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Kritik zu Star Trek: Discovery 2.11 - Perpetual Infinity (Der Zeitsturm)

Die Serie setzt weiterhin auf große Gefühle, vereinzelte Antworten und einen bunten Strauß neuer Fragen. Das und den Rest hinterfragt wie jede Woche exklusiv für SYFY der Medienjournalist und Star-Trek-Experte Björn Sülter.

Star Trek

Präsentiert von: Björn Sülter


Was passiert?

Die Crew der Discovery hat den roten Engel gefangen. Doch wie kann Michael Burnhams Mutter gegen die KI aus der Zukunft helfen? Und was geht mit Leland vor sich?

Passing Train

Nach der äußerst rasanten letzten Episode geht es diesmal wieder etwas ruhiger zu, was zu einigen guten und vor allem entschleunigten Szenen führt. Da jedoch an allen Fronten auch Antworten geliefert werden und Entwicklungen voranschreiten, haben wir es erneut mit einer atemlosen Dreiviertelstunde zu tun, die sich mehr wie eine Durchgangsstation, denn wie ein klar definiertes Abenteuer (wie beispielsweise New Eden) anfühlt.

The Burnham Diaries

Im Zentrum des Interesses stehen erwartungsgemäß Michael Burnham und ihre Mutter, die am Ende der vergangenen Episode aus dem Anzug gestiegen war und sich als roter Engel herausgestellt hatte. In dieser Szene sah die Besucherin eigentlich ganz fit aus, was den Beginn dieser Episode ein wenig irritierend wirken lässt. Michael ist nun plötzlich auf der Discovery und erwacht aus einer Bewusstlosigkeit, Dr. Burnham befindet sich ebenfalls bewusstlos in einem Eindämmungsfeld auf dem Planeten.

Jeder dürfte absolutes Verständnis dafür haben, dass Michael ihre Mutter sofort sehen möchte, nachdem sie erfährt, dass es sich nicht nur um einen Traum gehandelt hat. Doch führt ihre Mutter etwas anderes im Schilde, was zu einigen hitzigen Diskussionen führt. Schön ist, dass die Autoren widerstehen konnten, Michael erneut gegen Befehle handeln zu lassen. Sie schaut sich alles nur ganz brav auf der Discovery an. Ein erfreulicher Schritt für die Figur.

Star Trek

Als es dann später doch noch zum Treffen kommt, schwenkt die Episode auf eine sehr intime Ebene ein. Michael Burnham muss sich von einer äußerst verbitterten Frau abweisen lassen. Martin-Green und Sohn spielen die Sequenz schmerzhaft gut. Dass die Kehrtwende recht schnell kommt ist dramaturgisch vermutlich notwendig gewesen, überzeugt aber nicht ganz. Auch wirft die Geschichte von Dr. Burnham Fragen auf, denen das Drehbuch aus dem Weg geht. Wie konnte sie Michael die ganze Zeit beobachten? Sie hätte doch nur als roter Engel erscheinen können, oder? Ist das nie jemandem aufgefallen? Und warum konnte sie auf diese Weise keinen Kontakt herstellen und sagen: Michael, ich lebe! Irgendwann kehre ich zurück? All das ergibt nicht sonderlich viel Sinn, wird aber wie erwähnt recht kompetent unter den Teppich gekehrt.

Emotional betrachtet sind die Szenen aber allesamt stark geschrieben und erfreuen uns obendrein noch mit einem schönen Rückblick in die Zeit, als die Klingonen die Forschungseinrichtung angriffen und liefern in Form eines Tagebuchs Einblicke in das spätere und sehr einsame Leben der Dr. Burnham nach ihrer Flucht mit dem Anzug.

Auch gegen Ende hält das Drehbuch den Schweinsgalopp aufrecht, als Michael ihre Mutter verständlicherweise retten will, schlussendlich aber (vorerst) scheitert.

Borgified!

Nachdem zuletzt ein klarer Antagonist fehlte und man sich zwischen all den verschiedenen Informationen etwas verloren fühlte, wird Leland nun zum Gesicht des Bösen. Verändert durch Control (und die KI aus der Zukunft) ist er nunmehr ein Handlanger, den es zu jagen gilt. Auffällig ist natürlich, dass seine Veränderungen und die verwendeten Nanosonden an die Borg erinnern. Ob die Sphäre Kontakt mit der Spezies aus dem fernen Deltaquadranten hatte und hier tatsächlich eine Verbindung zu den Dauerfeinden aus den klassischen Serien angesetzt werden soll, muss man abwarten. Rein visuell würde es jedoch viel Sinn ergeben.

Alles, was an dieser Front geschieht, wirkt aber auch ein wenig konstruiert. Verschiedene Figuren werden instrumentalisiert, überdenken dann ihre Loyalitäten und passen sich an. Dazu gehört auch der ganze Upload der Sphärendaten, die zuerst geklaut, dann geschützt, dann gelöscht und am Ende eben überspielt werden sollen. Dabei sagt es uns genaugenommen relativ wenig, ob Leland nun 37%, 45% oder 54% entwenden konnte. Der Geschichte fehlt an dieser Stelle eine klare Ausarbeitung der Problematik.

Star Trek: Discovery

Was zudem im Raum stehen bleibt, ist die Frage, was eigentlich die Agenda von Leland war, bevor er verändert wurde und inwiefern sich das nun durch den Eingriff von Control in eine andere Richtung entwickelt hat. Im Klartext: Wer war dieser Mann? Worauf wollte er hinaus? Die Serie hat uns insgesamt viel zu wenige Informationen geliefert und es steht zu befürchten, dass seine Reise mit dem zu vermutenden Tod am Ende der Staffel beendet sein wird.

Georgiou kippt derweil sukzessive in eine Richtung, die Michelle Yeoh deutlich besser zu Gesicht steht. Das extrem übertriebene Gehabe, das immer wieder an ihre Herkunft aus dem Spiegeluniversum erinnert, wurde zuletzt deutlich heruntergefahren. Die ehemalige Imperatorin wirkt sogar besorgt um Burnham und die Discovery. Vielleicht gelingt es den Autoren ja noch eine weitere Annäherung an die verstorbene Prime-Georgiou, was die Figur deutlich vielschichtiger machen würde, als Yeoh es zuletzt in dieser Staffel zeigen durfte.

Zu diesem Thema gehört natürlich auch das Schicksal von Ash Tyler, der sich zwar gegen Leland positioniert, damit aber nur seine Rolle an der Seite von Georgiou für eine zukünftige Form der Sektion 31 gefestigt haben dürfte. Oder kehrt der gute Mann doch auf die Discovery zurück und beerbt Nhan als Sicherheitschefin? Aktuell ist beides denkbar.

Blick zurück nach vorn

Hatte man vor der Staffel noch von klassischem Star Trek und der Rückkehr zu schlichteren Missionen, Planetenabenteuern und dem Erforschen des Weltalls gesprochen, ist nach dem erneuten Showrunnerwechsel nach rund fünf Episoden nicht mehr viel davon übriggeblieben. Auch das große Thema Glaube vs Wissenschaft wurde stark hintenangestellt. Seit der Staffelmitte haben wir es genaugenommen erneut mit dem Stil des ersten Jahres zu tun, in dem eine große Bedrohung (Klingonen) sowie ein ziemlich abgefahrenes Setting (Spiegeluniversum) für viel Drama, Action, hochkochende Emotionen und WTF-Momente sorgten.

Vergleichbar ist in diesem Zusammenhang auch, wie schnell Entwicklungen abgehakt werden (Culbers Auferstehung von den Toten, Veränderung einer ganzen Zivilisation auf Kaminar) oder wie undefiniert einige Figuren behandelt und verändert werden (Saru, Tilly, Tyler). Ebenfalls fällt erneut auf, wie wenig virtuos man die Gastdarsteller einbringt (Sarek, Rheno, Cornwell) und uns wieder und wieder elementare Entwicklungen nur erzählt, anstatt sie uns zu zeigen (Meuterei der Crew, Airiams starke Verbindung zu vielen Figuren).

Star Trek: Discovery

In diesen Bereichen hat sich leider noch wenig zum Guten gewendet. Die Serie bleibt in der Einzelbetrachtung vieler Folgen erfolgreich, im großen Ganzen aber schlampig und schleppt ihre Problemchen des ersten Jahres munter weiter mit. Jeder muss für sich entscheiden, ob dieser Schlingerkurs stört oder nicht. So perfekt in Szene gesetzt das alles ist und so gut ich mich unterhalten fühle, würde ich ganz persönlich der Serie – und damit wiederhole ich ein Statement vom Ende der ersten Staffel – einfach einmal eine Staffel ohne kreative Scharmützel und Richtungswechsel wünschen, damit die Autoren genauer hinschauen können, was sie wollen und wie sie es uns erzählen möchten.

Einige Beobachtungen

Dr. Burnham ist offenbar nicht für die sieben Signale verantwortlich. Doch wer dann? Was haben sie zu bedeuten? Worin besteht der Zusammenhang?

Die Autoren scheinen sich wirklich entschieden zu haben, Tilly vorerst nur noch als lustigen Sidekick einzusetzen. Hier wiederholen sie das Thema „Tilly plappert los und wird zurechtgewiesen“ gleich zweimal. Schade um die Figur.

Der Anzug des roten Engels könnte auch direkt im Marvel Cinematic Universe eingesetzt werden und lässt uns an den von Iron Man denken. Das liegt natürlich auch daran, dass Dr. Burnham den Zeitkristall (der an einen Infinity-Stein erinnert) als Energiequelle an die gleiche Stelle setzt und der Anzug sich dann auch noch sehr ähnlich um sie schließt. Falls also in Phase IV des MCU Bedarf bestehen sollte: The Red Angel Woman ist bereit.

Dr. Culber ist zurück in Uniform und im aktiven Dienst. Zudem hat der Mann plötzlich wieder sehr gute Laune. Das Counseling von Cornwell muss also geholfen haben.

Wo wir bei Admiral Cornwell sind. Befindet sie sich nicht mehr an Bord? Es verwundert ein wenig, dass sie in dieser Krise nicht weiterhin involviert ist.

Beim ganzen Thema und den Diskussionen um das Löschen der Datei fiel mir wieder einmal auf, wie gut dem Autorenteam ein IT-Fachmann tun würde. Ich bin keiner, weiß aber immerhin, dass die ganze Diskussion ziemlich sinnfrei war.

Dr. Pollard wird immerhin mal wieder erwähnt, nachdem sie zuletzt eine längere Zeit durch Abwesenheit geglänzt hatte.

Der Vater von Burnham wird von Kenric Green gespielt, dem Ehemann von Sonequa Martin-Green.

Erneut wird in Star Trek Shakespeare zitiert – diesmal aus Hamlet.

Star Trek: Discovery

Außerdem zitiert Spock noch Laotse. Hatte Surak gar nichts Weises zu bieten?

Die Kameras, die die Crew auf dem Planeten aufstellt, haben eine große Ähnlichkeit mit dem Interface von Zora aus dem Short Trek Calypso. Zufall oder Absicht?

Offene Fragen für den Rest der Staffel

Was plant Leland? Haben seine Veränderungen etwas mit den Borg zu tun?

Was wird aus Ash Tyler?

Was passiert mit Dr. Burnham?

Technisch betrachtet

Die technische Umsetzung ist erneut gelungen, was bei der Serie aber inzwischen schon fast unnötig zu erwähnen ist. Der Score plätschert allerdings seit einigen Episoden etwas vor sich hin. Jeff Russo darf gerne mal wieder ein paar seiner oft glänzenden Ideen auspacken.

Regie führte Maja Vrvilo, die bereits beim Short Trek Runaway diese Funktion bekleidet hatte. Alex Kurtzman kennt sie von der Zusammenarbeit an Hawaii Five-0. Ihre Arbeit ist schnörkellos und findet die richtige Balance zwischen Action und längeren Dialogsequenzen.

Das Drehbuch ist die erste gemeinsame Arbeit für Alan B. McElroy und Brandon Schultz. Schultz ist seit der ersten Staffel ein Assistent der Autoren, McElroy kam im zweiten Jahr dazu und hatte das Drehbuch zu An Obol for Charon mit Andrew Colville verfasst. Dem Duo gelingen insbesondere im Zusammenspiel mit Dr. Burnham viele starke Szenen.

Schauspielerisch begeistert Sonja Sohn (bekannt aus The Wire) als Dr. Burnham. An ihrer Seite erhalten auch Georgiou und Michael Burnham starke Szenen.

Die Frau des Rezensenten

Abgesehen davon, dass sie die Geschichte mit jeder Episode verstrickter und unübersichtlicher findet, konnte sie ihr in Sachen Unterhaltungswert erneut eine Menge abgewinnen und lobte überschwänglich die Leistung von Sonja Sohn. Bei Lelands ersten Szenen sagte sie jedoch: „Die Borg? Echt jetzt? Och nö.“

Gib dem Kind einen Namen

Perpetual Infinity: Ein Titel, der sehr bedeutend und inhaltsschwer klingt, letztlich aber nur wenig auszusagen weiß. Alles ist im Fluss, die Zeit ist ständigen Veränderungen unterworfen und ein Resultat ist immer veränderbar. Für Dr. Burnham wurde die Zeit zum Experiment, das es zu verändert und zu erforschen galt. Das alles mag sich im Titel vereinen, zeigt aber doch auch auf, wie willkürlich Geschehnisse innerhalb der Serie inzwischen zu bewerten sind. Nix is fix, solange der letzte Zug irgendeines Zeitmanipulators nicht erfolgt ist. Also nie.

Fazit

Auch Perpetual Infinity liefert wieder einen spannenden Mix aus Antworten und neuen Fragen, ignoriert dabei geschickt die gewohnten Drehbuchschwächen und setzt lieber gänzlich auf die emotionalen Verwicklungen zwischen den Figuren. Dank der starken Darstellerleistungen gelingt das weiterhin überzeugend.

Bewertung: drei bis vier Michael-Burnham-Tränen

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Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie die jüngst gestartete Fernsehserie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

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Über den Autor & Gastgeber von Planet Trek fm:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch "Es lebe Star Trek" ist im Oktober der Auftakt seiner Jugendbuchreihe "Ein Fall für die Patchwork Kids" erschienen. Im Dezember startete mit "Beyond Berlin" seine erste eigene Science-Fiction-Reihe.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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