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Godzilla: Ein Zilla kommt selten allein

Heute Abend läuft um 20.15 Uhr Roland Emmerichs Godzilla bei uns auf SYFY. Zur Ausstrahlung haben wir uns mit der Geschichte des Franchises befasst und einige spannende Details zu Tage gefördert.

Godzilla 1998 Chaos In Manhattan

von Stefan Ulsamer

1954 zog eine riesige Urzeitechse eine Spur der Verwüstung durch das gerade wieder im Aufbau befindliche Nachkriegs-Japan und füllte die weltweiten Kinokassen sowie die Geldbörsen der Produzenten der japanischen Produktionsfirma Toho. Diese Echse trug den Namen Gojira, der von amerikanischen Marketing-Experten für zu schwierig in der Aussprache erachtet wurde, weshalb das Monster in westlichen Ländern auf den Namen Godzilla hört. Um die Namensfindung – sowohl des japanischen wie auch des westlichen Namens der Riesenechse – ranken sich mittlerweile Legenden.

Dieser Schwarz-Weiß-Film aus dem Jahr 1954 legte den Grundstein für ein auf der ganzen Welt bekanntes Filmfranchise, das mittlerweile 32 japanische und vier amerikanische Kinofilme umfasst sowie zahlreiche Live Action- und Zeichentrickserien, Mangas, Videospiele und vieles mehr. Godzilla ist mit Abstand das langlebigste Filmfranchise überhaupt. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Allein im Jahr 2021 veröffentlichte Warner Brothers mit Godzilla vs. Kong das erste Aufeinandertreffen der Hollywood-Version auf den berühmtesten Affen der Filmgeschichte, der japanische Netflix-Ableger hat die Anime-Serie Godzilla Singular Point im Programm (auch auf dem deutschen Netflix verfügbar) und Toho präsentierte im Oktober mit Godzilla vs. Hedorah (2021) einen offiziellen Live-Action-Kurzfilm auf einer großen Godzilla-Convention und dem hauseigenen Youtube-Kanal.

Die Vorgeschichte

In den letzten Jahren erlebte das Franchise einen starken Popularitätsschub durch die Filme des von Warner und Legendary Pictures konzipierten „Monsterverse“, das mit dem zuvor erwähnten Godzilla vs. Kong dieses Jahr seinen vorläufigen Abschluss fand (wobei es mittlerweile Hinweise gibt, dass weitere Filmprojekte mehr als wahrscheinlich sind). Interessanterweise entstanden in jüngerer Zeit amerikanische und japanische Werke simultan – sehr zur Freude der riesigen weltweiten Fangemeinde.

1998 war das deutlich anders. In Japan befand sich die Reihe in einem tiefen Winterschlaf, während die Filmwelt ihr Augenmerk auf den deutschen Filmemacher Roland Emmerich und seinen Produktionspartner Dean Devlin gerichtet hatte. Die beiden hatten mit Stargate (1994) einen Überraschungshit und mit Independence Day (1996) einen der größten Filmerfolge aller Zeiten gelandet. In Independence Day hatten sie gerade erst Manhattan durch außerirdische Invasoren in Schutt und Asche gelegt. Nun sollte die Metropole am Hudson River ein zweites Mal einer Zerstörungsorgie zum Opfer fallen – diesmal durch keinen Geringeren als den japanischen Megastar Godzilla.

Der Produktion vorausgegangen war eine lange Verhandlungszeit, ehe im Herbst 1992 TriStar Pictues (ironischerweise eine Tochterfirma des japanischen Sony-Konzerns) bekannt gab, die Godzilla-Rechte für den amerikanischen Markt von Toho erworben zu haben. Rasch wurde eine ganze Filmtrilogie konzipiert, bei der man die bisherige Entstehungsgeschichte Godzillas verwarf (im Original von 1954 war Godzilla ein durch die Radioaktivität von amerikanischen Atomtests mutiertes Reptil). Stattdessen sollte Godzilla eine in der versunkenen Stadt Atlantis geschaffene Defensivwaffe zur Verteidigung von Atlantis gegen ein Gestaltwandelndes außerirdisches Monster sein.

Als Regisseur wurde Jan de Bont gewonnen – damals einer der gefragtesten Kameramänner Hollywoods – der gerade mit dem Keanu Reeves-Spektakel Speed sein Realfilmdebut gegeben hatte. Für die Effekte wurde Stan Winston gewonnen, der mit seinen Animatronics für Aliens und Jurassic Park Filmgeschichte geschrieben hatte. Für das Drehbuch wurde das Schreibduo bestehend aus Ted Elliott und Terry Rossio verpflichtet, das vor allem durch Disney-Animationsfilme bekannt war und das später als Autoren der Fluch der Karibik-Reihe zu Ruhm kommen sollte.

Godzilla Broderick Und Pitillo

Emmerich & Devlin

Wie so oft in Hollywood scheiterte diese Version am zu hohen Budget. Nachdem das Studio das anvisierte Budget von 120 Millionen US-Dollar verweigert hatte, verließ de Bont die Produktion, die daraufhin kollabierte. Im Mai 1996 konnte Tristar nach mehrfachen Anläufen dann Emmerich und Devlin gewinnen (zu diesem Zeitpunkt war der Kinostart von Independence Day noch rund zwei Monate entfernt). Nachdem der Hype um Independence Day nach mehreren Monaten abgeklungen war, machten sich die beiden gemeinsam an das Drehbuch, bei dem sie sämtliche Ideen des Skriptes von Elliott und Rossio über den Haufen warfen. In ihrer Version ist – ganz wie im japanischen Original – Godzilla wieder eine durch Atomtests verstrahlte und zu extremer Größe angewachsene Echse. Hier enden allerdings auch die Gemeinsamkeiten mit der japanischen Urversion, in der Godzilla eine mystische Gestalt ist, die eigene Entscheidungen trifft und über eine gewisse Intelligenz verfügt.

Emmerichs und Devlins Godzilla ist dagegen eher ein wildes Raubtier. Auch optisch trennte man sich vom weitestgehend originalgetreuen Winston-Entwurf und ließ eine mehr eidechsenartige Kreatur von Patrick Tatopoulos entwerfen, mit dem Emmerich bei Stargate und Independence Day zusammengearbeitet hatte. Dieses Design wurde nach anfänglichem Zögern von den Verantwortlichen von Toho abgesegnet– die über ein großes Mitspracherecht verfügten. Nach Freigabe eines Budgets von rund 150 Millionen US-Dollar konnten die Dreharbeiten in New York und Hawaii schließlich im Mai 1997 beginnen.

Für die Hauptrollen holte sich Emmerich den ehemaligen Teenager-Star Matthew Broderick als Atomwissenschaftler Dr. Niko „Nick" Tatopoulos (der den gleichen Nachnamen wie der Creature Designer des Films trägt), Maria Pitillo als Journalistin und Nicks Exfreundin Audrey Timmonds sowie Jean Reno als undurchsichtigen französischen Regierungsagenten Philippe Roaché – denn in dieser Version mutierte die Echse aufgrund französischer Atomtests in der Südsee.

Mit Hank Azaria, Kevin Dunn, Michael Lerner und Veronica Cartwright wurden einige namhafte Nebendarsteller engagiert, wirkliche Starpower hatte Emmerichs Godzilla aber nicht. Broderick war Mitte der 90er-Jahre nur noch mäßig gefragt und zehrte vom Ruhm seiner 80er-Erfolge wie WarGames oder Ferris macht blau, Pitillo war schlichtweg unbekannt und Reno nur in Frankreich ein Star.

Nach Abschluss der Dreharbeiten im September 1997 hatte das Visual-Effects-Team unter Leitung des Deutschen Volker Engel nur bis zum Mai des nächsten Jahres Zeit, mehrere Hundert Effektsequenzen auf die Beine zu stellen. Das Resultat konnte sich trotz des immensen Zeitdrucks wirklich sehen lassen. Der Godzilla des Jahres 1998 wirkte mehr wie ein Dinosaurier – klar inspiriert vom T-Rex aus Jurassic Park – nur viel größer – und verhielt sich wie ein in die Enge getriebenes Raubtier.

In einer weltweiten Marketing-Kampagne entstand Anfang 1998 ein gigantischer Hype um Godzilla, den der Film bei seiner Veröffentlichung am 20. Mai 1998 nicht halten konnte. Die deutschen Zuschauer mussten noch bis zum 10. September 1998 auf die Veröffentlichung des Streifens warten. Godzilla blieb mit einem weltweiten Einspiel von 379 Millionen im Jahr 1998 deutlich hinter den Erwartungen zurück, erwies sich aber für den Verleih als doch noch recht profitabel.

Die Handlung ist relativ schnell erzählt. In ihr bahnt sich die Riesenechse nach mehreren Attacken auf Fischereischiffe in Japan und vor der US-Ostküste ihren Weg nach New York City, wo sie in einer beispiellosen Materialschlacht mittels Panzern, Kampfhubschraubern, Jets sowie U-Booten im Hudson River bekämpft wird. Mitten drin, Nick Tatopoulos, der herausgefunden hat, dass Godzilla trächtig ist und Nachwuchs erwartet. Mit Philippe Roaché, der die französische Involvierung in Godzillas Entstehung vertuschen soll, macht er sich auf, das unterirdische Nest der Echse zu suchen, um das Schlimmste zu verhindern.

Godzilla 1998 Underwater

Nachwirkungen

Da Godzilla (1998) nicht den erhofften Megaerfolg brachte, wurden Pläne für zwei weitere amerikanische Filme gestrichten. Das japanische Toho-Filmstudio – das mit Emmerichs Ergebnis nicht zufrieden war – startete bereits ein Jahr später mit Godzilla 2000: Millennium eine neue Godzilla-Reihe (die aus sechs Filmen bestehende Millennium-Staffel). Interessanterweise hat Emmerichs Version im letzten Film dieser Staffel, dem 2005 erschienenen Godzilla: Final Wars, einen weiteren Auftritt. Hier darf er – lediglich als Zilla bezeichnet – sogar gegen die originale japanische Reinkarnation der Echse antreten.

Emmerichs Godzilla sorgte letztendlich für einen Neustart in seinem ostasiatischen Heimatland und ebnete den Weg für das „Monsterverse“ von Warner, das im Jahr 2014 mit Godzilla (der Film trägt den gleichen Titel wie Emmerichs Version 16 Jahre zuvor) unter der Regie des späteren Star Wars: Rogue One-Regisseurs Gareth Edwards seinen Anfang nahm und den zweiten Start des Monsters in Hollywood markierte. Emmerichs Film war also Vorreiter der modernen Godzilla-Produktionen, die heute auf beiden Seiten des Pazifiks entstehen. Sein Godzilla hat sich erstaunlich gut gehalten – die Tricktechnik ist immer noch sehenswert. Und die filmische Zerstörungsorgie ist so, wie wir sie von Roland Emmerich gewohnt sind. Sie ist spektakulär, laut und verfügt über gigantische Schauwerte. Und sie macht unheimlich viel Spaß!

Godzilla von Roland Emmerich läuft am Dienstag, dem 9. November 2021 ab 20.15 Uhr auf SYFY.

Godzilla 1998 In Manhattan