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Marvel Cinematic Universe: Die größte Enttäuschung der Reihe

Dreiundzwanzig Filme in elf Jahren hat das Marvel Cinematic Universe mit der Infinity-Saga hervorgebracht. Viele waren grandios, einige nur mittelprächtig. Während es in der kommenden Woche um den Höhepunkt gehen soll, verrät unser Björn Sülter euch heute erstmal seine größte Enttäuschung der Reihe.

Präsentiert von: Björn Sülter


Wenn es um die Fehlschläge aus den bisherigen Filmen des MCU geht, nennen Fans oft zurecht den enttäuschenden zweiten Teil von Iron Man, den holprigen Solofilm um Hulk, das unausgegorene erste Abenteuer von Thor oder (eigentlich unverständlicherweise) sogar die Filme rund um Ant Man.

Mich ließ jedoch ein ganz anderer Film vollkommen kalt: Spider-Man: Homecoming.

Nun gelte ich eigentlich als Fan von Peter Parker und seinen Abenteuern. Die Trilogie von Sam Raimi mit Tobey Maguire habe ich geliebt, die Filme von Marc Webb mit Andrew Garfield problemlos durchgewunken. Wie konnte also ausgerechnet eine meiner liebsten Comic-Figuren im perfekten MCU-Stil derart Schiffbruch erleiden?

Perfektion

Betrachtet man den Auftakt des Films, steigt die Erwartungshaltung erstmal ins Unermessliche. Die Idee, den jungen Helden seine ersten Taten mit der Handkamera filmen zu lassen und uns die Ereignisse rund um die Avengers aus der Perspektive eines Fanboys zu zeigen ist schlicht brillant. Auch seine Versuche, Teil des Teams zu werden, gefallen. Eine beschwingt-harmlose Atmosphäre umweht die erste halbe Stunde.

Abstriche

Mit zunehmender Laufzeit blättert dieser Eindruck jedoch. Nicht, weil der Film falsch abbiegen würde, sondern vielmehr, weil er gar nicht abbiegt. Mit einer Laufzeit von üppigen 134 Minuten prescht der Streifen ohne anzuhalten oder Schlenker durch den Plot und gerät dabei zunehmend statisch. Parkers Teenager-Probleme ziehen sich redundant von einer Anekdote zur nächsten, die Oneliner seines Kumpels Ned sind ein ständiger Begleiter (und wiederholen sich stark) und die Rahmengeschichte wird so überraschungsfrei und stringent erzählt, dass man irgendwann fast mitsprechen kann.

Leere

Der Abspann hinterließ mich daher auch mit einem schalen Gefühl. Spider-Man: Homecoming ist vielleicht der perfekte Marvel-Film - leider jedoch aus der Schema-F-Schublade und somit im Guten wie im Schlechten. Der Film sieht sich als flauschige Highschool-Komödie, ist dabei humorvoll, actionreich, verbreitet gute Laune und kommt im kunterbunten Gewand daher. Daran ist prinzipiell nichts auszusetzen. Dabei verzichtet er jedoch auf minimalste Ecken und Kanten und führt uns die Transformation eines supernetten, lieben Kerls von Nebenan in den superlieben, netten Spidey von Nebenan vor.

Die Fallhöhe ist nicht existent, der Film verzichtet komplett auf Tragödien, Dramen oder überzeugende Gefahren. Alles scheint von A bis Z durchkalkuliert und im Millimeterbereich auf die Bedürfnisse des Publikums bemessen zu sein. Nichts trübt den Spaß, weil überhaupt nichts außer Spaß zum Trüben vorhanden ist. Selbst der Konflikt mit dem durchaus starken Vulture kann sich nie entfalten, da es in der Ausarbeitung an Substanz mangelt. Hatte man hier vielleicht Bedenken, den guten Ansatz weiterzuführen und ein junges Publikum mit der Thematik zu überfordern?

Zum Gesamtpaket gesellt sich obendrauf noch absolute Political-Correctness, die sich auch im Casting manifestiert, was den Film ein wenig angestrengt zeitgemäß und zeitgeisttauglich wirken lässt. Auch verzichtete man neben der Backstory und einigen relevanten Figuren (Onkel Ben, Eltern, Spinnenbiss, Mary Jane) auf die korrekte Charakterisierung der Tante May. Anstatt sie als herzkranke, betagte Frau zu zeigen, besetzte man eine Schauspielerin, die verlässlich weitere Coolness in den Film bringt und dramaturgisch blass bleibt. "Glattbügeln" scheint also in allen Produktionsbereichen das Motto gewesen zu sein.

Das gilt auch für die Action, die im Vergleich zu den Vorgängerfilmen der letzten Jahrzehnte verliert und keine denkwürdigen Sequenzen liefert. Alles wirkt auch hier eine Spur zu bekannt, zu angestaubt und zu sehr auf Nummer sicher getrimmt.

Die Macher haben mit dem Film bewiesen, dass sie ihre eigene Erfolgsformel inzwischen vollumfänglich verstanden haben und beliebig umsetzen können, wenn sie auf Risiken verzichten und einfach den Autopiloten ans Steuer lassen. Das von sechs (!) Drehbuchautoren erstellte Skript reicht ohne Frage für unterhaltsame zwei Stunden, kann aber eben auch (wie in diesem und meinem ganz persönlichen Fall) zu ersten Abnutzungserscheinungen führen. Somit ist die Kritik auch eher etwas grundsätzlicher und bezogen auf das MCU zu sehen. Für sich genommen ist Spider-Man: Homecoming bestimmt ein starker Popcorn-Eventfilm. Nicht mehr, nicht weniger.

Die andere Seite

Daher muss man bei all dieser Kritik natürlich auch diverse Sachverhalte klarstellen: Das Leinwandabenteuer war extrem erfolgreich (fast 900 Millionen US-Dollar Einspielergebnis weltweit), lieferte die Basis für einen noch erfolgreicheren zweiten Teil und gilt bei vielen Fans als großartiges Abenteuer und Feuerwerk der guten Laune. Die Macher überführten das angestaubte Sixties-Feeling rund um den sympathischen Rächer aus der Nachbarschaft in die neue Ära einer, nicht zuletzt durch Marvel selbst sozialisierten, jungen Zuschauerschaft.

Dabei gelingt es ihnen sogar, den Pulp-Charakter früherer Spidey-Zeiten heraufzubeschwören und somit dem Originalentwurf der Figur gerecht zu werden. Dass die Origin-Geschichte nicht noch einmal erzählt wird, ist nach einer ganzen Latte an Verfilmungen vielleicht verständlich. Zudem überzeugt Tom Holland in der Hauptrolle und steht seinen Vorgängern in nichts nach. Neben ihm gefallen auch Michael Keaton als Vulture und Jon Favreau als Happy Hogan. Robert Downey Jr. alias Tony Stark und Tyne Daly (Cagney & Lacey) als Anne Marie Hoag veredeln den Film zusätzlich. Die Regie von Jon Watts ist schnörkellos, die Effekte gewohnt gut und die Musik von Michael Giacchino überzeugend.

Letztlich jammert hier also jemand auf hohem Niveau. Aber ist es nicht auch irgendwie ein gutes Zeichen, wenn man das bei einer Reihe wie dieser kann? Viele andere Genrefilme wären froh, eine derart hohe Qualität zu erreichen und würden das Label "enttäuschend" vermutlich nur zu gerne in Kauf nehmen. Von daher möge Spidey mir mein Genörgel verzeihen.

Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Headwriter und Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch Es lebe Star Trek ist auch der Auftakt seiner Jugendbuchreihe Ein Fall für die Patchwork Kids erschienen. Dazu läuft mit Beyond Berlin seine erste eigene Science-Fiction-Reihe, die es als Print, Ebook und Hörbuch, gelesen von Synchronsprecher und TV-Mann Benjamin Stöwe, zu kaufen gibt. Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Zudem liest er Hörbücher (Der Earl von Gaudibert, Q sind herzlich ausgeladen) und ist als Moderator auf verschiedenen Events im Einsatz.


Tags: Marvel Cinematic Universe   Spider-Man: Homecoming   Marvel   MCU   Avengers