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Star Trek: Das große neue Universum

Was aktuell im Star-Trek-Universum passiert, sprengt jede Vorstellungskraft: Gleich fünf (!) Serien werden parallel produziert, ein neuer Kinofilm geschrieben und hinter den Kulissen plant man schon fleißig die nächste Phase mit komplett neuen Inhalten. Wir wagen eine Bestandsaufnahme dieser für Star Trek bisher beispiellosen Situation.

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von Björn Sülter

Wer kann sich noch erinnern? Als Anfang der 90er-Jahre bekannt wurde, dass Paramount eine zweite Star-Trek-Serie starten wollte, die sogar noch vor dem Ende der beliebten Next Generation auf Sendung gehen sollte, gab es unterschiedliche Reaktionen. Mit der Originalserie, der ersten Zeichentrickserie und eben TNG hatte es drei Formate gegeben, die alle exklusiv auf die Zuschauer losgelassen wurden. Befeuert vom großen Erfolg der Crew um Captain Picard wollten die Macher nun aber mehr: Star Trek: Deep Space Nine wurde 1993 also parallel zur sechsten Staffel der Schwesterserie von der Kette gelassen.

Kurzform

Halten wir es kurz: TNG ging stark zuende und wechselte ins Kino, DS9 konnte die grandiosen Werte aber nicht halten. Erste Stimmen mahnten an, dass man sich hätte auf eine Serie konzentrieren sollen. Ein früher Anfall von Franchise-Müdigkeit? Dennoch suchte man die Gründe woanders und platzierte 1995 eine weitere neue Raumschiff-Serie parallel zu den Abenteuern vom Wurmloch: Star Trek: Voyager hob ab und hatte mit den gleichen Problemen zu kämpfen. So parallel wie die Formate liefen, so gaben sie auch Zuschauer ab. Was war hier los?

Auch im Kino kehrte sich mit Star Trek: Der Aufstand der Trend um und ließ die Kassen nicht mehr allzu sehr klingeln. Dennoch startete 2001 direkt im Anschluss an die Rückkehr der USS Voyager mit Star Trek: Enterprise das nächste Projekt, lief aber nur vier Jahre und durfte im Vorbeigehen noch das krachende Scheitern an der Kinokasse der Enterprise-E-Crew erleben. Im Jahr 2005 war Star Trek dem Vernehmen nach zu Tode gewirtschaftet worden: zu viel, zu schnell, zu wahllos?

Um das Ganze noch einmal einzuordnen: Es liefen einzig in den Jahren 1993-1994 und 1995-1999 in den USA zwei Serien parallel. Zudem entstanden zwischen 1994 und 2002 nur vier Filme. Dennoch sprach mal überall (und tut dies teilweise bis heute!) von Overkill, Maßlosigkeit und eben der berühmten Frachisemüdigkeit. Wie sich die Zeiten doch ändern, oder? Mit dem heutigen Blickwinkel rufen die damaligen Zustände nur ein amüsiertes Schumzeln hervor. Wechseln wir an dieser Stelle also in die Gegenwart.

Testlauf

CBS hatte aufgrund der komplexen Verträge im Zuge des Viacom-Splits bis 2017 warten müssen. Als sie dann durften, nutzten sie die Chance sofort und brachten die erste echte Streaming-Serie des Franchise heraus: Star Trek: Discovery. Mit großem Drama hinter den Kulissen gestartet (und zunächst weitergegangen), herrschen heute fast schon paradiesische Zustände seitens der Produktion. Für viele Fans stellte die just beendete dritte Staffel zudem das bisher beste Jahr dar. Kein Wunder also, dass Franchise-Boss Kurtzman noch viele Jahre für die Serie am Horizont sieht.

Im Rückblick schickte CBS hier letztlich einen Testlauf auf Sendung, um die Anziehungskraft der Marke zu testen. Für den eigenen Streamingdienst, der inzwischen Paramount+ heißt, scheint es sich ausgezahlt zu haben. Auch der Deal mit Netflix hat noch Bestand. Wie es genau um die weltweiten Abrufzahlen steht, weiß zwar kein Mensch, es reichte aber offenbar, weitere Schritte einzuleiten.

So wird es also zügig weitergehen: Die vierte Staffel dreht man aktuell in Kanada. Sie soll bereits Ende 2021 oder Anfang 2022 starten. Für die Discovery-Crew ist noch lange nicht Schluss!

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Vorsichtiges Herantasten

Gleich mit zwei weiteren Projekten schaltete man seitens CBS dann in den nächsten Gang. Auf der einen Seite holte man die Legende Sir Patrick Stewart zurück und gab ihm seine eigene Serie: Star Trek: Picard. Diese wurde nach der ersten Staffel, die Amazon Prime den Netflix-Kollegen wegschnappte, zwar durch die Corona-Pandemie ausgebremst, eine Fortsetzung stand aber nie in Frage. Vermutlich werden die Macher entweder einen eigenen runden Endpunkt wählen, oder so lange weitermachen, wie ihr Star die Lust nicht verliert. Mit Picard ging man genaugenommen auf Nummer sicher.

Ganz anders sah die Sache aber mit Star Trek: Lower Decks aus. Hier wählte man ein Format, das es so in Trek noch nie gegeben hatte. Die Animationsserie des Mike McMahan ist selbstreferenziell, durchgeknallt, rasant und doch vollkommen im Trek-Kanon verhaftet. Lässt man sich auf diese ungewohnte Erzählweise ein, erhält man einen Liebesbeweis an das Franchise von einem überzeugten Fan.

Auch hier gilt: Die Reise geht ungebremst weiter! Star Trek: Picard wird nach langem Warten aktuell in Kalifornien gedreht, unweit der heiligen Hallen, in denen von TNG bis Enterprise früher bereits so viel Trek entstanden ist. Star Trek: Lower Decks befindet sich schon länger für die zweite Staffel im Feinschliff. Auch bei dieser Serie dürfte damit das letzte Wort aber noch nicht gesprochen sein. Wir zählen mit und stellen fest: Somit sind zur Zeit bereits drei Serien parallel in Arbeit.

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Dritte Welle

Damit ist aber noch lange nicht Schluss! Wie es sich viele Fans nach den Auftritten im Rahmen der zweiten Discovery-Staffel gewünscht hatten, gehen die Abenteuer der U.S.S. Enterprise unter dem Kommando von Captain Pike und unterstützt von Spock und Nummer Eins mit einer eigenen Serie an den Start: Star Trek: Strange New Worlds!

Auch diese wird seit dem 18. Februar 2021 in einem eigens geschaffenen Areal in Mississauga, Ontario gedreht, was unsere Zählung auf vier Parallelprojekte bringt. Eigens geschaffen wurde das Areal übrigens, damit man sich mit der Arbeit an Star Trek: Discovery auch zukünftig nicht in die Quere kommt. Ob die Serie es noch dieses Jahr auf unsere TV-Schirme schafft, muss man abwarten. In den USA ist Paramount+ die Heimat, wer hier zuschlägt ist unklar. Vielleicht möchte CBS ja auch ihren Streamingdienst damit großflächig in Europa starten? Es bleibt spannend. 

Viel mehr als nur ein Anhängsel ist auch die Animationsserie Star Trek: Prodigy, die ursprünglich für Nickelodeon konzipiert wurde, nun aber wie alle anderen Projekte zuerst bei Paramount+ laufen soll. Darin geht es um eine Gruppe Teenager auf der Suche nach Sinn und Erleuchtung. Das Format der Hageman-Brüder ist definitiv an ein jüngeres Publikum gerichtet und soll frische Fans zum Franchise bringen. Kate Mulgrew hat als Mentorin für die Jungspunde ihre Rolle als Janeway wieder aufgenommen. Wir kommen aktuell also auf fünf (!) Serien, die parallel produziert werden.

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Noch jemand nen Film?

Dachte man gerade, mit dieser für Trek doch recht unfassbaren Zahl von fünf Projekten sei das Ende der Fahnenstange erklommen, gab man dieser Tage noch bekannt, dass die aus Star Trek: Discovery bekannte Kalinda Vazquez an einem Drehbuchentwurf für einen neuen Kinofilm sitzt. Das an sich ist sicher eine Meldung wert, blickt man jedoch auf die Drehbuchleichen im Trek-Kinosektor der vergangenen Jahre, ist auch ein wenig Vorsicht geboten. Man fahndet seit Star Trek Beyond vor fünf (!) Jahren nun schon eine ganze Weile nach dem richtigen Projekt. Von daher lassen wir Mrs. Vazquez erst einmal schreiben und warten ab, ob jemals etwas aus dem Film werden wird; oder zumindest: wann und letztlich von und mit wem.

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The Next PHASE

Nun könnten wir uns alle genüsslich zurücklehnen und auf all das warten, was da kommen soll. Da haben wir die Rechnung aber ohne den Boss des Ganzen, Alex Kurtzman, gemacht. Dieser plant im Stile von Star Wars, MCU und DCEU nämlich schon weit darüber hinaus. Für ihn geht es hinter den Kulissen bereits darum zu ergründen, wie die nächste Phase des Trek-Universums nach all diesen aktuell produzierten Serien aussehen könnte. Klingt irgendwie unheimlich? Wenn wir uns zurückerinnern: 1993 war es einigen Fans nicht wohl beim Gedanken an eine weitere Serie oder gar zwei parallel laufende. Heute jonglieren wir mit so vielen Serientiteln, dass man leicht den Überblick verlieren könnte. Schöne neue Medienwelt?

In jedem Fall steht uns eine Menge neues Trek-Futter ins Haus: Muss man einen Tipp abgeben, dürften die vierte Discovery-Staffel und die zweite von Lower Decks den Anfang machen. Irgendwann davor, dazwischen oder danach könnte auch Prodigy kommen. Danach sollten dann Strange New Worlds mit der Debütstaffel sowie Picard mit dem zweiten Jahr eintrudeln. Die erneut verschobene Sektion-31-Serie ist hier noch gar nicht berücksichtigt und gehört vielleicht eher zur nächsten Phase. Die erste Phase wird aber ohnehin noch eine Weile dauern. Bleiben wir also einfach in trekkiger Vorfreude optimistisch und sparen uns die Ängste vor Overkill und Franchisemüdigkeit, sondern genießen wir lieber den Moment.

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