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Interview mit Lieven L. Litaer: "Alice im Wunderland" auf Klingonisch

Vor Kurzem erschien die neue Klingonisch-Übersetzung von Lieven L. Litaer. Diesmal hat er sich Michael Burnhams Lieblingsbuch Alice im Wunderland vorgenommen. Wir haben mit dem Klingonischlehrer darüber gesprochen.

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Jolan tru, Lieven! Oder sollte man einen Klingonischlehrer so lieber nicht ansprechen?

Ha! Das ist ein guter Einstieg. Einen Klingonen sollte man damit sicherlich nicht ansprechen, denn falls er es verstehen würde, käme das nicht so gut an. Da ich aber einerseits kein Klingone bin, und ich mich andererseits als Klingonischlehrer auch mit anderen Sprachen auskenne, akzeptiere ich auch gerne eine romulanische Begrüßung.

Was wäre denn eine angemessene Begrüßung?

In der klingonischen Sprache gibt es keine Begrüßungsfloskeln wie wir sie kennen. Man trifft sich einfach und kommt direkt auf den Punkt. Kein freundliches „Hallo“, sicherlich kein Wunsch für einen guten Tag und erst recht keine Nachfrage nach der gesundheitlichen Situation. Wenn überhaupt eine Art Gruß verwendet wird, ist es das Wort nuqneH, gesprochen wie [nuck-näch]. Dies bedeutet wörtlich "Was willst du?" und sollte daher sicherlich nicht als Antwort benutzt werden.

Wie kam es zu Deiner Begeisterung für die klingonische Sprache?

Als ich zum ersten Mal eher zufällig auf die klingonische Sprache traf, war ich schon seit vielen Jahren ein großer Star-Trek-Fan. Das alleine war aber nicht ausschlaggebend, der große Katalysator war mein allgemeines Interesse an Sprachen. Zu jener Zeit sprach ich schon drei Fremdsprachen. Die Kombination von beiden Interessen hat das Feuer erst angefacht.

Beim weiterem Betrachten der Sprache hab ich mit der Zeit festgestellt, dass diese so absolut anders ist als jede andere. Klingonisch ist so ungewöhnlich und bietet sehr viele spannende und auch witzige Situationen, wodurch das Lernen einfach nur Spaß macht und motiviert, weiter daran zu arbeiten.

Bist Du von Haus aus Linguist?

Meine gesamten linguistischen Kenntnisse habe ich mir über die Jahre hinweg nur als Hobby angeeignet. Das hat mir dabei geholfen, dass ich inzwischen neun Sprachen recht gut beherrsche, aber sonst habe ich mit Sprachen nichts zu tun. Hauptberuflich bin ich als Architekt tätig.

2018 erschien die Übersetzung von "Der kleine Prinz" und schaffte es sogar in die New York Times. War damals schon klar, dass Du ein weiteres Buch übersetzen möchtest?

Nein, definitiv nicht. Es war auch nie wirklich geplant, den kleinen Prinzen zu übersetzen oder gar zu veröffentlichen. Es fing alles als eine reine Übung an, um mich mit der Sprache zu befassen. Erst als es fertig war kam der Gedanke, dass man dies ja veröffentlichen könne. Zu jener Zeit gab es aber keine klar definierte Absicht, sich direkt vom einen Werk ins nächste zu stürzen. Trotzdem bestand weiterhin die Idee, die klingonische Fangemeinde weiterhin mit Informationen und Arbeitsmaterial zu versorgen. So kam ein Jahr später der Reiseführer "Kauderwelsch Klingonisch" heraus.

Frisch erschienen ist nun die Übersetzung von "Alice im Wunderland". Warum dieses Buch?

Hierzu gibt es gleich drei grundlegende Motivationen, die alle gleichwertig nebeneinanderstehen. Im Grunde fing alles mit den klingonischen Untertiteln an, die in der ersten Staffel von Netflix zu sehen waren. Hier liegt die Betonung auf „waren“, da durch den Weggang der Serie von Netflix logischerweise auch die klingonischen Untertitel verschwunden sind. In der dritten Folge zitierte Michael Burnham ein paar Zeilen aus dem Buch, die so natürlich auch in den klingonischen Untertiteln zu lesen waren. In diesem Zuge entstand plötzlich die Idee, auch den Rest des Buches zu übersetzen.

„Alice im Wunderland“ spielte zudem in Star Trek: Discovery auch eine bedeutende Rolle, so hatte doch Michael Burnham von ihrer Mutter eine gedruckte Ausgabe als Geschenk für ihren Abschluss an der Akademie erhalten. Gleichzeitig war Alice eine besondere Herausforderung, da vor einigen Jahren ein Linguist in Wikipedia die Aussage aufgestellt hatte, man könne dieses Buch nicht ins Klingonische übertragen, da der Wortschatz nicht ausreichend sei. Dies war für mich umso mehr die Motivation, zu beweisen, dass es doch geht.

Was waren besondere Schwierigkeiten bei der Übersetzung?

Die Wortspiele. Es ist generell in jeder Sprache sehr schwierig, Wortspiele und Redewendungen zu übersetzen. Und „Alice im Wunderland“ ist dermaßen mit Wortspielen übersät, dass das Buch ohne sie gar nicht funktionieren würde. Das Werk ist dafür bekannt, eine Nonsens-Geschichte zu sein. Dies an sich ist auch nicht so ein großes Problem, denn man übersetzt dabei nur die schrägen Bilder und Situationen, wie sie beschrieben werden. Sobald man aber zu einem Wortwitz gelangt, steht man vor einer Wand. Diese Schwierigkeit geht sogar soweit, dass manche der Übersetzungen von Alice einige Passagen einfach komplett weggelassen haben, da es einfach nicht übersetzbar ist.

Ich habe mir bei dieser Arbeit aber aus der Not eine Tugend gemacht, und — so wie das bei Übersetzungen üblich ist — meine eigenen Wortspiele auf Klingonisch erfunden. Und ironischerweise geht das auf Klingonisch äußerst gut. Diese neuen Wortspiele sind ebenfalls nicht übersetzbar, daher kann man sie tatsächlich nur genießen, wenn man sie „im Klingonischen Original“ liest.

Es gibt aber auch noch andere Bücher von Dir. Erzähle uns doch mal, welche.

Das sind inzwischen schon einige. Mein erster besonderer Erfolg war nicht direkt mein eigenes Buch, sondern es war „Das offizielle Wörterbuch“ von Marc Okrand, dem Entwickler der klingonischen Sprache. Als dieses im Jahr 2013 überarbeitet werden sollte, wurde ich hinzugezogen, um es inhaltlich zu bearbeiten. Es ist mir auch heute noch eine große Ehre, dass im Deckblatt des Buches mein Name direkt unter dem von Marc Okrand steht. Sowas hätte ich mir nie erträumt.

Eins meiner bisher erfolgreichsten Bücher ist das Übungsbuch „Klingonisch für Einsteiger“, da es einfach bisher das einzige Übungsbuch für Klingonisch ist. Im Jahr darauf folgte „ta'puq mach – Der kleine Prinz auf Klingonisch“ und danach der oben erwähnte Reiseführer. Ende 2019 erschien die erste zweisprachige Gute-Nacht-Geschichte auf Klingonisch, die ich übersetzte und als Hörbuch erstellte, mit dem Titel „Schlaf gut, kleiner Wolf – Qongchu', ngavyaw' mach“. 2020 veröffentlichte ich meine klingonische Übersetzung eines deutschen Dramatiker-Klassikers namens „Die Hamletmaschine“. Und dann kam Alice.

Und was hat es mit Deinem Klingonischkurs auf sich? Kann da jeder die Sprache lernen und wie?

Der Klingonischkurs Saarbrücken ist nachweislich der weltweit größte Klingonischsprachkurs. Dort ist jeder willkommen, der Klingonisch lernen und üben möchte, wobei die Kenntnisse nicht relevant sind. Der Kurs ist als mehrtägiges Seminar aufgebaut mit Vorträgen, Übungen und Freizeitaktivitäten, die natürlich stark klingonisch angehaucht sind. Die Anfänger lernen von den Fortgeschrittenen, so dass die Durchmischung für jeden von Vorteil ist. Der Kurs ist recht locker aufgebaut, sodass die Teilnehmer auf spielerische Art die Sprache lernen.

Hast Du schon eine Idee für eine dritte Übersetzung oder reicht es jetzt erstmal?

Es ist nicht wirklich eine Planung, etwas zu übersetzen, sondern ich warte eher auf die richtige Idee, die quasi zugeflogen kommt. So war es ja auch bei Alice, die mir von Michael Burnham zugeflüstert wurde. Es sind aber schon ein paar andere Bücher rund um Klingonisch in Planung. Es ist definitiv meine Absicht, die Klingonischschüler weiter mit Material zu versorgen. In welcher Art und wann das geschieht, das kann ich noch nicht sagen. Letztendlich mache ich das ja auch nur als Hobby nebenher, und es ist schon recht zeitintensiv.

Wie verbringt ein Klingone aus dem Saarland eigentlich Weihnachten?

Wahrscheinlich genau so wie alle anderen Klingonen, die auf der Erde undercover unterwegs sind, gemeinsam mit seiner Familie unter dem Weihnachstbaum und einem Gläschen warmem Blutwein.

Danke, lieber Lieven. Wie kann ich mich angemessen auf Klingonisch von Dir verabschieden?

So wie es keine Begrüßung gibt, haben die Klingonen auch keinen Abschiedsgruß. Dennoch gibt es eine Möglichkeit, sich angemessen zu verabschieden, indem man dem Gegenüber viel Erfolg wünscht. Das Wort dafür kennen die meistens sicher schon, es ist Qapla'!

Vielen Dank für das tolle Gespräch!

"Alice im Wunderland" ist auf Klingonisch/Deutsch und Klingonisch/Englisch erhältlich.

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