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Star Trek, deine Musik - Teil 8: Von leisen und lauten Tönen

Die verschiedenen Titelmelodien und Soundtracks aus dem Star-Trek-Universum werden von Fans gerne und oft gesummt oder diskutiert. Im achten Teil unserer musikalischen Reihe geht es um die neuen Serienprojekte von Star Trek: Discovery über Star Trek: Picard bis hin zu Star Trek: Lower Decks.

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von Björn Sülter

Nicht nur bei James-Bond-Filmen gehört der Vorspann sowie ein passender Soundtrack für viele Fans mit zum Gesamterlebnis dazu. Auch bei jeder neuen Star-Trek-Serie und jedem Kinofilm wurde schon immer ganz genau hingeschaut und hingehört. Nachdem wir uns zum Auftakt mit der Kontroverse rund um den Vorpann von Star Trek: Enterprise beschäftigt haben, ging es danach um die Originalserie und die weiteren klassischen Trek-Serien von TNG über DS9 bis Voyager sowie um die ersten sechs klassischen Kinofilme der Kirk-Ära, die vier Kinofilme der Picard-Zeit und das Reboot-Zeitalter seit 2009.

Heute machen wir mit den drei neuen Serien seit 2017 weiter.

Den Artikel zu Star Trek: Enterprise findet ihr hier.

Den Artikel zur Originalserie Star Trek findet ihr hier.

Den Artikel zu TNG, DS9 und Voyager findet ihr hier.

Den Artikel zum ersten bis dritten Kinofilm findet ihr hier.

Den Artikel zum vierten bis sechsten Kinofilm findet ihr hier.

Den Artikel zum siebten bis zehnten Kinofilm findet ihr hier.

Der Artikel zu den drei Reboot-Kinofilmen findet sich hier.

LEise töne

Michael Giacchino prägte von 2009 bis 2016 die neue Star-Trek-Welt mit seinen bombastischen Melodien für die Reboot-Kinofilme. Er hatte damit einen frischen, völlig anderen Stil ins Franchise gebracht, der die Kinosparte auch auditiv ins Blockbusterformat hievte. Seine Verdienste an dieser Front sind unbestritten, wenngleich man aber daran erinnern muss, was uns schon zuvor Größen wie Jerry Goldsmith, James Horner und Cliff Eidelman über die Jahrzehnte für grandiose Scores in Sachen Leinwand-Trek geschenkt haben.

Für den Neustart der TV-Ära nach zwölf Jahren Pause ging man jedoch einen anderen Weg und verpflichtete den 1969 geborenen Amerikaner Jeff Russo, der sich insbedondere mit seiner Arbeit an Fargo und The Night of oder später auch Legion einen Namen gemacht hatte. Ihn zeichnete bereits bei diesen Formaten immer eine eher zurückgenommene Untermalung des Materials aus. Russo ist im Gegensatz zu Giacchino nicht der Mann für den großen Pathos. Was würde er sich für Star Trek einfallen lassen?

Zunächst einmal muss man im Kontext seiner ersten Trek-Arbeit über die eindeutigen Anleihen sprechen, die er in das Titelthema einfließen ließ. Russo entschied sich, seine eigene Kreation von der Trek-Melodie überhaupt einrahmen zu lassen. Gleich zu Beginn begrüßt uns der Kollege Alexander Courage und läßt uns dreizehn Sekunden im klassischen Trek verweilen, bis Russo sein eigenes Thema einfließen lässt. Erst nach rund einer halben Minute steigert sich die Intensität durch den Einsatz von Streichern, die den prägnantesten Teil des Musikstücks einleiten. Rund fünfzehn Sekunden später entfaltet sich dann endgültig das Herzstück der Melodie und wird erneute fünfzehn Sekunden später ein weiteres Mal durch den Einsatz eines Chores gesteigert. Dies ist auch der Teil, der den stärksten Eindruck hinterlässt. Wie stukturiert Russo hier gearbeitet hat, wird erneute fünfzehn Sekunden später klar, als er sein Thema bereits wieder auslaufen lässt, nur um zum zeiten Mal die Retrokelle zu schwingen und die zu Beginn eingeleitete Courage-Fanfare einfach mit Verspätung weiter- und zu einem Ende zu führen. Den Abschluss bilden dann zwei Hits, die nach Giacchino klingen, nur wesentlich dezenter.

Somit haben wir es hier mit einem fast schon nach Baukasten erstellen Track zu tun, der kalkuliert mit einem Trip in die Vergangenheit einleitet und endet und dazwischen das neue Thema in gleichlangen Versatzstücken steigert.

Das Retroflair nach zwölf Jahren Pause an der Serienfront war sicher beabsichtigt, nimmt dem Serienthema aber auch irgendwie die Eigenständigkeit. Ob man den extremen Einsatz bekannter Anteile zudem mag oder nicht, ist selbstverständlich reine Geschmackssache.

Den Vorspann samt Musik der dritten Staffel kann man beispielsweise bei Youtube finden.

Infos

  • Komposition: Jeff Russo
  • Aufnahmejahr: 2017

Das Urteil

Auch nach drei Staffeln kann man über die Ohrwurmqualitäten des Titeltracks der Serie durchaus angeregt diskutieren. Die einen finden ihn einfach schön und bewerten die fast schon unpathetische Inszenierung als Voltreffer, andere langweilen sich ob der vermeintlich fehlenden Höhepunkte. Beide Sichtweisen sind selbstverständlich zu akzeptieren, die Wahrheit liegt vermutlich wie so oft in der Mitte.

Einige schöne Elemente sorgen dafür, dass Russos Flickenteppich aus Alt und Neu funktioniert, auch wenn er damit vielleicht nicht bei jedem Zuhörer eine große emotionale Resonanz heraufbeschwört. Sein Ansatz á la "weniger ist mehr" plätschert dafür dann doch etwas zu sehr dahin, und in jenen Momenten, die nach einer Explosion, nach einer echten Steigerung schreien, fehlt vielleicht der letzte Wumms.

Auch darf die ketzerische Frage erlaubt sein: Kann irgendjemand die Titelmelodie aus dem Stand pfeifen, ohne vorher in die Serie reinzuhören? Und wie ist das bei TOS, TNG, DS9, Voyager und Enterprise? An diesem Vergleich wird vermutlich am deutlichsten, dass Russo hier eher gutes Mittelmaß abgeliefert hat.

Man muss ihm jedoch auch zugestehen, dass gerne (und auch hier) mit den absoluten Höhepunkten der Trek-Geschichte verglichen wird; Komponisten wie Courage, Goldsmith, Eidelman oder eben Giacchino haben uns über die Jahrzehnte wunderbare Melodien geschenkt. Dass Russo mit seiner ersten Arbeit nicht ganz an diese Sternstunden heranreicht, ist keine Schande. Die Untermaltung der Episoden gelingt ihm beispielsweise wesentlich dynamischer und abwechslungsreicher.

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mehr leise töne

Auch für die zweite neue Serie setzte man seitens der Produktion wieder auf Jeff Russo. Dieser wählte diesmal ein Thema aus, das sich nicht am klassischen Star Trek bediente, sondern eingenständigere Wege ging. Dafür war Russo aber in Sachen TNG und Picard sehr aufmerksam und wählte eine Flötenmelodie aus The Inner Light (Das zweite Leben) als Inspiration aus. Hört man im Score dieser Episode ganz genau hin, kann man die von ihm nun erneut verwendete Tonfolge sogar recht einfach identifizieren. Man achte auf die Szene, in der Batai seinem Vater mitteilt, die Schule für die Musik verlassen zu wollen. Kurz zuvor spielt Batai im Haus noch auf der Flöte, während seine Eltern draußen sprechen. Vergleicht man diese Melodie mit dem, was im Picard-Titelthema nach rund 16 Sekunden als Herzstück des Tracks beginnt, sollte die Inspiration deutlich werden.

Erneut baut Jeff Russo sein Titellied eher behutsam auf, verzichtet auf eine zu drastische Steigerung, kommt zum Ende nur bedingt auf den Punkt und findet nicht recht aus dem Track heraus. Auffällig ist auch der arg verspielte Mittelteil, in dem Russo sich offenbar nicht gänzlich für ein Thema entscheiden konnte oder zu viel integrieren wollte. Die geborgte Tonfolge aus der TNG-Episode bleibt somit der stärkste Teil seiner Arbeit und sorgt bei mehrmaligem Hören auch durchaus für Gänsehaut.

Insgesamt bleibt der Beginn (rund 40 Sekunden) somit am stärksten hängen und die verwendeten Geigen am nachhaltigsten im Gedächtnis. Danach verliert sich der Fokus etwas und der Track endet eher redundant, als dass er noch eine Steigerung parat hätte. Auch die Reprise der Hauptmelodie in den letzten Sekunden kann diesen Eindruck nicht mehr gänzlich korrigieren sondern wirkt sogar etwas angeklebt.

Generell ist seine Arbeit für Star Trek: Picard mit der an Discovery vergleichbar: angenehm reduziert, etwas um die Ecke gedacht, kein großes Aufgehen der Hauptmelodie aber viele stimmige, schöne Elemente, die durchaus ein homogenes Hörbild ergeben.

Die geborgte Tonfolge aus The Inner Light kann man beispielsweise bei Youtube finden, einfach bei circa 0:31 Minuten genau hinhören.

Den Vorspann samt Musik der ersten Staffel kann man ebenfalls bei Youtube finden. Die bekannte Tonfolge beginnt bei rund 0:15 Minuten.

Infos

  • Komposition: Jeff Russo
  • Aufnahmejahr: 2019

Das Urteil

Als Titelthema für einen gealterten Helden wie Picard ist die Musik angenehm nachdenklich, melancholisch und atmosphärisch. Die Idee, einen weniger bekannten Teil des Flötenspiels aus einer der besten Trek- und Picard-Episoden überhaupt heranzuziehen, kann man dabei fast als Geniestreich bewerten.

Wäre es Russo überdies noch gelungen, den Track nach dem starken ersten Drittel konsequenter aufzubauen und zum Höhepunkt zu führen, wäre hier sogar Goldsmith-Qualität drin gewesen. So bleibt es in der Summe aber immerhin ein schöner, emotional anrührender Track, der sogar im Ohr bleibt, wenn die damit verbundene zentrale Tonfolge auch nicht aus der Feder von Jeff Russo selbst stammt.

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Retro!

Für die zweite Animationsserie des Franchise entschied man sich, erneut frischen Wind zum Produktionsteam zu holen. Chris Westlake hatte sich zuvor durch die Mitarbeit an verschiedenen Projekten als Berater oder zusätzlicher Komponist einen Namen machen können, war aber noch nie nennenswert eigenverantworlich in Erscheinung getreten. Bis jetzt.

Seine Titelmusik für Star Trek: Lower Decks beginnt, wie auch Russos Thema zu Star Trek: Discovery, mit altbekannten Tönen, verspielt sich aber viel schneller in etwas Eigenes und setzt nach rund zwanzig Sekunden voll ein. Fast wähnt man sich in der restlichen Minute des Tracks in einem Remix aus den Themen zu TNG, DS9 und Voyager, wobei die Anleihen an The Next Generation natürlich deutlich überwiegen. Fast kann man sagen, wir haben es hier mit dem chaotischen Bruder des militärischen TNG-Themas zu tun, was wiederum ideal zur Serie passt. Westlake hält bei all dem jedoch auch immer seinen eigenen Stil hoch.

Dieser ist im Gegensatz zu Russo deutlich pathetischer, opulenter und krachiger. Die Klangteppiche überlagern sich, führen aber nie zu Klangbrei. Im Gegenteil: Die Fanfaren sind so prägnant (auch wenn man immer an TNG denken muss), dass sie bei jeder Gelegenheit die nötigen Akzente setzen.

Somit erhielt ausgerechnet die Animationsserie unter den drei neuen Shows ein mitreißendes Orchesterthema im besten Sinne der klassischen Serien, wie viele Fans es lieben.

Den Vorspann samt Musik der ersten Staffel kann man beispielsweise bei Youtube finden.

Infos

  • Komposition: Chris Westlake
  • Aufnahmejahr: 2020

Das Urteil

Komponist Chris Westlake zelerbriert mit seinem Trek-Debüt eine Hommage nach der anderen und liefert einen Track ab, der insbesondere den Neunzigern alle Ehre macht. Ähnlich wie bei The Orville werden die Vorgängerserien rauf und runter zitiert, spielen viele bekannte Elemente in dieses neue Musikstück hinein und wird hier noch ein Easter Egg vesteckt und dort nochmal mit einer Extraprise Pathos nachgeholfen.

Somit passt die Musik perfekt zum Style der visuellen Untermalung und dem der Serie selbst; wirklich im Ohr bleibt die Melodie aber nicht, wenngleich zumindest ein wohliger Gewöhnungseffekt schon nach wenigen Episoden eintritt. Insgesamt ein guter Auftakt für Westlake bei Star Trek, vermutlich aber kein Werk, das man noch in Jahrzehnten pfeifen wird.

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Ausblick

Nach acht Ausgaben steht dieser Reihe nun eine Pause bevor; zumindest bis mit Star Trek: Prodigy und Star Trek: Strange New Worlds die nächsten neuen Serien an den Start gehen werden.

Und wer weiß? Vielleicht gesellt sich ja auch irgendwann mal wieder ein neuer Kinofilm dazu oder Michelle Yeoh darf wirklich in ihrer eigenen Sektion-31-Serie ran. Wir bleiben auf jeden Fall am Ball.