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Kritik zu Star Trek: Short Treks 2.04 - "Ephraim and Dot"

Im vierten neuen Short Trek der zweiten Staffel namens Ephraim and Dot dreht sich alles um die Abenteuer einer Tardigraden-Mutter und eines Wartungsroboters.

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von Björn Sülter

CBS veröffentlichte vergangene Woche zeitgleich die vierte und fünfte Episode der zweiten Staffel ihrer Short Treks. Über das hierzulande noch nicht verfügbare Streamingportal CBS All Access sollen den Fans aktuell gleich sechs dieser kleinen Episoden die Zeit bis zum Start von Star Trek: Picard versüßen. Die ersten drei drehten sich dabei (mehr oder weniger) um die Crew der USS Enterprise unter dem Kommando von Captain Pike und brachten Anson Mount, Ethan Peck und Rebecca Romijn zurück. Die aktuellen beiden sind animiert und handeln von der Discovery-Crew sowie einem Classic-Abenteuer der besonderen Art. Zum Abschluss folgt im Januar dann noch eine Episode, die als Vorgeschichte zur Picard-Serie dienen wird.

Faktencheck

Bei diesem ersten animierten Short Trek haben wir es mit einer vollkommen losgelösten Geschichte zu tun, bei der eine Tardigraden-Mutter namens Ephraim und ein kleiner Wartungsroboter namens Dot im Mittelpunkt stehen. Aufgemacht ist das Ganze wie ein Lehrvideo für relativ junge Kinder, bei dem die Lebensweise der Tardigraden erklärt und der Weg vom Suchen eines Brutplatzes bis zum Schlüpfen der Jungen nachgezeichnet wird. Dies geschieht vor dem Hintergrund der Mission der USS Enterprise unter dem Kommando von Captain Kirk. Doch dazu später mehr.

Das Drehbuch stammt von Chris Silvestri und Anthony Maranville, die bereits die Episode The Red Angel (Der rote Engel) aus der zweiten Staffel von Star Trek: Discovery geliefert haben. Ihre Arbeit ist witzig, charmant, kenntnisreich sowie schnörkellos und qualifiziert sie ohne Frage dafür, auch weiterhin Stoffe für Animationsprojekte dieser Machart zu liefern.

Regie führte zur großen Überraschung vieler Fans der bisher als Komponist bekannte Michael Giacchino, der beispielsweise auch für die Musik der Reboot-Kinofilme verantwortlich zeichnet. Ihm gelang eine fluffige Handlung im Stile eines Tom-und-Jerry-Cartoons, die schneller vorbei ist als man gucken kann. Der Score stammt selbstverständlich ebenfalls aus seiner Feder und lässt uns an jeder Ecke spüren, mit wie viel Liebe zum Detail hier agiert wurde.

Einen besonderen Gag erlaubte man sich bei der Besetzung des Sprechers des Lehrvideos. Kirk Thatcher dürfte den wenigsten Fans vom Namen her etwas sagen, doch weiß eigentlich jeder, wer er ist. Er durfte im vierten Kinoabenteuer den Punk im Bus spielen (und den Song aus dem Ghettoblaster namens I Hate You singen), der von Spock im doppelten Sinne ausgeschaltet wird. Thatcher ist eigentlich Produktionsdesigner für Firmen wie Industrial Light and Magic oder die Jim Henson Company. Die Computerstimme der USS Enterprise ist obendrauf zum zweiten Mal nach dem Short Trek namens Ask Not Jenette Goldstein.

Tom & Jerry

Ich hatte es bereits erwähnt: Die Episode wirkt wie ein typischer Cartoon, legt ein hohes Tempo vor, verspielt sich in albernen Szenen und kann daher kaum tiefergehend analysiert werden. Kurz gesagt: Eine Tardigraden-Mama sucht einen Platz zum Ablegen ihrer Eier, findet diesen im wohlig warmen Maschinenraum der USS Enterprise, wird von einem eifrigen Wartungsroboter rausgeworfen und muss dem Schiff dann eine lange Zeit folgen, bis sie am Ende mit ihren Babys vereint ist. Insbesondere für jüngere Zuschauer dürfte das bunte Treiben ein kurzweiliger Spaß sein. Doch gibt es natürlich auch noch einen Subtext, der sich tief in den Kanon des Trek-Franchises gräbt.

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Dieser Subtext besteht aus kleinen Referenzen an verschiedene Missionen der Originalserie Star Trek. Reisen wir einmal gemeinsam mit Ephraim, dem Tardigraden, den Eiern und Roboter Dot durch die Zeit.

  • Zunächst beobachtet Ephraim die Unterhaltung zwischen Kirk, McCoy und Khan in der Krankenstation aus Space Seed (Der schlafende Tiger). Die Stimmen sind dabei erfreulicherweise die von William Shatner und Ricardo Montalban aus der Originalepisode.
  • Als zweites fallen Tribbles aus einer Deckenluke. Eine eindeutige Referenz an die beliebte Kirk-Szene aus The Trouble with Tribbles (Kennen Sie Tribbles?).
  • Danach ist Sulu mit seinem Degen zu sehen, wie er Kirk und McCoy bedroht. Auch hier hört man George Takei sprechen. In der Episode The Naked Time (Implosion in der Spirale) waren es allerdings eigentlich zwei namenlose Nebendarsteller, denen Sulu im Korridor gegenüberstand.
  • Weiter geht es nun in rascher Abfolge mit der gigantisch-grünen Hand im All aus Who Mourns for Adonais? (Der Tempel des Apoll), dem Planeten-Killer aus The Doomsday Machine (Planeten-Killer), dem Netz der Tholianer aus The Tholian Web (Das Spinnennetz) und dem übergroßen, sitzenden Abraham Lincoln aus The Savage Curtain (Seit es Menschen gibt).
  • Nach einem Warpsprung haben wir es plötzlich (korrekterweise) mit der Refit-Enterprise (aus den Kinofilmen) zu tun, die, wie in Star Trek II: The Wrath of Khan (Star Trek II: Der Zorn des Khan), mit der USS Reliant kämpft. Irritierenderweise sehen wir auf der Hülle der Enterprise aber nun ein NCC-1701-A. Doch dazu gleich mehr.
  • Nach dem nächsten Warpsprung befinden wir uns schließlich im Orbit von Genesis, wo Captain Kruges Bird of Prey sich gerade enttarnt und Kirk später seiner eigenen USS Enterprise den Garaus macht (Star Trek III: The earch for Spock/Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock). Übrigens: Als das Schiff halb zerstört dem Planeten entgegenfliegt, denkt wohl jeder sofort an Kirks ikonische Worte "Mein Gott, Pille. Was habe ich getan?". Tolles Retro-Feeling!

Hierbei fällt natürlich auf, dass die Chronologie der Ereignisse nicht ganz stimmen kann. Zwar wählte man zielsicher aus jeder Staffel zwei Episoden aus, die ersten beiden sind allerdings in der Reihenfolge vertauscht. Die Tribbles-Referenz lassen wir zudem hier mal unbeachtet, da es sich ja um keine wirkliche Szene handelt, sondern nur um eine Anspielung. Man sollte sich aber zwei Dinge vor Augen führen: Erstens handelt es sich hier um ein Lehrvideo der Sternenflotte, das etwas ganz anderes vor dem Hintergrund der Kirk-Mission veranschaulichen will. Den Fehler haben also schlicht die Leute bei der Sternenflotte gemacht! Zweitens ist das Netzwerk aus Star Trek: Discovery im Spiel, welches alles irgendwie, irgendwann, irgendwo verbindet (denkt hier gerade noch jemand an den Nexus?). Der Tardigrade kann also ganz schlicht eine andere Wahrnehmung von Zeit und Raum haben als wir und für die merkwürdige Reihenfolge verantwortlich sein. Ihr erkennt: Hier läuft gerade der verzweifelte Versuch, mit allen Mitteln die Produzenten reinzuwaschen. Hoffentlich wissen sie es zu schätzen!

Leider bleiben aber auch noch einige andere Fragen offen (die man jedoch im Notfall ebenfalls derartig erklären könnte):

  • Warum heißt die Tardigraden-Mama Ephraim? Es handelt sich hier schließlich um einen männlichen Vornamen, dessen Bedeutung aus dem Hebräischen "doppelt fruchtbar" ist und der mit Ephraima auch eine eindeutige weibliche Form besitzt. Vermutlich ist dieses Denken aber viel zu altmodisch, wenn man beispielsweise an Michael Burnham denkt. Mea culpa.
  • Ein bißchen zynisch ist es schon, wenn ein Wartungsroboter der Sternenflotte mit drei gehobenen Fingern "Live long and prosper" sagt, während er ein anderes und zudem harmloses Lebewesen aus der Luftschleuse feuert. Vielleicht sollte man bei der Programmierung der kleinen Helferlein etwas sensibler vorgehen.
  • Warum ist das Intro der Episode eigentlich in schwarz-weiß gehalten, besitzt auffällige Bildartefakte und kommt im Seitenverhältnis 4:3 daher? Selbst heute sehen maximal Funde aus der Stummfilmzeit der Menschheit so aus. Wieso sollte ein Lehrvideo der Sternenflotte, das frühstens irgendwann im 22. Jahrhundert entstanden sein kann (eher später wenn man an das Netzwerk denkt), irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt (oder jemals) so aussehen? Dreht die Sternenflotte noch auf Filmrollen? Ich weiß, ich weiß. Es sieht toll aus, ist voll retro und ein cooler Effekt mit dem Übergang zur farbigen Enterprise. Hier gewinnt wie so oft bei aktuellen Trek-Produktionen der Stil über den Sinn.
  • Der blödeste Fehler ist jedoch die bereits erwähnte Markierung der Enterprise als NCC-1701-A bei der Zerstörung über Genesis aus Star Trek III: The Search for Spock (Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock). Es handelt sich an dieser Stelle der Zeitlinie um den Refit der Original NCC-1701 und nicht um die A. Diese kommt erst ab dem Ende des vierten Films vor! Und selbst wenn es die A sein sollte, könnten die Eier wohl kaum nach dem Untergang des Refits auf die A übergegangen sein. Höchstens durch Zeit und Raum und mit Hilfe des Netzwerks (oder des Nexus). Doch selbst dann bleibt es ein Fakt der (fiktiven Trek-)Geschichte, dass über Genesis die NCC-1701 (Refit) ihr Ende findet, nicht die A. Michael Giacchino hat den Fehler inzwischen übrigens per Twitter  zugegeben. Wie so etwas Simples in Zeiten von Memory Alpha den Machern durchrutschen kann bleibt immer wieder ein Rätsel.

Auge zudrücken

Dennoch sollte man all diese Punkte zwar erwähnen dürfen, aber bei der Bewertung ausklammern. Dieser Short Trek soll Spaß machen - und das tut er! Zwar ist es ein wenig verwunderlich, dass die Produzenten sich die Mühe machen, Kirk Thatcher hervorzuholen und eine Reise durch den Trek-Kanon anzetteln (den wirklich nur Fans verstehen), dann aber derart komische und letztlich schlicht vermeidbare Dinge nicht auf die Reihe bekommen. Das darf die Freude aber nicht schmälern. Halten wir es also lieber mit Freud: Manchmal ist ein Short Trek einfach nur ein Short Trek.

Fazit

Ephraim and Dot gefällt dank einer rasant-witzigen und farbenfrohen Machart, begeistert eingefleischte Trekkies mit vielen Referenzen an den Kanon und erfreut die jüngeren Zuschauer mit einem harmlosen Vergnügen, das vielleicht sogar Interesse an anderem Star Trek schüren kann. Dass im Detail nicht alles passt, kehrt Dot für uns unter den metaphorischen Teppich. Wenn simpler Spaß und Nachwuchsakvise die Intention und der Weg sind, darf man diesen Testlauf gerne als äußerst gelungen ansehen.

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Ausblick: So geht es weiter

Die zweite animierte Dezember-Episode The Girl Who Made the Stars ist ebenfalls bereits in den USA auf CBS All Access verfügbar und erzählt uns eine Geschichte, die auf den Start der zweiten Staffel von Star Trek: Discovery zurückgeht und dort von Michael Burnham angerissen wurde. Die Rezension dazu gibt es kommende Woche. Im Januar folgt dann noch eine vorerst letzte Short-Trek-Episode, die uns die Vorgeschichte zu Star Trek: Picard servieren wird.

Girl Stars 3

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Autor, Journalist & SYFY-Experte Björn Sülter nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre, erzählt die Geschichten hinter den Kulissen und beleuchtet Stärken, Schwächen und Dramen aller Serien und Filme seit 1966! Angefangen mit den Abenteuern des Captain Kirk über Picard, Sisko, Janeway und Archer hat sich Star Trek seit damals eine treue und engagierte Fanbase erarbeitet. Die erfolgreichen Reboot-Kinofilme des J. J. Abrams sorgen seit 2009 für ebenso viel Diskussionsstoff wie die jüngst gestartete Fernsehserie Star Trek: Discovery. So zeigt sich das Franchise somit immer noch topfit und durchlebt aktuell einen weiteren Frühling. Die Entstehung und der Verlauf jeder Serie und jedes Films wird dabei eingehend beleuchtet. Ein ausführlicher Teil befasst sich zudem mit den neuen Kinofilmen und Star Trek: Discovery.

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Über den Autor & Gastgeber von Planet Trek fm:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch "Es lebe Star Trek" ist im Oktober der Auftakt seiner Jugendbuchreihe "Ein Fall für die Patchwork Kids" erschienen. Im Dezember startete mit "Beyond Berlin" seine erste eigene Science-Fiction-Reihe.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.

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