News /

Kritik zu Star Trek: Discovery 2.09 - Project Daedalus (Projekt Daedalus)

Das neue Abenteuer von der Discovery vermischt eine gewagte Mission mit emotionalen Zwischentönen und einem brutalen Finale. Das und den Rest hinterfragt jede Woche exklusiv für SYFY der Medienjournalist und Star-Trek-Experte Björn Sülter.

Star Trek

Präsentiert von: Björn Sülter


Was passiert?

Die Crew der Discovery erhält unerwartet Hilfe von Admiral Cornwell und plant, das Hauptquartier von Sektion 31 zu besuchen. Derweil kabbeln sich Spock und Burnham und Airiam zeigt verstörende Tendenzen …

Emotionale Resonanz für Arme

Der Aufbau einer Rezension, die sowohl viel Lob wie auch deutliche Kritik beinhaltet, ist nie ganz einfach. Fangen wir vielleicht lieber mit kritischen Worten an, dann haben wir sie aus dem Weg geräumt.

Die Macher hatten sich für die zweite Staffel unter anderem einen Punkt auf die Fahnen geschrieben, der einerseits überfällig, andererseits auch sehr willkommen war. Sie wollten die Brückencrew näher beleuchten und sie von namenlosen Stichwortgebern zum Teil der Crew werden lassen.

In den ersten Episoden des neuen Jahres ließ sich dieses Ansinnen eindeutig nachvollziehen. Wir lernten die Namen von Keyla Detmer (die wir auch schon aus dem Pilotfilm und von der USS Shenzou kannten), Joann „Owo“ Owosekun, Lt.-Cmdr. Airiam, R. A. Bryce und Gen Rhys; oder wurden an sie erinnert. Owosekun durfte sogar mit auf eine Außenmission (New Eden) und oft erhielten die Figuren ihre Redeanteile bei Brückenszenen. So weit, so gut.

Eine Entwicklung war danach aber nicht mehr zu sehen. Klar tauchten die Figuren mal im Hintergrund in der Messe auf, rückten ansonsten aber weiterhin eindeutig hinter den Hauptfiguren zurück. Über Detmer wissen wir, dass sie mit 12 ihren Pilotenschein machte, bei Owosekun gab es kurze Sätze zur Backstory, über Rhys, Bryce und Airiam erfuhren wir aber weiterhin gar nichts.

Star Trek

Nun könnte man sagen: Das sind halt nur Nebenfiguren! Reicht doch!

Mag alles sein. Wenn man aber dann genauer hinschaut, wie relevant Airiam in der vorliegenden Episode plötzlich wurde, macht der fehlende Aufbau vieles kaputt. Wie schön wäre es gewesen, die Dinge über sie (und wie sie zu dem wurde, was sie ist), über ihre Freundschaften zu Burnham, Tilly und Detmer und über ihren schweren Verlust häppchenweise über die ganzen anderthalb Staffeln zu erfahren? Ihre Sozialkontakte oder ihr offenbar vorhandener Humor wären in wenigen Szenen zu etablieren gewesen, ihre tragische Geschichte hätte für spannende Nebenhandlungen Stoff geliefert. Wir hätten eine emotionale Verbindung zu dieser tragischen Figur aufgebaut, was die Entwicklung aus der aktuellen Episode nur noch schmerzhafter und mitreißender gemacht hätte. Doch wird immer wieder deutlich: So funktioniert Star Trek: Discovery leider nicht. Ob die Autoren nicht wollen oder nicht können ist dabei gar nicht so relevant. Es passiert einfach im Normalfall nicht.

Wie schon in An Obol für Charon (Charonspfennig) in Bezug auf Burnham und Saru zieht die Autorin auch hier den nötigen emotionalen Hintergrund aus dem Nebel, der für den Fortgang der Handlung nötig und wichtig ist, aber viel früher angesetzt hätte werden müssen.

Star Trek: Discovery

Airiam ist einfach schon zu lange dabei, als dass man all diese Informationen erst hier hätte loswerden müssen; oder dürfen. Fakt ist doch: Wir kennen diese Figur gar nicht! Dass es erneut nur für Infodumping wegen nahendem Tode reicht, ist für eine serielle Erzählform, wie Star Trek: Discovery sie praktizieren möchte, einfach ein Armutszeugnis. Man muss dadurch den Eindruck bekommen, dass die ganze Charakterarbeit in Sachen Airiam bewusst oder aus fehlender Motivation offengelassen wurde und erst hier wirklich zur Ausarbeitung kam; eben als man sie brauchte und die Figur dramatisch töten wollte. Sorry Leute, sowas ist wirklich schwach. Gut, dass wir damit den wesentlichen Kritikpunkt aber bereits vom Tisch haben.

Gute KI, böse KI

Im Kern geht es heute um zwei Brandherde. Der erste ist eine Mission der geächteten Discovery-Crew (mit Hilfe von Cornwell, die durchaus überraschend kommt) ins Herz von Sektion 31. Wie wir erfahren, nimmt Control, die KI der Organisation, keine Befehle mehr vom Admiral an.

Künstliche Intelligenzen, die uns über den Kopf wachsen und die Kontrolle (höhö, „control“) übernehmen wollen, sind in der Science-Fiction so neu wahrlich nicht. Dennoch ist die Verbindung zu Sektion 31 spannend und gelungen. Ein wenig fühlt man sich aber natürlich an Person of Interest, Battlestar Galactica und viele andere Beispiele aus Literatur, Film und Fernsehen erinnert.

Je nachdem wie die Geschichte weitergeht, dürfte dieser Zwischenfall der Grund dafür sein, dass Control später nicht mehr die Geschicke leitet und die Sektion 31 als solche in den Untergrund gehen wird, um von dort aus noch viel geheimer und als inoffizieller und nicht legitimierter Sicherheitsapparat der Föderation zu operieren. Eine hübsche und unerwartete Origin-Story für ein bekanntes Thema des Franchise; wenn die Auflösung hält was sie verspricht.

Star Trek: Discovery

Die Hatz durch das Minenfeld ist spannend, kommt aber auch etwas generisch daher. Gerade die chaotische Taktik, bei der jeder seelenruhig ein Ausweichmanöver aufrufen darf, wirkt eher albern denn sinnvoll. Visuell ist das Ganze aber natürlich sehr sehenswert.

Auch wenn es um Spock und seine Verbindung zur Sektion 31 geht, irritiert das Drehbuch uns jedoch etwas. Wie überzeugend mag es sein, dass Saru anhand der Übertragung des Admirals und der Holobilder erkennen kann, dass sich es sich um Fälschungen handelt? Entweder ist so eine Wärmesignatur niemals Teil der Aufnahme. In diesem Fall wäre es dem guten Saru aber auch nicht möglich, die vorliegende daraufhin zu untersuchen. Oder aber sie sind immer Teil der Aufnahme. Dann wäre aber mindestens die Anstaltsgeschichte sofort aufgeflogen, wenn man eine Art Echtheitsprüfung durchgeführt hätte. Und das sollte ja Standard sein! Also hätte man Saru dann gar nicht mehr gebraucht. Oder aber die Föderation ist einfach unfähig …

Böse Schwester, guter Bruder

Der zweite Brandherd ist emotionaler Natur und führt das Geschwisterthema mit Spock und Burnham herausragend fort. Beide liefern sich weiterhin rassige Wortduelle, bei denen die Dialogschreiber eindeutig Sonderschichten geschoben haben. Auch gefällt, wie sehr Ethan Peck und Sonequa Martin-Green sich gemeinsam in einen Rausch spielen.

Star Trek: Discovery

Wir haben es an dieser Stelle mit so vielen verschütteten Emotionen zu tun, die weder für die Protagonisten einfach zu ertragen, noch für uns Zuschauer ohne Mitleid zu verfolgen sind.

Die Schachpartie ist dann auch nur der Höhepunkt vieler gelungener Momente, die jetzt schon erfolgreich bewiesen haben, dass es gut war, Spock ins Spiel zu bringen. Man kann sich durchaus vorstellen, dass er in rund zehn Jahren der sein wird, den wir aus der Originalserie kennen. Auch ist vorstellbar, dass seine Erfahrungen (unter anderem mit seiner Schwester) ihn geprägt haben werden.

Eine gute Arbeit der Autorin, die mit dieser zweiten Handlungsebene die bloßen Schauwerte der etwas oberflächlicheren ersten Ebene ausbalancieren konnte.

Nomen est omen

Oft kritisiere ich die Serie für das große Ganze, für das Gesamtbild. Heute jedoch geschieht etwas Unerwartetes. Tritt man nämlich einen Schritt zurück, fällt etwas auf, das äußerst clever ist.

Control wurde von der Föderation als leistungsstarker Computer erdacht, der die Geschicke von Sektion 31 lenken und Entscheidungen mit Informationen und Empfehlungen unterfüttern soll. Nimmt man diese Definition wörtlich hätte die Maschine jedoch eigentlich eher Help Desk heißen können. Der Name Control impliziert aber ein aktives Einwirken und keine passive Rolle. Also exakt das, was die Maschine inzwischen offenbar möchte: Kontrolle über alles. Der Witz dabei ist natürlich, dass der Name anders zustande gekommen sein wird: Die Föderation suchte eine Möglichkeit, selbst Dinge zu kontrollieren und ersann daraufhin Sektion 31 und eben diese künstliche Intelligenz, die ihnen die gewünschte Kontrolle verschaffen sollte. Ein perfider Witz, dass genau das nun zum Problem wird.

Doch ist das noch nicht das einzig Spannende. Schaut man sich nämlich unter den Figuren der Serie um, ist weder die Föderation (in ihrem Kampf, die Kontrolle zu behalten), noch Control (in ihrem Kampf, die Kontrolle zu erlangen) alleine damit. Es gibt vielmehr diverse Beispiele.

Spock hat durch den Roten Engel und die Signale seine Balance zwischen Logik und Emotionen verloren. Die Logik, auf die er sich seit seiner Kindheit fokussiert hatte, ließ ihn im Stich. Auch er sucht nach einem Ausweg und einer Lösung. Ein klarer Fall von Kontrollverlust.

Tyler ist irgendwie wieder der Alte (zumindest äußerlich), weiß aber natürlich um den Voq in ihm, der mit Pech irgendwann wieder ausbrechen könnte. Auch wenn das nach L'Rells "Austreibung" des Voq unwahrscheinlich ist; die Angst bleibt. Eine stetige Ungewissheit, die für den ehemaligen Offizier auch zur Identitätsfrage wird. Wer ist der Herr meines Körpers? Und bis zu welchem Grad ist der aktuelle Status verlässlich?

Dr. Culber ist durch Voqs Hand gestorben und dank des Netzwerkes wiederbelebt worden. Ausgestattet mit einem perfekten neuen Körper und allen Erinnerungen, ringt der Arzt seitdem mit existenziellen Fragen: Warum fühle ich meine Erinnerungen nicht? Fehlt mir etwas? Habe ich meine Seele verloren? Wer bin ich überhaupt noch? Es ist auch an dieser Stelle ein eindeutiger Kampf um die verlorene Identität und in diesem Zusammenhang gleichermaßen um Lebenskontrolle, die vollkommen abhandengekommen ist.

Saru hat sein ganzes Leben mit Angst verbracht. Eine Angst, die seine Spezies ausmachte, die nun jedoch als Fremdsteuerung entlarvt wurde. Seitdem ist Saru eines Teils seiner Lebensidentität beraubt und muss in den gleichen Parametern wie vorher, doch auch merklich verändert, funktionieren. Spannende Fragen schließen sich an: Wäre Saru ohne seine Ganglien überhaupt so weit in der Sternenflotte gekommen? Steckt vielleicht etwas Düsteres und Gefährliches in seinem Volk? Sein Ausbruch gegenüber Pike sowie das Verhalten beim Streit zwischen Culber und Tyler zeigen, dass in der Figur etwas brodelt, was das Auge nicht erfassen kann. Auch hier handelt es sich eindeutig um den Wunsch, die Kontrolle zu behalten. Sogar beidseitig, da seine Kollegen die „Kontrolle“ über ihn nicht verlieren wollen, auch wenn das aktuell noch keine offen artikulierte Sorge ist.

Und schließlich haben wir ganz akut Airiam. Wir erfahren, dass die junge Frau am Tage ihrer Hochzeit durch einen Shuttleunfall ihren Mann verlor und schwerverletzt in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Ärzte retteten ihr Leben, jedoch zu einem hohen Preis. Mit dem Einsatz der Kybernetik entstand ein Mensch/Roboter-Hybride; lebensfähig aber doch nicht mehr dieselbe Person wie vorher. Unter dem Einfluss von Control erlebte Airiam dann etwas, das ihr nur noch Angst machte. Der Mensch konnte sich dem Anteil der Maschine nicht entziehen und war machtlos im eigenen Körper. Für einen letzten Rest Selbstkontrolle und für ihre Kollegen und Freunde und das Wohl der Galaxie opferte sie schließlich ihr Leben. Ein Kampf um Kontrolle, der verloren und doch gewonnen wurde. Wie nach ihrem schlimmen Unfall jedoch erneut mit einem hohen Preis.

Die Autoren verweben all diese Motive geschickt mit Fragen nach Glaube und Wissenschaft und erschaffen so eine Staffel, die an vielen Stellen mit wichtigen und spannenden Fragen punkten kann. Das ist pures Star Trek und lässt viel leichter über kleinere handwerkliche Mängel hinwegsehen, zu denen wir nun kommen werden.

Ärger im Paradies

Denn machen all diese Punkte die Episode ohne Frage zu einer starken Angelegenheit mit kleinen Abstrichen. Eine Ebene sollten wir allerdings noch kurz begutachten. Wir haben es hier nämlich mit der ersten Arbeit von Michelle Paradise zu tun, die man durchaus gespannt erwarten durfte. Schließlich ist die gute Frau jüngst zur Co-Showrunnerin ab der dritten Staffel ernannt und von Alex Kurtzman für ihr tiefes Verständnis von Star Trek gelobt worden.

Und auch wenn ihr Drehbuch gut ist und viele Karten geschickt ausspielt, tappt Paradise auch ohne Mithilfe der Sektion 31 in ein Minenfeld.

Zum Beispiel schreibt sie die Figuren der Serie nicht optimal.

Der „shitstorm“ passt nicht zu Pike, auch ist sein Ausbruch gegenüber Cornwell vor der Crew eine Szene, die Mount zwar gut spielt, die aber aus dem Nichts kommt. Dieser Mann hält sich an die Regeln und die Kommandostruktur ein. Dass er eine solche Unterhaltung öffentlich führt, statt in seinem Bereitschaftsraum, passt nicht richtig ins Bild. Auch gibt er sich sehr schnell mit dem etwas übertriebenen Lob Cornwells zufrieden. Irgendetwas passt hier einfach nicht.

Auch Tilly macht Rückschritte und gleitet mit ihrem ersten Auftrtt in Richtung Parodie ihrer eigenen Figur ab. Ihr Wachstum der Staffel wird an dieser Stelle leider ignoriert und für billige Sprüche verschenkt. Zum ersten Mal hat mich Tilly in diesem Moment richtig genervt.

Bei Pike und Tilly gilt jedoch auch, dass alle weiteren Szenen gut bis wunderbar geschrieben waren und Mount wie Wiseman zu Glanzleistungen brachten. Vielleicht hat Paradise einfach zweimal danebengehauen.

Ergänzt man aber noch verschiedene Handlungsstränge die aus dem Nirvana kommen (Nhan beschattet Airiam) oder verwirren (Patar als Logik-Extremistin), einen Spock der in Liebesdingen berät oder sonderbare Entscheidungen in Bezug auf die vorhandene Technik (Ausschalten des Minenfeldes), erhalten wir ein Gerüst, das in Teilen mehr taumelt, als dass es steht.

All diese Dinge, zusammen mit der Tatsache, dass Airiam im Schweinsgalopp unterfüttert und dann getötet wird, lassen das Debüt von Michelle Paradise zu einer unnötig wackeligen Angelegenheit werden. Hoffen wir, dass sie aufgrund der ganzen Umstrukturierungen hinter den Kulissen einfach zu früh ins kalte Wasser geschmissen wurde und auch zu wenig Hilfe hatte. Kurtzman und Co planen schließlich parallel auch noch diverse andere Shows!

So traurig es ist: Bei einer solchen Arbeitsbelastung und derartigen Problemen wie dem Abgang des Showrunnerduos mitten in der Staffel fallen eben immer auch Dinge unter den Tisch. Man denke an Sisko, der in DS9 zunächst von seinem verstorbenen Vater sprach, um ihn später regelmäßig im Familienrestaurant zu besuchen. Autoren verändern und vergessen Dinge. Das ist weniger Boshaftigkeit, denn mehr traurige Realität eines Jobs und kaum zu ändern.

Belassen wir es also dabei, dass Project Daedalus in sich weitestgehend wunderbar funktioniert, fesselt und Spaß macht. Beim Rest drücken wir ein Auge zu und beobachten, was Michelle Paradise in Zukunft anbieten wird.

Spoilerzone: Der Rote Engel

Auch wenn das Thema diese Woche größtenteils pausiert, sollten angesichts der kommenden Episode (die The Red Angel heißt) ein paar Worte über dieses übergeordnete Handlungselement der Staffel verloren werden.

Wir wissen bereits, dass es sich beim Roten Engel um einen zeitreisenden Menschen handelt. Schaut man sich die Bilder von den Auftritten der Figur genauer an, liegt der Schluss sehr nahe, dass es sich um eine Frau handeln muss. Gleicht man die Silhouette dann noch mit bekannten Figuren aus der Serie ab, bleiben genaugenommen nur Burnham (passt optimal), Cornwell (passt nur halbwegs), Airiam (könnte nach den aktuellen Ereignissen Sinn ergeben) und Detmer (eher unwahrscheinlich) oder eine gänzlich andere Figur die wir noch nicht kennen übrig. Amanda (passt nicht zur Figur), Owo, Tilly und L’Rell fallen für mich raus.

Wegen der starken Verbindung des Engels zu Burnham und Spock (man denke an die Rettung Burnhams als Kind und an die Rettung Burnhams auf dem Asteroiden) rückt die Protagonistin der Serie automatisch in den Fokus. Nimmt man dann noch die Information von vor einigen Wochen hinzu, dass Leland etwas mit dem Tod von Burnhams Eltern zu tun hat und die heutige Szene, die uns den Tod der Eltern zumindest im Ansatz zeigt, deutet inzwischen vieles auf zwei Optionen hin: Der Rote Engel ist Burnham selbst (die aus irgendeinem Grund Dinge ändern will) oder ihre Mutter (die eben doch nicht tot ist).

Star Trek: Discovery

Diese Herleitung stellt aktuell für mich die einzige halbwegs plausible Erklärung dar. Sollte es am Ende aber die Borg-Königin, Moogie aus DS9 oder Captain Picards Schwippschwägerin sein, nehme ich gerne alles zurück und behaupte das Gegenteil.

Übrigens: Für Burnham selbst könnte noch eine andere Sache sprechen. Vielleicht ist es der Discovery nicht möglich, Control aufzuhalten und alles wird ausgelöscht. Ähnlich wie in Avengers: Infinity War und Avengers: Endgame könnte Burnham dann als Captain Marvel oder Notfallplan agieren, und versuchen, Dinge zu verändern. Warum sie dann jedoch teilweise so weit in der Zeit zurück geht, bleibt unklar. Auch warum sie dabei dann so subtil vorgeht und alle mehr verwirrt als warnt wäre ein Rätsel. Vielleicht ist sie durch ihre ewigen Versuche Gutes zu tun in eine Samariter-Endlosspirale geraten, aus der Spock & Co sie befreien müssen? Klingt alles ein wenig versponnen? Meinetwegen. Aber rumspinnen macht ja Spaß und die Serie liefert uns aktuell viel Futter für derartige Überlegungen.

On top erinnern wir uns noch einmal kurz an Burnhams Voice-Over aus dem Staffelauftakt:

"Space. The final frontier. Above us. Around us. Within us. We have always looked to the stars to discover who we are. A thousand centuries ago in Africa, the /Xam Abathwa tribe gathered to share a story. The tale of a girl who dug her hands in the wood ash and threw it into the sky to create the Milky Way. And hidden there, a secret buried among the eternal stars, was a message. An enormous letter in a bottle made of space and time, visible only to those whose hearts were open enough to receive it. All my life. When I first heard the story of the girl who made the stars, I wasn't ready to understand. I still don't know if I am."

Burnham ist vielleicht bald bereit, das Mädchen zu werden, das alles neu erschaffen muss.

Einige Beobachtungen

Das Spiel Kadis-kot kennen wir aus Star Trek: Voyager.

Es wird nun bestätigt, dass Lt.-Cmdr. Nhan eine Barzanerin ist.

Wieso schleicht Nhan die halbe Episode hinter Airiam her? Wer hat sie beauftragt? Was hat ihr Misstrauen erweckt? Fehlt hier eine Szene?

Stamets und Spock teilen eine schöne Szene, in der Burnhams Halbbruder sich treffend selbst analysiert. Er hat keinen Platz für Michael in seinem Leben, weil er selbst sein Problem darstellt. Das gleiche trifft auf Culber und Stamets zu. Am Rande erfahren wir, dass der Arzt bei seinem Ehemann ausgezogen ist.

Die Szene in der Pike völlig grundlos raushaut, dass die Situation kein Spiel sei, sondern purer Ernst, ergibt wenig Sinn, entlarvt sich aber kurz danach als Drehbuch-Notwendigkeit, damit – mal wieder – Burnham den Geistesblitz haben darf. Michelle Paradise wiederholt damit etwas, was ihre Kolleginnen und Kollegen leider bereits seit Beginn der Serie machen.

Am Ende, als Nhan dem Tode nahe ist, wird sie wunderbar von Burnham ignoriert. Klar hat Michael gerade andere Dinge im Kopf, aber die Kollegin einfach sterben zu lassen, kann eigentlich nicht ihr Ernst sein. Nun ja, vielleicht hatte sie einfach das Drehbuch gelesen und wusste, das Nhan von alleine aufstehen wird? Ein simpler Satz an Nhan wie "Alles gut?" und eine Antwort wie "Ich komme schon klar." hätten hier gereicht.

Pikes Spruch „Hit it“ wird zum zweiten Mal verwendet, kann aber irgendwie nicht überzeugen und wirkt eher bemüht darin, ihm eine Art von „Make it so“ oder „Engage“ zu verpassen. Letzteres hatte der Pike in The Cage (Der Käfig) übrigens auch verwendet.

Die Art wie Airiam regeneriert erinnert ein wenig an die Borg – und weniger an Schlaf.

Das Ende der Episode ist grandios inszeniert und wird von einem atmosphärisch-dichten Score unterlegt. Dass man zudem einen stummen, von Meeresrauschen unterlegten, Abspann wählte, intensiviert die Erfahrung nur und erinnert an die Serie 24.

Offene Fragen für den Rest der Staffel

Ist Airiam wirklich tot?

Was plant Control? Was wird aus Sektion 31? Was wird aus Georgiou und Leland? Wo sind sie? Wie reagieren sie auf Controls Anwandlungen?

Wer ist der rote Engel?

Haben die ganzen Holo-Spielereien von Control vielleicht etwas mit den Problemen auf der Enterprise zu tun?

Technisch betrachtet

Die technische Umsetzung ist erneut erstklassig und auch der Score erinnert uns in vielen Szenen daran, wie wichtig dieser Aspekt für einen emotionalen Zugang sein kann. Dass wir zudem wieder verschiedene klassische Ansichten des Schiffes erhalten, rundet die Sache ab.

Regie führte der allseits beliebte Riker-Darsteller Jonathan Frakes, dessen bisherige Beiträge Despite Yourself (Nur wegen dir) und New Eden nicht enttäuschten. Er hat sich trotz seiner klassischen Trek-Erfahrung stark an den Stil dieser neuen Inkarnation angepasst, was man durchaus etwas schade finden darf, da auf diese Weise eine Eigenständigkeit seiner Arbeit nur schwer auszumachen ist. Immerhin reduzierte er die Spielereien einiger Kolleginnen und Kollegen (Lens-Flares, Kamerafahrten) auf ein Minimum. Zudem gelingt ihm der Wechsel in der Atmosphäre bei der Erkundung der verlassenen Station von Sektion 31 meisterlich. Gut ist das Ergebnis also ohne Frage. Frakes hat nun übrigens genauso viele Episoden verantwortet, wie Olatunde Osunsanmi. Zum ersten Mal lief eine seiner Trek-Episoden diese Woche vor 29 Jahren. Es war The Offspring (Datas Nachkomme) aus TNG.

Das Drehbuch ist die erste Arbeit für die Serie von Michelle Paradise, die im dritten Jahr an der Seite von Alex Kurtzman Co-Showrunnerin werden wird.

Schauspielerisch muss man diesmal Hannah Cheeseman hervorheben, die endlich einmal mehr zeigen darf und Airiam direkt zu einer greifbaren, sympathischen und tragischen Figur macht. Dass es sich dabei – vermeintlich – um ihren Abgang handelt, macht die Sache nicht besser. Gerne hätten wir noch mehr über diese besondere Figur erfahren.

Star Trek: Discovery

Doch auch Sonequa Martin-Green setzt den Trend starker Performances fort und verdient sich inzwischen den Status des emotionalen Zentrums der Serie auch durch ihre Leistungen und die Art, wie sie geschrieben wird.

Die Frau des Rezensenten

So gut ihr die Episode gefiel, gab es für sie dennoch nur ein Thema: Spock. Weder wird sie mit dem Darsteller Ethan Peck warm und erinnert bei jeder Gelegenheit an den viel besseren Zachary Quinto, noch hat sie Spaß an den Sprüchen des patzigen Vulkaniers. Eine Liebe wird das nicht mehr zwischen den beiden, vielleicht ist es ganz gut, dass die Figur nur temporär Teil der Serie sein kann und wird.

Gib dem Kind einen Namen

Project Daedalus: Am Ende erfahren wir von Airiam als letzte Botschaft, dass Burnham dringend das mit dieser Bezeichnung versehene Projekt stoppen muss. Nimmt man die tragische Figur der griechischen Mythologie als Vorlage ist folgendes Szenario vorstellbar: Control versucht, sich aus den Begrenzungen der Programmierung zu befreien und wahre Kontrolle zu gewinnen; und Burnham muss das gemeinsam mit der Crew verhindern. Zu simpel? Vielleicht. Aber auch ziemlich wahrscheinlich.

Fazit

Nach der exzellenten letzten Episode hätte man einen qualitativen Rückschritt fast erwarten müssen. Dieser fällt jedoch nicht allzu groß aus. Project Daedalus ist über die gesamte Spielzeit spannend, anrührend, mitreißend und perfekt inszeniert. Verschiedene Brandherde erhalten eine stimmige Ausarbeitung und das Ende darf man problemlos als episch bezeichnen.

Die dennoch vorhandenen Probleme liegen primär an der Haltung der Autoren, uns Entwicklungen und Informationen weiterhin nur dann zu verabreichen, wenn wir sie akut benötigen. In diesem Fall lernen wir eine Figur erst genauer kennen, weil die Autoren sie umbringen wollen. Doch auch im Kleinen hakt es im Drehbuchgetriebe, was zu unnötig verwirrenden Momenten, losen Enden und Stirnrunzeln führt.

Ignoriert man diese Schwächen aber, ist Project Daedalus eine kompetente Weiterführung der Staffelthemen: Kontrolle, Glaube, Vertrauen, Selbstreflexion und Identität.

Bewertung: vier schöne Erinnerungen an Airiam

Buchtipp: SYFY präsentiert das umfassendste Sachbuch zu Star Trek in deutscher Sprache - jetzt auch als E-Book!

Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie die jüngst gestartete Fernsehserie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

Das Buch ist bei Amazon und vielen anderen Händlern erhältlich.

Über den Autor & Gastgeber von Planet Trek fm:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch "Es lebe Star Trek" ist im Oktober der Auftakt seiner Jugendbuchreihe "Ein Fall für die Patchwork Kids" erschienen. Im Dezember startete mit "Beyond Berlin" seine erste eigene Science-Fiction-Reihe.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


Tags: Star Trek   Star Trek: The Next Generation   Star Trek: Deep Space Nine   Star Trek: Voyager   Star Trek: Enterprise   Star Trek: Discovery   Star Trek: Short Treks   Star Trek: Lower Decks