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Marvel's Daredevil: Dystopie in eleganter Optik

In knapp einer Woche startet Marvel’s Daredevil endlich bei SYFY und feiert somit seine deutsche TV-Premiere. Unser Björn Sülter hat die Serie zur Einstimmung einmal genauer unter die Lupe genommen.

Präsentiert von: Björn Sülter


Die Geschichte des Matt Murdock wurde, basierend auf der Comicreihe aus den 1960er-Jahren, ursprünglich innerhalb eines Deals mit Netflix umgesetzt und lief dort für drei Staffeln mit je 13 Episoden. Doch wie kam es überhaupt dazu?

Nachdem die Rechte an Daredevil 2012 von 20th Century Fox zurück an Marvel gefallen waren, hatte MCU-Mastermind Kevin Feige direkt eine Umsetzung des Stoffes auf die Agenda gesetzt. Da man jedoch weder die Vorlage grundlegend verändern und beispielsweise Raumschiffe in Hell’s Kitchen krachen sehen wollte, noch einen Low-Budget-Kinofilm als Option ansah, verlegte man die Serie in den TV-Bereich. Dort schien die kammerspielartige Geschichte eines Helden, der nur seinen kleinen Lebensbereich und nicht die ganze Welt beschützen will, ideal aufgehoben zu sein.

Mit Netflix als strategischem Partner ging die Serie 2015 dann schließlich an den Start.

Die Darsteller: Masse und Klasse

Zunächst hatte man sich auf einen Hauptdarsteller festlegen müssen, der die komplexe Rolle in allen Facetten würde bewältigen können. Der aktuelle Chief Creative Officer von Marvel Entertainment und neben Stan Lee langjährigste Editor-in-Chief von Marvel Comics, Joe Quesada, hatte für eine etwaige Verfilmung immer nur einen Schauspieler im Kopf gehabt: Charlie Cox. Dieser war über die Jahre in vielen bejubelten Nebenrollen aufgefallen (Der Kaufmann von Venedig, Casanova), hatte die Hauptrolle in Der Sternwanderer gespielt und war bei der Serie Boardwalk Empire dabei gewesen.

Daredevil

Er war sicher nicht die offensichtliche Wahl, doch Quesada sollte mit seinem Gefühl Recht behalten, obwohl man das Risiko einging, die Rolle erstmals in der Geschichte von Daredevil nicht mit einem US-Amerikaner zu besetzen, sondern mit einem Briten. Cox fand sich schnell in die ungewöhnliche Figur ein und begann sogar damit, seine Actionsequenzen zunehmend selbst zu verkörpern.

Für die weitere Hauptbesetzung fand man wunderbare Kolleginnen und Kollegen wie Deborah Ann Woll (True Blood) als Karen Page, Rosario Dawson (Sin City, Percy Jackson) als Claire Temple, Jon Bernthal (Sicario, The Walking Dead) als Punisher oder Vincent D’Onofrio (Full Metal Jacket, Ed Wood, Criminal Intent) als Kingpin.

Daredevil

Dazu gesellten sich noch spannende Gastdarstellerinnen und -darsteller wie Scott Glenn (Jagd auf Roter Oktober, Das Schweigen der Lämmer) als Stick oder Carrie-Anne Moss (Matrix) als Jeri Hogarth.

Der Cast wurde schnell zu einem Trumpf der Serie.

Das Drumherum: Elegant, düster, atmosphärisch

Die Serie spielt in Hell’s Kitchen, einem Viertel im New Yorker Stadtbezirk Manhattan, das heute eher als Clinton oder Midtown West bezeichnet wird. Um das Lebensgefühl einzufangen, drehte man die Serie zwar stilecht in New York, genauer gesagt aber in Brooklyn und Long Island City, da es dort auch heute noch wie im alten Hell’s Kitchen aussieht.

Der Look lehnt sich an die 1970er-Jahre an und soll sowohl die Schönheit als auch den Verfall des Bezirks hervorbringen. Showrunner Steven S. DeKnight sprach in diesem Zusammenhang gerne vom vermeintlichen Widerspruch eines „wunderschön düster-dreckigen Ortes“.

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Und so sehr er damit richtig lag, war der Serie gerade in der zentralen Position des Showrunners leider keine Kohärenz beschieden. Steven S. DeKnight (Buffy, Angel, Spartacus) hielt die Fäden während der ersten Staffel zwar fest in der Hand und drückte dem Format unverkennbar seinen Stempel auf, danach musste er seinen Posten aufgrund von Terminschwierigkeiten jedoch an das Duo aus Doug Petrie (Buffy, Angel, American Horror Story: Coven) und Marco Ramirez abgeben. Ihnen gelang es zwar nicht vollständig, das Erbe DeKnights weiterzuführen, sie hielten das Format aber dennoch auf einem hohen Level.

Mit dem Abgang der beiden als Showrunner zur Miniserie Marvel’s The Defenders musste jedoch bald wieder ein neuer Kopf her: Ab der dritten Staffel war somit Eric Olesen (Unforgettable, Arrow) verantwortlich und lieferte ein starkes Jahr voller wunderbarer Momente ab. Leider wurde die Serie danach von Netflix abgesetzt. Marvel hat jedoch, ebenso wie der letzte Showrunner Olesen und Hauptdarsteller Charie Cox, eine Fortsetzung der Abenteuer des Matt Murdock nicht ausgeschlossen. Drücken wir die Daumen!

In Sachen visueller Umsetzung setzte man auf eine möglichst werkgetreue Interpretation des Stoffes. Nicht nur bei den Kostümen, auch bei den Kameraeinstellungen hielt man sich teilweise erstaunlich genau an die Comic-Vorlagen. Die Ausleuchtung der Szenen, die Bildsprache oder die Einführung von Kingpin sind ebenfalls als direkte Referenzen an die Arbeiten von Frank Miller und Co zu sehen.

Die stimmungsvolle Musik und auch die Titelmelodie der Serie stammen von Joe Paesano, der zuvor durch seine Arbeit an DreamWorks Dragons und die drei Maze-Runner-Filme auf sich aufmerksam gemacht hatte. Mit dem Wirken an Marvel’s Daredevil dürfte er sich die Tür für weitere Jobs weit aufgestoßen haben. Er steht angesagten Kollegen wie Jeff Russo (Star Trek: Discovery, The Umbrella Academy), Bear McCreary (The Walking Dead, Black Sails) oder Ramin Djawadi (Westworld, Game of Thrones) in nichts nach und bringt sogar noch einen eigenen Stil ein, der hohen Wiederkennungswert besitzt.

Der Vorspann lebt aber auch in großem Maße von der visuellen Umsetzung durch die Firma Elastic, die zuvor mit ihrer Arbeit an True Detective für Aufsehen gesorgt hatte.

Marvel’s Daredevil beweist, wie gut die Erweiterung des MCU im TV-Bereich funktionieren kann und darf gerne als Vorbild für weitere Verfilmungen dienen, deren Zukunft nicht auf der Kinoleinwand gesehen wird. Für Freunde von Comic-Verfilmungen wie The Crow (von Alex Proyas) dürfte die Serie genau das richtige sein!

SYFY zeigt die erste und zweite Staffel von Marvel's Daredevil ab 31. Juli 2019 als deutsche TV-Premiere. Die dritte Staffel folgt im Jahr 2020.

Über den Autor:

Björn Sülter lebt mit Frau, Tochter, Pferden, Hunden & Katze auf einem Bauernhof irgendwo im Nirgendwo Schleswig-Holsteins.

Der Autor, Journalist & Podcaster ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider. Neben seinem Sachbuch Es lebe Star Trek ist auch der Auftakt seiner Jugendbuchreihe Ein Fall für die Patchwork Kids erschienen. Dazu startete mit Beyond Berlin seine erste eigene Science-Fiction-Reihe, die es als Print, Ebook und Hörbuch, gelesen von Synchronsprecher und TV-Mann Benjamin Stöwe zu kaufen gibt. Sein Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Zudem liest er Hörbücher und ist als Moderator auf verschiedenen Events im Einsatz.


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