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Marvel: Serienhelden von gestern und morgen - Teil 1

Was ist nur in der Marvel-Serienwelt los? Im Gegensatz zur Kinosparte wechselten sich auf dem kleinen Schirm bisher kleine Erfolge mit größeren Fehlschlägen ab. Seit einiger Zeit bremst nun Corona alle Bemühungen. Wie geht es mit den Projekten weiter? Ein zweiteiliger Rückblick und Ausblick auf die TV-Abteilung des Erfolgsstudios.

Marvel Release Schedule On Netflix 2019

von Stefan Turiak

Im Gegensatz zu den Kinofilmen hatten die Marvel-Serien immer Schwierigkeiten, einen ähnlich erfolgreichen Anklang bei der Fangemeinschaft zu finden. Der TV-Zweig des Studios schickte verschiedenste Helden ins Rennen, probierte tonal mal spaßigere und mal düster-brutale Superhelden aus der zweiten und dritten Reihe des Marvel-Universums aus, die bei zahlreichen TV-Sendern und Streaming-Plattformen eine Heimat fanden, um diverse Gegenspieler zu vermöbeln.  

Viele Serienstaffeln und mindestens eine gescheiterte Geschäftsbeziehung später könnte der Start von Disney+ alles ändern. Denn auch wenn ein Virus, das momentan global Schlagzeilen macht, vielerlei Ambitionen im TV- und Kino-Bereich ausbremst, hat der neue Streaming-Service des erfolgreichen Mickey-Maus-Studios die besten Karten auf der Hand.   

Agents of S.H.I.E.L.D. und Agent Carter  – Vergessene Agenten kämpfen im Hintergrund

Fangen wir jedoch am Anfang an. Die Kino- und TV-Welt war 2013 noch eine andere. Der erste Avengers-Film von Drehbuchautor und Regisseur Joss Whedon lief als großer weltweiter Blockbuster ein Jahr zuvor in den Kinos. Marvel setzte nach der Disney-Übernahme zu einem erfolgreichsten Höhenflug der jüngeren Hollywood-Filmgeschichte an. Das Studio schien selbst eine Art Superkraft zu besitzen, nämlich jede Heldenfigur bzw. jedes Heldenteam in Gold verwandeln zu können. Es war also kein Wunder, dass man meinte, auch die TV-Landschaft problemlos erobern zu können. 

Die supergeheime Strategische Heimat-Interventions-, Einsatz- und Logistik-Division (kurz: S.H.I.E.L.D.) ergab als erster Schritt ins Serien-Universum durchaus Sinn. Handelte es sich doch in den frühen Filmen immer um eine Organisation, die im Hintergrund agierte und mühelos von einem Film zum nächsten springen konnte. Der nicht aus der Ruhe zu bringende Agent Phil Coulson (Clark Gregg) diente als Personifizierung des Geheimdienstes und als roter Faden, der das damals noch in den Kinderschuhen steckende Marvel Cinematic Universe zusammenhielt.

Die Tatsache, dass die Kultfigur Coulson im ersten Avengers-Film ums Leben kam, stellt in einem Comic-Universum nur ein minimales Problem dar. Von den Toten auferstanden versammelte er auf dem TV-Sender ABC ein relativ charmantes Team um sich und sammelte die Scherben auf, für die Iron Man, Captain America, Hulk und Thor keine Zeit hatten.

Die Serie sorgte mit seiner Mischung aus Monster-of-the-Week, übergeordneten Story-Arcs und schlagfertiger Action zwischenzeitlich für erzählerische Abwechslung. Dennoch hatte das Kinouniversum immer mehr Einfluss auf die Serie als umgekehrt. Nur verhalten ließen sich große Gaststars gewinnen. Samuel L. Jackson hatte als Nick Fury den einen oder anderen Auftritt. Cobie Smulders alias Maria Hill ließ sich hin und wieder blicken.   

Hinzu kam, dass die Kinofilme die Agenten nach den dramatischen Ereignissen von The Return of the First Avenger und ersten Zusammenbruch von S.H.I.E.L.D. schnell vergaß. Damit ging auch die Dringlichkeit für Fans des Kino-Universums verloren, überhaupt einzuschalten. Schließlich stellte Agents of S.H.I.E.L.D. keinen wichtigen Baustein dar, um die Ereignisse rund um die Marvel-Filme nachvollziehen zu können. Trotzdem konnte sich die Serie eine relativ beachtliche Nische schaffen und überlebte sieben Staffeln lang. Damit hielten die Agenten länger durch als diverse andere Serien. 

Die resolute Agent Carter (Hayley Atwell) durfte zwar S.H.I.E.L.D. mitgründen, hatte aber ansonsten weitaus weniger Glück. Dabei wartete sie mit jeder Menge Action, Sinn für Spionage-Abenteuer und einer gutaufgelegten Besetzung auf. Das knallbunte nostalgische 40er-Jahre-Setting, Gastauftritte von Dominic Cooper als Howard Stark (Vater von "Iron Man" Tony Stark) stießen leider nur auf wenig Gegenliebe. Atwell kam im Marvel-Universum nach zwei Staffeln auf die Ersatzbank und durfte letztendlich nur noch ein paar Cameos in wenigen Kinofilmen absolvieren. 

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Die Netflix-Ära – Brutal und düster sollte es für den erwachsenen Marvel-Fan sein

Netflix hieß die nächste Anlaufstelle der kreativen Marvel-Köpfe. Das Streaming-Portal besaß bis dato noch eine recht überschaubare Bibliothek mit Eigenproduktionen. Die Arbeit mit Marvel konnte da nur wie ein Selbstläufer erscheinen. Im Gegenzug erschien die Plattform wie ein idealer Partner, um alle möglichen erzählerische Freiheiten zu bieten. Damit konnte man eine andere Tonart anschlagen, die sowohl beim Sender ABC als auch in den Kinofilmen nicht möglich war. 

Diese Tonart sollte düster und brutal ausfallen und sich mit dem ersten Netflix-Marvelhelden namens Daredevil leicht umsetzen lassen. Der blinde Anwalt, der sich durch das New Yorker Viertel Hell’s Kitchen prügelte, ermöglichte Marvel gleichzeitig die Chance, frühere unrühmliche Verfilmungen mit Ben Affleck in der Hauptrolle, vergessen zu machen. Daredevil alias Matt Murdoch (dieses Mal gespielt von Charlie Cox) durfte sich in einem dreckigen, spektakulär durchchoreographierten Straßenkampf üben. Und Fans, die auf erwachsenere Marvel-Adaptionen hofften, konnten weitestgehend zufrieden gestellt werden.    

Die Nachfolge-Heldinnen und -Helden Jessica Jones, Luke Cage, The Punisher kamen ähnlich düster daher. Bei Jones handelte es sich um eine depressive und alkoholkranke Privatdetektivin, die direkt aus alten Noir-Filmen und -Büchern zu stammen schien. Sie war zwar mit übermenschlichen Kräften ausgestattet, musste aber auch mit einem Missbrauchstrauma kämpfen.

Luke Cage hieß der kugelsichere afroamerikanische Tagelöhner, der im New Yorker Viertel Harlem aufräumte, dabei den Blaxploitation-Filmen der 70er-Jahre Tribut zollen und aktuelles Tagesgeschehen kommentieren wollte. Punisher nannte sich ein Kriegsveteran, der sich schon während eines Gastauftritts in der zweiten Staffel von Daredevil auf einen blutigen Rachefeldzug für seine ermordete Familie begab. Eine Serie, die sich nebenbei sogar Traumata von Kriegsveteranen widmen wollte, und sich dabei vielleicht etwas zu viel zumutete.

Etwas weniger ernstzunehmend kam Iron Fist mit seiner Fantasy-Kung-Fu-Action daher, scheiterte aber wohl an einer allzu bekannten Auserwählten-Erzählung, die nicht viel Neues bot. Zu einem Zusammentreffen dieser Helden (Punisher ausgenommen) kam es in der eher mit Gleichmut aufgenommen Netflix-Serie Marvel’s The Defenders.

Ein weiterer vielversprechender Anfang bei den meisten dieser Serien sollte sich im Laufe der Zeit jedoch ebenfalls verwässern. Insbesondere die Story-Arcs, die oftmals auf 13 Episoden gestreckt wurden, boten nicht immer genügend Fleisch, um das Publikum bei der Stange zu halten. Spätere Staffeln wirkten eher ermüdend als aufregend. In einem letzten Atemzug holte die dritte Staffel Daredevil noch einmal alles heraus, was der blinde Anwalt austeilen konnte. Aber das sollte die Netflix-Ära schließlich nicht vor dem Ende bewahren.

Fortsetzung folgt am morgigen Freitag, dem 21. August hier auf SYFY.de. Dann im Fokus: Marvel's Runaways, Marvel’s Cloak and Dagger sowie die Zukunft der Marvel-Serien auf Disney+ mit Falcon and the Winter Soldier, WandaVision, Loki und Hawkeye.

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