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Marvel-Villains: Besser als ihr Ruf?

Bei Marvel handelt es sich um eine Erfolgsgeschichte, die man nicht besser hätte nen können. Trotzdem gibt es einen Aspekt des Marvel-Cinematic-Universe, dem ein äußerst schlechter und hartnäckiger Ruf anhaftet: Die Bösewichte. Doch ist das tatsächlich gerechtfertigt? Thanos war zuletzt schließlich ein potentes Gegenbeispiel! Haben manche von seinen Kollegen also doch mehr zu bieten, als nur mal kurz die Welt zu erobern oder wahlweise zu zerstören?

Präsentiert von: Björn Sülter


Kapitalismus, der sich selbst bekämpft

Fangen wir von vorne an, nämlich bei Iron Man: Tony Starks Freunde in der Superheldenwelt sind auch seine Feinde in der Geschäftswelt: Obadiah Stane, gespielt vom legendären Jeff Bridges, war Geschäftspartner des verstorbenen Howard Stark und Quasi-Mentor des genialen Stark-Sprössling Tony Stark, zumindest solange, bis dieser nicht mehr mitspielen wollte.

Obadiah betrieb hinter Tonys Rücken noch viel dunklerer Geschäfte, als dieser sich hätte vorstellen können. Hab- und Machtgier mögen zwar nicht für viel Figurentiefe sorgen, dennoch handelte es sich um ein Verhalten, das uns tagtäglich bei den Mächtigen und Konzernchefs dieser Welt begegnet, wenn auch weniger dramatisch und ohne Superhelden-Rüstungen. Machtstreben und die Motivation, immer mehr Geld zu scheffeln, ist ohne Frage ein durchaus nachvollziehbarer - wenn auch wenig romantischer - Antrieb in der heutigen Welt.

Iron Man

Etwas kuscheliger und humorvoller kam Tony Starks Konkurrent Justin Hammer daher, verkörpert vom kongenialen Sam Rockwell. Als junger aufsteigender Waffenerfinder und -händler war dieser zwar mit Unternehmergeist und Ehrgeiz ausgestattet, allerdings fehlte ihm der legendäre Stark-Intellekt, sodass seine Entwicklungen häufig einfach nicht funktionierten. Dafür war er bereit, einige Abkürzungen zu nehmen und sich außerhalb der gesetzlich gesetzten Grenzen zu bewegen, auch wenn das bedeutete, Psychopathen wie Ivan Vanko für seine dunklen Machenschaften zu engagieren.

Die Tatsache, dass Iron Mans Gegner stets aus der Geschäftswelt selbst zu stammen scheinen, macht sie zwar nicht unbedingt selbst interessant, führt aber immerhin zu einem interessanten, wenn auch merkwürdigen Statement über die hyperkapitalistische Welt im Marvel-Cinematic-Universe – und dabei auch zu einer nachvollziehbaren Metapher: Geschäftsleute befinden sich stets im Krieg mit sich selbst und versuchen sich gegenseitig zu übertrumpfen oder auszulöschen. Kaum einer geht gewiefter dabei vor als Aldrich Killian (Guy Pearce), der in Iron Man 3 mit dem Mandarin ein komplettes amerikanisches Feindbild aus dem Nichts erfindet, um seinen eigenen düsteren Machenschaften und Geschäften ungestört nachgehen zu können. Gar nicht mal so dumm, diese Iron-Man-Bösewichter.

Zwistigkeiten in der Thor-Familie

Auch Thor fing eigentlich stark und besser als sein Ruf an. Verantwortlich dafür war allerdings nicht unbedingt der Donnergott selbst, sondern vielmehr sein Bruder Loki, gespielt vom damals noch recht unbekannten Tom Hiddleston. Der britische Schauspieler verlieh dem geschassten Adoptivbruder und Trickser, der immer hinter dem berühmten und hünenhaften Gottessohn Thor zurückstecken musste, ein sowohl tragisches als auch humorvolles Gesicht. Letztendlich konnte sich Loki trotz all seiner Missetaten nie der Liebe zu seinem Bruder erwehren und oftmals gingen er und Thor die ein oder andere widerwillige, aber immer unterhaltsame Partnerschaft ein.

Bei Loki weiß man nie, wo man gerade steht, was er plant oder wie loyal er wirklich ist - Ein Wesenszug, der ihn zu einem der spannendsten Gegenspieler macht. Da verzeiht man Thor auch seine anderen, weitaus weniger interessanten Bösewichter wie den Dunkelelfen Malekith (Christopher Eccleston) und Thors Schwester Hela, die trotz einer gut aufgelegten Cate Blanchett etwas eintönig daherkam.  

Captain America und die Feinde in der eigenen Mitte

Captain America hatte immerzu mit starken Gegnern zu kämpfen: War Red Skull (Hugo Weaving) noch durchaus bewusst eher das Klischee eines Abzieh-Nazis, kam der Feind in The Return of the First Avenger bereits aus der eigenen Mitte und war tief im amerikanischen Geheimdienst- und Regierungsapparat verwurzelt. Robert Redford als S.H.I.E.L.D.-Direktor Alexander Pierce stellte eine interessante Wahl als Hydra-Doppelagent dar, klärte Redford in Thrillern den 1970er Jahre wie Die drei Tage des Condors oder Die Unbestechlichen doch selbst zahlreiche Verschwörungen auf.  

Der zum Zeitpunkt der Verfilmung immerhin 78jährige Redford verlieh dem Gesicht des Bösen ein vertrauensvolles und sogar charmantes Antlitz, während seine rechte Hand, der sogenannte Winter Soldier (Sebastian Stan), furchteinflößend, schweigsam und nahezu unbesiegbar vorging.

In Civil War konnte man sich mit Fug und Recht fragen: Wer ist hier eigentlich genau der Gegenspieler? Sicherlich, der vom unauffälligen Daniel Brühl dargestellte und nach Rache sinnende Soldat Zemo zog im Hintergrund fast unbemerkt die Fäden. Viel musste er allerdings nicht dazu beitragen, um die sowieso schon gespannte Beziehung zwischen Steve Rogers/Captain America und Tony Stark/Iron Man zur Explosion zu bringen.

Die schlimmsten Feinde der Avengers in Civil War waren nämlich ohnehin die Avengers selbst: Der gesamte Ballast und all die schlimmen Konsequenzen, die ihre guten Taten mit sich brachten, wurden niemals aus dem Weg geräumt und kamen im Krieg zwischen den makelbehafteten Helden zum Vorschein.   

Tragische Gegenspieler aus den ärmsten Schichten des Marvel-Universums

Auf einer ganz anderen, aber nicht minder gefährlichen Ebene, agierte Adrian Toomes alias Vulture, der vom diabolisch aufspielenden Michael Keaton in Spider-Man: Homecoming dargestellt wurde: Weder ein gerissener oder hinterhältiger Gott noch ein reicher Industriemagnat – Toomes war schlicht ein Arbeiter aus der Mittelklasse, dem der Auftrag entzogen wurde, New York nach dem Angriff der außerirdischen Chitauri aufzuräumen. Ein Auftrag, den er dringend brauchte und in den er selbst bereits viel Geld gesteckt hatte. Da würde wahrscheinlich jeder vernünftige Mensch ausflippen!

Toomes war jedoch nicht nur Gegner des bekannten Krabbeltiers, sondern dank des diabolischen Jedermann-Auftretens des Sympathieträgers Michael Keaton auch noch eine Identifikationsfigur, die sich zwischen Göttern und Großkonzernen zurechtfinden musste.

Einer der thematisch relevanteren Gegner stellte auch Black Panthers Cousin Erik Killmonger (Michael B. Jordan) dar: In den ärmsten Vierteln der USA auf- und durch seine Zeit bei der US-Army zum Krieger gewachsen, hatte er zwar ursprünglich einmal ehrenvolle Ziele, die Methoden, mit denen er diese erreichen wollte, waren hingegen schnell bestenfalls fragwürdig. Dass ihm der moralische Kompass abhandengekommen war, verwunderte aber wenig: Sein Vater wurde vom damaligen Black Panther und König von Wakanda getötet und Killmonger selbst von seinem Volk vergessen und ausgestoßen.

Somit handelt es sich hier um einen Bösewicht, der nicht aus einem Vakuum entstanden ist, was ihn zu einer interessanten, vielschichtigen und tragischen Figur macht.  

Fazit

Mavel-Bösewichter sind eindeutig besser als ihr Ruf. Allerdings finden sich auch einige Nieten darunter: Ronan, der Ankläger in Guardians of the Galaxy, Ultron in Avengers – Age of Ultron, Darren Cross/Yellowjacket in Ant-Man oder Kaecilius in Doctor Strange. Diese wurden zwar alle von talentierten Darstellern verkörpert, blieben aber in etwa genauso erinnerungswürdig wie ihre Namen.

Dennoch gibt es auch auf der dunklen Seite des Marvel-Universums immer wieder interessante Facetten zu entdecken. Thanos ist in diesem Zusammenhang nur die Speerspitze.

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Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, Robots & Dragons und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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