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Kritik zu Star Trek: Discovery 2.12 - Through the Valley of Shadows (Tal der Schatten)

Die zweite Staffel biegt gewohnt laut und schrill, in Sachen Story aber auch brüchig und dünn auf die Zielgerade ein. Das und den Rest hinterfragt wie jede Woche exklusiv für SYFY der Medienjournalist und Star-Trek-Experte Björn Sülter.

Star Trek

Präsentiert von: Björn Sülter


Was passiert?

Captain Pike besucht das Kloster Boreth und stellt sich seiner Zukunft, während Burnham und Spock auf die Jagd nach einem Schiff der Sektion 31 gehen …

It´s hard to be Pike

Im Zentrum der Geschichte steht diese Woche endlich mal wieder Captain Pike, der sich persönlich ins Kloster Boreth begibt, da dort das vierte Signal aufgetaucht ist.

Dazu eine kurze Frage: Zu Beginn der Staffel wurden wir mit Darstellungen aller sieben Signale versorgt. Diese waren aufgetaucht und dann bis auf eines wieder verschwunden. Das heißt für mich, dass die sieben Orte bekannt waren. Auch Kaminar und Boreth! Warum sind seitdem und auch hier wieder alle nun so überrascht? Warum wird gesagt, dass sich die drei fehlenden Signale noch nicht gezeigt hätten? Haben die Autoren diesen Aspekt einfach komplett umgedichtet? Es wird explizit am Anfang der Staffel gesagt, dass sich die Signale über einen klar definierten Bereich des Weltraums erstrecken. Dazu sind eindeutige Positionen notwendig. Oder waren die Scanner für eine exakte Bestimmung zu langsam? All das klingt wenig überzeugend und lässt nur den Schluss zu, dass man sich zu Beginn der Staffel nur wenige Gedanken gemacht hat und sich die Geschichte nun so hinbiegt, wie man sie benötigt.

Nun ja. Pike macht sich also auf den Weg und lernt den inzwischen erwachsenen Sohn von L’Rell und Voq (Tyler) kennen. Ist dieser durch die Nähe zu den Zeitkristallen schneller gealtert? Oder befindet sich das Kloster außerhalb des Raum-Zeit-Kontinuums? Geschenkt. Der Zeitkristall-Aspekt ist ohnehin albern und wird durch diesen Kniff auch nicht besser. Man wollte einfach den erwachsenen Sohn in der Serie haben.

Star Trek: Discovery

Dass die Szenen im Kloster erneut sehr unklingonisch wirken muss man ebenfalls schlucken. Wir haben uns inzwischen so weit von den klassischen Klingonen entfernt, dass auch dieser neue Aspekt nicht mehr weiter ins Gewicht fällt.

Dass Pike einen der Kristalle mitnehmen möchte ist natürlich die vordergründige Mission. Warum er das will, bleibt jedoch im Dunkeln. Weil das Signal dort aufgetaucht ist? Irgendwie will man wohl die Sphärendaten mit dem Zeitkristall in die Zukunft schicken. Nur wie? Und warum fragt man nicht die Klingonen, ob sie helfen würden? Es geht schließlich auch um ihr Schicksal, oder? Naja. In Wirklichkeit wollen die Autorinnen uns aber ohnehin mal wieder nur eine schicke Kanon-Referenz schenken. Pike darf sein aus The Menagerie (Talos IV-Tabu) bekanntes aber nie gezeigtes Schicksal sehen, fühlen und berühren. Dieses erscheint ihm dann auch in Form des Rollstuhls mit seinem deformierten Zukunft-Selbst darin. Ein schockierender Moment, der wirklich gut umgesetzt wurde. Nimmt man es genau, dichten Kim und Lippoldt damit auch die Geschichte etwas um: Pike entscheidet sich nun aktiv, diese verstörende Zukunft anzunehmen. Das ist zwar ganz hübsch, die Erklärung ergibt aber erneut wenig Sinn. Er weiß nun, was ihm passieren wird, kann das aber laut Tenavik nicht mehr verhindern, da er den Kristall mitnimmt? Sorry, aber was für eine Logik steckt dahinter? Wenn mir ein Seher einen Flugzeugabsturz prophezeit und sagt, dass ich ihn nicht verhindern kann, kann ich doch theoretisch einfach nie mehr fliegen? Genauso könnte Pike die Sternenflotte verlassen. Das würde er natürlich nur sehr ungern tun (Pflichtgefühl und so weiter), jedoch zu behaupten, dass es unmöglich wäre, ist reiner Quatsch.

Und um noch einen weiteren merkwürdigen Aspekt aufzuwerfen: Warum führt Pikes Unfall ihn in mehr als zehn Jahren in einen Rollstuhl mit einer Ja/Nein-Lampe, während man aus Airiam bereits einige Zeit vorher ein Wunderwerk der Technik zaubern konnte? An dieser Stelle passt die futuristische Technik der Serie mal wieder ganz und gar nicht zur Vision der Zukunft aus den 60er-Jahren, was die Autoren aber nicht davon abhielt, beides in einer Staffel abzuhandeln.

Star Trek: Discovery

Am Ende kommt es wie es kommen musste: Der Kristall ist gut und schön, da aber die Flotte von Sektion 31 – und somit Control – naht, bleibt keine Zeit, ihn einzusetzen. Es muss natürlich wie jedes Mal Burnham sein, die als einzige das Offensichtliche erkennt: Das Schiff muss aufgegeben und zerstört werden. Bam! Ach ja – die Enterprise wird auch noch gerufen. Am Ende kommt dann eben doch wieder all das große Drama zusammen.

Und das ist kein Wunder: Die Autoren lieben es einfach, immer das nächstgrößte Fass zu öffnen. Nur mit dem Schließen bestehender Fässer haben sie weiterhin große Probleme.

No Control

Während ihr Captain sich im Kloster herumtreibt, brechen Burnham und Spock zu einer Mission auf, ein verlorenes Schiff der Sektion 31 zu finden. Dieses treibt führerlos im All, inmitten der schockgefrosteten Besatzung. Ein einziges Crewmitglied befindet sich noch an Bord (der bereits bekannte Kamran Gant), dessen Geschichte jedoch unglaubwürdig wirkt. Und tatsächlich: Erneut täuscht Control unsere Helden (fast), weil er Burnham für seine Zwecke benötigt (natürlich). Nun sollte man sich fragen: War das Ganze nur eine Falle? Wie konnte Control ahnen, dass Burnham darauf anspringen würde? Schließlich verdankte sie die Information ja nur der mangelnden Geheimhaltung Tylers, oder? Wenn Sie an dieser Stelle in der Tonspur der Episode ein Rascheln hören, ist es eindeutig das Drehbuchpapier, welches mal wieder in Gänze eine innere Logik der Vorkommnisse ersetzt.

Star Trek: Discovery

Gant wird enttarnt und besiegt (was ein paar hübsche Nano-Bot-Momente ermöglicht) und Burnham und Spock kehren zur Discovery zurück. Doch was hat der Abstecher eigentlich gebracht?

Anhand der Control-Geschichte wird auch immer deutlicher, wie schwer sich die Autoren damit tun, einen gelungenen Antagonisten aufzubauen. In der ersten Staffel hatten wir es mit vierundzwanzig blassen klingonischen Häusern und dem Meister des wedelnden Zeigefingers Kol zu tun, danach folgte der zum schnurrbartzwirbelnden Comic-Bösewicht abdriftende Lorca. Nun haben wir Leland (der inzwischen tot ist und über den wir ohnehin kaum etwas wissen) und eine KI aus der Zukunft, deren Agenda vollkommen irrelevant und beliebig erscheint. Die Macher haben der altbekannten "Revolte der Maschinen"-Geschichte bisher nichts hinzuzufügen gehabt. Es muss einfach nur um das Ende allen Lebens gehen. Die Serie tut sich äußerst schwer damit, dem Bösen ein Gesicht zu geben, das uns wirklich fesselt (Khan, Killmonger) oder einfach endlich den Aspekt der Erforschung des Alls wieder in den Fokus zu rücken. Ach – war da nicht etwas?

Lost

Exakt diesen Aspekt hatte man in der zweiten Staffel nach vorne bringen wollen. Zu Beginn gelang das auch noch, tritt inzwischen aber wieder vollkommen hinter all den hanebüchenen Entwicklungen zurück.

Die erneute Kehrtwende hinter den Kulissen ist inzwischen überdeutlich, was der Staffel nicht gut zu Gesicht steht und sie wie im ersten Jahr in simple Action abdriften lässt, die sich kaum mehr um die interessanteren Entwicklungen schert.

Wer noch darauf gehofft hatte, die Serie könne irgendwann zu richtig gutem Star Trek werden, sollte inzwischen einfach nur noch froh sein, wenn sie wenigstens irgendwann zu einer gut geschriebenen SF-Serie werden sollte. Aktuell ist sie davon allerdings wieder eine ganze Ecke entfernt, so unterhaltsam, bunt, laut, bombastisch, lustig und nett das Treiben auch an der Oberfläche sein mag. An der Front des seriellen Erzählens ist die Staffel erneut ein mittelschweres Desaster.

Einige Beobachtungen

Mit unter 46 Minuten ist dies die drittkürzeste Episode der Staffel.

Die Erklärungen Tenaviks zu den Zeitkristallen klingen inzwischen nach den Drehkörpern der Propheten aus Star Trek: Deep Space Nine. Ein Zufall?

Amanda Grayson erhält einen weiteren Auftritt, wenn auch nur, um Michael und Burnham ein paar positive Gefühle zu senden.

Auch Mary Chieffo darf noch einmal als L’Rell zurückkehren und erhält einen schönen Moment mit Tyler, der den gemeinsamen Weg der beiden effektiv einrahmt.

Nach langer Abwesenheit ist auch Jett Reno (Tig Notaro) mal wieder zu sehen. Etwas Relevantes darf sie aber (noch) nicht beitragen. Sie dient nur dazu, Dr. Culber pünktlich zum Staffelende wieder etwas mehr in Richtung Paul Stamets zu schubsen. Immerhin erfahren wir aber , dass sie mit einer Soyousianerin verheiratet war, die im Krieg gegen die Klingonen verstarb. Dies Spezies ihrer Ex-Frau ist neu in Star Trek.

Star Trek: Discovery

Die Szenen im Speisesaal mit Owosekun, Detmer, Stamets, Reno und Linus machen Spaß, sind allerdings auch arg belanglos.

Tilly kommt in dieser Episode überhaupt nicht vor, was insbesondere bei den Szenen auf der Brücke irritiert. Dem Vernehmen nach war sie bei den Dreharbeiten nicht verfügbar. Sie teilt dieses Schicksal mit Admiral Cornwell, die nach der Counseling-Session mit Culber vor zwei Episoden nicht mehr zu sehen war. Ist es gänzlich uninteressant, was die ranghöchste Offizierin an Bord in der Krise so denkt?

Kenneth Mitchell darf nach Kol und Papa Kol-sha nun auch Tenavik spielen, was ihm gut gelingt. Für ihn gilt definitiv: Egal wie oft deine Figuren sterben, den Job hast du sicher. Neben Michael Dorn, J. G. Hertzler und Vaughn Armstrong ist er der einzige Schauspieler, der drei Klingonen gespielt hat.

Ali Momen kehrt als Kamran Gant zurück. Er war in der Pilotepisode auf der Shenzou und im Spiegeluniversum für zwei Episoden dabei gewesen. Ebenfalls einer der Unsterblichen…

L’Rell kommt mit einem D7-Kreuzer vorbei. Das Design wurde in Point of Light (Lichtpunkt) eingeführt.

Offene Fragen für den Rest der Staffel

Was wird aus Dr. Burnham? So wie sie ohne Anzug ins schwarze Loch gesaugt wurde, müsste sie aller Logik nach eigentlich tot sein. Doch lassen die Reaktionen, insbesondere von Michael Burnham, nicht darauf schließen. Vielleicht weil alle mal wieder das Drehbuch kennen und wissen, dass sie irgendwie überlebt?

Woher kommen die Signale? Wer erzeugt sie? Wo tauchen die letzten drei auf?

Wird man die Discovery wirklich verlassen? Was wird aus ihr? Besteht hier die Verbindung zum Short Trek Calypso?

Kommen Stamets und Culber wieder zusammen?

Technisch betrachtet

Die technische Umsetzung insbesondere von Boreth kann durchaus gefallen, wenn der Fantasy-Faktor auch stark überzeichnet wird. Fast wähnt man sich bei Der Herr der Ringe. Auch das Make-up von Tenavik erinnerte eher an die Minbari aus Babylon 5. Dafür ist der Score erneut sehr gelungen und untermalt insbesondere die Schockszenen im Kloster und beim Angriff auf Burnham sehr effektiv.

Regie führte Douglas Aarniokoski, der bisher bereits bei Lethe, dem Short Trek The Brightest Star und The Sound of Thunder (Donnerhall) in dieser Funktion an Bord war. Er liefert erneut eine starke Arbeit ohne handwerkliche Mängel ab.

Das Drehbuch ist die nächste gemeinsame Arbeit für Bo Yeon Kim und Erika Lippoldt, die bereits Into the Forest I Go (Algorithmus), den Short Trek The Brightest Star und The Sound of Thunder (Donnerhall) abgeliefert hatten. Ihre Erfolgsquote bleibt wechselhaft, da sie zwar gute Figureninteraktionen schreiben, aber gegen die dramaturgischen Schwächen der Staffel in keiner Weise anarbeiten können.

Schauspielerisch darf diesmal Anson Mount groß aufspielen, als er all seinen Ekel und seinen Horror über die potenzielle Zukunft herauslässt.

Die Frau des Rezensenten

„Ja. Was soll ich sagen? Nett. Ja. Sonst? Weiß nicht. Wirr. Aber nett.“ Irgendwie ist das nicht das Statement, was man über Star Trek hören möchte, oder?

Gib dem Kind einen Namen

Through the Valley of the Shadows: Ein Titel, der eindeutig auf Pike gemünzt ist, der sich durch seine Zukunft bewegt und erkennen muss, dass ihn sein Pflichtgefühl und sein Job, den er so liebt, an diesen Punkt bringen werden. So wandelt er dann auch zielsicher dieser Zukunft entgegen, wofür sein Trip nach Boreth sinnbildlich steht.

Fazit

Drei Episoden vor dem Ende der Staffel macht Star Trek: Discovery immer noch Spaß, wenn die Rahmengeschichte auch inzwischen viel zu zerfasert daherkommt, um noch ehrliches Interesse wecken zu können.

Die Serie gefällt sich weiterhin darin, selbstreferenziell, kanonreferenziell, actionorientiert und mit gediegenen One-Linern lauwarmes Unterhaltungsfernsehen für den kleinen Hunger zu bieten: Die aktuelle Episode dient dafür als ideales Beispiel.

Akzeptiert man diese Vorgehensweise, kann man durchaus mitfiebern. Schaut man jedoch genauer hin, zerfällt der Großteil der Handlung und entblösst eine erschreckende Kurzsichtigkeit und Nachlässigkeit seitens der Autoren.

Bewertung: drei grün schimmernde Zeitkristalle aus Boreth

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Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie die jüngst gestartete Fernsehserie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

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Über den Autor & Gastgeber von Planet Trek fm:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch "Es lebe Star Trek" ist im Oktober der Auftakt seiner Jugendbuchreihe "Ein Fall für die Patchwork Kids" erschienen. Im Dezember startete mit "Beyond Berlin" seine erste eigene Science-Fiction-Reihe.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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