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Kritik zu Deadly Class 1.01 - Reagan Youth (Reagan-Zeit)

Zum Auftakt bietet die neue Serie Deadly Class einen vielversprechenden Mix mit einigen ungewöhnlichen Entscheidungen. Das und den Rest hinterfragt jede Woche exklusiv für SYFY der Medienjournalist Björn Sülter.

Key Art zu Deadly Class

Präsentiert von: Björn Sülter


Behind the wheel

Der Auftakt der Serie fokussiert sich zunächst auf den Protagonisten Marcus, der aus dem Nichts mitten hinein in eine Welt gerät, die bar seiner und unserer Vorstellungskraft liegt. Eine Schule für angehende Killer ist bestimmt nicht das, was man von einer Unterhaltungsserie erwartet. Zusätzlich verstörend ist die Entscheidung, das Gros der Figuren konsequent negativ zu zeichnen. Diesen Eindruck aufzulösen wird bestimmt ein gewichtiger Faktor der nächsten Episoden sein, da man vermutlich nicht einzig Marcus zur Identifikationsfigur auserkoren hat. Doch auch sein Weg verspricht einige Stolpersteine.

Seine Motivation ist genaugenommen Hoffnungslosigkeit und Resignation in einer tristen Welt, die ihn zum Verlierer und Verbrecher abgestempelt hat. Marcus ist eine Waise, hat nichts zu verlieren und lässt sich treiben. Dabei handelt es sich um ein Grundgefühl, das viele Teenager nachvollziehen können. Auch ist der Schritt in düstere Gesellschaft keine Seltenheit und definitiv etwas, das viele Eltern ratlos und ängstlich umtreibt. Dass es für diese Kids gleich mitten hinein in eine Art High-End-Sekte geht, ist die perfide Pointe der Serie und somit der Super-GAU in der Vorstellung vieler Erziehungsberechtigter.

In diesem Faktor liegt sowohl Problem als auch Zauber der Serie. Die Zugänglichkeit ist nicht auf Anhieb gewährleistet, das Interesse für die Mechanismen der Akademie und die Ziele der Ausbildung werden aber durchaus geweckt. Eine Coming-of-Age-Serie dieser Art hat es definitiv noch nicht gegeben.

Anstatt direkt auf diese Fragen einzugehen, beschäftigt sich der Pilot mehr mit den Streitereien unter den Schülern und etabliert die Serie primär als Tennie-Drama. Das dürfte sich mit den weiteren Folgen aber sicher zerstreuen.

Technisch betrachtet

Das Drehbuch stammt von den beiden Showrunnern Rick Remender und Miles Orion Feldsott, die ihre Story und die Figuren am besten kennen sollten. Ihnen gelingt ein rasanter Aufbau der Geschichte mit verschiedenen Spielereien, der sich in den Momenten zwischen den Schülern einiger klischeebeladener Dialoge aber nicht entziehen kann. Dies gilt vor allem für den zweiten Teil der Episode.

Die Regie übernahm Lee Toland Krieger, den man von seiner Arbeit an Riverdale, You oder Chilling Adventures of Sabrina kennt. Dass die Serie im Auftakt im positiven Sinne retromodern daherkommt, visuell überrascht und nie langweilig wird, gehört mit Sicherheit auch in seinen Verantwortungsbereich.

Schauspielerisch begeistert ausgerechnet Neuling Benjamin Wadsworth mit einer verschrobenen, realistischen Darstellung eines Jungen am emotionalen Abgrund. Doch auch Benedict Wong bringt als Master Lin Souveränität und hintergründigen Witz in die Serie. Der Rest der Besetzung ist noch nicht zu bewerten, da alle zu sehr ihre coole Teenie-Routine abspulen. Potenzial versprechen aber durchaus Lana Condor als Saya Kuroki und María Gabriela de Faría als Maria Salazar.

Das größte Highlight in visueller Hinsicht stellt die Erinnerungssequenz in die Kindheit von Marcus dar, als man unvermittelt in den Stil der Graphic Novel wechselt. Ein Gänsehautmoment!

Deadly Class

Musik

Satte elf Songs finden sich in der ersten Episode und definieren damit den Stil der Serie in bester Weise. Folgende Titel kommen vor:

Es geht los mit Behind the Wheel von Depeche Mode, als Marcus nach der Eröffnungsszene seinen Monolog vor dem abgebrannten Kinderheim beginnt.

Too Young to Die von Agent Orange spielt, als Marcus vor den Cops in das Parkhaus flieht.

The Holy Hour von The Cure untermalt atmosphärisch die wichtige Szene, als Marcus das erste Mal Kings Dominion betritt.

The Killing Moon von Echo & The Bunnymen untermalt kurz die Duschszene, nachdem er sich für einen Verbleib entschieden hat.

Eighties von Killing Joke untermalt die Cafeteria-Szene.

Dominion / Mother Russia von den Sisters of Mercy läuft, als Billy Marcus den Friedhof zeigt.

Bikeage von Descendents wird gespielt, nachdem Billy die Kassette wechselt.

Freaky Tales von Too $hort untermalt die Szene in Willies Auto, nachdem Marcus eingestiegen ist.

Elegia von New Order läuft als Willie und Marcus ihr Feuerchen machen und zurück nach Kings Dominion aufbrechen. Der Song taucht ein zweites Mal auf, als man die brennenden Körper am Ende sieht.

Melody Lee von The Damned wurde für die Szene gewählt, als Marcus zum Schluss seinen Monolog hält.

Billy lehnt an einem Billardtisch

Gib dem Kind einen Namen

Reagan Youth (Reagan-Zeit): Der Unterschied zwischen beiden Titelvarianten sollte nicht übersehen werden. Im Original zielt man eindeutig darauf ab, dass diese uns hier gezeigte Jugend der späten 80er-Jahre (und somit die Generation X) eine direkte Folge der Reagan-Ära sind und somit auch Produkt verschiedener Entscheidungen des ehemaligen Präsidenten. Auch zeigt er auf, dass Marcus eine Art Produkt seines Präsidenten ist, was wiederum mit seiner Absicht, den Präsidenten zu töten, zusammenspielt.

Der deutsche Titel hingegen lässt diesen Aspekt völlig unter den Tisch fallen und verortet die Serie nur in der Zeit, in der Reagan Präsident war.

Fazit

Deadly Class bietet zum Auftakt gelungene visuelle Kniffe, einen großartigen Soundtrack und formal diverse Anleihen an popkulturelle Ikonen wie Quentin Tarantino. In Sachen Handlung bleibt genug offen, um Interesse zu wecken. Das Setting in einer Art Hogwarts für Psychopathen und Mörder gefällt und wird teilweise verstörend brutal in Szene gesetzt. Einzig das klischeebeladene Highschool-Teenie-Drama reißt hier und zu sehr aus der Stimmung heraus und darf zukünftig gerne zurückgefahren werden.

Es wird spannend zu beobachten sein, wo im Verlauf der Staffel der Fokus der Macher liegt, oder ob man (wie hier) versuchen wird, allen Spielarten gleichermaßen gerecht zu werden.

Bewertung: Drei Blutspritzer

Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch "Es lebe Star Trek" ist im Oktober der Auftakt seiner Jugendbuchreihe "Ein Fall für die Patchwork Kids" erschienen. Im Dezember startete mit "Beyond Berlin" seine erste eigene Science-Fiction-Reihe.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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