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Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings: Phase IV geht richtig los!

Mit Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings lernen wir einen neuen Helden im Marvel Cinematic Universe kennen – und mit ihm aufregende neue Winkel in der filmischen Superhelden-Welt. Wir haben den Film für euch gesehen.

Shangshi

von Sidney Schering

Die Marvel-Saga geht weiter – und endlich werden wieder neue Kapitel aufgeschlagen: Bislang bestand Phase IV des Marvel Cinematic Universe aus Wiedersehen in Serienform (WandaVision, The Falcon and the Winter Soldier und Loki), dem zwischen The First Avenger: Civil War und Avengers: Infinity War angesiedeltem Black Widow, und einem seriellen Ausblick in alternative Dimensionen (What If …?).

Mit Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings bekommen wir dagegen neue Helden, Schurken und schwer einzuschätzende Figuren zu Gesicht, deren eigenen Ecken des Marvel Cinematic Universe nicht nur für frischen Wind sorgen. Sie wecken zudem große Lust auf mehr – und haben somit die Chance, die Euphorie von Marvel-Fans, die Phase IV bislang nicht gepackt hat, neu zu entfachen.

Darum geht's

Shang-Chi (Simu Liu) versucht seit vielen Jahren, seiner Vergangenheit davonzurennen. In San Francisco führt er daher ein unscheinbares Leben als Parkwächter, der mit seiner besten Freundin Katy (Awkwafina) Verantwortung vermeidet und viel öfter die Nächte durchfeiert als ihm gut täte. Doch eines Tages wird Shang-Chi von den Schatten, die sein ebenso krimineller wie mächtiger Vater Wenwu (Tony Leung) wirft, eingeholt.

Urplötzlich befinden sich die zwei jungen Erwachsenen, die unentwegt ihr Licht unter den Scheffel gestellt haben, in einem turbulenten Abenteuer voller Magie und massiven Bedrohungen. Und nicht nur, dass Shang-Chi und Katy andauernd hinterfragen müssen, wer auf wessen Seite steht, obendrein müssen sie sich familiären wie globalen Gefahren stellen …

Ein neues helden-Duo mit spaßiger Dynamik

Es dürfte Konsens sein, dass Teil des Reizes am Marvel Cinematic Universe die ineinander verwobenen Geschichten sind: Figuren, die man in einem Film kennen und lieben gelernt hat, kehren unerwartet in einem anderen wieder. Doch damit dieser reizvolle Aspekt langfristig funktioniert, muss natürlich eines regelmäßig geboten werden: Das besagte Kennenlernen neuer Figuren. Nachdem wir uns gegen Ende von Phase III von manchen liebgewonnenen Helden verabschieden mussten, ist dieser Nachschub allmählich nötig – der letzte Debütfilm einer zentralen MCU-Figur ist immerhin rund zweieinhalb Jahre her!

Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings sorgt endlich wieder für große Kennenlernfreude. Denn dieses Action-Abenteuer besticht mit einem sehr kurzweiligen Drehbuch von Dave Callaham (Zombieland: Doppelt hält besser) und einer Regieführung voller Esprit durch Destin Daniel Cretton (Short Term 12 – Stille Helden). Zusammen schaffen sie eine äußerst vergnügliche Grundstimmung, die fast schon im Alleingang die Leinwand zu füllen versteht – und dann legt das heldenhafte Duo im Mittelpunkt des Films noch einen drauf.

Simu Liu ist ein liebenswerter, orientierungsloser Marvel-Protagonist: Er muss schlagartig die Flucht vor seiner Vergangenheit abbrechen und seine Verantwortungsangst, wegen der er ständig kleingeredet wird, ablegen. Doch so herzensgut Shang-Chi auch sein mag – er ist es nicht gewohnt, einschneidende Entscheidungen zu treffen, weshalb er sich in Konfliktsituationen trotz seines Willens und seiner Agilität zuweilen planlos durchschlagen muss. Dieser Scheue und Ratlosigkeit, die sich auch in ruhigeren Momenten zeigt, steht Shang-Chis Kampftalent entgegen:

Liu legt in seiner ersten Actionszene als Shang-Chi eine gewitzte Dynamik zutage, die an Jackie Chan erinnert. Im weiteren Filmverauf wechselt der Actionstil wiederum zu Parkour, Wuxia und Fantasy-Actionspektakel – und Liu sowie Crettons Regieführung zurren diese Wandlungen stilistisch stimmig zusammen. Bloß der Schlusskampf hat einige wenige Augenblicke, in denen ein paar matschige Trickserien den ästhetischen Genuss schmälern.

Jumanji: The Next Level-Mimin Awkwafina unterdessen lässt nicht nur ihr berühmtes komödiantisches Timing zur Geltung kommen, sondern bekommt die Gelegenheit, Katy als runde Co-Protagonistin anzulegen. Sie setzt sich in San Francisco mit anti-asiatischen Vorurteilen und dem Erwartungsdruck ihrer Familie auseinander, und hält ihrem Kumpel den Rücken frei. Ganz gleich, wie sehr die Lage eskaliert. Denn sie verfügt zwar über weniger Nahkampferfahrung als er, jedoch ist sie die Verbissenere und Lernwilligere in diesem Duo – und diese Zielstrebigkeit haben die dynamischen Zwei in ihrem Abenteuer voller Wendungen dringend nötig.

Fies, moralisch unklar & charmant-gerissen

Die Reise des Titelhelden nimmt immer wieder unerwartete Abzweigungen, die erzählerisch allesamt Sinn ergeben und doch dafür sorgen, dass der Film von der üblichen Superhelden-Formel abweicht. Daher bleibt lange unklar, was der zentrale Konflikt des Films ist. Dazu trägt auch die facettenreiche Skizzierung einiger Nebenfiguren bei. Darunter befindet sich die von Newcomerin Meng'er Zhang mit beeindruckendem Selbstbewusstsein verkörperte Xialing, Shang-Chis Schwester.

Zhang verleiht der im Underground tätigen Kämpferin enorme Coolness und eine undurchschaubare Grundattitüde: Ist sie ihrem Bruder für vergangene Versäumnisse böse? Ist sie fähig, zu verzeihen? Was genau will sie im Leben erreichen? Fragen, die Lust auf viele weitere Filme mit dieser Figur machen, die genug Tiefe hat, noch lange weitererzählt zu werden. Und ihr galant-forscher Kampfstil macht Xialing eh schon zu einer großen Bereicherung für das MCU.

Auch Tony Leung (Hero) glänzt mit großer Leinwandpräsenz und gibt Shang-Chis Vater Wenwu als ebenso einschüchternden, wie dank seines Charismas sehr einnehmenden Menschen, der ebenso von Gier wie Sehnsucht getrieben wird. Besonders denkwürdig ist eine malerisch inszenierte Kampfszene mit ihm ganz früh im Film, bei der Leung mit einem verliebt-neckischen Grinsen Wenwus Kampfeslust direkt in einem ganz anderen Licht dastehen lässt.

Der muskelbepackte deutsche Export-Star Florian Munteanu (Creed II – Rocky's Legacy) wiederum darf sich mit wuchtigen, temporeichen Kampfmoves mit unseren Helden prügeln und dabei zudem eine scharfe Klinge schwingen: Er spielt nämlich den Handlanger Razor Fist, der (wer hätte es erraten?) eine Schwertfaust hat, und Shang-Chi ordentlich ins Schwitzen bringt.

Flott zum großen, etwas langen Finale

Untermalt von einem wandelbaren Score des Komponisten Joel P. West, der klassisches fernöstliches Flair mit R'n'B-Schmiss und Actionmusik-Wucht vereint, macht Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings vor Finalkampf ordentlich Tempo. Dieser Schlusskampf hat einige fabelhafte Ideen, ist jedoch überdehnt und gerät, gemessen an der bis dahin so abwechslungsreichen Action, etwas monoton. Dafür gelingt es Regisseur/Autor Cretton und seinen Ko-Autoren Dave Callaham und Andrew Lanham durchweg, eine schöne Balance aus Eigenständigkeit und Verbundenheit mit dem restlichen MCU zu erzielen.

Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings steht so gut für sich allein, wie schon lange kein MCU-Film mehr, und wäre daher für verlorengegangene Ex-Fans ein guter Wiedereinstieg. Und dennoch gibt es immer wieder Rückgriffe auf frühere Filme – die sich aber genauso gut als schräge Einfälle abtun lassen, will man Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings als Solo-Film betrachten. Dann nimmt man Cameos einfach als durchgeknallte Nebenfiguren wahr.

Fazit

Dynamische Action, liebenswerte Figuren, die Lust auf mehr machen, und erfrischend erzählte, gewieft eingefädelte Konflikte: Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings ist zwar nicht der Beginn von Phase IV im MCU, wohl aber der Energiekick, den das Franchise gebraucht hat, um klar zu machen, dass nach der Infinity Saga noch lange nicht Schluss sein muss.

Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings läuft seit dem 2. September in den deutschen Kinos. Wir wünschen gute Unterhaltung!

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