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Kritik zu Star Trek: Picard 1.03 – "The End is the Beginning" ("Das Ende ist der Anfang")

Die dritte Episode konzentriert sich auf den spannenden, emotionalen Ballast der Figuren und das Zusammenstellen einer neuen Crew. Starke Darstellerleistungen und Dialoge besorgen den Rest.

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von Björn Sülter

Weiter geht es mit der dritten Episode von Star Trek: Picard, die den ersten Akt der Geschichte beschließt.

Hinweis: Die folgende Rezension enthält Spoiler.

Was passiert?

Auf der Erde muss Picard immer noch Raffi Musiker zur Kooperation bewegen, um an ein Schiff zu kommen. Auf dem Borg-Kubus darf Soji derweil an der Seite von Hugh Ex-Drohnen befragen und erhält verstörende Antworten ...

Hintergrund

Die Szenen zu Beginn der Episode spielen nach dem Angriff der Androiden auf den Mars und somit mitten während der laufenden Rettungsoperation für die Romulaner. Das Jahr ist 2385, sechs Jahre nach den Ereignissen aus Star Trek: Nemesis.

Buch-Spoiler: Laut dem Roman Die letzte und einzige Hoffnung von Una McCormack, der in Zusammenarbeit mit den Autoren der Serie entstand, ist Picard zu diesem Zeitpunkt Admiral und befehligt die USS Verity. Raffi Musiker ist dort sein Erster Offizier. Sein gescheiterter (verzweifelter) Bluff gegenüber der Sternenflotte markiert das Ende seiner Karriere und der Rettungsmission. Auch Musiker scheint in diesem Zuge entlassen worden zu sein.

Zurück aus der Gegenwart ...

Der Auftakt ist ein schönes Gimmick für Fans, das uns ein kleines Tor in eine Zeit öffnet, die wir seit dem letzten Abenteuer der Enterprise-Crew verpasst haben. Die Uniformen sind gelungen, die Hintergrundinformationen zu Picards Verzweiflungstat überzeugend. Sein Ego hatte schlicht nicht zugelassen, ein Scheitern seines Vorstosses einzukalkulieren. Das muss 14 Jahre wirklich an ihm genagt haben.

Auch hilft uns die Szene, Raffis Lebensumstände etwas besser zu verstehen. Sie hat offenbar ihren Job verloren und danach kein Bein mehr auf den Boden bekommen. Warum sie jedoch (so scheint es) gleich komplett aus der Sternenflotte flog bleibt unklar. Den Rest ihrer Abwärtsspirale muss man aktuell auf Selbstmitleid schieben. 14 Jahre sind eine lange Zeit, um sich in der Wüste zu verstecken. Zwar ist es definitiv kein feiner Zug von Picard gewesen, einfach unterzutauchen und sich nie wieder zu melden, Raffi hatte aber sicher die Chance, etwas mehr aus sich und ihrem Leben zu machen, als Drogen und Alkohol im Nirgendwo zu konsumieren. Gänzlich überzeugt ihre Geschichte somit noch nicht. Leser des oben bereits erwähnten Romans werden aber weitere Informationen erhalten, die ihren Lebensfrust deutlicher herausarbeiten und unterfüttern. Nichtsdestotrotz ist Raffi eine spannende Figur und wird von Michelle Hurd überzeugend porträtiert. Zwischen Picard und ihr entsteht eine Magie, die auf gute Dialoge und fähige Darsteller zurückzuführen ist. Kompliment!

Bevor Picard sich später der Crew von Captain Rios anschließt, wird er noch in seinem Haus angegriffen. Glücklich ist, wer solche Haushälter hat! Fast musste man Angst haben, dass Laris oder Zhaban ihr Leben für den Schutz Picards verlieren könnten. Das wäre allerdings zu viel des Guten gewesen. Gut, dass die Autoren widerstehen konnten. Indes: Dass Picard in seinem Zuhause fast ermordet worden wäre, ist schon ein starkes Stück. Ob wohl Commodore Oh dahintersteckt?

Der Ex-Captain ist zum Schluss bereit, den Ort zu verlassen, der nie wirklich sein Zuhause geworden war. In der Unterhaltung mit Laris ergibt sich noch eine schöne Anspielung auf die Episode Family (Familienbegegnung). Dort sitzt Picards Neffe René am Ende unter einem Baum und blickt in die Sterne, während hinter ihm am Himmel eine Sternschnuppe am Himmel verglüht. Seine Eltern beobachten ihn, wie er an den Weltraum und Sternenschiffe denkt und entscheiden, ihn noch eine Weile träumen zu lassen. Hier nun sagt Laris über Picard in einer fast identischen Atmosphäre auf dem gleichen Weingut: "Sie haben immer mit einem Auge zu den Sternen geschielt." Einfach schön!

... in Vergangenheit und Zukunft

Womit wir wieder beim Thema "neue Crew" wären. Der bereits sehnlich erwartete Santiago Cabrera alias Cristóbal Rios feiert hier endlich seinen Einstand. Und was für einen! Insbesondere im englischen Original legt der Mime sprachlich eine famose Vorstellung hin und erschafft neben dem echten Rios zwei eigenständige Figuren, das medizinische Notfallhologramm und das Navigations-Notfallhologramm. Die Mischung aus Han Solo und Sternenflotten-Vergangenheit macht Laune und es dürfte interessant sein, wie er in Krisensituationen reagiert. Mit ihm und Picard hat sich ein interessantes Duo zusammengefunden, das bestimmt mit der Zeit einen gemeinsamen Nenner finden wird. Ein wenig denke ich dabei an das Verhältnis zum jungen Riker. Warten wir es ab!

Nebenbei: Die La Sirena, so der Name des Schiffs, ist in Sachen Design und Interieur so weit von der Enterprise entfernt, dass Vergleiche unmöglich sind. Man könnte sicher von einem generischen SF-Schiff sprechen. Die Serie dreht sich allerdings um Picard. Vielleicht wollte man bewusst das Transportmittel nicht übermäßig zelebrieren und in den Mittelpunkt stellen? Störend wirkt das Ganze sicher nicht.

Am Ende (und nach drei Episoden Vorarbeit) ist Picard also dort angekommen, wo er die ganze Zeit über hinwollte: im Weltraum, auf einem Schiff. Er folgt somit auch seinem eigenen Rat. Denn wie er Kirk einst im Nexus entgegenschleuderte: "Bewegen Sie wieder etwas!". Er hatte 14 Jahre (fast nur) auf den Tod gewartet; nun möchte er noch einmal den Unterschied ausmachen.

Jean-Luc Picard ist zurück im Spiel. An seiner Seite: eine verkrachte Ex-Offizierin mit Drogenproblemen, ein desillusionierter und traumatisierter Ex-Offizier mit Hologrammen nach seinem Vorbild und eine Kybernetikerin, deren Loyalitäten nicht gänzlich klar sind. Denn so offenherzig sie auch von ihrem Treffen mit Oh berichtet; wer sagt uns, dass sie nicht in ihrem Auftrag an Bord ist? Um was zu tun? Raffi sollte die verhuschte, junge Frau besser im Auge behalten. Nach den weitestgehend perfekten Profis von der Enterprise hat er es diesmal in jedem Fall mit einer ganz anderen Art von Verbündeten zu tun. Das dürfte spannend werden.

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Sister Latex, Commodore Ork & Kubus-Dramen

Die Szenen ohne Picard hatten in den bisherigen beiden Episoden ein wenig außen vor gewirkt. Diesmal gelingt die Zusammenführung aller Handlungsstränge besser. Das gilt sowohl für die kurze Sequenz mit Oh und Jurati (die einzig durch den Ray-Ban-Ork-Look der Sicherheitschefin der Sternenflotte Anlass zu Diskussionen geben dürfte), als auch für die Solo-Momente von Raffi Musiker und insbesondere für alle Szenen mit Soji und Hugh auf dem Kubus. Die beiden entwickeln direkt eine gute Chemie und machen uns neugierig auf das, was aus dieser Story noch werden könnte. Eine Freude ist dabei das Wiedersehen mit Jonathan del Arco, der einen vollkommen anderen Hugh spielen darf als noch vor über 25 Jahren und auch in dieser Hinsicht Interesse an seiner Lebensgeschichte weckt. Ein Treffen mit Picard wird gespannt erwartet.

Etwas überzogen und soapig wirken jedoch erneut der Moment, in dem Narek der armen Soji seine beginnende Liebe gesteht (und dabei vermutlich wie ein gewisser Ash Tyler teilweise die Wahrheit sagt) und das Intermezzo zwischen ihm und seiner Schwester Narissa, die nun als Romulanerin wie eine spitzohrige Imperatorin-Georgiou-Cosplayerin wirkt. Die angedeutete sexuelle Spannung zwischen den Geschwistern macht die Sache nicht wirklich besser. Hoffen wir mal, dass man hier keine zu stereotypen Wege gehen wird.

Weiter so!

In der Summe hält die Episode aber ohne Einschränkung bei der Stange. Zwar befiehlt der Ex-Admiral am Ende "Energie!", seine neue Serie kann er damit jedoch nicht meinen. Die knisternden Figurenkonstellationen zwischen ihm, Raffi, Rios und Dr. Jurati sowie das interessante Schicksal von Soji (und Hugh) auf dem Kubus überzeugen bisher durchweg. Zwar ist am Rande nicht alles perfekt und rund, bei der ansonsten hohen Qualität kann man diese Einschränkungen aber vernachlässigen. Nach drei Zehnteln der ersten Staffel von Star Trek: Picard gibt es aktuell keinen Anlass zur Sorge. Storyansätze, Emotionen, Dialoge, Darstellerinnen und Darsteller, Schauwerte und Soundtrack bewegen sich auf hohem Niveau. Wenn die Macher dieses bis zum Ende halten, steht uns noch ein spannender Ritt bevor.

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Fun Facts & Easter Eggs

  • Picards berüchtigter Befehl "Energie!" ("Engage!") durfte vermutlich nicht fehlen. Schön war aber, wie erwartungsvoll und ehrfürchtig ihn Rios und Jurati davor und dabei anschauten; Raffi Musiker hingegen hätte offenbar gut darauf verzichten können.
  • Die TNG-Fanfare beim Betreten des Schiffes war zwar nett gemeint, passte letztlich aber nicht wirklich. Es handelt sich dabei schließlich eher um das Enterprise-Thema für die Serie und die Kinofilme, nicht aber um die persönliche Erkennungsmelodie von Picard.
  • Vazquez Rocks in Kalifornien diente Star Trek schon in vielen Fällen als Schauplatz für Alien-Welten. Man denke an den Kampf von Kirk gegen einen Gorn, den finalen Konfikt zwischen Picard, Kirk und Dr. Soran in Star Trek Generations (Star Trek: Treffen der Generationen) oder Picards Besuch bei den Mintakanern in Who Watches the Watchers (Der Gott der Mintakaner). Insgesamt entstanden dort vier Episoden der Classic-Reihe, eine aus Star Trek: The Next Generation, zwei aus Star Trek: Voyager und eine aus Star Trek: Enterprise. Hinzu kamen zwei klassische Kinofilme und zwei der Reboot-Filme. Hier nun wird Vazquez Rocks erstmals in Star Trek zum realen Ort auf der Erde.
  • Die Entstehung des Spitznamens "JL" für Jean-Luc Picard kann man im Roman Die letzte und einzige Hoffnung von Una McCormack erleben.
  • Sir Patrick Stewart wurde für die Rückblende digital verjüngt, was auch gut gelungen ist. Man hört allerdings an seiner Stimme und der von Synchronsprecher Ernst Meincke (der die Rolle zuletzt 1994 in der Serie gesprochen hatte) eindeutig, dass viele Jahre vergangen sind.
  • Laris bezeichnet Zhaban als "Nordmann" und erklärt somit ganz nebenbei, warum die Romulaner in Star Trek (und vor allem auch in dieser aktuellen Serie) alle so unterschiedlich aussehen.
  • Dr. Jurati hört in ihrer Pause Kasselianische Oper; einen gewissen Dr. Culber von der USS Discovery würde das freuen.
  • Gerade wenn man bedenkt, was in Vazquez Rocks alles gedreht wurde, liefern die Macher ein "Easter Egg" im doppelten Sinne ab: Als Raffi an ihrem Computer arbeitet, listet dieser plötzlich im Code ein "Gorn Egg" auf.

Merkwürdigkeiten

  • Commodore Oh sieht mit ihrer Riesensonnenbrille und den überdimensionalen Ork-Segelohren schon recht lustig aus. Haben Vulkanier nicht auch eigentlich ein inneres Augenlid, das sie gegen die Sonne auf der Erde ausreichend schützen müsste? Und haben Romulaner das vielleicht nicht? Was sagt uns das über Oh? Oder ist es bei ihr eine reine Modegeschichte? Sonnenbrillen an sich hat es in Star Trek immer wieder gegeben. Die Crew der NX-01 hatte welche in ihrer Ausrüstung, Reginald Barclay trug eine in Star Trek: Voyager und Geordi in Star Trek: First Contact.
  • Würde ein Mann wie Rios wirklich Synthehol verwenden?
  • Fragen aus dem Bereich "das wird vermutlich nie erklärt": Wie läuft das eigentlich mit der Bezahlung für jemanden wie Rios, wenn es auf der Erde kein Geld mehr gibt? Woher hat Picard welches? Womit kann man etwas verdienen, wenn man doch eigentlich nichts mehr benötigt? Warum muss Raffi allein in der Wüste leben? Ist so ein sozialer Absturz wie sie ihn beschreibt immer noch möglich, nur weil man seinen Job verliert? Oder geht es bei ihr eher um Selbstmitleid?
  • Hund Nummer Eins fehlt nach der zweiten Episode leider auch hier zum (vorläufigen?) Abschied von Chateau Picard. Wie bereits erwähnt, waren die Dreharbeiten mit dem Tier schwierig, was seine Abwesenheit nach der Pilotepisode erklären dürfte. Dennoch: Eine letzte Szene mit Picard und seinem Hund hätte einfach dazugehört, oder?

Offene Fragen

  • Was will Raffi Musiker auf Freecloud? Was treibt Bruce Maddox dort?
  • Will Dr. Jurati wirklich helfen oder wird sie von Oh instrumentalisiert?
  • Warum ist Soji die "Zerstörerin"? Können die Ex-Drohnen an Bord des Kubus wirklich die Zukunft sehen?
  • Was hat es mit der Mutter von Dahj und Soji auf sich?
  • Was ist Rios auf seinem ehemaligen Schiff genau passiert? Wer war der "legendäre Captain"?
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Fazit

Nachdem die zweite Episode vergangene Woche viel Hintergrundgeschichte liefern musste, geht es diesmal wieder flotter voran. Mit Rios und Raffi etablieren sich schnell neue und liebenswerte Figuren, die Vergangenheit wird wohldosiert und prägnant beleuchtet und die Geschichte auf dem Borg-Kubus gewinnt langsam an Fahrt. In der Summe erhalten wir eine starke Episode, die den ersten Akt der Gesamtgeschichte kompetent abschließt und Lust auf die weitere Entwicklung macht. Freecloud, wir kommen!

Ausblick

Anfang nächster Woche folgt der Podcast Planet Trek fm zur dritten Episode. Gastgeber Björn Sülter begrüsst darin erneut den Autor Christian Humberg (Star Trek: Prometheus) und Co-Pilot Moritz Wolfart.

Ende kommende Woche geht es dann am Freitag weiter mit der vierten Episode Absolute Candor und einer ausführlichen Rezension.

Rezensionen der anderen Folgen

Hier geht’s zur Rezension der Folgen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 und 10

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Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

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Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Verleger, Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch "Es lebe Star Trek" ist der Auftakt seiner Jugendbuchreihe "Ein Fall für die Patchwork Kids" erschienen. Dazu läuft mit "Beyond Berlin" seine erste eigene Science-Fiction-Reihe. Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.

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