduction nutzte man den Kniff, dass man angeblich die Geschichte von verschollenen Menschen gezeigt bekommt.

Ein besonders bemerkenswertes Werk entstand noch 1992, als der belgische Film Mann beißt Hund Premiere feierte. Hier folgte ein Team dem Serienmörder Ben bei seiner Arbeit. In verwackelten, oft schwarz-weissen Bildern erlebten wir den moralischen Verfall des Filmteams, dessen Agenda und Moralvorstellungen viel mehr im Fokus standen als der Serienmörder selbst. Dem Team um die Regisseure Rémy Belvaux, André Bonzel und Benoît Poelvoorde gelang damit eine bitterböse und zynische Anklage gegen den Sensationsjournalismus, die noch heute nachhallt und sehenswert ist.

Verstört!

Und dann kam The Blair Witch Project. Erneut waren es drei Studenten, die einer uralten Geschichte auf die Spur kamen. Ihre Filmaufnahmen wurden später gefunden und den Kinozuschauern als einziges existierendes Zeitzeugnis vorgelegt, da man seit einem Jahr nichts mehr von der kleinen Gruppe gehört habe. Der Film wurde ein Sensationserfolg! Mit nur 60.000 Dollar Produktionskosten erschuf das Regie-Duo aus Eduardo Sánchez und Daniel Myrick einen Streifen, der an der weltweiten Kinokasse fast 250 Millionen US-Dollar einspielte und zu einem der erfolgreichsten Independent-Filme aller Zeiten wurde. Wenn der Film auch nicht der erste seiner Art war, so gelang den Machern aber definitiv die Popularisierung der Found-Footage-Technik.

Masse und Klasse

Es folgten weitere bekannte und durchaus erfolgreiche Versuche, wie die Reihen zu Paranormal Activity, REC oder V/H/S sowie auch Cloverfield, District 9, Chernobyl Diaries, Trollhunter, Apollo 18 oder Chronicle. Als Spitze des Eisberges stehen sie stellvertretend für an die 150 Filme ähnlicher Machart, die in den letzten vierzig Jahren das Licht der Welt erblickt haben.

Dass sich dabei auch Ausschussware findet, liegt in der Natur der Sache. Found-Footage-Filme sind günstig zu produzieren und laden Produzenten auch durchaus dazu ein, mit geringen Mitteln auf eine Welle aufzuspringen. Die Qualität bleibt dabei gerne mal auf der Strecke. Man denke hierbei insbesondere an die teils bodenlosen Veröffentlichungen der Trash-Schmiede The Asylum. Interessanter sind dann schon die Versuche, bei denen man eine clevere Ideen hatte und diese einzig über die Umsetzung noch um weitere Aspekte anreicherte.

Die beiden Streifen Cloverfield und Trollhunter, die SYFY am Sonntagabend ab 20.15 Uhr back to back im TV präsentiert, wollen wir uns in diesem Zusammenhang noch einmal genauer anschauen.

Der Abrams-Faktor

Wir schrieben das Jahr 2008, als ein Kinoplakat mit dem Bild einer geköpften Freiheitsstatue Aufsehen erregte. Was durchaus auch der neue Emmerich hätte sein können, zeigte sich bei genauerer Betrachtung als kleiner und feiner Found-Footage-Blockbuster. Hollywoods Wunderkind J. J. Abrams und seine Schmiede Bad Robot hatten sich der Versuchung nicht erwehren können, auf den sanft anrollenden Zug aufzuspringen. Doch wenn ein Abrams etwas macht, dann eben richtig, was sich bereits bei der Wahl seiner Crew deutlich zeigte.

Drew Goddard (Alias, Lost, Daredevil, Cabin in the Woods, Der Marsianer) schrieb das Drehbuch, in dem der Angriff eines Riesenmonsters auf New York erzählt wird. Regie führte Matt Reeves, der erst durch diese Produktion seine Karriere richtig in Gang brachte. Später durfte er bei den gefeierten Sequels des Planet-der-Affen-Reboots auf dem Regiestuhl Platz nehmen und bereitet just The Batman für 2021 vor. Zwischendurch kehrte er aber auch noch als Produzent zu seinen Wurzeln zurück und verantwortete 10 Cloverfield Lane und The Cloverfield Paradox.

Bad Robot hatte ihm zur Umsetzung von Cloverfield 25 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt. Dank der Vermarktung durch Paramount und eine selten vorher erlebte virale Kampagne erreichte man ein unerwartet großes Publikum. Über 170 Millionen US-Dollar flossen rein durch die Kinoauswertung wieder in die Kasse. Es bewies sich einmal mehr, dass ein großer Name (und geschicktes Marketing) Wunder bewirken können. Dass der Film obendrein eine Menge Spaß macht, rundet die Sache ab.

Abstürzende Trolle

Nicht minder gelungen ist allerdings Trolljegeren, der norwegische Beitrag von 2010, den man hierzulande als Trollhunter kennt.

Regie führte der bis dahin noch unbekannte André Øvredal, in dessen Geschichte drei Studenten eine harmlose Dokumentation drehen wollen, aber auf etwas vollkommen anderes stoßen. Dank der schaurig-düsteren Atmosphäre in den Bergen von Vestlandet im Westen Norwegens gelang ihm ein spannender Grusler mit vielen gelungenen Schockeffekten.

Für den Regisseur selbst wird es nach vielen weiteren, kleinen Projekten dieses Jahr noch spannend. Im August startet Scary Stories to Tell in the Dark. Für diesen Film hatte er nicht nur erstmals ein sattes Budget von rund 40 Millionen US-Dollar zur Verfügung, mit Guillermo del Toro steht auch ein Erfolgsgarant als Produzent hinter dem Projekt. Dass zudem die Hageman-Brüder (Trollhunter-Serie) die Umsetzung der Romanreihe von Alvin Schwartz übernahmen, macht Hoffnung auf einen weiteren gelungenen Streifen.

Leider ging die Rechnung bei Trollhunter selbst nur bedingt auf. Zwar kostete der Film nur rund 3,5 Millionen US-Dollar, spielte aber auch nur knapp über 4 Millionen ein. Obwohl man sich bereits früh auf ein US-Remake festgelegt hatte und die Verhandlungen weit fortgeschritten schienen, wurde das Projekt vermutlich nicht zuletzt wegen der schwachen Einspielergebnisse eingestampft.

Der Qualität des norwegischen Originals tut das aber selbstverständlich keinen Abbruch. Trollhunter ist nicht nur im Found-Footage-Bereich ein Kleinod, das kein Gruselfan und Kinofan verpassen sollte. Back to back mit Cloverfield steht einem spannenden Kinoabend bei SYFY nichts im Wege.

SYFY zeigt im Rahmen des Specials „Monsters Caught on Camera“ Cloverfield am 26. Mai 2019 ab 20.15 Uhr gefolgt von Trollhunter um 21.45 Uhr.