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Quo vadis, Star Trek? Das große Beben und die Folgen

Das ist mal ein Hammer! Mit einem in seiner Konsequenz und vor allem vom Timing her unerwartet heftigen Move entreisst ViacomCBS den Fans außerhalb der USA die Premiere der neuen Discovery-Staffel. Doch was steckt dahinter? Wer denkt sich sowas aus? Und wie sieht die Trek-Zukunft hierzulande aus? Ein Kommentar von Björn Sülter.

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von Björn Sülter

Sind wir ehrlich, gab das Verhalten von Netflix in den letzten Wochen zweifelsfrei Anlass zur Sorge. Offizielle Presseanfragen zum nahenden Start der vierten Discovery-Staffel wurden ignoriert, Fananfragen via Social-Media links liegen gelassen. Es gab keinen deutschen Trailer, keine Werbung und keine Infos. Weder bestätigte man die Ausstrahlung der neuen, vierten Staffel, noch dementierte man sie. Geht man so mit einer Serie um, auf die viele Fans warten?

Da Netflix bereits vor dem Start der dritten Staffel (und auch in Sachen Short Treks) zumindest ähnlich lustlos agiert hatte, bestand jedoch bis zuletzt noch ein Rest Hoffnung. Oder sind wir genauer: Diese Hoffnung bestand exakt bis Dienstagabend gegen 22 Uhr deutscher Zeit. Dann platzte die Bombe.

Der Big Bang

Doch nicht etwa Netflix oder ViacomCBS selbst gingen an die Öffentlichkeit, das US-Portal Deadline kam mit einer Meldung heraus, dass Star Trek: Discovery sich bis Mitternacht aus allen Netflix-Regionen außerhalb der USA zurückziehen würde. Zudem gäbe es für die internationalen Fans am Freitag dieser Woche dort keine vierte Staffel mehr zu sehen; zumindest vorerst nicht. Vielmehr würde die Serie sich zu Star Trek: Prodigy und Star Trek: Strange New Worlds gesellen, die ebenfalls als exklusive Paramount+-Formate geplant sind. Die offizielle Bestätigung  folgte kurze Zeit später. 

Der Zeitpunkt ist ... interessant

Okay, das ist natürlich untertrieben. Der Zeitpunkt geht gar nicht. Fakt ist: Die Fans in Deutschland haben sich auf die neue Staffel gefreut, haben vielleicht auch deswegen Netflix im Abo und bekommen jetzt drei Tage vor Start ins vierte Serienjahr einen Faustschlag in die Magengrube verpasst. So kommunziert man keinen Schritt dieser Größenordnung, so geht man nicht mit den internationalen Märkten um und so behandelt man auch nicht seine Fans. Punkt.

Dennoch darf man sich die Verhandlungen, die hinter dieser Bekanntmachung stecken, nicht als schnelle, dreckige Nummer in einem billigen Motel vorstellen. Auch steht sicher keine Kurzschlusshandlung dahinter. Eher ist anzunehmen, dass Netflix sich die Freigabe hat ordentlich entlohnen lassen. Solche Auflösungsverträge auszuhandeln und juristisch zu begleiten benötigt Zeit. Dass man nun fast eine Punktlandung im negativen Sinne hingelegt hat, ist für alle Beteiligten sicher ärgerlich, war aber vermutlich auch der Komplexitität der Situation geschuldet. Netflix hat die Serie seit 2016 begleitet, sie mit aus der Taufe gehoben, ja, ihre Produktion erst möglich gemacht. Natürlich war man dort auch frustriert, als Star Trek: Picard an Amazon Prime ging. Es verwundert in keiner Weise, dass die Suche nach einer Lösung für die Auflösung dieser Geschäftsbeziehung eben nicht über Nacht möglich war. Doch muss die viel interessantere Frage natürlich lauten, warum man seitens ViacomCBS einen derart unpopulären Move zur Unzeit überhaupt hinlegt. Zumindest hier fällt die Antwort leicht.

Home, Sweet Home

Es gibt an dieser Stelle nur einen halbwegs guten Grund, Derartiges zu rechtfertigen: Star Trek soll (und wird) auf Sicht weltweit ein neues Zuhause unter dem Dach des eigenen Streamingdienstes Paramount+ erhalten. Soviel war uns eigentlich schon lange klar. Star Trek: Prodigy und Star Trek: Strange New Worlds hält man wie erwähnt dafür bereits zurück, mit Star Trek: Discovery wurde nun der erste weitere große Player der Trek-Family aus einem bestehenden Vertrag herausgekauft. Somit stehen zum Start des Dienstes (via Sky) im Jahr 2022 (man munkelt von Juni) gleich drei Serien an, die wir Fans nur noch dort exklusiv werden erleben können.

Und damit wird natürlich noch lange nicht Schluss sein. Hinzu sollen irgendwann in jedem Fall die klassischen Serien und Filme kommen (bei DS9 und Voyager macht diese Vorgehensweise auch definitiv Hoffnung auf ein dringend benötigtes HD-Remastering) und auch bezüglich Star Trek: Picard und Star Trek: Lower Decks wird man vermutlich zumindest einmal bei Amazon Prime vorfühlen. Am Ende ist alles eine Frage des Geldes.

Und nu?

Gute Frage! Neues Star Trek wird es in Deutschland vermutlich mit der zweiten Staffel von Star Trek: Picard im Februar auf Amazon Prime geben. Oder doch nicht? Sicher darf man sich an dieser Stelle vermutlich über gar nichts mehr sein. Doch bleiben wir mal positiv gestimmt und warten wir ab.

Danach steht dann (vielleicht im Juni) Paramount+ mit der ersten Staffel Strange New Worlds sowie Prodigy und der vierten aus Discovery vor der Tür. Viel Trek auf einem Haufen? Sicher. Aber auch nur eine Momentaufnahme. ViacomCBS wird von diesem Punkt an ihre Veröffentlichungsstrategie endgültig global ansetzen können.

Somit ist es kurzfristig zwar vollkommen unbefriedigend und in Sachen Zeitpunkt der Verkündung geradezu frech, langfristig bedeutet es aber, dass man für Star Trek in Deutschland voraussichtlich irgendwann nur noch einen Streamingdienst benötigt. Da es immer wieder Stimmen gab, die sich über die Verteilung der Formate auf verschiedene Dienste echauffierten, darf man das durchaus positiv werten. Es hilft nur leider für den Moment nicht weiter.

Eine neue Staffel Star Trek wäre vielen Fans in diesen wenig erfreulichen Zeiten bestimmt eine schöne Abwechslung gewesen. Auch liest und hört man, dass die Macher Themen der Pandemie wie Einsamkeit und Kontaktverlust in ihre Story eingewoben haben. Schade, dass uns das nun verwehrt wird. Dass wir nach Prodigy nun auch vorerst auf Discovery verzichten müssen, fühlt sich somit in der Summe schlicht falsch an. Blicken wir jedoch in die Zukunft, könnte aus der schrägen Nummer zumindest langfristig etwas Gutes entstehen. Besiegen wir einfach in der Zwischenzeit gemeinsam diese Pandemie. Dann haben wir in einem halben Jahr vielleicht noch einen Grund mehr uns zu freuen.