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For All Mankind: Wettlauf im All

Für Science-Fiction-Fans ist es eine spannende Zeit im Serienbereich. Auch Ex-Galactica-Boss Ronald D. Moore hat aktuell ein starkes Format am Start, auf die wir heute einen Blick werfen möchten.

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von Stefan Ulsamer

ACHTUNG!

Dieser Artikel enthält Spoiler für die ersten beiden Staffeln von For All Mankind. Er ist für Leser gedacht, die bereits mit den Episoden vertraut sind, oder keine Angst vor Spoilern haben und sich Lust auf etwas Neues machen wollen.

Sommer 1969: Der laufende Vietnamkrieg und die politischen Unruhen der vergangenen Jahre haben sich tief in das amerikanische Bewusstsein gefressen. Gute Neuigkeiten gibt es meistens nur durch die Errungenschaften der Weltraumbehörde NASA und ihrer Astronauten im All. Doch dann landet im Juni 1969 eine sowjetische Raumfahrtmission auf dem Mond und der Russe Alexei Leonov betritt als erster Mensch den Mond. Einen Monat später legen Neil Armstrong und Buzz Aldrin mit der Mondfähre Eagle eine Bruchlandung auf unserem Erdtrabanten hin.

Wie bitte – die Russen waren zuerst auf dem Mond? Ist die Geschichte nicht anders verlaufen? Ja, das ist sie und in der realen Welt ist Neil Armstrong am 20. Juli 1969 als erster Erdenbewohner, der seinen Fuß auf einen anderen Himmelskörper setzt, in die Geschichtsschreibung eingegangen.

Eine alternative Vergangenheit

Das eingangs beschriebene Szenario zeigt einen anderen Ausgang des Wettlaufs zum Mond, der die Grundlage für die aufwendige Science-Fiction-Serie For All Mankind aus der Feder von Battlestar Galactica- und Outlander-Serienschöpfer sowie Star Trek-Urgestein Ronald D. Moore bildet.

For All Mankind ist bei den Kollegen von Apple+ zu sehen, wo die Freunde von spannender Weltraumunterhaltung ansonsten zugegebenermaßen bisher zu kurz kommen. Dafür ist For All Mankind eine echte Genreperle, die aufgrund der geringeren Popularität des Apple-eigenen Streamingdienstes nicht die Popularität innehat, die sie zweifellos bei Veröffentlichung auf einem der „größeren“ Plattformen hätte.

Die generationenübergreifende Handlung von For All Mankind entwirft eine alternative Geschichte, in der das Wettrennen ins All niemals aufgehört hat und zeigt in der ersten Staffel den Aufbau einer permanenten Präsenz der USA und der Sowjetunion auf der Mondoberfläche. Optisch und technisch ist die Serie auf hohem Niveau, die visuellen Effekte der Szenen im Weltraum und auf dem Mond erreichen erstklassiges Kinoniveau.

In den männlichen Hauptrollen sind der schwedisch-amerikanische Robocop-Darsteller Joel Kinnaman als Apollo-Astronaut Edward Baldwin und der australische Mime Michael Dorman (bekannt aus der Amazon-Comedy-Serie Patriot) als sein Raumfahrer-Kollege und bester Freund Gordo Stevens zu sehen. Ihre Ehegattinnen Karen Baldwin und Tracy Stevens werden von Shantel VanSanten (bekannt aus der Actionserie Shooter) und Sarah Jones (Hauptdarstellerin der kurzlebigen J.J. Abrams-Serie Alcatraz) verkörpert. Abgerundet wird der Cast durch hochwertige Nebendarsteller wie Jodi Balfour (True Detective), Sonya Walger (Lost) oder Colm Feore, der den deutschen Raketenentwickler Wernher von Braun verkörpert. In der Handlung der Serie werden geschickt fiktionale historische Ereignisse mit real existierenden Personen verknüpft – wie dem zuvor genannten von Braun.

Oftmals stehen dabei die irdischen Probleme der Charaktere, bei denen es um Rassismus, politische Intrigen, Sexismus, Homophobie oder der Verlust von geliebten Menschen geht, im Vordergrund vor den „großen“ Ereignissen im Weltraum. Eine besondere inhaltliche Gewichtung kommt dabei den weiblichen Mitgliedern des Astronautenkorps zu. Im realen Leben startete die NASA im Jahr 1983 bei zwei Missionen an Bord der Raumfähre Challenger die erste amerikanische Frau und den ersten Astronauten afro-amerikanischer Herkunft in den Orbit. In For All Mankind werden bereits Anfang der 1970er Jahre Frauen und Personen mit verschiedenster ethnischer Abstammung in den Astronautenkader aufgenommen.

Die Serie zeigt die Integrationsprobleme und die Vorurteile, mit denen diese Neuastronauten zu kämpfen haben, die so gar nicht dem Klischeebild des typischen Astronauten mit Kampffliegerhintergrund der „echten“ 1970er entspricht. Und gerade als der Zuschauer darüber nachdenkt, dass es nach den ganzen irdischen Querelen langsam Zeit für etwas mehr Weltraumaction wäre, verwandelt sich die Serie am Staffelende bei der Rettung der katastrophal schiefgelaufenen Apollo-24-Mission endlich in einen aufregenden Weltraumthriller.

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Zurück in die Zukunft

Am Ende der zehnten Folge (dem Finale der ersten Staffel) macht die Handlung mit musikalischer Untermalung des Eighties-Hits Everybody Wants to Rule the World von Tears for Fears einen größeren Zeitsprung in die 1980er Jahre. Die Macher von For All Mankind verwenden im Lauf der Serie immer wieder große Hits solch bekannter Künstler wie Frank Sinatra, David Bowie, AC/DC, Louie Armstrong oder der Rolling Stones. Und der Filmscore kommt von keinem geringeren als dem derzeitigen Star Trek-Komponisten Jeff Russo (verantwortlich für die musikalische Untermalung von Discovery und Picard).

Die zweite Staffel von For All Mankind zeigt uns 1980er Jahre, in der der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt ist und die Welt buchstäblich fünf Minuten vor dem nuklearen Holocaust und der Vernichtung allen Lebens auf der Erde steht – ein Szenario, das nicht weit von der „echten“ Realität der damaligen Zeit entfernt liegt. Ein Funke genügt(e), um den Dritten Weltkrieg ausbrechen zu lassen. Dieser Funke entzündet sich in For All Mankind allerdings nicht auf der Erde, sondern auf unserem Erdtrabanten. Unterschiedliche territoriale Ansprüche und ein Missverständnis führen im letzten Drittel der zweiten Staffel dazu, dass erstmals Schüsse zwischen amerikanischen und russischen Raumfahrern fallen.

Im kürzlich veröffentlichten Staffelfinale kommt es zu einem Showdown auf der Mondoberfläche inklusive Stirb Langsam-Szenario in der amerikanischen Mondbasis Jamestown und einem aufregenden Katz und Maus-Spiel zwischen der russischen Raumfähre Buran und dem nuklear angetriebenen amerikanischen Space Shuttle Pathfinder, beide bis an die Zähne bewaffnet mit Atomsprengköpfen. Am herzergreifenden Ende – das leider nicht alle Hauptcharaktere überleben – wird die Lage durch einige unerwartete Wendungen entschärft und die irdischen Supermächte schlagen einen Kuschelkurs ein. Danach geht es zu den Klängen von Nirvanas Come as You Are auf eine Reise durch das innere Sonnensystem und direkt auf die Marsoberfläche des Jahres 1995. Die Eroberung des Roten Planeten wird der Haupthandlungsbogen der dritten Staffel von For All Mankind sein. Der Verfasser kann sie kaum erwarten, denn For All Mankind hat Suchtpotenzial. Vielleicht noch nicht in der allerersten Episode – aber wurde man von der Serie erst einmal eingefangen, lässt sie einen nicht mehr los.

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