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Happy Birthday, Xena!

Vor fast 25 Jahren, genauer am 4. September 1995, startete in den USA eine Fantasyserie, die in der Film- und Fernsehlandschaft einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen konnte. Wir blicken zurück.

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von Reinhard Prahl

Die ursprüngliche Planung sah vor, Xena – Die Kriegerprinzessin nur in drei Folgen ihres großen Serienbruders Hercules auftreten zu lassen. Nachdem sich die Abenteuer um den griechischen Halbgott mit den fünf Filmen Hercules und das Amazonenheer, Hercules und das vergessene Königreich, Hercules und der flammende Ring, Hercules im Reich der toten Götter und Hercules im Labyrinthdes Minotaurus 1994 als überaus erfolgreich erwiesen hatten, startete noch im selben Jahr die Produktion der Serie. Doch den Produzenten und Miterfindern, Sam Raimi und Robert G. Tapert, schwebte nicht nur eine Show, sondern ein ganzes Universum vor.

Tapert war ein großer Fan des Hong-Kong-Action-Films und wünschte sich eine noch nie dagewesene Serie mit Martial-Arts- und Wire-Fu-Elementen. Wire-Fu ist eine typisch östliche Filmtechnik, bei der Stuntleute an Kabeln gesichert durch die Lüfte schweben und irre Moves ausführen, die, mit ein wenig Geschick gefilmt, einen unglaublichen Effekt auf den Zuschauer haben. Da Hercules als fast unsterblicher Held mit Dampfhammerschlag derartige Skills schlicht nicht benötigte stellte sich die Frage, ob sein Alter Ego Kevin Sorbo seine Gegner mit „Flug-Fu“ besiegen sollte, nie wirklich. Also verfielen Tapert, Raimi und Schulian auf den Gedanken, dass eine Kriegerprinzessin, eine wilde Schönheit mit Charisma, Mut und Stärke als tragende Rolle wesentlich effektiver wäre. In zahlreichen Meetings entwickelten sie schließlich ihre Heldin Xena, die ihre Karriere als brutale Plünderin und Mörderin startete, ihre Taten aber bereute und von nun an für das Gute eintrat.

Engel vs. Gesetzlose

Obwohl die erste Staffel von Hercules: The Legendary Journeys noch nicht einmal angelaufen war, verhandelte das Team mit Unterstützung des Co-Executives Eric Gruendemann bereits mit der Chefabteilung von Universal, um ihre Idee an den Mann zu bringen. Die Bosse zeigten sich skeptisch, doch nach einem zähen Ringen ließ man sich schließlich auf einen Testballon in Form eines Dreiteilers ein, der zum Ende der Season gezeigt werden sollte. Als Wunschkandidatin stand schnell die hübsche und zierliche Vanessa Angel fest, die gerade in der auf der Jugendkomödie Weird Science (L.I.S.A.– Der helle Wahnsinn) basierenden gleichnamigen Serie die Hauptrolle spielte. Das Produzententrio erklärte sich mit der Wahl einverstanden, obwohl sowohl die Besetzungschefin Diana Rowan als auch Gruendemann immer wieder auf die Vorzüge einer jungen neuseeländischen Schauspielerin namens Lucy Lawless verwiesen.

Und ewig winkt die Absage

Lawless hatte im ersten Hercules-Film die relativ kleine Rolle der Amazonenkriegerin Lysia gespielt, nachdem die weibliche Hauptrolle der Hippolyta nicht an sie, sondern an Roma Downey gegangen war. Die Gründe für die erteilte Absage lagen allerdings weniger in den bemerkenswerten schauspielerischen Fähigkeiten der Newcomerin, als vielmehr in der Sorge begründet, eine unbekannte Neuseeländerin könne das US-Publikum abschrecken.  Gruendemann erinnert sich im offiziellen Serienguide von Robert Weisbrot an Lucy Lawless‘ erstes Vorsprechen: „Der ganze Raum veränderte sich bei ihrem Eintritt … Sie strahlte Kraft, Präsenz und Reife aus, obwohl sie erst fünfundzwanzig war.“

Die zuvor von Robert G. Tapert geäußerte Sorge, dass es „keine so gute Idee“ sei, „die Titelrolle mit einer Kiwi zu besetzen“, wäre Lawless dann auch fast zum Verhängnis geworden, als es später um die Besetzung der Titelfigur in Xena – Die Kriegerprinzessin ging. Sollten die drei Folgen um die leidenschaftliche und angriffslustige Kämpferin in eine Serie münden, würde Vanessa Angel natürlich auch hier den Zuschlag erhalten. Sie bekam vorbereitend einige Wochen lang Kampfsportunterricht verpasst. Doch kurz vor Drehbeginn meldete sie sich Weihnachten 1994 aus London und sagte ihre Rolle aufgrund einer Grippe ab. Hektisch suchte man nach einem Ersatz, doch zwischen Weihnachten und Neujahr war niemand zu erreichen. Selbst Lucy Lawless, die mit ihrer Familie zum Campen gefahren war, blieb unauffindbar. Ein verzweifelter Anruf bei ihren Eltern sorgte schließlich dafür, dass die überraschte Jungschauspielerin im Januar 1995 am Set stand und der Kriegerin Xena in den Hercules-Folgen Der Kampf um Iolaus (The Warrior Princess), Eine weibliche Kampfmaschine (The Gauntless) und Das befreite Herz (Unchained Heart) endlich ein Gesicht gab. Gerade eben hatte sie noch in der sechsten Folge der ersten Season, Das Gift der Hera (As Darkness Falls) das zweite Mal in der kleinen Nebenrolle als Lysia vor der Kamera gestanden und nun erhielt sie die Chance ihres Lebens.

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Von der Bösewichtin zur Heldin

Mit gefärbtem schwarzem Haar, einer Lederrüstung mit runenartigen Metallverzierungen, ihrem Schwert und dem im Verlauf der Serie zum Markenzeichen gewordenen Chakram verführte die kalte Schönheit Hercules‘ Freund und Begleiter Iolaus. Sie verbreitete Angst und Schrecken in den Weiten Neuseelands, das als antikes Griechenland nebenbei erwähnt eine gute Figur machte, und tötete ohne mit der Wimper zu zucken jeden, der sich ihr in den Weg stellte. Erst Hercules gelang es, sie davon zu überzeugen, dass sie mit ihren Fähigkeiten so viel Gutes bewirken und zum Beschützer der Armen und Geknechteten werden könnte. In der oben bereits erwähnten Folge Das befreite Herz trugen die Bemühungen des Halbgottes schließlich Früchte und gemeinsam gelang es den beiden Helden, der rachsüchtigen Göttin Hera und ihren Helfershelfern tüchtig eins auszuwischen.

Der Dreiteiler avancierte zu einem Quotenhit und bestärkten das Team und die Bosse bei Universal darin, die Trilogie zum Backdoor-Piloten für das erste Spin-off zu erheben. Nur sieben Monate nach der Ausstrahlung der ersten Hercules-Episode war es soweit. Lucy Lawless alias Xena und ihr neuer Sidekick Gabrielle, ebenso einfühlsam wie stark und neugierig von der damals ebenfalls fünfundzwanzigjährigen Renée O’Connor gespielt, betraten ein antikes Griechenland, wie es zuvor in dieser Art noch nie gezeigt worden war. In der ersten eigenständigen Folge, Schatten der Vergangenheit (Sins of the Past), stellte sich Xena nicht nur den Sünden ihres früheren Lebens, sondern kam auch einem ehemaligen Weggefährten in die Quere. Außerdem lernte Xena endlich Gabriel kennen, mit der sie bald eine tiefe Freundschaft und Liebe verband. Der große Showdown bot einen grandiosen Vorgeschmack auf die kommenden sechs Jahre, die in vielerlei Hinsicht einzigartig waren.

Wer braucht schon historische Genauigkeiten?

Die Welt von Xenas und Hercules wurde nicht nur von Mördern, Betrügern, machtbesessenen Königen und sämtlichen bekannten Sagengestalten der griechischen Mythologie bevölkert, auch historische Persönlichkeiten und Götter aller möglichen antiken Völker gaben sich die Ehre. Historische Genauigkeit war dabei ein Luxus, den man sich gar nicht erst leisten wollte. Die zahlreichen antiken Sagen und Legenden gaben so viel Stoff her, dass man sich durch Kleinigkeiten wie geschichtliche Fakten nicht ausbremsen ließ. Unter anderem passierte es mehrfach, dass sich zwei altgeschichtlich belegte Persönlichkeiten in Xena oder Hercules begegneten, obwohl sie in Wirklichkeit in völlig unterschiedlichen Epochen lebten. Auch mit den Rüstungen und Waffen nahmen es die Produzenten nicht so genau. Xenas Chakram ist beispielsweise eine typisch persische Waffe aus dem 16. Jahrhundert, verschiedene Rüstungen entstammen in ihren Grundzügen romantischen Vorstellungen über die Wikinger und so weiter. Die Liste ließe sich beinahe endlos fortführen.

Playgrounds

Im Vordergrund stand also definitiv die künstlerische Freiheit, der Spaß und ein humoriges Augenzwinkern, mit dem die oft thematisch interessanten Adventure-of-the-week-Episoden gerne präsentiert wurden. Neben den kleinen und großen Ungenauigkeiten fielen beide Seriengeschwister auch immer wieder durch ihr abgedrehtes Kostümdesign auf, das im Fall von Xena – Die Kriegerprinzessin übrigens von keiner Geringeren als Ngila Dickson stammt. Die 1958 in Dunedin, Neuseeland geborene Schauspielerin und Schneiderin legte sich kurz nach dem denkwürdigen Finale der Show für Peter Jacksons Der Herr der Ringe 1 – 3 ins sprichwörtliche Zeug und gewann 2004 gemeinsam mit Richard Taylor verdient einen Oscar für ihre Arbeit. Deshalb, und auch weil etliche Mitglieder des neuseeländischen Filmteams später ebenfalls zur Crew der epischen Tolkien-Trilogie stießen, bezeichnet Robert Tapert sein Herzensprojekt gerne als „Versuchsfeld für den Herr der Ringe.“

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Ein Impakt für die Fernseh- und Filmindustrie

Innerhalb von zwei Jahren wurde Xena – die Kriegerprinzessin zu einer der beliebtesten Serien weltweit. Bereits in der zweiten Staffel hatte das Spin-off die Mutterserie an Zuschauerzahlen überflügelt. Außerdem schälte sich allmählich heraus, dass nicht nur ein Teil der Hercules-Freunde Woche für Woche mit der Kriegerprinzessin zu neuen Abenteuern aufbrach, sondern darüber hinaus auch viele neue Fans hinzukamen. Während Hercules: The Legendary Journey überwiegend ein jüngeres Publikum in seinen Bann zog, schalteten bei Xena wesentlich mehr ältere Zuschauer ein. Es gab mehr Action, mehr Freizügigkeit, Sexyness und einen permanent mitschwingenden sexualisierten Unterton. Die Bandbreite war überwältigend und wechselte zwischen Comedy, Action und Drama hin und her. Hinter dem manchmal trashigem Äußeren verbarg sich zudem der Mut, auch ernstere Themen anzusprechen, entweder direkt oder als Subtext in den Drehbüchern. Nachdem Versuche, eine weibliche Actionheldin langfristig im Fernsehen zu etablieren, jahrelang mehr oder weniger gescheitert waren, schaffte es Lucy Lawless endlich, Frauen in actionlastigen Rollen salonfähig zu machen.

 Robert Tapert ist sogar der Meinung, dass es ohne Xena eine weitere wegweisende Show, nämlich Buffy – Im Bann der Dämonen, in dieser Form vielleicht nie gegeben hätte. Diese Aussage ist so sicherlich nicht ganz korrekt, denn der Erfinder der Vampirjägerin, Joss Whedon, schrieb das erste Drehbuch bereits 1991 und verfilmte es 1992. Allerdings ging Buffy erst 1997 in Serie, zwei Jahre nach dem Serienstart von Xena. Insofern ist es durchaus denkbar, dass Whedon sich einige Elemente herauspickte und für seine Hauptfigur adaptierte. Ob die Kriegerin nun einen direkten oder indirekten Einfluss auf die Jägerin nahm, oder nicht, auf jeden Fall waren starke Frauen in Serien nicht nur hoffähig geworden, sondern entwickelten sich in der Folgezeit geradezu zu einem Must Have.

Lack- und Leder

Was für die Action gilt, gilt übrigens auch für das bereits erwähnte Kostümdesign von Ngila Dickson. Von den Anfängen des Filmes bis in die 90er-Jahre hinein orientierte sich die in Sandalen- und Ritterfilmen gezeigte Kleidung eigentlich immer an historischen Vorbildern. Sicherlich schmückten die geschickten Ausstatter hier und da etwas aus und ließen ihrer Fantasie in einem gewissen Maße freien Lauf. Doch im Kern blieben Roben, Kleider, Rüstungen, Schuhe und Unterkleider nah an den realen Vorbildern. Dickson beschritt hier völlig neue Pfade, in dem sie ihre Heldinnen nicht nur in knappe, sexy Lederrüstungen steckte, die ihren offensichtlich erotischen Touch nicht verleugnen konnten. Auch scheute sie nicht vor harten Stilbrüchen zurück und spielte wild mit der Mode aller möglichen Epochen und Ländern. Der Stil war absolut neuartig und bewegte sich manchmal sogar an der Grenze zur Geschmacklosigkeit. Doch der Wiedererkennungswert war Gold wert. Wer sich entsprechende Filme und Serien ab den späten 90er- bis in die frühen 2010er-Jahre anschaut, findet leicht Parallelen. Der 13. Krieger mit Antonio Banderas in einer der Hauptrollen ist ein gutes Beispiel dafür. Auch die Hitserie Spartacus von 2010 zeigt kostümtechnisch einige Reminiszenzen an ihre neuseeländischen Vorbilder. Diese Tatsache verwundert allerdings kaum, denn Barbara Darragh, die für Spartacus: Gods of the Arena und Spartacus: War of the Damned die Kostüme entwarf, hatte bereits für drei Hercules-Filme diese wichtige Aufgabe innegehabt.

die LTGBQ+-Szene feiert Xena

Zu guter Letzt darf nicht unerwähnt bleiben, welch große Bedeutung Xena darüber hinaus bis heute noch hat. Schon früh fiel auf, dass man viele Szenen zwischen ihr und Gabrielle auf vielerlei Weise interpretieren konnte. Die Freundschaft der beiden Frauen war sehr emotional und ging unter die Haut. Die bedingungslose Liebe Gabriels zu ihrer Mentorin berührte die Zuschauer und Zuschauerinnen und hinterließ einen tiefen Eindruck. Gewisse Szenen wie die in einem Badehaus, in dem die Kriegerprinzessin und ihre Freundin nackt in einem großen Bassin sitzen, sich tief in die Augen blicken und dabei ihre Hände halten, verstärkten den Eindruck, dass hier mehr als „nur“ eine Freundschaft im Gange war.

Obwohl sie es zunächst gar nicht beabsichtigt hatten, freundeten sich Tapert, Raimi und Schulian schnell mit dem Gedanken an und ließen dann über die sechs Staffeln verteilt immer wieder Szenen einfließen, die vor allem Fans aus der LTGBQ+-Gemeinschaft begeisterten. Dabei achteten die Produzenten immer darauf, nie zu direkt zu werden und es letztlich der Fantasie des Zuschauers zu überlassen, welche Art von Beziehungen die beiden nun wirklich führten. Als Fan wünschte man sich, dieses schöne Paar mutiger Frauen möge am Ende der Serie endlich zueinander finden und gemeinsam glücklich werden. Leider kam es jedoch anders. Xena fand im Finale ihre Erlösung von all ihren bösen Taten und ließ ihre geliebte Freundin mit dem Versprechen, immer in ihrem Herzen zu verweilen, allein auf dieser Welt zurück. Xena und Gabriel lebten eben eine Liebe, die weit über den Tod hinaus ging – und auch über das Ende der Serie hinaus.

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Epilog

Die beiden Hauptserien des Franchise liefen noch, als Robert Tapert auf die Idee verfiel, mit Der junge Hercules eine weitere Serie auf den Markt zu werfen. Der Versuch endete nach fünfzig Folgen und einem Pilotfilm jedoch recht schnell und somit versank das antike Griechenland nach 2001 in einen langen Winterschlaf.

Am 13. August 2015 gab Bob Greenblatt, seines Zeichens Chairman bei NBC, bekannt, dass sich ein Xena-Reboot in Entwicklung befand, in das auch Tapert und Raimi involviert waren. NBC stellte das Projekt jedoch 2017 mit der Begründung ein, dass die bislang gelieferten Ideen kein Reboot rechtfertigen würden. Ein Jahr später fand sich jedoch das geleakte Drehbuch der geplanten Pilotfolge Destroyer of Nations im Internet, das von Javier Grillo-Marxuach (u. a. The Dark Crystal: Age of Resistance) geschrieben worden war und in dem auch Iolaus und Hercules erneut auftauchten.

Der Einstiegsdialog zwischen den beiden Freunden liest sich recht humorvoll und greift das alte Feeling der Originale auf. Warum die Folge nie gedreht wurde, wissen wohl nur die Götter ...

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