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Mit dem Argusauge des Ra: Stargate und die Wissenschaft

Wer hat sich als junger, enthusiastischer Science-Fiction-Fan nicht schon einmal gefragt, ob die großen Pyramiden von Gizeh nicht doch ein Werk von Außerirdischen sein könnten? Oder ob einige Hieroglyphen nicht in Wirklichkeit hypermoderne Fluggeräte oder Glühbirnen symbolisieren? Roland Emerich ist auf jeden Fall ein großer Fan solcher Ideen. Doch wie viel Fakt und wieviel Fiktion steckt in seinem vielleicht berühmtesten Werk, Stargate? Wir haben nachgeschaut.

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von Reinhard Prahl

Egal ob überdimensionierte UFOs unseren Planeten am Independence Day heimsuchen, die Erde am Day After Tomorrow von jetzt auf gleich quasi schockgefriert oder unsere Vorfahren 10.000 B.C. als Sklaven für die mächtigen Atlanter riesige Steinquader schleppen müssen. Es ist die Sucht nach großen Bildern, die den deutschen Regisseur Roland Emmerich antreibt. Diese Tatsache bescherte dem „Weltenzerstörer“, wie er gerne in der hiesigen Presse genannt wird, oft genug volle Kinosäle, aber bisweilen auch mal ein wenig Spott und Häme. Denn mit der Wissenschaft nimmt es der gebürtige Obertürkheimer bekanntermaßen nicht so genau. Wozu auch? Solange die Schauwerte des nächsten Blockbusters nur genug Zuschauer vor die Leinwand locken und das Endergebnis gut unterhält, lassen sich Physik, Archäologie und Ägyptologie ohne Weiteres vernachlässigen.

Dass der erklärte Ägypten- und Erich-von-Däniken-Fan auch anders kann, zeigte er allerdings gerade in dem Streifen, der ihm dank mehrerer Serienfortsetzungen zu unsterblichem Ruhm unter SciFi-Fans verhalf. Ausgerechnet der Film Stargate, in dem sich Emmerich ausführlich mit den Theorien des aus der Schweiz stammenden Präastronauten-Gurus befasst, birgt nämlich einige interessante wissenschaftliche Fakten in sich. Und die sind mindestens ebenso spannend, wie der Kampf Colonel O’Neills und seiner Mitstreiter gegen den bösen Goa’uld Ra, wie sich gleich zeigen wird.

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Paul Langford und das Jahr 1928

Natürlich hat es in der kleinen, eingeschworenen Ägyptologen-Zunft niemals einen Vertreter namens Paul Langford gegeben, der auf dem Gizeh-Plateau ein goldenes Amulett mit dem berühmten Auge des Ra, oder gar ein Stargate ausgrub. Dennoch ist das von Roland Emmerich auserkorene Jahr 1928, in dem er den fiktiven Professor das Sternentor entdecken lässt, gut gewählt. Denn tatsächlich gehören die 20er Jahre des 20. Jahrhundert zu den großen Jahrzehnten der Ägyptologie. 1922 entdeckte der Brite Howard Carter etwa das weltberühmte Grab des Tutanchamun im Tal der Könige. Nun hat der jung gestorbene Pharao weder räumlich, noch zeitlich etwas mit der Erbauung der großen Pyramide von Gizeh zu tun. Tutanchmamun lebte und wirkte gut 1300 Jahre nach Königs Cheops (oder Chufu), dem Herrscher, der in den ersten Minuten des Films eine so große Rolle spielt.

Doch auch mehr als 500 Kilometer vom Tal der Könige entfernt, auf dem Gizeh-Plateau, blieben die Forscher nicht untätig. Bereits 1902 war das westlich von der Cheops-Pyramide gelegene großflächige Gräberfeld mit seinen zahlreichen Beamten- und Adeligengräbern zwischen den USA, Italien und Deutschland aufgeteilt worden. Seitdem grub und wühlte man sich durch den Sand, was das Zeug hielt und förderte einige erstaunliche Entdeckungen zutage. Besonders hervor tat sich dabei der gebürtige Österreicher Hermann Junker, der seine Grabungen an der Ostseite des berühmten Bauwerks nach sieben großangelegten Kampagnen 1929 abschloss. Die Ergebnisse dieser Mammutleistung veröffentlichte Junker schließlich in zwölf Bänden, die noch heute zu den großen Standardwerken der Ägyptologie zählen und für jeden angehenden Pyramidenforscher zur Pflichtlektüre gehören.

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Gizeh – Landeplatz der Götter?

Weiter oben fiel bereits der Name eines der bekanntesten Pharaonen der Welt, über dessen Leben wir aber gleichzeitig so gut wie nichts wissen: Chufu, oder auch Chnumchufu, was übersetzt etwa so viel bedeutet wie: „Er beschützt mich“, oder auch: „(Der Gott) Chnum beschützt mich“. In der breiten Öffentlichkeit ist dieser wichtige König allerdings eher unter seiner griechischen Namensform Cheops bekannt. Ihm wird der Bau der großen Pyramide von Gizeh zu- und von Dr. Daniel Jackson in Stargate auch gleich wieder abgesprochen. Der leidgeprüfte Pharao ist unter Grenz- und Pseudowissenschaftlern schon lange Gegenstand hitziger Debatten, die unter anderem darin münden, der wissenschaftlichen Ägyptologengemeinschaft eine Verschwörung ungeheuerlichen Ausmaßes in die Schubladen ihrer Schreibtische hineinzudichten.

Die Behauptungen, die Cheopspyramide sei wesentlich älter als (circa) 4500 Jahre, kein Grabmal, ein Landeplatz für die Götter aus dem Weltraum oder ein Hort wissenschaftlicher Geheimisse und Fähigkeiten, sind natürlich nichts Neues und teilweise schon recht alt. Heutzutage sind es unter anderem die erstaunlich korrekten Maße der Cheopspyramide, die Verschwörungstheoretiker und Esoteriker auf den Plan rufen. Was hat man dem vielbeachteten Bauwerk im Laufe seiner langen Existenz nicht schon für mathematisch verschlüsselte Botschaften, bis hin zu Hinweisen auf eine versteckte Sternenkarte, unterstellt? Fakt ist hingegen, dass man in so ziemlich alles, was sich abmessen lässt, auch irgendetwas hineininterpretieren kann.

Der Franzose Jean-Pierre Adam trat für diese These bereits vor vielen Jahren den Beweis an, in dem er einen Kiosk in der Nähe seiner Wohnung vermaß. Aus den gefundenen Zahlen und Zahlenverhältnissen errechnete er anschließend ohne große Mühe, aber mit viel Fantasie, unter anderem die Entfernung von der Erde bis zur Sonne oder den griechischen Mondzyklus. Wie man sieht, kann es sich also als durchaus lohnend erweisen, beim nächsten Kiosk-Besuch um die Ecke einen Zollstock dabeizuhaben. Man weiß schließlich nie, wozu so ein Werkzeug alles gut sein kann.

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Nichtsdestotrotz ist an Daniel Jacksons Aussage, dass die große Pyramide von Gizeh keine hieroglyphischen Inschriften, etwa in Form von Beerdigungsriten oder Huldigungen, enthält, etwas dran. Die ersten sogenannten Pyramidentexte finden sich nämlich erst 300 Jahre nach Cheops‘ Tod in der Pyramide von Pharao Unas, dessen Name in der Serie Stargate Kommando SG-1 übrigens für eine primitive Spezies herhalten musste, die ursprünglich vom Planeten P3X-888 stammte. Ob sich die Mumie des armen Königs in ihrem Sarkophag herumdrehen würde, wenn sie von dieser Verballhornung erführe, kann an dieser Stelle natürlich nur gemutmaßt werden.

Die gefälschte Kartusche

Wie einer von Daniels skeptischen Kollegen während des Kongresses über das „Old Kingdom IV. Dynasty“ ganz richtig bemerkt, ist dessen Behauptung, dass es keinerlei Inschriften in der Cheops-Pyramide gäbe, in der Tat nicht ganz korrekt. In den von altägyptischen Baumeistern angelegten fünf Entlastungskammern der großen Pyramide befinden sich in drei der Räume Bauarbeitergraffiti, die unter anderem eine Königskartusche mit dem Namen des Bauherrn zeigen. Ausgerechnet jener archäologische Beweis dafür, dass die Pyramide weder von Atlantern, noch von Außerirdischen gebaut wurde, ist im Film der vielzitierte Stein des Anstoßes, der dazu führt, dass unser wackerer Jung-Ägyptologe plötzlich vor leeren Zuschauerrängen referiert.

Das typische Totschlagargument, der Entdecker der genannten Inschrift, Howard Vyse, hätte sie eigenhändig gefälscht, oder zumindest fälschen lassen, ist bis heute bei näherer Betrachtung aus verschiedenen Gründen nicht vollends widerlegbar. Rein theoretisch ist es schon denkbar, dass der Königsname manipuliert oder gefälscht wurde. Doch selbst wenn, spräche das in keiner Weise dafür, dass Cheops die Pyramide nicht hätte erbauen lassen. Erstens handelt es sich nicht um die einzige Bauarbeiterinschrift in den Kammern. Eine enthält beispielsweise den Namen einer der Baumannschaften, die sich stolz „Die weiße Krone des (Pharao) Chnumchufu ist mächtig“ nannte. Die Art und Weise der Arbeitsorganisation im antiken Ägypten war allerdings 1837, dem Jahr der Öffnung der Kammern, kaum erforscht und warum sollte Vyse nur eine einzelne Kartusche gefälscht haben, wenn es doch in den Entlastungskammern nur so vor Graffitis wimmelt? Andererseits ist es nur schwer vorstellbar, dass der Soldat trotz allen Erfolgsdrucks tagelang mit einem Eimerchen mit roter Farbe und einem Pinsel bewaffnet durch die engen Kammern schlich, um sich Inschriften auszudenken, die er gar nicht hätte anbringen können, da er das altägyptische Schriftsystem schlicht nicht gut genug kannte.

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Die Steine der Weisen

Doch nehmen wir für einen Moment einmal an, die Kartusche sei, wie von Daniel Jackson ausgeführt, gefälscht. Wie oben bereits erwähnt, würde dies nichts an der Zuschreibung des Bauwerks zu Cheops ändern. Wenn die Pyramide ein Goa’uld Mutterschiff wäre und im luftleeren Raum läge, ließe sich die Theorie, das letzte erhaltene Weltwunder der Antike sei ein Werk der Götter, vielleicht gerade noch aufrechterhalten. Allerdings steht die große Pyramide nicht für sich allein. Sie ist ein Schritt in einer langen architektonischen Entwicklungsgeschichte, die sich über 400 Jahre erstreckt und um 2700 v. Chr. ihren ersten Höhepunkt mit der Erbauung der Stufenpyramide eines Königs namens Djoser nahm.

Dem ehrgeizigen Pharao folgte ungefähr dreißig Jahre nach dessen Tod mit Snofru der erste Herrscher der vierten Dynastie und mutmaßlicher Vater von Cheops nach. Snofru war ebenso ruhmsüchtig, wie eifrig um sein Seelenheil bemüht. In seiner bis zu 50 Jahre dauernden Herrschaft ließ er gleich drei Pyramiden erbauen. Die erste war noch als Stufenpyramide konzipiert, die zweite, die Knickpyramide von Dahschur, wurde die erste echte glattwandige Pyramide der Geschichte. Das Bauwerk hat seinen Namen übrigens einer Änderung des Bauwinkels von ursprünglich 60 auf 43° zu verdanken, die dem Gebäude etwa ab der Mitte einen unansehnlichen Knick beschert. Aber mit einer Kantenlänge von 185 Metern und einer Höhe von 105 Metern kommt das riesige Grab schon recht nah an die Ausmaße der großen Pyramide heran.

Noch spannender ist Snofrus letztes Werk, die Rote Pyramide von Dahschur, denen die Architekten von vornherein einen Neigungswinkel von „nur“ 44° verpassten und die mit einer Kantenlänge von 220 Metern und 105 Metern Höhe beeindruckende Ausmaße annimmt.

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Nicht allein

Ganz davon abgesehen verfügen wir heute über zahlreiche Zeugnisse, die Cheops alias Chufu alias Chnumchufu als Bauherrn belegen. Da wäre zunächst einmal seine Familiengeschichte, die sich anhand der um die Pyramide arrangierten Grabanlagen seiner Mutter, Ehefrauen und Kinder relativ gut nachvollziehen lässt. Das Grabmal des Cheops besteht nämlich nicht nur aus einem einzelnen, riesigen Steinklotz, sondern vielmehr einem Komplex mit vier kleineren Nebenpyramiden und zahlreichen Gruften, die man im Fachjargon auch Mastabas nennt. Zudem betätigte sich ein Pharao namens Amenemhet I, der ungefähr 600 Jahre nach Chufu lebte, als Grabschänder, indem er den Totentempel seines berühmten Vorfahren teilweise abtragen ließ. Viele Jahrhunderte später entdeckten Archäologen einige Relieffragmente, die unter anderem Chufus Namen zeigen und unzweifelhaft aus Gizeh stammen.

Last but not least fanden die Ägyptologen Mark Lehner und Zahi Hawass 1990 die Arbeiterstadt „Achet Chufu“ (zu Deutsch: Horizont des Chufu) und anschließend auch einen riesigen Friedhof, auf dem zahlreiche Pyramidenarbeiter beerdigt sind. Inschriften in Gräbern von höheren Beamten, Aufsehern, Vorabeitern und anderen höherrangigen Arbeitern verweisen darauf, für wen die Menschen jener Tage mit Stolz und Würde schufteten. Wenden wir also die bekannte Methode des Okham’schen Rasiermessers an, bleibt kein anderer Schluss, als das Cheops der Erbauer der großen Pyramide war.

Die Schrift in Stargate

Obwohl Emmerich Daniel Jackson einige eher zweifelhafte Aussagen über das Schriftsystem der alten Ägypter in den Mund legt, sehen die gezeigten Inschriften doch erstaunlich glaubwürdig aus. Das mag daran liegen, dass sie tatsächlich lesbar und damit „echt“ sind. Der Regisseur war klug genug, den bekannten Ägyptologen Stuart Tyson Smith an Bord zu holen, der ihm in Sachen Glaubwürdigkeit ein wenig unter die Arme griff. Wenn Daniel seinen Kollegen Gary Myers also im Stargate Center korrigiert und die auf dem Abdeckstein gefundene Inschrift mit: „Millionen Jahre im Himmel ist Ra, der Sonnengott für alle Zeit. Stargate“ übersetzt, ist dies durchaus korrekt. Mit anderen Worten ist der auf der Tafel zu sehende Hieroglyphentext nicht nur lesbar, sondern auch grammatisch richtig geschrieben. Weniger nachvollziehbar ist wiederum Meyers Aussage, man hätte „alle bekannten Techniken“ angewandt, um diesen seltenen altägyptischen Dialekt zu übersetzen. Natürlich hat sich das altägyptische Schriftsystem im Laufe seiner 3000-jährigen Geschichte verändert und weiterentwickelt und ein Ägypter des Alten Reichs hätte höchstwahrscheinlich die Wände eines spät-pharaonischen Tempels verwundert angestarrt und wie der Ochse vor dem berühmten Berg gestanden. Umgekehrt wäre es dem Nachfahren dafür wesentlich leichter gefallen, die alten Schriften seines Vorfahren zu entziffern. Die Hieroglyphenschrift ist heute zu 95 bis 98% entziffert und ein gestandener Ägyptologe könnte wahrscheinlich problemlos einen Roman in Mittelägyptisch verfassen. Ein Text wie der im Film zu sehende kann demnach sehr leicht von jedem nicht vollkommen auf den Kopf gefallenen Studenten gelesen werden. Ein versierter Ägyptologe wie Gary Meyers sollte demnach erst recht dazu in der Lage sein.

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Die Sprache in Stargate

Zum Abschluss dieses kleinen Ausfluges in die Ägyptologie darf ein Blick auf die Sprache der Goa’uld selbstredend nicht fehlen. Daniel unterhält sich in einer wichtigen Szene mit seiner Geliebten Sha`uri, nachdem er vorher große Verständnisprobleme gehabt hatte. Unter anderem hilft ihm dabei Sha’uris Aussprache des altägyptischen Wortes für Gott. In der Ägyptologie transkribiert (also „umschreibt“) man den entsprechenden Begriff mit den drei Buchstaben nṯr. Die Transkription lässt schon auf eine wichtige Tatsache schließen, die Jackson eine Szene später ganz richtig erwähnt. Die altägyptische Schreibschrift, sowohl die Hieroglyphen, als auch ihre vereinfachte Form, kennt keine Vokale. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass man das Wörtchen nṯr und den dazugehörigen Plural nṯrw in vielfältiger Weise aussprechen kann. Denkbar sind beispielsweise neter, natur, natar, nutar, während das Plural-W wie ein „U“, also möglicherweise neteru, naturu und so weiter ausgesprochen worden sein könnte. Es verwundert daher nicht, dass Daniel zunächst einmal lernen muss, welche Vokale an welcher Stelle in der Aussprache zur Geltung kommen. Wenn er ausführt, dass man nur wissen müsse, wo welche Vokale stehen, weil das Altägyptische seit 1000 Jahren (wohl eher 1700 bis 2000 Jahre) keine lebende, gesprochene Sprache mehr wäre, hat der gute Daniel vollkommen recht damit.

Ein Wort zum Schluss

Roland Emmerichs Version der präastronautischen Götterlegende ist nicht nur ein überaus unterhaltsamer SciFi-Action-Blockbuster, sondern auch ein Fest für jeden altgeschichtlich interessierten Zuschauer. Die nachfolgenden Stargate-Serien bauten auf einem dichten Film-Universum auf, dass sich zwar sehr frei, aber letztlich doch nachvollziehbar an der altägyptischen Mythologie und Geschichte bediente. Vielleicht macht gerade das die Faszination aus, die das Franchise auch nach über 35 Jahren seit seiner Entstehung so lebendig erscheinen lässt. Und wenn nicht, bleiben immer noch coole Figuren, toughe Action und eine im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch erzählte Geschichte, die hoffentlich bald eine liebevolle Fortsetzung findet.

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