News /

Interview: James Marsters über Runaways und die Beziehung zu seinen Kindern

James Marsters hat die Rolle des Victor Steins wahrscheinlich deswegen bekommen, weil er den Charakter eines genialen doch besorgten Erfinders nur zu gut verstehen kann. Selbst ein begeisterter Wissenschafts-Fan, kann er gut und gerne über physikalische Theorien und mathematische Philosophien diskutieren.

Als er also zum Casting für die Rolle eingeladen wurde, probierte er kurzerhand eine kleine Improvisation und trat als Victor Stein vor seine Angestellten bei Nemo Industrial. Dabei kamen sowohl seine visionäre Seite, die an Tesla-Gründer Elon Musk erinnert, als auch eine Seite mit dunkleren Tendenzen zum Vorschein.

James Marsters in seiner Rolle als Victor Stein

„Okay Leute! Die NASA hat mich heute Morgen angerufen, weil sie Hilfe brauchen.", fing Marsters an. "Die Mars-Mission steht kurz vor dem Aus, und der Grund dafür ist im wahrsten Sinne des Wortes Scheiße. Sie schaffen es nicht, das Wasser zu filtern. Die komplette Kapsel muss ein geschlossener Kreislauf sein und sie haben es hinbekommen, den Sauerstoff und das Wasser zu recyceln, aber sie schaffen es nicht, die Fäkalien herauszufiltern. Also: Der Kaffee ist umsonst und ich will bis morgen früh etwas auf meinem Schreibtisch haben, das mich interessieren könnte. Es muss das Problem nicht lösen, aber es muss einen interessanten Ansatz haben. Ihr müsst mir gar nicht erst mit Kochen oder Erhitzen ankommen, das kann jeder Höhlenmensch tun. Es muss etwas Anderes sein. Los. Und wenn ich bis morgen früh nichts auf meinem Tisch habe, wird jemand gefeuert.“

Die Fäkalien sind schuld

Als er sich an diesen Moment des Vorsprechens im Interview mit uns erinnert, muss er lachen. Denn das im Casting geschilderte Problem war, neben dem Schutz der Crew vor gefährlicher Strahlung und dem Durchdrehen auf der langen Reise, tatsächlich ein Grund, der die Mars-Mission aufhielt. „Das erdet uns Menschen wieder.“, schmunzelt er. „Wir denken, dass wir so herausragend sind, aber was uns wirklich ein Bein stellt, sind die Fäkalien.“ Die Showrunner Josh Schwartz und Stephanie Savage waren beeindruckt – und hatten ihren Victor gefunden.Manchmal ist Marsters Victor Stein sogar ein bisschen zu ähnlich. Als die Dreharbeiten zum Piloten begannen, konnte der Schauspieler die Handlung und die nächsten Schritte seines Charakters voraussagen, noch bevor die Showrunner sie ihm verrieten. Während einer Diskussion über das Reparieren der leuchtenden Box, die er und die weiteren Mitglieder seiner Verschwörungsgruppe „The Pride“ zum Opfern von jugendlichen Ausreißern wie Destiny nutzen, stellt Marsters dem Team eine interessante Frage.

„Was, wenn wir sie nicht reparieren? Was, wenn Victor sie nicht repariert. Was, wenn Destiny immer noch hier ist. Was passiert dann?“ Das Team hielt inne, um sich eine Antwort zu überlegen, doch Marsters kam ihnen zuvor. „Natürlich müssten wir sie umbringen.“ Aghast, Savage und Schwartz sagten, das könnten sie nicht tun. Aber Marsters blieb weiter dran. „Warum nicht? Wir haben uns eh schon dazu entschlossen, sie umzubringen. Wir können sie mit einem Messer oder mit der Box töten. Es ist die gleiche moralische Entscheidung. Aber wir können sie definitiv nicht laufen lassen.“

Unheimliche Ähnlichkeit

„Stephanie und Josh meinten beide nur: Oh Gott, du BIST Victor. Es macht uns Angst, wie sehr du wie Victor bist."

Dann übernahmen sie seine logische Überlegung und machten The Pride so zu einer noch viel gefährlicheren Organisation. Marsters bringt es auf den Punkt: „Wenn ich jemanden umbringen müsste, um die gesamte Menschheit zu retten wäre es moralisch besser, wenn ich mich selbst schuldig mache, damit die Menschheit überleben kann oder wäre es besser, alle sterben zu lassen, damit ich mit einem reinen Gewissen sterben kann? Was wäre heldenhafter?“

Als Victor selbst in der Box gefangen ist und seine Genesung abwartet, hatte Marsters viel Zeit, um die Taten seines Charakters in der ersten Staffel von Runaways Revue passieren zu lassen: Von der Misshandlung seiner Frau Janet und seinem Sohn Chase, zu einer 180-Grad Wandlung mit erneuten Annäherungsversuchen, bis er sie schließlich erneut attackiert und es sogar so weit eskaliert, dass seine Frau auf ihn schießt (Darum das Warten auf Genesung).

Marsters witzelt, dass Victor von außen betrachtet wie ein komplettes A****loch rüberkommt. Aber dann hat er etwas tiefer gegraben und sich gefragt, was es mit der Seele eines Menschen macht, wenn man gezwungen ist, über eine lange Zeitspanne extreme Opfer zu bringe, in diesem Fall Lügen und Mord, um seine eigene Familie zu beschützen.  

Victors innere Gewissensbisse

„In dem Film „Schindlers Liste“ spielt Ralph Fiennes den Aufseher eines Konzentrationslagers. Unter anderen Gegebenheiten, wäre er wahrscheinlich ein guter Mensch gewesen. Aber aufgrund dessen, was sein Beruf war, was er gezwungen war, zu tun, ist er durchgedreht. Er wurde psychotisch wegen des Stresses. Sein inneres Ich wollte, dass er aufhört.“

Victor Stein ist auch einer großen Menge an Stress ausgesetzt und sein Gewissen sagt ihm, dass er das Falsche tut. „Aber wenn er aufhört, könnte Jonah seine ganze Familie umbringen.“, erklärt Marsters. Letztendlich lässt Victor den Stress an seiner Familie aus, auch wenn er eigentlich nur versucht, sie zu beschützen. Er geht wahrscheinlich mit seinem Sohn Chase am härtesten ins Gericht, weil der nicht weiß, was sein Vater opfert. In den Augen seines Vaters verschwendet Chase sein Potential. „Sein Sohn wächst ohne eine einzige Sorge auf.“, sagt Marsters. „Manch einer mag sagen, dass Victor zu hart zu Chase ist, aber was ist schlimmer? Zu hart oder nicht hart genug sein?“

Generationen-Konflikt im Mittelpunkt

Allein die Tatsache, dass er genau Bescheid weiß, wie Chase in der Schule ist und sich so sehr mit ihm beschäftigt, ist ein Zeichen für die Liebe, die Victor für seinen Sohn empfindet. Das kann er auch unter dem Einfluss von Jonahs Serum nicht verstecken.

Schließlich meint Marsters auch, dass die Serie sich um die unaufhaltsam entwickelnde Distanz zwischen Eltern und Kindern dreht und darum, was passiert, wenn die Kinder herausfinden, was ihre Eltern ihnen zuliebe alles opfern.

Wenn ich nach Hause komme und meine Kinder mich fragen, warum ich traurig aussehe, dann sage ich nicht, dass der Arzt ein Melanom gefunden hat und ich die Ergebnisse der Hautprobe nächste Woche bekomme. Ich sage auch nicht, dass ich versuche, die Raten für das Haus abzubezahlen und wir so gut wie kein Geld mehr haben. Das ist nur ein Zeichen für Unsicherheit und Instabilität und das sollten die Kinder nicht mitbekommen. Aber sie sind auch nicht dumm. Sie merken, wenn wir nicht ehrlich zu ihnen sind. Und dazu kommt noch, dass manche Eltern um moralische Ecken herum agieren, um ihre Familien zu ernähren. Wenn ich Dinge auf der Arbeit tun muss, die mir unangenehm sind, dann ist das so. Unsere Kinder werden das schon noch früh genug am eigenen Leib erfahren.“

Marsters fühlt diese innere Zerrissenheit besonders deutlich, wenn er sich an seine Vergangenheit als Theaterproduzent in Chicago und in Seattle erinnert. Diesen Job hatte er aufgegeben, als er nach Los Angeles zog um Schauspieler zu werden und so besser für seinen Sohn sorgen zu können. „Ihr müsstest meine Kinder fragen, was sie sehen, wenn sie mich anschauen, aber ich bin mir sicher, dass sie keinen umstürzerischen Schauspieler in mir sehen, wie ich immer einer sein wollte.“, sagt er. „Ich hab Glück gehabt. Buffy – Die Vampirjägerin war eine innovative Show zu seiner Zeit und es hat die Lüge, dass Frauen nicht zurückschlagen können, aufgehoben. Torchwood hat die Lüge, dass homosexuelle Menschen keine Helden sein können, eines Besseren belehrt. Und Runaways beschäftigt sich mit sehr interessanten Themen die Lücke zwischen Generationen betreffend.“

Die Lüge Hollywood

Er sei jedoch immer noch ein Teil der Maschinerie, die Lügen verkauft, sagt er. Die Lüge, dass es in Hollywood Menschen gib, deren Leben du auch haben musst.

„Ich lebe in Los Angeles und ich sage euch, es ist nicht perfekt. Wir sind nicht immer nur glücklich. Alle Menschen sind gleich, aber wir leben in einer Kultur, die Menschen erzählt, dass Prominente noch gleicher sind.“

Sogar in The Pride gibt es manche Charaktere, die anderen überlegen sind. Das konnten wir beobachten, als die Eltern darüber diskutieren, wer von ihnen sterben soll, damit Victor (wieder) leben kann. „Und dabei ging es nicht darum, dass Jonah Victor besonders mag oder denkt, er habe den besten Haarschnitt.“, sagt Marsters.

Victors Rückkehr als Zombie?

Zum Zeitpunkt des Staffelfinales schätzt der Schauspieler, dass Victor den Verfallsprozess bereits begonnen hat. Die gute Nachricht Jonah zufolge jedoch ist, dass Victors Mitochondrien immer noch funktionieren, was uns ein wenig Hoffnung auf seine Wiederbelebung gibt. Aber wie wird Victor sein, wenn er wiederkommt? Und könnte die Ähnlichkeit von Victor Steins Namen zu einem anderen bösen aber genialen Wissenschaftler (Victor Frankenstein) ein Hinweis sein?

„Vielleicht kommt er zurück und sieht aus wie ein Zombie – oder wie ein griechischer Gott. Wenn es der Zombie ist, hoffe ich, dass er so angsteinflößend wie möglich aussieht. Ich will nicht hübsch aussehen. In Buffy hab ich auch immer darum gebeten, eine große Wunde zu bekommen oder mit möglichst viel Kunstblut eingeschmiert zu werden. Mir macht das nichts aus. Aber ich will, dass Jonah Victor wiederherrichtet. Ich will, dass alle sagen, ich hätte abgenommen und ein Six-Pack bekommen!“


Tags: Marvel's Runaways   Marvel