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Hannibal: Hirnnahrung der etwas anderen Art

Zum 20. Geburtstag der Fortsetzung von Das Schweigen der Lämmer werfen wir einen Blick hinter die Kulissen.

Hannibal

l'aperitivo

„Es war wirklich ungeheuerlich. Die ganze Sache war offensichtlich weit hergeholt. Aber wir hatten eine wunderbare Zeit beim Dreh.“

Bei dem „es“, von dem Julianne Moore hier spricht, handelt es sich um die wohl berühmteste Szene aus Hannibal, in der ein Gehirn gegessen wird. Hannibal war Ridley Scotts vielgepriesene (aber von der Kritik abgelehnte) Fortsetzung zum oscar-prämierten Thriller Das Schweigen der Lämmer von Jonathan Demme. Moore übernahm darin die Rolle der FBI-Agentin Clarice Starling, die zuvor von Jodie Foster dargestellt wurde, und nahm am Esstisch gegenüber von Hannibal Lecter (Oscar-Preisträger Sir Anthony Hopkins) Platz, als der gerissene Kannibale Clarices Kollegen und ehemaligen Liebhaber, den frauenfeindlichen Paul Krendler (Ray Liotta), zu seinem nächsten Opfer machte.

Während sie unter Drogeneinfluss stand und sich von einer Schusswunde erholte, musste Clarice hilflos dabei zusehen, wie Lecter Agent Krendler sein eigenes Gehirn servierte, und das während Paul (*schluck*) noch lebte. Als der Film vor 20 Jahren in die Kinos kam, faszinierte und stieß Hannibal seine Zuschauer gleichermaßen ab – genau wie die Romanvorlage von Autor Thomas Harris. Zu Ehren dieses speziellen 20jährigen Jubiläums von Hannibal servieren wir einen köstlichen Einblick und zeigen, wie die Filmemacher diese grausame Sequenz inszeniert haben: Eine nahezu nahtlose Mischung aus drei verschiedenen visuellen Effektarten kam hier zum Einsatz, die weitaus besser gealtert ist als der Film, in dem sie vorkam.

l'antipasto

Publikum und Kritiker hielten die Sequenz für übertrieben. Allerdings ist der Film gerade wegen dieser Dinner-Szene wohl heute noch am ehesten in Erinnerung geblieben (damals dominierte jedoch der Besetzungswechsel von Foster zu Moore die Nachrichten- und Medienbranche – ebenso wie der Ausstieg des 2017 verstorbenen Jonathan Demme aus dem Projekt). Was Demme in Bezug auf die Vorlage als „zu reißerisch und blutig“ empfand, war ganz nach Scotts Geschmack (kein Wortspiel beabsichtigt).  

Krendlers beunruhigendes Ende war eine von vielen unglaublichen Szenen aus Harris‘ Vorlage, die für die Leinwandadaption übernommen wurde. Gerüchteweise heißt es, dass der Autor diese und andere reißerische Handlungen eingebaut hatte, um dem Lämmer- und Hannibal-Produzenten Dino De Laurentis eins auszuwischen, der den Autor wiederum jahrelang dazu drängte, eine Fortsetzung zu schreiben. Bei der Szene handelte es sich vielleicht um Harris‘ Art, zu sagen: „Versuch mal, das hier zu adaptieren, Hollywood!“ – eine Herausforderung, für die Ridley Scott und seine Make-up-Experten mehr als bereit waren. 

„Es war eine unglaublich komplizierte, im wahrsten Sinne des Wortes furchterregende Sequenz, die unbedingt in den Film musste“, erinnerte sich Special-Make-up-Effects-Designer Keith Vanderlaan in einem Making-of-Feature auf der Hannibal-DVD von 2001. In Zusammenarbeit mit der Firma The Mill, die einen Teil der CG-Arbeiten für die Szene übernahm, halfen Vanderlaan und der leitende Maskenbildner Greg Cannom bei der Erstellung einer animatronischen Ganzkörperpuppe von Krendler. Sie erstellten einen Körperabdruck von Liotta und richteten das Gesicht und den Hals der Puppe so her, dass sie vollständig interaktiv waren. Das bedeutete, dass die unglaublich lebensechte Puppe blinzeln, den Mund öffnen und den Kopf bewegen konnte, um den Bewegungen des realen Schauspielers am Set zu entsprechen.

Anschließend wurden die Puppe und Liotta mit einer abnehmbaren Schädeldecke ausgestattet. Bei Liotta verdeckte die Kappe einen Teil des Helms, der mit einem Stück Greenscreen bedeckt war, sodass das „Gehirn“ der Puppe später als Computereffekt eingefügt werden konnte. 

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piatto principale

„Scott war offen dafür, sich die Vorteile eines Make-up- oder eines animatronischen Effekts anzuhören, anstatt einen echten Schauspieler einzusetzen“, erklärte Vanderlaan. Als es an der Zeit war, das Gehirn für seinen Einsatz am Drehort herzustellen, gingen Vanderlaan und sein Team aufs Ganze. „Wir haben Tiergehirne da rein gepackt und einen Flüssigkeitssack kreiert, der Blut enthielt“, erläuterte Vanderlaan. „Auf diese Weise floss die Flüssigkeit aus dem Sack, wenn man hineinschnitt.“ Die Sequenz, so Vanderlaan, gestaltete sich offensichtlich sehr anspruchsvoll. „Es gab keinen Spielraum für irgendwelche Fehler.“ Die Mühen des Effektteams zahlten sich aus, sowohl in Bezug auf den Schockfaktor als auch auf die Realitätsnähe. „In dieser Szene“, erinnerte sich Ridley Scott in den Speical Features von 2001, „gibt es tatsächlich zwei oder drei Aufnahmen, die die Puppe und nicht Liotta zeigen. Man kann den Unterschied nicht erkennen.“

Scott schien sehr stolz, wenn nicht geradezu übermutig zu sein, weil ihm die Szene gelungen war, die der Autor von Hannibal selbst nicht für möglich gehalten hat. Scotts Film stellt eine blutige Ehe zwischen B-Movie-Grusel und opulentem Melodrama dar. Es ist eine FSK-18-Seifenoper, die sich zu einem Blutbad entwickelt, mit zwei der großartigsten und interessantesten Protagonisten, die es jemals auf die große Leinwand geschafft haben – auch wenn sie hier nur auf absurde, zweidimensionale, Slasherfilm-Rollen reduziert wurden.

Auf dem Papier klingt das nach einer interessanten Herangehensweise an das Material. Allerdings stießen diese erzählerischen Entscheidungen mehr ab und erzeugten nicht gerade eine wohlwollende Resonanz beim Publikum. Scott, der den Film basierend auf einem Drehbuch von David Mamet und Oscar-Preisträger Steven Zallian (Schindlers Liste) inszenierte, schien dem Ton des Buches aber sehr treu zu blieben, anstatt den verstörenden Text lediglich als Sprungbrett zu nutzen. Damit steht die Fortsetzung in einem krassen Gegensatz zu Das Schweigen der Lämmer, das die makabren Schrecken der Romanvorlage in eine dramatische Charakterstudie verwandelte – eine Entscheidung, die den Film zu einem oscar-prämierten Klassiker machte (sowohl Hannibal als auch Das Schweigen der Lämmer feiern 2021 Meilensteine; das Meisterwerk von Regisseur Jonathan Demme wurde am Valentinstag nämlich 30 Jahre alt).     

Gleichzeitig ist der erschreckende Anblick von Krendler, der unwissentlich mit seinem eigenen Stirnlappen gefüttert wird, eine perfekte Verkörperung der absichtlich übertriebenen Ziele, die Hannibal anstrebte. Das mag ein Grund dafür sein, warum die Szene das erste ist, woran sich die Zuschauer erinnern, wenn sie über die Fortsetzung nachdenken.

il dessert

Auch als filmisches Statement über den damaligen Stand der visuellen Effekte und deren Zukunft kann sich die Szene sehen lassen. Zwei Jahrzehnte später ist Krendlers „Henkersmahlzeit“ ein überzeugendes Argument dafür, dass kluge Filmemacher Computer-Effekte eher als Accessoire oder Werkzeug nutzen sollten, um die praktischen Effekte der alten Schule zu ergänzen und zu verschönern – und nicht, um sie zu ersetzen.

„Die Leute in meiner Branche hören immer, dass CG die Make-up-Effekt-Industrie auslöschen würde, und das Unsinn“, argumentierte Vanderlaan. Ich denke, die Verschmelzung der Make-up-Effekte mit der Puppe und dem, was The Mill geschaffen hat, zeigt eher die Möglichkeiten auf. Die Arbeit, die wir mit dem Krendler-Figur und der Puppe am Set geleistet haben, im Zusammenspiel mit den computergenerierten Effekten in der Nachbearbeitung, zeigt deutlich, wie gut es funktionieren kann, klassische Effekte mit einem Mix aus verschiedenen Technologien zu verbinden.“

Fava-Bohnen und ein schöner Chianti sind optional.

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Dieser Artikel wurde von Stefan Turiak von Moin Moin Medien im Auftrag von SYFY.de übersetzt.

Der Originalartikel stammt von SYFY.com und wurde von Phil Pirello geschrieben.

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