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Proxima – Die Astronautin: Nicht nur etwas für Weltraumfans

Wer nicht nur auf beinharte Space-Operas und Action steht, sondern ab und zu auch eine ruhigere Gangart bevorzugt, sollte dem französischen Near-Future-Weltraumfilm Proxima – Die Astronautin eine Chance geben.

Proxima 1

von Reinhard Prahl

Inhalt

Die französische Astronautin Sarah träumt ihr Leben lang davon, Astronautin zu werden. Als sie für das Programm Proxima ausgewählt wird, dem letzten Langzeittest auf der ISS, bevor Menschen zum Mars fliegen, sieht sie ihre Zeit gekommen. Doch der Preis, den sie dafür zahlt, ist hoch, denn sie muss auf der Erde ihre kleine Tochter Stella zurücklassen, die sie über alles liebt.

Hoch gelobt

Die französisch-englisch-russisch-deutsche Koproduktion Proxima – die Astronautin gehörte in ihrem ursprünglichen Erscheinungsjahr 2019 zu den meistbeachteten Autorenfilmen des Jahres. Auf dem renommierten Toronto international Film Festival, und dem Palm Springs International Film Festival sorgte das Werk der französischen Regisseurin und Drehbuchautorin Alice Winocour für Beifallsstürme. Das spiegelte sich auch in den zahlreichen Auszeichnungen und Nominierungen wider. Aufgrund der Covid-Pandemie sollte es jedoch leider bis zum 24. Juni 2021 dauern, bis der Titel endlich auf der großen Leinwand zu sehen war.

Realismus pur

Die Rahmenhandlung dreht sich um die Astronautin Sarah, die in einer nicht näher bezeichneten nahen Zukunft die Erde für ein Jahr verlässt, um auf der ISS die Auswirkungen eines ein Jahr dauernden Raumflugs zum Mars zu erforschen. Um das Szenario möglichst glaubhaft inszenieren zu können, drehte Winocour unter anderem im Europäischen Raumfahrtzentrum Köln und in Baikonur in Kasachstan, von wo aus bekanntlich die Sojus Raketen in den Orbit starten. Einige Szenen entstanden auch in der russischen 6500-Einwohner-Astronautenstadt Swjosdny Gorodok, auch Star City genannt. Um ihr Spiel zu optimieren, trainierte Hauptdarstellerin Eva Green (James Bond: Casino Royale, Die Insel der besonderen Kinder) zudem sechs Monate lang mit dem französischen ISS-Veteranen Thomas Presquet.

Austauschbar

Bei näherer Betrachtung zeigt sich das Szenario allerdings grundsätzlich austauschbar. Vor dem Hintergrund eines Weltraumfilms entspinnt sich das ganz persönliche Drama einer starken Frau, die zum einen versucht, ihren Weg in einer noch immer von Männern beherrschten Domäne zu gehen, zum anderen aber von den Gefühlen für ihre Tochter, die sie zurücklassen muss, zerrissen zu werden droht. Der Kommandant der Mission, Mike (hervorragend gespielt von Matt Dillon), sieht in ihr zunächst nicht viel mehr als eine vermeintlich schwache Frau und rät ihr fast dreist, ein vereinfachtes Astronautentraining zu absolvieren. Angestachelt von dieser Unverschämtheit erweist sich Sarah als zäh und taff und gewinnt schließlich seinen Respekt. Was ihr aber wirklich fast das Herz zerreißt, ist die Tatsache, dass sie ihre Tochter Stella (Zélie Boulant) verlassen muss, die für die Dauer der Mission fortan bei ihrem Ex-Mann Thomas (Lars Eidinger) lebt.

Die Szenen zwischen Mutter und Tochter erweisen sich als eigentliches Kernthema und Herzstück des Films und gewähren einen ungewöhnlich intensiven Einblick in das Gefühlsleben einer Mutter, die ihr Kind über alles liebt, aber dennoch ihren Träumen folgen möchte. Die innige Verbindung der beiden wird durch die seltenen Besuche Stellas in Star City immer mehr getrübt und droht schließlich fast zu zerbrechen. Dieser Umstand verleitet Sarah am Ende des Films dazu, alles zu riskieren, wofür sie so hart gearbeitet hat, nur um ihrer Tochter noch einmal nah sein zu dürfen.

Männerwelten

Während ihre Kameraden Mike und Anton (Aleksey Fateev) ihre Familien zwar ebenfalls vermissen, fällt es ihnen andererseits jedoch sichtlich leichter, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Für sie ist es, im Gegensatz zu Sarah, offensichtlich selbstverständlich, dass sich ihre Ehepartnerinnen um den Nachwuchs kümmern, während sie ihren Träumen hinterherjagen. Dieses leider immer noch viel zu reale Klischee wird von Alice Winocour fein ausgelotet und findet eine Balance in der Figur von Stellas Vater.

Niemand würde Thomas zu Beginn des Films ernsthaft zutrauen, ein Jahr lang allein für sein Kind zu sorgen. Und doch intensiviert sich die Vater-Tochter-Beziehung im Verlauf der Handlung zusehens, so dass Sarah schließlich die Reise in dem Gefühl antreten kann, dass Thomas für ihr Ein und Alles gut sorgt.

Fazit zum Film

Hätte es das Weltraumszenario gebraucht, um einen Film wie diesen zu drehen? Man könnte resümieren, dass eine Nordpolmission, oder eine Expedition in den tiefen Dschungel des Amazonas ebenso als Transportmittel für das Kernthema des Films hätte dienen können. Und doch. Gerade, weil Alice Winocour extremisiert und die Mutter-Tochter-Verbindung nicht nur emotional, sondern auch von allem Irdischen löst, funktioniert Proxima – Die Astronautin so gut.

Hinzu kommt, dass Eva Green und Zélie Boulant hervorragend harmonisieren. Sarahs Zerrissenheit zwischen Karrierewunsch und Muttergefühlen wird anhand von Stellas Stolz, aber auch Wut auf sie noch einmal akzentuiert herausgearbeitet. Tränen auf der einen, Trotz auf der anderen Seite beherrschen das Bild in der Mitte des Films. Am Ende überwiegt aber eine so tiefe Liebe zum eigenen Kind, wie sie – das stellt die Regisseurin noch einmal explizit heraus – ein Mann in dieser Form nun einmal nicht empfinden kann. All das macht Proxima – Die Astronautin zu einem hervorragenden, emotionalen Autorenfilm vor einem glaubwürdigen und nachvollziehbaren Science-Fiction-Hintergrund.

DIE Blu-Ray

Wie bereits erwähnt, kam der Film mit einer fast zweijährigen Verspätung in die Kinos und lief daher mitten im Sommer ein wenig unter dem Radar. Ab dem 25. November ist der Titel nun endlich auch auf DVD und Blu-Ray erhältlich und wird von Koch Films (Koch Media GmbH) vertrieben. Leider enthält die Silberscheibe im Case nur den deutschen und französischen Trailer als Extras. Das ist durchaus schade, einige kurze Featurettes in Form von Interviews mit Eva Green, Matt Dillon und Alice Winocour wären sicherlich hochinteressant gewesen.

Dennoch sei das Werk allen ans Herz gelegt, die ab und an gerne zu Filmen greifen, die die Realität auf so brillante Wiese widerspiegeln, wie in diesem Fall. Die Blu-Ray ist für circa 13 Euro zu bekommen, die DVD schlägt mit knapp unter zwölf Euro zu Buche. Das ist eine sehr moderate Investition, die sich für die entsprechende Zielgruppe als lohnenswert erweisen dürfte.

Anmerkung: Das Musterexemplar wurde freundlicherweise von Koch Films zur Verfügung gestellt.

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