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Quo vadis, Star Trek: Discovery? Ein Schlachtschiff auf Schlingerfahrt

Die noch kurze Geschichte der aktuellen Trek-Inkarnation ist gespickt mit unglaublichen Anekdoten und grenzwertigen Vorgängen. Nach den letzten Ereignissen sieht unser Experte Björn Sülter jedoch mehr Licht als Schatten.

Präsentiert von: Björn Sülter


Das Drama in Kürze

Viel wurde über die Entstehungsgeschichte von Star Trek: Discovery bereits berichtet. Daher reicht inzwischen eine stichwortartige Auflistung, um die Eckpfeiler abzudecken. Bryan Fuller kam und wurde zum Hoffnungsträger. Mit Nicholas Meyer und Joe Menosky wurden weitere Fan-Lieblinge präsentiert. Fuller zeigte den Fans ein unfertiges Schiff in einem wenig begeisternden Teaser und wurde in der Luft zerrissen. Die Serie musste verschoben werden. Fuller verstrickte sich zwischen seinen verschiedenen Projekten und wurde gegangen. Mit Aron Harberts und Gretchen Berg nahmen zwei Neulinge an der Seite von Kettenhund Akiva Goldsman seinen Platz als Showrunner ein und lavierten sich durch eine Staffel, die unterhielt, der aber Kohärenz und eine klare Vision abging. Die Quoten stimmten dennoch, es ging ins zweite Jahr. Meyer hatte nie wirklich einen Job gehabt, Menosky wanderte zu The Orville ab. Akiva Goldsman kehrte ebenfalls nicht zurück, da sein Führungsstil inkompatibel zu den Autoren war. Die Showrunner sahen sich nach fünf gefilmten Episoden des zweiten Jahres bösen Vorwürfen ausgesetzt und mussten ebenfalls gehen. Auftritt: Alex Kurtzman.

Chaos on the Bridge

Angesichts dieser durchaus reichhaltigen Liste an Dramen mag man doch kaum glauben, dass bisher erst fünfzehn Episoden das Licht der Welt erblickt haben, oder? Ist die Geschichte von Star Trek: Discovery also eine Geschichte voller Missverständnisse? Klares Nein – so schlimm ist es natürlich nicht. Schaut man sich die Scharmützel hinter den Kulissen von Star Trek in den 1960er-Jahren oder Star Trek: The Next Generation besonders zu Beginn an, haben wir es hier nicht mit außergewöhnlich chaotischen Zuständen zu tun. Auch bei Star Trek: Voyager brauchte es beispielsweise stattliche vier Showrunner (Michael Piller, Jeri Taylor, Brannon Braga, Kenneth Biller), bis die Serie in den Hafen des Ruhestandes einlaufen konnte. Über die Vorgänge bei Star Trek: The Next Generation gibt es sogar eine äußerst unterhaltsame Dokumentation, die den passenden Titel Chaos on the Bridge trägt. Wer möchte, schaut gerne mal bei Netflix rein.

Routine

Doch macht das die vielen Merkwürdigkeiten hinter den Kulissen des aktuellen Vorzeigeobjektes von CBS natürlich nicht wirklich besser. Das erste Jahr enttäuschte jedoch nicht völlig. Zwar spürte man den wechselnden Fokus sowie teils unausgegorene Ideen und Schwächen in den Drehbüchern, die tollen Schauspieler und der durchweg hohe Unterhaltungswert machten jedoch – gerade für eine erste Staffel! – einiges wett.

Schade ist nun allerdings, dass es auch im zweiten Jahr offenbar keine von A bis Z durchdachte Geschichte aus einer Hand geben wird. Oder doch? Der neue Showrunner Alex Kurtzman war immerhin von Anfang an dabei und gilt im Produktionsteam als eine Art verbindendes Element. Auch ist er dank seines neuen 5-Jahres-Vertrags mit CBS nun ohnehin der neue, starke Mann im Trek-TV-Franchise, eine Art Thronfolger von Gene Roddenberry und Rick Berman wenn man es genau nimmt. Eine bessere Chance auf eine klare Vision für das Franchise sollte es normalerweise nicht geben können.

Alex Kurtzman

Crash! Boom! Bang!

Dennoch ist dieser Alex Kurtzman aber auch ein mittelschweres Fragezeichen für viele Fans. Seine Vita liest sich durchaus interessant, um es an dieser Stelle bei einer vorsichtigen Formulierung zu belassen. So war er gemeinsam mit Robert Orci und Damon Lindelof für die Drehbücher zu Star Trek (2009) und Star Trek Into Darkness (2012) verantwortlich. Gerade bei letzterem Werk bekleckerte sich niemand der Beteiligten mit Ruhm. Andere Filme, an denen er mitgeschrieben hat, sind Die Insel, Die Legende des Zorro, Mission: Impossible III, Cowboys & Aliens, die ersten beiden Transformers-Filme, The Amazing Spider-Man 2 und The Mummy. Nun ja – der Erfolg steht bei einigen dieser Werke definitiv nicht zur Debatte, die Querverbindung zu den Anforderungen an gutes Star Trek fällt jedoch etwas schwer. Kurtzman kann Blockbuster, Hochglanz, Unterhaltung. Doch kann er auch wirklich Star Trek?

Im Serienbereich hatte Kurtzman bisher seine Finger bei Projekten wie Hercules und Xena, Alias, Fringe, Hawaii Five-O, Sleepy Hollow, Scorpion und Limitless im Spiel. Dabei handelt es sich zumindest um eine etwas gesündere Mischung zwischen interessanten und aber leider ebenfalls austauschbaren Hochglanz-Stoffen.

Dieser Alex Kurtzman bleibt also weiterhin ein Fragezeichen. Sowohl in Bezug auf die Zukunft von Star Trek im TV, als auch auf die mittelfristige Zukunft von Star Trek: Discovery. Mein Tipp ist, dass er den eingeschlagenen Weg des zweiten Jahres zunächst behutsam weitergehen wird, ohne zu viel Einfluss zu nehmen. Er wird die Autoren, die offenbar keine allzu leichte Zeit unter seinen Vorgängern hatten, sich entfalten lassen und versuchen, so unaufgeregt wie möglich die zweite Staffel einzutüten. Danach – so mein Gefühl – wird er einen neuen Showrunner einsetzen, der die Serie in ein potentiell drittes Jahr führen wird. Gesetzt den Fall, man verlängert Star Trek: Discovery erneut. Kurtzman wird sich langfristig nicht als verantwortlicher Showrunner sehen. Sein Job wird es sein, das Gesamtkonstrukt im Blick zu behalten, die verschiedenen neuen Ansätze zu jonglieren und bestmöglich zu besetzen. Der einzige Grund, warum er nun die Führung übernimmt, dürfte die Sorge um weiteres Chaos sein. Die Serie braucht an dieser Stelle zunächst einmal Ruhe und eine ordnende Hand. Dafür dürfte Kurtzman mit seiner Erfahrung die richtige Wahl sein.  

Die Zukunft

Somit hängt vielleicht die Zukunft von Star Trek im TV an Alex Kurtzman, die Zukunft von Star Trek: Discovery dürfte aber durch sein Einschreiten eher entspannter ablaufen als zuvor. Die Vision, die wir Anfang 2019 sehen werden, dürfte größtenteils die von Gretchen Berg und Aron Harberts und den Autoren sein. Ob das gut oder schlecht ist, muss man abwarten. Spannend bleibt es in jedem Fall.

 

Autor, Journalist & Podcaster Björn Sülter ist Experte bei SYFY sowie freier Mitarbeiter bei Serienjunkies, Robots & Dragons und Quotenmeter. Im Printbereich schreibt er für das Phantastik-Magazin Geek! und den Fedcon-Insider.

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Björns Podcast Planet Trek fm behandelt alle Themen rund um Trek sowie das phantastische Genre. Bereits seit über zwanzig Jahren schreibt und spricht er für verschiedene Medien. Besucht auch gerne Björns Homepage Sülters Sendepause mit vielen seiner Artikel und Rezensionen zu Star Trek, Babylon 5, The Expanse, Akte X oder The Orville sowie seinen Twitter-Account.


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