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Old: Leben und Sterben auf der Überholspur

Wer Mystery und Gänsehautfeeling mag, ohne dabei in Blut zu waten, sollte Old von M. Night Shyamalan unbedingt eine Chance geben.

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von Reinhard Prahl

Inhalt

Eigentlich wollen sich Guy und Prisca scheiden lassen. Um die schwere Entscheidung für ihre Kinder Maddox und Trent etwas leichter zu machen, reist das Noch-Ehepaar auf eine idyllische Insel in ein wundervolles Ressort. Von überbordendem Luxus umgeben suchen die beiden die passende Gelegenheit, mit ihren Kids zu sprechen. Einen Tag nach ihrer Ankunft erhält die Familie zusammen mit ein paar anderen Hotelgästen das Angebot, einen einsamen Strand zu erkunden.

Begeistert sagen alle zu, nicht ahnend, dass sie in ihr Verderben fahren, denn das vermeintliche Schwimmparadies entpuppt sich als tödliche Falle. Ein unaufhaltsames Zeitphänomen lässt die Gruppe rasend schnell altern. Als die ersten Menschen sterben, macht sich Panik breit, doch egal welchen Versuch die immer älter Werdenden auch unternehmen, es gibt kein Entkommen.

Kammerspiel am Strand

M. Night Shyamalan gehört ohne Frage zu den umstrittensten Regisseuren und Drehbuchautoren der Gegenwart. Filme wie The Six Sense und Unbreakable mit Bruce Willis in der Hauptrolle fanden ein begeistertes Publikum. Im Gegensatz dazu wurden Werke wie Signs – Zeichen, The Village, Die Legende von Aang oder After Earth mit Will Smith und dessen Sohn Jaden teils scharf kritisiert.

Mit Old bleibt der stark auf das Phantastik-Genre abzielende gebürtige Inder seinem Stil treu, beschränkt sich dabei aber auf eine kammerspielartige Inszenierung. Ohne große Effekthascherei und mit einem tollen Cast gelingt es ihm, einen minutiös durchgetakteten Film zu inszenieren, in dem keine Sekunde verschwendet oder sinnlos erscheint.

Die Tücken des Alterns

Vor dem Hintergrund eines mysteriösen, abgeschotteten Strandes führt uns der Regisseur drastisch vor Augen, was es heißt, alt zu werden. Erfreulicherweise gelingt dies ohne unnötige Brutalitäten. Die Tatsache, dass an jenem Ort ein seltsames Naturphänomen herrscht, das Menschen innerhalb von wenigen Stunden altern und sterben lässt, reicht vollkommen aus. Um den Zuschauerinnen und Zuschauern einen nachvollziehbaren Eindruck davon zu vermitteln, welche Auswirkungen das Älterwerden auf den menschlichen Organismus hat, bedarf es in heutigen Zeiten allerdings mehr als einer gelungenen Maske.

Und Shyamalan liefert. In die Rollen von Maddox und Trend schlüpfen im Verlauf des 109-minütigen Werks nicht weniger als drei Darsteller, wobei peinlich genau darauf geachtet wurde, dass eine gewisse Ähnlichkeit zwischen jungen und älteren Schauspielern besteht. Auch visuell und akustisch zeigt sich der Filmemacher einfallsreich. Kameraunschärfen simulieren das Verlieren der Sehkraft, Schwankungen im Geräuschpegel und das Abdämpfen des Sounds Schwerhörigkeit und so weiter. Um die Illusion perfekt zu machen, geht der Film auch auf psychische Gebrechen wie Vergesslichkeit und fortschreitenden Wahn bei einer Vorerkrankung ein. Der Chirurg Charles, toll gespielt von Rufus Sewell (The Man in the High Castle, Gods of Egypt) leidet etwa unter einer latenten Schizophrenie, die im Laufe seines Alterungsprozesses wahnhaft groteske Züge annimmt.

Das Wie & Warum

So entsteht ein gewisser Horror, der fast gänzlich ohne Blut und Gewalt auskommt. Im Gegenteil vermeidet es der Regisseur, wenn immer möglich, direkt draufzuhalten, wenn etwas Schreckliches geschieht. Und wenn die Kamera doch einmal den Blick freigibt, so nie sinnlos, sondern nur, um die Gefühlswelt der Protagonisten zu unterstreichen. Letztlich dient die Anomalie weniger als Auslöser für Gruselmomente, sondern vielmehr als Katalysator für den emotionalen Zustand der dort gefangenen Menschen.

Insofern lässt der Streifen die Frage, wie diese Anomalie entstanden ist, unbeantwortet. Wie in vielen Filmen dieser Art, muss man die Prämisse des Szenarios einfach als gegeben schlucken. Derartige Details sind allerdings auch nicht wirklich entscheidend, wohl aber die Frage, warum dies alles passiert. Tatsächlich löst Old das Rätsel am Ende insofern auf, als dass der Film klärt, warum ausgerechnet diese Menschen an jenen Strand gelotst wurden – und das sogar noch recht elegant. Das Ende gerät hingegen ein wenig holprig. Etwas weniger Tempo wäre hier sicherlich ratsam gewesen.

Fazit

Old richtet sich an Fans des Mysteriösen und Unheimlichen, die aber keine unnötigen Gewaltorgien benötigen, um sich von einem Film fesseln zu lassen. Der Streifen spielt seine Stärken in Bildsprache und Score aus, um eine Mystery-Story mit einem Hauch Horror und Science-Fiction zu kombinieren. Die interessante Ausarbeitung des Themas reichte der Filmbewertungsstelle Wiesbaden denn auch zurecht für die Vergabe des Prädikats »Besonders Wertvoll«.

Die Blu-Ray

Am 9. Dezember erscheint der Film auf Blu-Ray und DVD. Die Ausstattung des Silberlings ist dabei vorbildlich. Neben zehn unveröffentlichten Szenen gibt es eine Doku über den Familienbetrieb Shyamalan sowie die interessanten Featurettes Der ganze Strand ist eine Bühne, Albtraum im Paradies und Eine Familie im Moment über die diversen Phasen der Dreharbeiten.

Das Musterexemplar wurde uns freundlicherweise von Universal Pictures Germany zur Verfügung gestellt.

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