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Spielbergs "Krieg der Welten" neu betrachtet

In Zeiten von Corona erlangt der Film fünfzehn Jahre nach seiner Veröffentlichung eine vollkommen neue Bedeutung.

The War Of The Worlds Tom Cruise

Als 2005 Steven Spielbergs Krieg der Welten in die Kinos kam, waren die USA immer noch durch die Ereignisse des 11. September 2001 traumatisiert. So wurde aus der Neuverfilmung von H.G. Wells' Roman von 1897 über eine Invasion durch feindselige Marsianer eine Botschaft an das amerikanische Volk, die Einigkeit, Familie und den amerikanischen Militarismus beschwor. Tom Cruise spielte den einfachen Dockarbeiter Ray Ferrier, der seine Kinder zu retten versucht.

Sieht man sich den Film fünfzehn Jahre später an und erlebt inmitten einer Pandemie, wie böse Aliens von irdischen Bakterien zu Fall gebracht werden, dann wird Krieg der Welten mit einem Mal zu einer ganz anderen Erfahrung.

Der Film kommt nicht mit einer subtilen Aussage daher, sondern ist eine Botschaft für die Welt nach dem 11. September, und als solche funktioniert er auch: Krieg der Welten versteht sich als Aufruf an alle US-Amerikaner, sich gemeinsam gegen eine außerirdische Macht zu stellen, die die Erde unterwerfen will. Zugegeben, man greift nicht zu einem von Spielbergs Actionfilmen, wenn es um die feinen Nuancen geht. Aber im Jahr 2020, das bislang von COVID-19 ebenso bestimmt wird wie von weltweiten Forderungen, dass die Polizeigewalt gegenüber schwarzen US-Bürgern ein Ende nehmen soll, kommt diesen Themen pünktlich zum 15. Geburtstag des Filme eine ganz neue Bedeutung zu.

Der momentane Kampf gegen COVID-19 hat nichts mit Aliens oder Terroristen zu tun, und dennoch handelt es sich um einen Konflikt, der von Rassismus, Desinformation und einer problematischen Schuldzuweisungspolitik geprägt ist. Wells' Buch ist eine von Paranoia bestimmte Geschichte über das Andere, das Fremde – über das, was wir nicht kennen und nicht verstehen und von dem wir glauben, dass es unsere Art zu leben gefährdet.

Es scheint, dass wir als Gesellschaft ein solches, den ganzen Planeten umfassendes Ereignis nur mit der Sprache des Kriegs in Worte fassen können, wenn davon die Rede ist, dass das Corona-Virus bekämpft, besiegt und ausgelöscht werden muss. Die USA führen Krieg gegen einen Feind, der ohne Unterschied jeden angreift, und damit ist auch am besten beschrieben, welche Gefahr von diesem Feind ausgeht.

The War Of The Worlds

So wie heute viele Menschen nach Informationen über das Corona-Virus suchen, wollen im Film Ray und seine Familie begreifen, was um sie herum vorgeht. Die Aliens bleiben auf Distanz, man weiß nichts über sie, sie scheinen unverwundbar zu sein. Schaulustige kommen zusammen und gaffen, bis es zu spät ist. Wir Menschen sind ein neugieriges Volk, aber manchmal neugieriger, als es für uns gut ist. Daher ist es manchmal auch besser, nicht zu viel zu wissen, und deshalb ist es heute mehr denn je eine Gratwanderung, wie viele Informationen man als Vater seinen Kindern oder als Regierung der Bevölkerung preisgeben soll. Wie erklärt man, was da gerade geschieht?

So ernst die Lage auch ist, herrscht dennoch die völlig unbegründete Gewissheit, dass die USA am Ende immer obsiegen werden. Im Film wird diese von Dakota Fanning verkörpert, wenn sie beim Anblick eines Holzsplitters im Finger der festen Überzeugung ist, dass ihr Körper den schon abstoßen wird, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Genau das steht für jene Art von Selbstvertrauen, die Spielberg für jene Landsleute darstellen wollte, die noch immer nicht den Angriff auf das World Trade Center verarbeitet hatten.

Für die Welt im Jahr 2020 bedarf es einer neuen Deutung von Krieg der Welten. Es genügt nicht, dazusitzen und abzuwarten, bis die Krise vorüber ist, wenn nichts an dieser Krise in irgendeiner Weise als normal bezeichnet werden kann. Die Reaktion der USA auf das Corona-Virus hat dabei gezeigt, wie gespalten die Gesellschaft ist, wie sehr Rassismus immer noch zum Alltag gehört, wie habgierig die Konzerne sind und wie wenig Geld für die öffentliche Versorgung bereitgestellt wird. Diese Dinge gehören zwar alle leider zum Leben dazu, aber wir Menschen können Besseres leisten und sollten das auch tun.

Der Film endet mit einem darwinistischen Gedanken – dass nämlich die Menschheit es sich verdient hat, immer noch zu existieren, nachdem sie sich gegen so viele feindliche Kräfte erfolgreich zur Wehr gesetzt hat, denen sie eigentlich hoffnungslos unterlegen war. Wir verdienen es, dass wir überlebt haben. Wir leben in Einklang mit unserer von unzähligen Erregern durchsetzten Umwelt. Im Jahr 2001 hat Amerika schweres Leid erfahren, doch Amerika wird überdauern. Heute dagegen haben sich viele von diesem patriotischen Optimismus verabschiedet.

Die Aliens müssen letztlich vor mikroskopisch kleinen Erregern kapitulieren. Doch im Jahr 2020 können wir nicht darauf warten, dass auf Unterdrückung ausgerichtete Systeme irgendwann in sich zusammenfallen. Kein Wunder wird geschehen, das uns vor unserem eigenen Untergang bewahren kann. Stattdessen sollten wir jede Gelegenheit nutzen, um so wie Ray dagegen anzukämpfen. So wie die Invasoren vom Mars kümmert es das Corona-Virus auch nicht, wer man ist oder wie man aussieht. Es ist einfach nur eine Naturgewalt.

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Dieser Artikel wurde von Ralph Sander von Moin Moin Medien im Auftrag von SYFY.de übersetzt.

Der Originalartikel stammt von SYFY.com und wurde von Alexis Ong geschrieben.