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Kritik zu Star Trek: Picard 1.08 – "Broken Pieces" ("Bruchstücke")

Die achte Episode führt viele Themen und Handlungsstränge zusammen und bereitet uns auf das große Finale vor. Obendrauf gibt es einen gewaltigen Schuss Hoffnung!

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von Björn Sülter

Weiter geht es mit der achten Episode von Star Trek: Picard, die uns die Auswirkungen verschiedener Handlungen aufzeigt und alles für das große Finale vorbereitet.

Hinweis: Die folgende Rezension enthält Spoiler.

Was passiert?

Raffi versucht, Sinn in den Vorgängen zu finden, während Agnes Jurati sich mit ihrer Schuld auseinandersetzt, Picard und Soji das weitere Vorgehen besprechen und Seven mit Elnor auf dem Borg-Kubus Pläne schmiedet ...

Infos zum Spartarif

Fallen wir mit der Tür ins Haus: Die achte Episode ist weniger zugänglich als die beiden vorherigen. Das liegt primär daran, dass unzählige Informationen untergebracht werden müssen, die Autor Michael Chabon in einigen Fällen ein wenig mit der dramaturgischen Brechstange platziert. So informiert uns beispielsweise erst Oh im Flashback zu Beginn über die Hintergründe der Zhat Vash (indem sie ihren Gefolgsleuten die Geschichte erzählt), dann klärt uns Narissa auf dem Kubus und in Gegenwart ihrer im Koma liegenden Tante (und somit per Selbstgespräch) über die aktuelle Situation auf.

Im Vorbeigehen wird auf der La Sirena auch die Schuld Juratis am Tod des Bruce Maddox festgestellt und diskutiert. Das geht alles recht schnell und kommt ein wenig aus dem Nichts, wird aber immerhin in sich stimmig vorgetragen.

Dennoch: Eine Szene wie die am runden Tisch zum Ende der Episode, als Raffi in bester Manier eines Hercule Poirot und unter Mithilfe aller anderen Figuren die zugrunde liegende Geschichte der Staffel erklärt, darf sich kaum um den Stempel virtuos bewerben. Dass sie dennoch und vor allem in der Gesamtheit der Episode gut funktioniert, liegt primär an dem, was man erfährt und wie die Darstellerinnen und Darsteller die komplexen Sachverhalte rüberbringen. An dieser Stelle sollte Michael Chabon sich dann auch bei seinem Team bedanken. Den Menschen vor der Kamera gebürt nämlich das größere Lob. Ob Alison Pill, Michelle Hurd, Santiago Cabrera, Isa Briones oder selbstverständlich auch Sir Patrick Stewart; die Serie hat ein feines Ensemble am Start, das sich im Verlauf der Staffel zunehmend freigespielt hat. Warum Peyton List, Harry Treadaway, Evan Evagora und Jeri Ryan in dieser Auflistung fehlen, werden wir später noch besprechen.

Für den Moment bleibt festzuhalten, dass sich die Gesamtgeschichte in eine durchaus überzeugende (wenn auch überraschungsfreie) Richtung entwickelt, die Anleihen an Formate wie Battlestar Galactica jedoch nicht verschweigen kann.

Zu den offenen Fragen gehört, warum Admiral Clancy plötzlich auf Picards Seite steht und ihm ein Geschwader verspricht. Oder spielt sie weiterhin ein falsches Spiel? Entwicklungen dieser Art kommen bei Star Trek: Picard (wie übrigens auch oft bei Star Trek: Discovery) weiterhin gerne aus dem Niemandsland. Schaut man nicht so genau hin, passt alles. Fragt man jedoch nach, muss man sich einiges selbst zusammenreimen. Gleiches gilt für Raffis Suchtprobleme, die weiterhin auf eine Weise behandelt werden, die keiner tieferen Prüfung standhalten. Abhängig, clean, abhängig, clean. Hier erfahren wir nun, dass sie sich selbst Beschränkungen auferlegt hat. Das ist zwar eine gute Idee, erklärt das Hin und Her aber auch nur am Rande. Wer eine gelungene Studie über drogenabhängige Protagonisten in der SF sucht, bleibt lieber weiterhin bei Battlestar Galactica oder Babylon 5.

Gut aufgelöst wurden dagegen die Geschichten von Jurati (die Reue zeigt, ihre Schuld anerkennt und unter Tränen berichtet, dass sie sich von Oh seelisch vergiftet fühlt), von Rios (dessen Vorgeschichte mit seinem Ex-Schiff und Captain überzeugt und ihm auch weiterhin viel Raum zur Entwicklung lässt) und der Zhat Vash und von Commodore Oh (die als Halb-Romulanerin und Halb-Vulkanierin zum Mind Meld fähig sein kann, aber dennoch auf der Erde eventuell eine Sonnenbrille benötigt, weil sie die inneren Augenlider vielleicht genetisch nicht mitbekommen hat). Auch die Begegnung von Jurati und Soji darf man als Gewinner bezeichnen. Hier erlebt man wieder die begeisterte Forscherin und Wissenschaftlerin, nicht die verwirrte Mörderin. Kurve bekommen!

Dafür eröffnet man jedoch auch fleißig neue Fässer: Wer ist Jana? Wer war ihr Begleiter? Was haben die beiden mit Dahj und Soji zu tun? Wie einst bei Akte X erhalten wir zwei Antworten zum Preis von drei neuen Fragen. Angesichts der bald endenden Staffel muss man einfach weiterhin auf gute Antworten hoffen.

Hoffnung!

Eine wunderschöne Szene ergibt sich recht spät in der Episode zwischen Soji und Picard, deren Band stetig wächst. Die beiden finden anhand ihrer Verbindung zu Data zueinander und teilen ihre Gefühle miteinander. Besonders gelungen ist hierbei, wie Picard seinen Kollegen und Freund beschreibt und wie er in einem Moment absoluter Klarheit und Weisheit die Unfähigkeit Datas zum Äußern von Gefühlen und Zuneigung als gemeinsame Schwäche bezeichnet. Michael Chabon gelingt es hier tatsächlich, der beliebten Figur ganz neue Seiten abzuringen, die man so im Kontext von Serie und Filmen vermutlich nie hätte zeigen können. Stark!

Die wichtigste Aussage der Episode (und somit auch der Serie) fördern die Macher bei allen Vorgängen dann jedoch erst ganz am Schluß zu Tage. Picard hält auf der Brücke eine seiner begnadeten Reden, diesmal in Gegenwart von Rios. Stewart ist in diesem Moment wieder zu 100 Prozent der Jean-Luc Picard, den wir aus den Episoden und Kinofilmen kennen und schätzen gelernt haben.

Er stellt heraus, dass es wichtig ist, mutig und neugierig nach vorne zu blicken und für eine bessere Zukunft zu kämpfen. In seinen Worten geht es um Aufgeschlossenheit, Optimismus und eine unbändige Neugier! In diesem Denken ist Furcht nicht nur ein schlechter Ratgeber, sondern auch sprichwörtlich "der Zerstörer", vor dem (oder besser: vor der!) die Romulaner so viel Angst haben. Keine Frage: Nach seinem vierzehnjährigen Exil ist der gute Mann inzwischen wieder auf dem richtigen Weg. Er mag seine Ideale für eine lange Zeit vergraben haben, vergessen hat er sie jedoch nicht.

Blicken wir darauf, was gerade ganz akut auf der Erde des Jahres 2020 passiert, kann man ihm nur vollumfänglich Recht geben. Picard äußerst nicht nur etwas, das uns als Zuschauer in diesen schweren Zeiten Mut zuspricht, er artikuliert auch eine Trek-Weisheit im besten Sinne des Schöpfers Gene Roddenberry. Es geht nur gemeinsam und mit einer postiven Gesinnung. Solange es Menschen gibt, die über sich hinauswachsen, lernen und nach tiefen Tälern wieder aufstehen, ist weder die Zukunft, noch die Vision des Advanced Human verloren. Hinfallen, Aufstehen, Uniform glatt ziehen, Weitermachen!

Star Trek: Picard mag bis zu diesem Zeitpunkt eher dystopisch angelegt gewesen sein und uns vornehmlich kaputte Charaktere in schwierigen Zeiten vorgeführt haben, offenbar war man Seitens der Macher aber durchaus die ganze Zeit gewillt, diese im Verlauf der Geschichte in eine bessere Zukunft zu führen. Der Anfang ist endgültig gemacht, hoffen wir einmal, dass das Finale nun auch liefern kann!

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Ein bißchen Spaß muss sein

Neben all den schwermütigen Unterhaltungen bringt diesemal ausgerechnet Raffi den Humor in die Episode. Sie versucht, das Geheimnis hinter der ablehnenden Reaktion von Rios auf Soji zu ergründen, unterhält sich dazu mit seinen Hologrammen und bringt diese schließlich in einer Art Gruppensitzung zusammen, bei der sie die Puzzleteile zusammensetzt.

Santiago Cabrera hat sichtlich Spaß, all die verschiedenen Figuren darzustellen und erweckt spielend sechs unterschiedliche Charaktere zum Leben. Auch Michelle Hurd überzeugt erneut in jeder Minute. Gemeinsam mit ihrer bereits erwähnten Poirot-Nummer hält sie letztlich alle Fäden der Dramaturgie in der Hand und wird somit zum emotionalen Kern der Episode und Crew.

Möchte man ein Haar in der Suppe finden, ist es natürlich wieder einmal ein erstaunlich großer Zufall, dass nun auch Rios eine Verbindung zu Androiden besitzt, die ihn belastet. Ob ein Autor so etwas kosmisches Schicksal der Charaktere oder dramaturgische Vereinfachung im Sinne des Produkts nennen mag, spielt letztlich keine Rolle. Zufälle und schicksalhafte Verbindungen gehören zum Leben dazu; in Star Trek: Picard kann man wenn überhaupt höchstens den Umfang dieser Begebenheiten als Kritikpunkt aufführen.

Kubus-Tristesse

Ohne echte Kritik geht es dennoch auch diese Woche nicht. Wir hatten es bereits in den vergangenen Episoden immer wieder angesprochen: Die Szenen auf dem Kubus gehören bisher nicht gerade zur Creme de la Creme der Serie. Auch diesmal fallen sie wieder deutlich gegen den Rest ab. Narissa kann zwar zumindest phasenweise aus ihrer Fiesling-Routine ausbrechen, verfällt aber dennoch immer wieder ins unsägliche Schnurrbart-Zwirbeln eines typischen Filmbösewichts. Peyton List hatte definitiv kein Glück mit dieser Rolle. Sie kann mehr! Sollte ihre Narissa zum Ende der Staffel assimiliert und aus der Serie geschrieben werden, dürfte ihr niemand eine Träne nachweinen. Harry Treadaway alias Narek hat derweil diesmal gar keinen Auftritt, abgesehen von den letzten Sekunden der Episode.

Besonders bedauerlich ist das flache Niveau auf dem Kubus allerdings, da man für diese Episode endlich Jeri Ryan zurückbrachte. Ihre Szenen mit Elnor besitzen jedoch viel zu wenig Substanz, die Dialoge bleiben formelhaft und die Handlung schreitet nach Schema F voran. Gute Fragen überwiegen gute Antworten bei Weitem: Was bedeutet es für sie, wieder auf einem Kubus zu sein? Was bedeutet es, sich auf diese Weise mit dem Kubus zu vernetzen? Was verband sie mit Hugh? Woher kannte sie ihn? Wie reagiert sie auf seinen Tod? Wir erfahren es nicht. Das Drehbuch hat keinerlei Interesse an der Figur und ihrer Geschichte. Seven ist die Sarah Connor oder Ellen Ripley des Kubus. Cool, laut, sexy, angepisst. Kann man machen. Doch hätte es dafür keine vielschichtige und derart beliebte Figur aus dem Trek-Kanon gebraucht. Schade. Für Elnor bleibt neben ihr wie gehabt ebenfalls nur die Rolle des lustigen Sidekicks. Maßarbeit sieht anders aus, Mr. Chabon.

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Fun Facts & Easter Eggs

  • Picard spricht seine Zeit als Ensign auf der USS Reliant an (bei der sich nicht um die gleiche wie aus den Kinofilmen handelt). Diese Information geht zurück auf eine gelöschte Szene aus der Episode The Measure of a Man (Wem gehört Data?) aus TNG, die auf den BluRays enthalten ist.
  • Yridianischen Tee kennen wir aus der Episode Eye of the Beholder (Der Fall "Utopia Planitia") aus TNG.
  • Das Ortungsgerät von Oh basiert auf Viridium. Das gleiche Material verwendete Spock in Star Trek VI: The Undiscovered Country (Star Trek VI: Das unentdeckte Land), um Kirk in klingonischer Gefangenschaft zu folgen.
  • Rios hat einen Plattenspieler und Platten in seinem Quartier. Raffi bezeichnet das Gerät fälschlicherweise als Walkman.
  • Die USS ibn Majid’shat die Registrierungsnummer NCC-75710 und erinnert von der Form an die USS Emmett Till aus der DS9-Doku What We Left Behind.
  • Die Borg-Transwarp-Kanäle kennen wir aus Star Trek: Voyager und auch aus der Episode Descent (Angriff der Borg) aus TNG.
  • Picard ist bereits 14 Jahre nicht mehr im Dienst. Kein Wunder, dass er mit der Technik auf der La Sirena so seine Probleme hat, oder?

Merkwürdigkeiten

  • Dass ausgerechnet Seven of Nine den Ruf von Elnor für die Fenris Ranger beantwortet ist schon ein wenig arg konstruiert. Auch ihre Frage nach Hugh verhallt leider unbeantwortet.

Offene Fragen

  • Was erwartet unsere Helden auf dem Planeten der Androiden?
  • Wird man Data in irgendeiner Form wieder zum Leben erwecken können?
  • Muss Jurati wirklich vor Gericht? Oder bleibt sie Teil der Crew?
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Fazit

Mit Broken Pieces bringt Autor und Showrunner Michael Chabon verschiedene Handlungsstränge der ersten Staffel zusammen, sorgt an einigen Fronten für Aufklärung und lässt andere bewusst offen. Nicht immer funktioniert dabei sein stark von Exposition und Gevatter Zufall geprägtes Vorgehen.

Am besten gelingen ihm aber die emotionalen Szenen der Episode zwischen Picard und Soji, Raffi und Rios, Picard und Agnes sowie Soji und Agnes. Auch der Humor durch die erneut aberwitzigen Hologramme gefällt. Die Handlung auf dem Kubus wirkt im Gegensatz dazu jedoch erneut flach und uninspiriert, was insbesondere in Bezug auf Seven of Nine und Jeri Ryan bedauerlich ist.

Die wichtigste Erkenntnis der Episode ist jedoch die wiedergefundene Hoffnung, die positive Sichtweise Picards und die Zusammenarbeit der Crew auf ein gemeinsames, wichtiges Ziel hin. Star Trek: Picard tauchte bisher tief in Sphären der Dystopie, scheint uns nun aber das Motiv von Hoffnung, Mut und Zusammenhalt in schweren Zeiten vorführen zu wollen. Das ist in jedem Fall pures Star Trek und aktuell wichtiger denn je!  Weiter so!

Ausblick

In Kürze folgt der Podcast Planet Trek fm zur achten Episode. Gastgeber Björn Sülter begrüsst darin erneut spannende Gäste. Am Freitag geht es dann weiter mit der neunten Episode und einige Tage später mit einer ausführlichen Rezension.

Rezensionen der anderen Folgen

Hier geht’s zur Rezension der Folgen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 und 10

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Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

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Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Verleger, Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch "Es lebe Star Trek" ist der Auftakt seiner Jugendbuchreihe "Ein Fall für die Patchwork Kids" erschienen. Dazu läuft mit "Beyond Berlin" seine erste eigene Science-Fiction-Reihe. Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.

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