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Kritik zu Star Trek: Picard 1.07 – "Nepenthe" ("Nepenthe")

Die siebte Episode hebt den Nostalgiefaktor drastisch an, bringt einige wichtige Entwicklungen für den Rest der Staffel auf den Weg, beschert aber auch den einen oder anderen Makel.

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von Björn Sülter

Weiter geht es mit der siebten Episode von Star Trek: Picard, die uns auf den Planeten Nepenthe und zu einem großen Wiedersehen führt.

Hinweis: Die folgende Rezension enthält Spoiler.

Was passiert?

Picard und Soji erreichen Nepenthe und treffen auf alte Bekannte des Ex-Captains. Derweil müssen Hugh und Elnor sich mit Narissa herumschlagen und Narek verfolgt die La Sirena, auf der ganz andere Dramen vor sich gehen ...

Familie!

Die meisten Fans wussten bereits, dass es zu einem großen Wiedersehen kommen würde. Die Autoren hatten jedoch erst spät in der Staffel die Idee gehabt, Riker und Troi noch in die Handlung zu schreiben und es war definitiv spannend zu sehen, welchen Kniff sie dafür wählen würden. Die Begründung kam letztlich aber gar nicht so spektakulär daher. Picard war schlicht verzweifelt und suchte einen Ort auf, an dem er sich Schutz und Verständnis für sich und Soji versprach. Dass er damit seine Freunde und Ex-Kollegen sowie deren Tochter Kestra potenziell in große Gefahr brachte, thematisierten die Macher kaum.

Schluckt man diese Kröte, erhält man auf Nepenthe jedoch eine Handlung, die zwar nur wenig zu den verschiedenen Brandherden der Staffel beiträgt (man könnte auch sagen: gar nichts), die aber emotional wichtige Fragen stellt und beantwortet.

Dass wir nebenbei eine Menge über die Rikers erfahren, rundet die Erfahrung ab. Derartige Dinge mögen primär etwas für verträumt-verklärte TNG-Fans sein, es macht aber einfach Spaß etwas über die fast zwanzig Jahre zu erfahren, die seit Star Trek: Nemesis vergangen sind. Zwar wird die Geschichte von Will und Deanna mit einem negativen Element (dem Tod ihres Sohnes aufgrund der Verbannung kybernetischen Lebens) belastet, das konstruiert wirkt, keinerlei Mehrwert bringt und somit überflüssig ist, erfreulich ist allerdings, was die beiden sich mit ihrer Tochter für ein paradiesisches Leben aufgebaut haben.

Riker und Troi stehen für das Motiv des Advanced Human (oder Betazoid), der uns in Star Trek: Picard bisher vollkommen und schmerzlich gefehlt hat. Es gibt also noch diese Wärme, diese Liebe und die Hoffnung. Gut, dass die Autoren uns daran teilhaben lassen und somit auch Picard die Chance erhält, wieder ein wenig in die Spur zu kommen. Denn eines wird an dieser Stelle sonnenklar: Der Ex-Captain hat die vergangenen 14 Jahre auch deswegen so viele zwischenmenschliche Fehleinschätzungen getroffen, weil er nicht mehr auf die Weisung, Hilfe und den Rat seiner Freunde und Kollegen zurückgreifen konnte. Die Crew der USS Enterprise war immer auch eine Familie und selbst ein Mann wie Picard ist nicht komplett, ohne die Unterstützung seine Leute. Hier gelingen den Machern schöne Beobachtungen der Figurendynamiken aus der Serie. Zwar kratzen solche Gedanken auch weiterhin am Ikonen-Status des Picard, machen ihn aber dafür einfach menschlich. Er ist war noch der selbe, große Mann, den wir immer kannten, hat aufgrund seiner Isolation jedoch irgendwann den rechten Weg verlassen. Die Message dürfte lauten: Freunde und Familie sind wichtig um uns zu erden, zu hinterfragen und auf Spur zu halten. Das mag keine philosophische Glanzleistung darstellen, ist aber pures Star Trek. Alleine dafür hätte sich der Trip schon gelohnt.

Doch hält der Abstecher nach Nepenthe eben auch für Soji einige wichtige Erkenntnisse bereit. Die junge Frau erkennt, dass sie kein Mensch ist und bekommt durch die Herzlichkeit und Liebe der Rikers und die Zuneigung (ja, sogar Bewunderung!) Kestras vorgelebt, dass es nichts ist, wovor sie Angst haben muss. Das Ganze passiert zugegebenermaßen im Schnellverfahren, wäre ansonsten aber nur schwer in der noch verbleibenden Zeit unterzubringen gewesen. Vielleicht liegt in der Konstellation Kestra/Soji auch der Schlüssel zu der Frage, warum die Autoren meinten, Riker und Troi in der Handlung zu benötigen. Sie bringen nicht nur Picard zurück auf die Schiene, auch Soji lernt gleich einige Lektionen über sich, ihre Vergangenheit und das Wunder ihrer Existenz und ist damit bereit für das was kommt. Ohne die Troi-Riker-Idylle wäre all vermutlich kaum mehr (halbwegs stimmig) realisierbar gewesen.

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Ewig knistert das Drehbuchpapier

War es schon in der letzten Episode nur mit viel gutem Willen glaubwürdig gewesen, dass Elnor unbedingt zurückbleiben musste, verstärkten sich die Merkwürdigkeiten nun noch. Hatte man annehmen können, dass er als Absicherung für Hugh fungieren würde (damit die beliebte Figur überleben könne), kam es nun vollkommen anders. Zunächst war Elnor wie vom Erdboden verschluckt und Hugh musste den Tod verschiedener XBs mit ansehen (was Jonathan del Arco zu einer starken Leistung trieb). Dann verzichtete Narissa mit Berufung auf Verträge darauf, Hugh ebenfalls zu töten. Würde sie sich von sowas wirklich aufhalten lassen? Wer sollte das denn kontrollieren? Die Begründung wirkte arg konstruiert. Als Elnor und Hugh dann endlich wieder zusammengefunden hatten und konspirierten, tauchte Narissa erneut auf und tötete Hugh doch noch auf vollkommen humorlose Weise. Elnor konnte nur hilflos zusehen. Angesichts des erzählerischen Potenzials der Figur handelt es sich hier erneut um eine Verschwendung. Außerdem wurde nun nach Icheb und Maddox zum dritten Mal eine beliebte Figur der Vergangenheit zurückgebracht; nur um zu sterben. Zu dieser Liste gesellt sich auch noch Dahj, über die wir ebenfalls nichts erfahren durften.

Die Tendenz der Autoren, sich nach Abschluss einer (oft viel zu kurzen) Handlung von Figuren auf diese Weise zu trennen, stört den ansonsten positiven Eindruck, weil man damit zwar die Vorgehensweise aus Serien wie Game of Thrones kopiert, sich aber zuvor nicht um einen angemessenen Aufbau bemüht oder hinterfragt, was aus der Figur noch werden könnte. Jeder einzelne Fall mag für sich betrachtet als akzeptabel durchgehen, in der Summe wird hier jedoch viel zu wahllos Potenzial verschwendet und einem Erzählmuster gefolgt, das auf diese Weise einfach nicht funktioniert.

Auf der La Sirena gehen derweil merkwürdige Dinge vor sich. Raffi hat sich halbwegs im Griff und kümmert sich um die vollkommen neben sich stehende Agnes. Wie Rios auf die Idee kommt, ausgerechnet Raffi wegen der Verfolgung durch den Zauberwürfel spielenden Narek zu verdächtigen, bleibt für den Moment sein Geheimnis. Handelt es sich um einen Trick von ihm und Raffi, um Agnes zu überführen? Oder hatten die Autoren den Sex der vergangenen Woche nur in die Handlung geschrieben, damit er nun blind vor Liebe agieren kann? Abwarten. Agnes gesteht in jedem Fall fast ihre Tat, doch muss Rios just in diesem Moment auf die Brücke. Immer diese Zufälle. Dass sie sich danach vermeintlich töten will, unterstreicht ihre Schuldgefühle. Vermutlich will sie den Tracker von Oh auf diese Weise deaktivieren und ihre neuen Freunde retten. Nehmen wir mal an, dass Rios und Raffi dieses Schuldeingeständnis nun auch in Kürze verstehen werden. Interessant wird dann nur sein, ob die Autoren auch Jurati aus der Serie schreiben, oder sie als Teil der Besatzung im Spiel lassen und sich zukünftig mit ihren Taten auseinandersetzen werden.

Wir Zuschauer sind aufgrund eines weiteren Flashbacks in jedem Fall nun im Bilde darüber, was Commodore Oh ihr bei dem Treffen auf Okinawa gezeigt hat. Wie es Oh jedoch möglich war, Jurati zukünftige Ereignisse per Mind Meld zu zeigen, bleibt rätselhaft. Sollte es sich nur um Dinge handeln, die Oh sich vorstellen kann, wäre die ganze Geschichte irgendwie sinnfrei, oder? Schau mal, Mädchen, was vielleicht alles Schlimmes passieren könnte! Du musst deinen Ex-Lover töten! Hoffentlich machen sich die Autoren noch die Mühe, einige dieser Merkwürdigkeiten auszuräumen. Oh könnte beispielsweise zum Konklave der Acht gehören. Allerdings sieht man im Flashback hier mehr als acht Personen. Es bleibt auch die Frage, wie es um die Gerüchte steht, dass Oh Romulanerin sein könnte (was wiederum besser zu ihrer Sonnenbrille passen würde). Dabei wäre aber noch zu klären, inwiefern Romulaner überhaupt zu Mind Melds fähig sind. In jedem Fall würde es das Problem beseitigen, dass Oh Jurati den Meld aufzwingt, was für eine Vulkanierin in ihrer Position ein No-Go sein müsste.

Auf dem Kubus drückt Elnor dann kurz vor Schluss und in höchster Not noch den Rufknopf der Fenris Ranger, den er zuvor von Hugh erhalten hatte. Als Cliffhanger taugt die Szene bestimmt, wirkt aber auch erneut überkonstruiert, um Seven of Nine wieder ins Spiel zu bringen. Wie spannend wäre wohl ein Zusammentreffen zwischen ihr und Hugh gewesen?

In jedem Fall entsteht zwischen der Nostalgie und den vielen Emotionen in der Haupthandlung sowie den dramatischeren Nebenhandlungen eine interessante Dynamik. Während bei der ersten weitestgehend Stillstand herrscht, geht es abseits von Nepenthe zwar definitiv voran, die großen Fragezeichen blinken aber allerorten auf, was bestimmt nicht jedem gefallen wird.

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Fun Facts & Easter Eggs

  • Picard erwähnt sein künstliches Herz, über das wir in Star Trek: The Next Generation bereits einiges erfahren hatten.
  • Die Szene, in der Picard auf Kestra trifft, erinnert ein wenig an das Kennenlernen mit seinem Neffen René aus Family (Familienbegegnung) aus TNG.
  • Wie man es aus TNG liebt, darf Riker auch hier "Schilde hoch!" rufen. Er sorgt sich um Angriffe der Kzinti, die Fans bestimmt noch aus der ersten Zeichentrickserie kennen.
  • Kestra Troi-Riker hat ihren Namen im Andenken an Trois verstorbene Schwester erhalten (wie wir in Dark Page (Ort der Finsternis) in TNG erfuhren).
  • Thaddeus Troi-Riker bekam seinen Namen im Andenken an Colonel Thaddius “Old Iron Boots” Riker, der in der Voyager-Episode Death Wish (Todessehnsucht) erwähnt wurde.
  • Die Rikers waren auf der USS Titan offenbar fleißig: Sohn Thad wurde 2381 geboren, also zwei Jahre nach den bekannten Ereignissen aus Star Trek: Nemesis und dem Wechsel auf die Titan.
  • Der von Jurati erwähnte Gormagander ist eine Erfindung aus Star Trek: Discovery. Ihre ganze Gormagander-Bemerkung klingt derweil wie eine Star-Wars-Referenz.
  • Einen Virus auf Siliziumbasis kennen wir bereits aus der Episode Observer Effect (Beobachtungseffekt) aus Star Trek: Enterprise.
  • Den Tykenspalt kennen wir aus Night Terrors (Augen in der Dunkelheit) aus TNG.
  • Kestra erwähnt eine ganze Reihe von TNG-Episoden, als es um Datas Wünsche geht, menschlicher zu werden.

Merkwürdigkeiten

  • Jonathan Frakes wird im Vorspann genannt, Marina Sirtis im Abspann. Was hat es damit auf sich? Wer denkt sich sowas aus?
  • Warum durfte Marina Sirtis nicht ihre natürliche Schönheit zur Schau tragen? Musste man sie unbedingt unter Tonnen von Make-up verstecken?
  • Zwei Bilder, die Agnes durch den Mind Meld mit Oh sieht, stammen aus der Episode If Memory Serves (Soweit die Erinnerung reicht) aus Star Trek: Discovery. Ob es sich dabei um simple Wiederverwertung von CGI-Material handelt oder um eine beabsichtigte Verbindung zur Storyline um Control, muss man abwarten.
  • Der Replikator der La Sirena ist ganz offensichtlich ein handelsüblicher 3D-Drucker unserer Zeit.

Offene Fragen

  • Gibt es für Hugh vielleicht noch eine Chance?
  • Wann realisieren Rios und Raffi, was Agnes getan hat?
  • Kommt Seven of Nine dem armen Elnor zur Hilfe?
  • Wie sehen die nächsten Schritte von Narek, Oh und Narissa aus?
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Fazit

Mit Nepenthe sorgen die Macher für eine emotionale Erdung der Figuren, die zwar die Gesamtgeschichte stark ausbremst, dadurch aber nicht weniger gut funktioniert. Das Wiedersehen mit Riker und Troi sowie das wunderbare Zusammenspiel zwischen Kestra und Soji überstrahlen sogar die Schwächen in den Nebenhandlungen, bei denen insbesondere der vollkommen sinnlose Tod von Hugh negativ auffällt.

In Sachen Nostalgie hat man hier fraglos den Staffelhöhepunkt gesetzt, nun sollte es aber in den verbleibenden drei Episoden mit Vollgas und ohne weitere Umwege um die Auflösung der diversen Handlungsstränge gehen.

Ausblick

In Kürze folgt der Podcast Planet Trek fm zur siebten Episode. Gastgeber Björn Sülter begrüsst darin erneut spannende Gäste. Am Freitag geht es dann weiter mit der achten Episode und einige Tage später mit einer ausführlichen Rezension.

Rezensionen der anderen Folgen

Hier geht’s zur Rezension der Folgen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 und 10

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Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

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Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Verleger, Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch "Es lebe Star Trek" ist der Auftakt seiner Jugendbuchreihe "Ein Fall für die Patchwork Kids" erschienen. Dazu läuft mit "Beyond Berlin" seine erste eigene Science-Fiction-Reihe. Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.

E L S T