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Kritik zu Star Trek: Discovery 2.10 - The Red Angel (Der rote Engel)

Nach den emotionalen Ereignissen zuletzt feuert die Serie erneut aus allen Rohren, trifft dabei aber nicht konsequent ins Ziel. Das und den Rest hinterfragt jede Woche exklusiv für SYFY der Medienjournalist und Star-Trek-Experte Björn Sülter.

Star Trek

Präsentiert von: Björn Sülter


Was passiert?

Leland und Georgiou liefern neue Erkenntnisse, die Burnham in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Gemeinsam mit der Crew der Discovery wird ein waghalsiger Plan gefasst, den Roten Engel zu fangen …

Das WTF schlägt zurück

Manchmal arbeitet eine ganze Episode darauf hin, am Ende einen massiven Schockmoment loszulassen. Das Mysterium rund um den Roten Engel ist einer der Kernpunkte der zweiten Staffel und wurde sukzessive um neue Fakten ergänzt, auch wenn die Vorgehensweise der Autoren dabei nicht immer ganz nachvollziehbar war. Hier nun findet man heraus, dass es sich bei dem ominösen zeitreisenden Menschen aus der Zukunft um Burnham handeln soll! Ironischerweise nimmt das Drehbuch diese Enthüllung aber teilweise nicht besonders ernst, da immer wieder Scherze eingestreut werden, die diesen Twist in Frage stellen.

All das geschieht dann auch nur, um in letzter Sekunde eine Kehrtwende einzubauen. Der Rote Engel ist nicht Burnham, aber – wie zu erwarten war – eine ihr nahestehende Person: Mutti Burnham! Die Autoren wählten für ihr großes Fragezeichen also eine Figur aus, die wir noch gar nicht kennen. Während man sich fast jeden Charakter aus einer anderen Serie als großen Aha-Effekt hätte vorstellen können, wirkt dieser Schachzug zwar inhaltlich irgendwie logisch (da sich in der Serie eben alles im Kern um Burnham dreht), aber auch ziemlich antiklimaktisch.

Star Trek: Discovery

Doch befassen wir uns nun erst einmal mit dem Weg, der ja bekanntlich oft das Ziel ist.

Tod einer Unbekannten

Über den rasanten Aufbau der Figur Airiam wegen ihres nahenden und notwendigen Todes hatten wir bereits im Kontext des letzten Abenteuers gesprochen. Hier geht man nun sogar noch einen Schritt weiter, indem man der verstorbenen Kollegin eine geradezu epische Trauerfeier zugesteht, bei der die ganze Mannschaft anwesend ist, wir etwas über den Umgang mit den von ihr gespeicherten Daten erfahren und sogar Saru ein kelpianisches Liedchen trällern darf.

So melancholisch und angemessen das alles ist, so sehr darf man sich auch fragen, warum das beispielsweise bei Dr. Culber nicht einmal im Ansatz der Fall war. Will man sich hier für alle unkommentierten Redshirt-Tode entschuldigen und reinwaschen?

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Man möge das nicht falsch verstehen: Die Szene ist wunderbar umgesetzt und begeistert durchaus, die dadurch aufgeworfenen Fragen sind aber eben nicht von der Hand zu weisen. Auch ist es spannend sich vor Augen zu führen, dass man dafür ein Zehntel der Gesamthandlung aufwendet. Das ist umso verstörender, da es hinten raus doch an einigen Stellen storytechnisch sehr schnell geht und an Klarheit fehlt. Balance ist und bleibt ein Thema bei Star Trek: Discovery. Als Verbeugung vor einer Figur und Abgesang auf das große Opfer funktioniert die Sequenz aber im Grunde perfekt.

Selbstfindungstrip

Erfreulich ist zudem, dass man die Geschichte um Dr. Hugh Culber fortsetzt. Seine Zweifel führten bekanntlich bereits dazu, dass er bei seinem Ehemann Paul Stamets vorübergehend ausgezogen ist. Auch diensttauglich sieht er sich noch nicht und flaniert in zivilen Klamotten durchs Schiff.

Ein paar Erkenntnisse liefern uns seine Szenen aber fraglos: Als Georgiou Stamets vermeintlich anflirtet und an die Pansexualität seines Pendants aus dem Spiegeluniversums erinnert, reagiert der gute Doktor zumindest im Ansatz ein wenig eifersüchtig.

Obendrauf erhalten wir auch noch einen weiteren, kurzen Einblick in das Seelenleben des Mannes, der von den Toten zurückkehrte. Er begibt sich zur ehemaligen Therapeutin Cornwell und bittet um Rat. Viel dürfte er davon aber nicht mitnehmen. Dass Liebe Arbeit bedeutet und keine einmalige Entscheidung ist, geht genauso wenig in die Geschichte der guten Ratschläge ein, wie, dass man einen neuen Weg auch bereit sein muss zu gehen.

Admiral Cornwell gewinnt mit ihren Küchentischweisheiten verdient und hochoffiziell den Titel „Mutter Drombusch des Jahres“. Die Schauspielerin Witta Pohl hatte in der damals sehr beliebten deutschen TV-Serie Diese Drombuschs als Familienoberhaupt mit ähnlichen Sinnsprüchen aufgewartet wie „Du kannst nicht immer das größte Stück vom Kuchen haben, Marion“. Wer die Reihe noch kennt, weiß sicher was ich meine. Vielleicht sollte Deanna Troi mal vorbeischauen, die hatte das irgendwie besser drauf.

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Später ist Culber dann aber offenbar so dienstbereit, dass er an der großen Mission zum Fangen des Roten Engels teilnimmt. Man darf sich an dieser Stelle aber schon fragen, wo der medizinische Stab – und explizit Dr. Pollard, die zu Beginn der Staffel regelmäßig im Einsatz war – sich rumtreibt, dass ein Doktor außer Dienst so einen Job übernehmen muss. Und wenn es nur Pikes Wunsch war: Sind die anderen alle so inkompetent? Die Krankenstation ist in einer Sequenz in jedem Fall verlassen. Gut, dass Culber zurück ist!

Eine schrecklich nette Familie

Wirklich ans Eingemachte geht es aber wie eingangs erwähnt in der Causa Michael Burnham. Endlich erfährt sie, wie das damals mit ihren Eltern wirklich war (und streckt Leland postwendend zu Boden), malträtiert danach einen armen Sandsack und muss sich zudem einer ganz neuen Erkenntnis stellen: Laut einer bio-neuralen Signatur aus Airiams Daedalus-Datei ist sie der Rote Engel! Dr. Culber – der auch an dieser Front wieder federführend ist – bestätigt mit hundertprozentiger Sicherheit: Burnham war im Anzug! Absolut sicher! Keine Zweifel!

Eine Augenbraue zuckt zudem, als wir erfahren, dass Burnhams Eltern für Sektion 31 arbeiteten und den Anzug entwickelt hatten. Alles dreht sich um Burnham, daran ist nichts zu ändern. Um die Kollegin – oder vielmehr ihr anderes Ich aus der Zukunft – zu fangen, wird ein mehr als optimistischer Plan zusammengeschustert. Ein wenig erinnert die Herleitung an den Eingriff auf Kaminar, der in nur wenigen Sekunden erdacht, besprochen, beschlossen und durchgezogen wurde. Lange Entscheidungswege kennt diese Crew nicht! Alternativpläne übrigens auch nicht. Alle sind sich einig: Es geht nur so!

Dass man uns dafür mit Technobabble erschlägt, muss man einfach hinnehmen. Zeitkristalle, Klingonen, Schwarzmarkt, Orioner, Ursuppe – das Drehbuch haut alles raus, was keine Miete zahlt und hofft, dass daraus irgendwie ein Schuh wird – oder zumindest keiner mehr durchblickt.

Doch genug davon: Dafür erhält Spock erneut all die wunderbaren Sprüche über Burnham und ist insgesamt betrachtet in dieser Episode für eine lange Zeit so sehr Spock wie bisher noch nie in dieser Serie. Auch kommt er Michael endlich wieder näher, was die Frage aufwirft: Wie kommt es später erneut zum Bruch? Oder was geschieht sonst, dass Spock nie wieder über sie spricht? Warten wir es ab.

Die Szene, in der Spock den Phaser nimmt und seine Schwester sterben lässt, ist dann allerdings nicht ganz so leicht zu schlucken. Ist sein Glaube wirklich so groß, dass er auf den zweifelhaften Plan vertraut? Passt das zu ihm? Wie steht er in Sachen Befehlsverweigerung dar? Klar, am Ende hat er Recht behalten, aber heiligt das Ergebnis wirklich immer wieder die Wahl der Mittel?

Zu all der Burnham-Verwirrung gehört dann natürlich auch noch das erneute Aufflammen der Leidenschaft zwischen Michael und Ash. Verständlich ist das zwar schon, die Autoren hatten das Thema aber in der bisherigen zweiten Staffel sogar unterhalb von Sparflamme gekocht. Daher geschieht hier wieder alles sehr schnell und wirkt übereilt. Mal sehen, was man mit diesem neuerlichen Fass noch auf der Agenda hat.

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Der Rote Hering?

Der Rote Engel ist nun also hochoffiziell Mama Burnham. Oder etwa doch nicht? Wir wissen bereits seit einiger Zeit, dass die Serie gerne Nebelkerzen zündet und Haken schlägt. Was, wenn es sich hier wieder nur um eine clevere Täuschung handelt? Vielleicht ist Burnham selbst als Engel zurückgegangen und hat ihre Mutter gerettet? Oder noch etwas anderes steckt dahinter? Den Machern ist es gelungen, dass man selbst final erscheinende Enthüllungen nicht mehr glaubt, selbst wenn sie dann mal kommen. Das ist auch eine Kunst!

Einige Beobachtungen

Infodumping die 678.: Die Föderation hat Burnham, Spock und die Crew der Discovery freigesprochen. Natürlich mal wieder als wir nicht hinschauten. Fass auf, Fass zu.

Nun kommt die böse KI also aus der Zukunft, um Control via Airiam Informationen von der Sphäre zu geben? Was passiert hier? Wo ist mein Kaffee? Dieser Zeitreisekram ist doch immer für Kopfschmerzen gut. Oder ist die KI aus der Zukunft vielleicht Zora aus dem Short Trek Calypso?

Tilly stürmt erneut ungefragt und lernresistent in eine Besprechung und plappert los. Bereits in der letzten Folge nervte dieses Aufflammen ihres Staffel-1-Gehabes. Hier wirkt es nur noch befremdlich dumm. Hinzu kommt, dass man sogar den Witz wiederholt, wie Pike sie ausbremst. Da hat doch irgendwer bei den Drehbüchern gepennt.

Das von Leland erwähnte temporale Wettrüsten klingt irgendwie verdächtig nach dem Temporalen Kalten Krieg aus Star Trek: Enterprise, wird aber nicht explizit damit in Verbindung gebracht.

Die Autoren bleiben sich treu in ihrer ewigen Inkonsequenz: Erst nahmen sie Saru seine Ganglien und seine Furcht, wollen nun aber nicht darauf verzichten, dass er instinktiv starke Reaktionen auf gefährliche Individuen und Situationen spüren kann. Leute, das ist billiger Quatsch und Augenwischerei und ein weiterer Fall von „Kuchen essen und behalten wollen“.

Es scheint fast so, als würde man bereits Tylers Rückkehr auf die Discovery vorbereiten, da auch ihm sukzessive Zweifel über Sektion 31 eingeimpft werden. Abwarten. Die aktuelle Sicherheitschefin Nhan wird irgendwann auf die Enterprise zurückkehren, von daher wird ja eine Stelle frei.

Irgendwie ist es nicht glaubwürdig, dass ausgerechnet die Klingonen mit Zeitreisen experimentieren sollen, um die Menschen noch vor ihrer Entstehung auszulöschen. Ehrenhaft ist das übrigens auch nicht.

Das Thema Zeitkristall hatten wir schon in der ersten Staffel. Dort verwendete Harry Mudd das magische Ding, um seine Zeitsprünge durchzuführen.

Für die Falle verwendete man eindeutig alte Kulissen der Shenzou.

Die Nachfolgerin von Airiam auf der Brücke betritt gen Ende die Szenerie und nimmt, beäugt von den Kollegen, ihre Station ein. Es handelt sich dabei um Lt. Nilsson, die von Sara Mitich gespielt wird. Diese hatte in der ersten Staffel Airiam gespielt, dann aber an die Kollegin Hannah Cheesman übergeben.

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Offene Fragen für den Rest der Staffel

Ist Mama Burnham wirklich der Rote Engel? Wie überlebte sie den Angriff der Klingonen? Was hat sie seitdem gemacht? Wo lebt sie? Was ist sie? Was plant sie überhaupt? Wie geht Michael damit um?

Wird Spock für seine Meuterei bestraft, die Burnham fast das Leben gekostet hätte?

Was plant Culber? Kommt er wieder mit Stamets zusammen?

Wo ist Dr. Pollard?

Was geht mit Control wirklich vor? Was ist mit Leland geschehen? Ist er tot?

Was haben die Klingonen mit all dem zu tun?

Technisch betrachtet

Die technische Umsetzung schlägt wieder alles. Insbesondere das Finale kann begeistern und lässt keine Schwächen erkennen. Ganz großes Kino!

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Regie führte Hanelle M. Culpepper, die jüngst für die Pilotepisode der neuen Picard-Serie ausgewählt wurde. Die Frau hat es drauf! Schon mit Vaulting Ambition (Blindes Verlangen) enttäuschte sie nicht.

Das Drehbuch ist die erste Arbeit für Chris Silvestri und Anthony Maranville, die bereits seit der ersten Staffel zum Stab gehören. Einige Charaktermomente gelingen ihnen gut, das große Ganze jedoch schwankt zwischen überzogen und verwirrend. Ein mittelprächtiges Debüt.

Schauspielerisch darf Sonequa Martin-Green alle emotionalen Schleusen öffnen und das gesamte Eskalationsspektrum bedienen. Das gelingt ihr ziemlich gut. Getoppt wird sie jedoch von Ethan Peck, der weiterhin ein toller Spock ist und sogar in zweifelhaften Momenten  Würde bewahrt.

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Die Frau des Rezensenten

Sie regte sich noch stundenlang über den völlig sinnlosen, dummen und unglaubwürdigen Plan auf, der Burnham in Gefahr brachte, ohne wirklich durchdacht zu sein. Darüber hinaus fühlte sie sich aber unterhalten, wenngleich sie beim Technobabble-Teil auch komplett ausstieg und Zeitkristalle eher nach Hogwarts verorten würde. Dafür freute sie sich aber für Burnham und Tyler. Sie findet, die beiden sind einfach ein schönes Paar. Frauen!

Gib dem Kind einen Namen

The Red Angel: Er wurde uns im Titel versprochen, zunächst auch theoretisch geliefert und am Ende sogar noch in Fleisch und Blut. Oder wäre The Red Herring vielleicht der bessere Titel gewesen? Ob wir wirklich den echten Roten Engel in dieser Episode erlebt haben, wissen wir erst in einigen Wochen.

Fazit

Der wilde Trip beantwortet Fragen, stellt neue, verwirrt, irritiert, unterhält, amüsiert, fasst emotional an und reißt mit. Damit fühlt er sich gehaltvoller an, als er eigentlich ist und erinnert böse an das Ende der ersten Staffel, als man mit Schockmomenten die schwindende Logik zu überdecken versuchte.

Hoffen wir einfach, dass die restliche Staffel diesem Weg nicht folgt und wieder nur zu einer Dauer-Achterbahn wird, sondern sich vielmehr die Zeit nimmt, Entwicklungen zu durchdenken und deutlich zu artikulieren. Hier ist das nicht der Fall: Man feuert aus allen Rohren und in alle Richtungen und hofft, dass irgendetwas schon treffen wird. Das reicht vielleicht kurzfristig, darf aber kein Dauerzustand sein.

Bewertung: drei Zeitkristalle vom Schwarzmarkt (billig geschossen)

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Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie die jüngst gestartete Fernsehserie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

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Über den Autor & Gastgeber von Planet Trek fm:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch "Es lebe Star Trek" ist im Oktober der Auftakt seiner Jugendbuchreihe "Ein Fall für die Patchwork Kids" erschienen. Im Dezember startete mit "Beyond Berlin" seine erste eigene Science-Fiction-Reihe.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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