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Juri Gagarin und der allererste Star Trek

Es war der 12. April 1961, heute vor 60 Jahren, als Juri Gagarin als erster Mensch über die international anerkannte Grenzhöhe von 100 Kilometern über dem Meeresspiegel hinaus in den Weltraum flog. Wir würdigen den ersten Menschen im All.

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von Thorsten Walch

Schon als die allerersten Menschen einst zum Sternenhimmel aufblickten, träumten sie von der endlos scheinenden von Sternen bedeckten Ebene, die sich über ihre eigene Welt hinaus erstreckt. Das Streben nach einer Reise in den Weltraum, dessen Geheimnisse sich erst im Lauf ganzer Zeitalter nach und nach von mystischen Vorstellungen hin zur greifbaren Vorstellung entschlüsselten, nahm schon kurz nach dem ersten erfolgreichen Motorflug im Jahr 1903 zunehmend Form an.

Doch es sollte noch über 57 weitere Jahre dauern, ehe dieser Traum am 12. April 1961 Wirklichkeit wurde und mit Juri Gagarin der erste Mensch über die international anerkannte Grenzhöhe von 100 Kilometern über dem Meeresspiegel der Erde hinaus in den Weltraum flog.

Kind einfacher Leute

Juri Alexejewitsch Gagarin kam am 9. März 1934 im Dorf Kluschino nahe der Stadt Gschatsk als drittes von vier Kindern von Alexei Iwanowitsch und Anna Timofejewna Gagarin (bei Frauen erhält der Nachname im Russischen ein »A« am Ende) zur Welt. Seine Eltern arbeiteten als Zimmermann und Melkerin in der nahegelegenen Kolchose des Dorfes.

Der kleine Juri musste seinen gerade erst angetretenen Schulunterricht zwischen Ende 1941 bis zum Frühjahr 1943 unterbrechen, da das Dorf Kluschino von deutschen Wehrmachtssoldaten besetzt worden war. Ein prägendes Erlebnis für Juri wurde die Beobachtung, wie ein sowjetischer Jagdflieger in der Nähe des Dorfes niederging, um einen notgelandeten Pilotenkameraden unter gefährlichen Umständen vor der Kriegsgefangenschaft zu bewahren.

Pilot und Gentleman

Nach dem Ende seiner Schulzeit, die er ab 1945 in Gschatsk fortsetzte, siedelte er 1949 um nach Ljuberzy, einem Moskauer Vorort, und absolvierte eine Ausbildung zum Gießer, die er durch ein Studium am Industrietechnikum Saratow auf ein Diplom als Gießereitechniker erweiterte. Während seiner Ausbildung wurde der von der Fliegerei begeisterte junge Mann ein Mitglied des Aeroklub in Saratow und bestand im Juni 1955 seine erste Flugprüfung.

Anschließend schloss sich Juri den sowjetischen Luftstreitkräften an und wurde an der Fliegerschule in Orenburg aufgenommen, wo er zum Militärpiloten ausgebildet wurde: 1957, am Tag seiner Beförderung zum Leutnant, heiratete er die Ärztin Walentina Iwanowa Gorjatschowa. In den folgenden zwei Jahren diente Leutnant, ab 1959 Oberleutnant Juri Gargarin bei einem Regiment der Jagdflieger bei den Seefliegerkräften der sowjetischen Nordflotte und war in der am Polarkreis gelegenen Oblast Murmansk stationiert.

Der erste Mensch im Weltraum

Im Jahr 1960 wurde Oberleutnant Juri Gargarin als potenzieller Kandidat zum Kosmonauten ausgewählt und auf Befehl von Hauptmarschall Konstantin Andrejewitsch Werschinin, dem Oberkommandieren der sowjetischen Luftstreitkräfte, von März 1960 bis Januar 1961 zusammen mit 19 weiteren Kandidaten auf dem Moskauer Zentralflughafen M.W. Frunse entsprechend ausgebildet. Ein wichtiges Kriterium dafür, dass die Wahl auf Juri Gagarin fiel, war sein ruhiges und ausgeglichenes Wesen.

In den Morgenstunden des 12. April 1961 war es schließlich soweit: Vom Weltraumbahnhof Tjuratam (heute bekannt als Kosmodrom Baikonur) im Süden Kasachstans aus startete die Wostok-Trägerrakete, deren Bezeichnung erst später die Zahl 1 beigefügt wurde, mit Juri Gagarin an Bord in den Weltraum zum ersten bemannten Orbitalflug in der Geschichte der Raumfahrt. Damit hatte sich die Sowjetunion im seit den 50er-Jahren zwischen ihr und den Vereinigten Staaten ausgefochtenen »Space Race« um die Eroberung des Weltraums zum vorläufigen Sieger aufgeschwungen. Den USA gelang es erst einen knappen Monat später, den Astronauten Alan Shepard während der Mercury-Redstone-3-Mission am 5. Mai 1961 auf den zweiten bemannten Raumflug zu schicken.

Dem Erfolg des sowjetischen Wostok-1-Fluges jedenfalls schloss sich das Wettrennen um den Flug zum und die Landung auf dem Mond an, welches in den kommenden 60er-Jahren zu einem vielfach bestimmenden Thema wurde und das die USA mit der Apollo-11-Mission am 16. Juli 1969 schließlich für sich entschieden. Doch die Ehre, der erste Mensch im Weltraum schlechthin gewesen zu sein, kommt bis heute dem nur 1,57 Meter großen Juri Gargarin aus dem kleinen russischen Dorf in der Oblast Smolensk zu.

tragischer Held der Sowjetunion

Nach 108, anderen Quellen zufolge 106 Minuten im Weltraum, während denen Juri Gagarin an Bord seiner Raumkapsel die Erde umrundete, landete er schließlich im Wolga-Gebiet nahe der Städte Saratow und Engels wieder auf der guten alten Erde. Den Platz der Landung ziert seitdem ein Denkmal. Juri Gagarin wurde als »Held der Sowjetunion« ausgezeichnet, zum Oberst befördert und zum Kommandeur der sowjetischen Kosmonautengruppe ernannt, trat 1963 jedoch von diesem Posten zurück, um an der Militärakademie für Ingenieure der Luftstreitkräfte »Professor N.J. Schukowski« zu studieren.

Während der nächsten Jahre erfüllte Gagarin hauptsächlich repräsentative Aufgaben im Glanz seiner Leistungen und ging unter anderem auf eine Welttournee, bei der er viele prominente Staatsoberhäupter der damaligen Zeit traf. Ein knappes Jahr vor seinem Tod war Gagarin als Ersatzpilot des Fluges der Sojus 1 für Wladimir Michailowitsch Komarow vorgesehen, der schließlich selbst auf diese Mission ging und dabei ums Leben kam (Komarow ist der erste Mensch, der während einer Weltraummission starb).

Juri Gagarin selbst kam am 27. März 1968 beim Absturz eines MiG-15UTI-Kampfflugzeuges ums Leben: Er hatte wenig später seinen neuen Posten als Ausbilder der kommenden Kosmonautengeneration antreten sollen, wollte zuvor jedoch noch seine eigene Ausbildung als Kampfpilot beenden. Die Umstände des Absturzes der MiG-15UTI, die als extrem sicher galt, wurden niemals restlos geklärt. Der allererste Mensch im Weltraum und das reale Vorbild für Film- und Fernsehhelden wie Captain Kirk hinterließ seine Frau sowie seine beiden Töchter Jelena Jurjewna Gagarina (geboren 1959) und Galina Jurjewna Gagarina(geboren 1961), seine Urne befindet sich in der Nekropole an der Kremlmauer auf dem Roten Platz in Moskau.

Nicht allein an Geschichte und den Wissenschaften Interessierte verehren Juri Gagarin bis heute – auch in den Herzen der Science-Fiction-Fans dieser Welt bleibt ein ganz besonderer Platz für den Mann bewahrt, der durch reale Taten die Phantasie von Generationen beflügelte.